Reykjavík Arts Festival 2012

Island reloaded

Clemens Bomsdorf
31. Mai 2012

Reykjavík Arts Festival. Vom 18. Mai bis 3. Juni 2012

Kaum hat der Bus die letzten Häuser der Hauptstadt hinter sich gelassen, säumen nur noch Lavafelder den Straßenrand. Kilometerlang geht es durch moosige Gerölllandschaft. In der Ferne tauchen immer mal wieder Stellen schneebedeckter Berge auf, die so gar nichts von der Schroffheit der Alpen haben. Nach etwa einer halben Stunde Fahrt wird eine Tankstelle angesteuert. Keine dieser hochmodernen Anlagen der Öl-Multis, wie sie in Deutschland in jedem noch so kleinen Ort zu finden sind – sondern ein Haus, das etwas selbstgezimmert aussieht. Neben der Tür prangt ein Schild mit zwei grünen Kaffeetassen, die das Logo der Benzingesellschaft tragen, dazwischen die Worte „Litla Kaffistofan“ (Kleine Kaffeestube). Ein dunkles Ledersofa steht unter dem Schild in der Sonne wie aus einem amerikanischen Roadmovie, man kann sich hier auch gut Stanley Kubricks lasziv räkelnde Lolita mit Lolli im Mund vorstellen. Doch stattdessen sitzt hier einer, der ähnlich gescheitert ist wie einst Lolitas Liebhaber. Ein junger Mann, der in Mimik und Gestik wie ein Greis wirkt. Von chaotischen, handschriftlichen Notizen trägt er die Geschichte seines Scheiterns vor. Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander: Die große Aufgabe, zu der sich der Mann berufen fühlte und die er lange für eine künstlerische hielt, war es, sich um den Müll zu kümmern. Nun müsse er kleine Brötchen backen.

Tatsächlich ist der junge Greis Schauspieler und ein Mitglied der ehemaligen Künstlergruppe „Geist“. Das diesjährige Reykjavík Arts Festival mit der Performance aus einer aufgelösten Gemeinschaft beginnen zu lassen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie – hat das Land doch noch vor fünf Jahren geglaubt, trotz seiner nur rund 320.000 Einwohner im Finanzsektor international ganz oben mitspielen zu können und damit dem Großteil der Bevölkerung einen Lebensstil zu ermöglichen, wie er sonst nur aus Monaco, Luxemburg oder den Ölstaaten bekannt ist. Weekendshoppingtouren nach New York waren damals für die isländische Mittelklasse so normal wie der Familienbesuch im Zoo für die deutsche.

Diese Zeiten sind vorbei, doch die Kunstszene hat unter dem Geldmangel nur bedingt gelitten. Ein paar Tage in Reykjavík zeigen, dass es dort jenseits der Museen lebendig ist wie eh und je. „Drastische Kürzungen in der Kultur kamen für uns nicht in Frage. Gerade zu Krisenzeiten brauchen wir Kultur. Und steigende Besucherzahlen haben gezeigt, dass wir recht haben“, so Katrin Jakobsdottir, linksgrüne Kultusministerin.

Kultur spielte in Island immer eine herausragende Rolle. Weil das Geld fehlte und die Wege lang waren, gab es traditionell weniger künstlerischen Einfluss von außerhalb als anderswo. Internationale Kunstausstellungen lohnen in einem mitten im Nordatlantik gelegenen, bevölkerungsarmen Inselstaat kaum. Wollte man nicht kulturell veröden, blieb nur die Eigeninitiative. Auf der Insel hat jeder traditionell mehrere Jobs, und nicht selten ist man im Nebenberuf auch noch Künstler – Musiker, Schriftsteller, bildender Künstler oder auch gerne gleich alles auf einmal.

„Die kreative Atmosphäre auf Island ist toll. Kunst und Kreativität sind dort nichts, das auf einem hohen Sockel thront. Die Isländer machen einfach“, sagt Christian Schoen. Der deutsche Kurator war von 2005 bis 2010 Gründungsdirektor des Center for Icelandic Art, das die isländische Kunst ins Ausland vermitteln soll und heute unter dem Namen Icelandic Art Center von der ebenfalls aus Deutschland stammenden Dorothée Kirch geleitet wird. „Die deutsche Szene ist für Island schon immer sehr wichtig gewesen, aber als Markt sind die USA wohl bedeutender“, meint er. Wie in so vielen Ländern können auch auf Island nur die wenigsten Künstler vom Markt leben – neben Olafur Eliasson, den auch Dänemark und Berlin für sich reklamieren, ist derzeit wohl Ragnar Kjartansson der Islands großer Star. Er vertrat sein Land 2009 auf der Biennale von Venedig, für deren Ausstellungsdauer er immer wieder ein und denselben Jüngling porträtierte. Derzeit jettet Kjartansson um die Welt, um mal eben in New York eine Performance abzuhalten, sein Gesicht bei der Berlin Biennale zu zeigen, eine Solo-Ausstellung in Miami zu eröffnen oder als Teil des örtlichen Festivals dieser Tage daheim in Island die preisgekrönte Aufführung von der Performa in New York als Film aufzuführen.

Einen kurzen Moment lang schien es, als könnte die gesamte isländische Kunstszene solch ein Leben führen. Dafür jedenfalls stand die Ausgabe des Reykjavík Arts Festivals im Jahr 2005, von der heute immer noch in einer Art Märchenform erzählt wird. Damals hatte man Kuratoren, Künstler, Journalisten und Politiker von Vernissage zu Vernissage über den Inselstaat geflogen, sie dort an Champagnerschälchen nippen und gleich wieder ins Flugzeug einsteigen lassen. Größenwahn de luxe.

Diesmal also nur eine halbtägige Busfahrt von Reykjavík aus. Neben der Kaffeestube ist außerdem eine Soundart-Schau im LA Kunstmuseum in Hveragerdi zu sehen – unter anderem mit Arbeiten von Dodda Maggy und Goodiepal. Danach geht es zu Ausstellungen in der Stadt. Auch dort ist vieles eine Nummer kleiner geraten, dafür nicht unbedingt schlechter. In der Nationalgalerie empfängt gut gelaunt Direktor Halldor Björn Runolfsson die Vernissagegäste. Ebenso wie Haftor Yngvason, der Chef des Reykjaviker Kunst Museums, hat er diese Position schon lange inne. So lange gar, dass sich manch einer wünschen würde, bald einmal brächte eine neue Personalie frischen Wind in diese Institutionen, so gut deren Programm auch ist. Weil es jedoch auf Island keine bedeutenderen Ausstellungsstätten als die beiden gibt, hält Runolfsson seit 2007 die Stellung, Yngvason seit 2005.

Anstatt wie früher zu einer Großausstellung von Monica Bonvicini laden zu können, hat man in der Nationalgalerie dieses Jahr lokale, teils international bekannte Kunst in den Mittelpunkt gestellt. Der in Dänemark lebende Franzose Thierry Geoffroy ist mit seinem „Awareness Muscle Team“ angereist, und im Obergeschoss stellt mit Rúri eine von Islands bekanntesten zeitgenössischen Künstlerinnen aus. Sie hat den halben Saal mit ihrer Arbeit Endangered Waters gefüllt, einem Projekt, mit dem sie Island bereits auf der Venedig Biennale 2003 vertrat. Aus einem Magazin kann der Besucher Bilder von Wasserfällen Islands ziehen, gleichzeitig wird eine Tonaufnahme von deren jeweiligen Geräuschen abgespielt. „Ich beschäftige mich in meiner Arbeit viel mit der bedrohten Natur. Ich mag deren Einfluss, wie sie mich umgibt. Wir brauchen sie“, sagt Ruri, die zeitgleich im ASI Museum ein paar hundert Meter weiter ausstellt.

An Museen mangelt es Reykjavík wahrlich nicht: Das Kunstmuseum hält gleich drei Ausstellungsorte bereit, daneben gibt es ein Fotomuseum sowie mehrere weitere kleinere Museen in Reykjavík und den Nachbarorten. Dazu die vielen Künstlerinitiativen wie Kling und Bang, die derzeit das Hafnarhus bespielen und bei sich dafür A Kassen aus Dänemark zeigen.

„Künstlerinitiativen haben hierzulande schon immer eine große Rolle gespielt“, sagt Karina Hanney. Sie ist gerade dabei, ein Archiv über die Geschichte der Künstlerinitiativen auf Island zu erstellen. Für das Arts Festival wird daraus gleich selber ein Kunstwerk: Hanney sitzt hinter einer Holzwand im großen Ausstellungsraum der Nationalgalerie. Eine Grünpflanze, nüchterne Holzmöbel sowie eine Wand mit Archivmaterial versprühen den Charme einer Amtsstube. Doch die Anordnung ist Teil des Arts Festivals. „In den vergangenen Jahrzehnten gab es Künstlerinitiativen in Form eines Schuhkartons oder eines Ansteckers“, erzählt Hanney und erwähnt damit leider genau die zwei Initiativen, die auch im Katalog des Festivals hervorgehoben werden. Womöglich ist es mit der Vielfalt doch nicht so weit her. Hervor sticht in jedem Fall die Künstlerinitiative Nýló, die auch unter dem Namen The Living Art Museum mit eigenem Ausstellungsgebäude fungiert. Die isländische Initiative ist mehr als ein Artist Run Space. 2008 feierte sie ihr 30jähriges Jubiläum und nennt auch eine eigene Sammlung ihr Eigen, die sich sehen lassen kann. Dieter Roth zum Beispiel, der lange auf Island gelebt hat, brachte dort einige seiner Bücher ein. Insgesamt über 300 Werke des Künstlers besitzt Nylo, die meisten befinden sich im Archiv. Ein Schatz, der allein für manch einen die Reise nach Island schon wert wäre.


Aus Sicht des Insulaners von Clemens Bomsdorf
Fernab des Marktes liegt die Galerie von Börkur Arnarson. Der Direktor von i8 aus Reykjavík nimmt auch in diesem Jahr wieder an der Art Basel teil und schwört auf seine isländische Herkunft.


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