Isa Genzken im Schinkel Pavillon, Berlin

Genzken raucht, Althoff muss begleiten

Jutta von Zitzewitz
14. Februar 2012

Isa Genzken: „HALLELUJAH“ – Schinkel Pavillon, Berlin. Vom 28. Januar bis 11. März 2012

Links der Dom, in der Mitte der Schlossplatz samt Humboldt-Box, rechts die Friedrichswerdersche Kirche und über allem der Fernsehturm – aus dem gläsernen Schinkel Pavillon im Park des Kronprinzenpalais hat man einen grandiosen Blick. Alles da, was Berlin so ausmacht, Geschichte und Geschichtsvergessenheit, halbgare Entwürfe und ein architektonisches Sammelsurium mit wenigen Highlights, in dem nichts zueinander passt.

Isa Genzken, deren Ausstellung „HALLELUJAH“ noch bis Mitte März im Schinkel Pavillon zu sehen ist, hat diesen Ort als privilegierte Aussichtsplattform begriffen, vor der sich Berlin-Mitte wie ein Filmset präsentiert. Im Zentrum ihrer titelgebenden Installation steht deshalb ein Regiestuhl direkt vor der Fensterfront. Zugleich hat Genzken die Stadt in den Pavillon hereingeholt. Der Fernsehturm ist als Foto auf einer Leinwand reproduziert, die nun wie eine Leitplanke am Fenster lehnt. Dem Provisorium draußen setzt Genzken ihr eigenes, ungleich fantasievolleres Set entgegen. Auf hochkant aufgestellten, offenen MDF-Kästen thronen ineinander verkeilte Designerstühle aus transparentem Kunststoff von Kartell. Leicht wie Mobiles führen sie da oben ihr konstruktivistisches Ballett auf. Hier und da findet man dazwischen Spielfiguren aus Plastik, Matchboxautos, einen Miniglobus und ausrangierte Autoteile.

Eine Ausnahme in diesem Ensemble aus wohlbekannten Elementen bildet die unbetitelte Arbeit aus gestapelten Transportkisten. Sie spielt auf den Neubau des New Museum des Architektenteams SANAA an, der, nun ja, wie ein Turm aus gestapelten Kisten in die Skyline ragt. Ihre Hommage an die Architektur ihrer Lieblingsstadt New York hübscht Genzken durch ein Donald-Duck-Gemälde und Grünpflanzen auf, die sie auf einem Kistenvorsprung arrangiert. Wie alle Skulpturen der Ausstellung erzählt auch dieses Werk vom verschütteten utopischen Potenzial der Moderne, in der die Architektur einst einen Beitrag zu einer menschlicheren Gesellschaft leisten sollte. Genzkens elegante Skulpturen, die oft Modellcharakter verströmen, bringen diesen fast erloschenen Kern der Moderne wieder zum Glimmen. Ihre Arbeiten lassen sich auch als Gegenentwürfe zum imperialen Gestus der Signature architecture zwischen Dubai und Schanghai begreifen.

Das eigentliche Ereignis dieser Ausstellung aber ist der Film Die Kleine Bushaltestelle, der gerade im Kino Arsenal seine Premiere feierte. Zusammen mit ihrem Künstlerfreund Kai Althoff hat Isa Genzken zwischen 2007 und 2010 auf einer Digitalkamera einen Episodenfilm mit den Mitteln des Improvisationstheaters gedreht, in dem beide Künstler unterschiedliche Rollen und Paarkonstellationen durchspielen. Die lose aneinandergereihten Sketche und Szenen kreisen um kleine und große Themen, um Liebe, Sex, Wetterberichte, Krankheit, Geld und Kunst.

„Einen Witzfilm zu machen ist wahnsinnig schwierig“, erklärt Genzken. „Und das geht auch nur mit den einfachsten Mitteln, also no-Budget. Und natürlich musste ich immer auch an Buster Keaton denken, das war richtig befreiend.“ Das Ergebnis ist großartig - absurd, bizarr und oft ebenso komisch wie berührend. Als Ermittlerduo Manni und Renate nehmen Althoff und Genzken einen Tatort unter die Lupe, er mit Schmerbauch und breitestem Kölsch, sie in einem Polizisten-Outfit, das aussieht, als hätte sie es in einer schwulen Lederbar mitgehen lassen. In der Eingangsepisode mimen sie zwei Prostituierte, die über Freier, Sex und das Leben schwadronieren. Althoff setzt mit seiner überdrehten Transvestitennummer schrille Akzente, während Genzken ihre Rolle mit großer Lakonie spielt, eine schwierige Kindheit andeutet und von der Freiheit des Prostituiertenberufs schwärmt. Im piekfeinen Dom Hotel in Köln spielen die Künstler mit sichtlichem Spaß reiche Lady und armer Kellner, die für einen kurzen Moment alle Klassenschranken überwinden. Als kettenrauchende Klavierlehrerin und ihr asthmatisch hustender Schüler geben Genzken und Althoff in einer weiteren Episode ein urkomisches S/M-Paar der besonderen Art ab.

Und die Kunst? In einer Kneipenszene hadert die Adorno-affine Künstlerin mit der Unmöglichkeit gesellschaftlicher Veränderung. Politische Künstler, die „die Miserabilität der Welt aufzeigen wollen“, seien leider oft selber „ästhetisch miserabel“, so Genzken. Und jede Kunst, auch die politische, werde sowieso nur „von reichen Leuten“ gekauft, nichts würde sich dadurch ändern. „Also, ich mag Geld“ beendet Kai Althoff die Debatte kurzerhand. In einer anderen Episode tritt Genzkens Unbehagen an der Kunstwelt drastischer zu Tage. Vor der Vernissage ihrer eigenen Ausstellung im New Museum verkriecht sich die gefeierte Künstlerin in ihrem Hotelbett: „I don’t want to see all these assholes …“

Der radikale Amateurfilm mit schlechtem Ton ist ein großer Spaß, und doch ist er mehr als ein Witzfilm. Man kann selbsttherapeutische Absichten dahinter vermuten oder einen leichthändigen Versuch, der Kluft zwischen Leben und Kunst eine Form zu geben, die aus dem Kunstsystem ausschert. Bis jetzt ist noch keine weitere Verwertung für Die kleine Bushaltestelle geplant, doch der Film ist viel zu schade für nur zwei magere Sondervorführungen während der Ausstellungslaufzeit. Diesem Juwel ist ein möglichst breites Publikum jenseits des Kunstbetriebs zu wünschen.


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