Interview mit VIENNAFAIR-Investor Sergey Skaterschikov

„Wir reden hier über Kunst ab 2 Millionen Dollar“

Sabine B. Vogel
5. April 2012

VIENNAFAIR 2012, Wien. Vom 20. bis 23. September 2012

Der russische Eigenkapital-Investor Sergey Skaterschikov, Jahrgang 1972 und ansässig in New York und Wien, hat neuerdings die Mehrheit an der Wiener Kunstmesse VIENNAFAIR. Sein Ziel? Eine Messe, auf der Kunst zur reinen Geldanlage wird. Im Interview mit artnet spricht er über Kunst als global kompatible Massenware und den sicheren Trend zur totalen Kommerzialisierung des Kunstmarktes.

Herr Skaterschikov, Sie kommen aus dem Investment-Banking, kennen sich mit Risikokapital-Geschäften aus, sind an mehreren Unternehmen beteiligt, haben ein Handbuch für Kunstinvestoren herausgegeben und jetzt die Wiener Kunstmesse VIENNAFAIR übernommen – wie kamen Sie überhaupt zur Kunst?

Das war 2004. Mit Pablo Picassos Junge mit Pfeife (1905) wurde damals zum ersten Mal ein Kunstwerk für über 100 Millionen US-Dollar versteigert. Da begann ich mich für Kunst als Investment zu interessieren. Ich fragte mich, wie die ungeheuren Preisdifferenzen zwischen visuell ähnlichen Werken entstehen. Dafür gab es damals noch keinerlei analytisch gewonnene Grundlagen. Nur zwei Unternehmen boten Datenbanken an, artnet und Artprice, die zu dieser Zeit aber noch rein künstlerorientiert aufgebaut waren. Damals schien das naheliegend, kam mir aber ohne jegliche marktrelevanten Informationen esoterisch vor. Also begann ich noch im selben Jahr mit dem Aufbau einer Datenbank für meine neue Firma „Skate's Art Investment“, die auf reinen Faktenanalysen und Statistiken basiert. Heute beraten wir Sammler und Unternehmen in der Kunstindustrie.

Und was haben Sie über die Preisdifferenzen herausgefunden?

Ich betrachte das Ganze aus einer rein statistischen Perspektive. Erstens muss Liquidität vorherrschen. Ein Künstler muss viel produzieren und braucht ein großes Distributionssystem, viele Händler, viele Sammler an verschiedenen Orten – wie im Aktienmarkt muss es einen großen Streubesitz geben. Zweitens muss die Kunst vom Establishment unterstützt werden – es gibt keine Wunder. Kontinuität ist entscheidend. Jean-Michel Basquiat ist hochpreisig, weil er mit Andy Warhol befreundet war – da geht es von einer Marke zur anderen. Künstler müssen aus einem bestimmten kulturellen Erbe und einer Schule kommen. Darum ist auch das China-Phänomen so interessant, denn dahinter steht der Glaube, dass die chinesische Kultur stark genug ist, unbekannte Künstler zu Berühmtheiten werden zu lassen.

Es ist einigermaßen erschreckend, wenn Kunst nur noch als Aktie betrachtet wird...

Als ich anfing, konnte man über Kunst als Investment noch nicht sprechen. Unser Skate's Art Investments Handbook stand zunächst sogar auf der schwarzen Liste von Museumsshops. Diese Reaktion hielt so lange an, wie Kunst vor allem von jenen gekauft wurde, die durch ihre Familientradition tief in der Kultur verankert sind. Inzwischen ist aber durch den medial erzeugten Hype über Preisrekorde ein Publikum für das Buch und generell für Kunst als Investment entstanden. Heute besteht ein großer Teil des Kunstmarktes aus Cash – er ist zu so etwas wie Louis Vuitton geworden: Eine neue Kollektion und los geht's. Ich finde das auch deprimierend, weil viele Künstler inzwischen nur noch neue Produkte kreieren. Aber diese Richtung ist nicht mehr umkehrbar – was nicht heißt, dass wir die VIENNAFAIR so ausrichten wollen.

Haben Galerien dann überhaupt noch eine Funktion?

Sicherlich, auch wenn sich da gerade einiges ändert. Noch ist der Kunstmarkt getragen von kleinen und mittelgroßen Galerien bis hin zur Größe eines Gagosian, aber am Ende sind es immer relativ kleine Geschäfte. Im Kunsthandel passieren gerade große Veränderungen, was die Organisation und Professionalisierung angeht – die Auktionshäuser Sotheby's und Christie's sind die größten Kunsthändler der Welt geworden. Das stellt die anderen Kunsthändler vor die Wahl, sich entweder zu konsolidieren, starke Nischen zu finden oder eben immer mehr marginalisiert zu werden.

Damit entfällt aber doch nicht die grundsätzliche Galeriearbeit, oder?

Unglücklicherweise ist es so, dass Händler zunächst ihre Künstler anpreisen und eine Menge Geld investieren müssen, bevor ein vitaler Markt entsteht. Aber der Schritt zum finanziellen Erfolg wird immer schwieriger. Diese Tatsache erfordert eine größere Professionalisierung. Kaum eine Galerie ist bisher KPI-geführt, das heißt, ihre Erfolgsfaktoren werden nicht kritisch überprüft. Stattdessen geht es mehr um einen Lebensstil. Dazu kommt oft eine Art verborgene Arbeitslosigkeit, denn das Budget kommt bei vielen Galerien von externen Partnern. Die Galerien setzen also zwar sehr viel Kunst um, aber es geht dabei nicht ums Investment, sondern um Kunst als Teil des Soziallebens. Die Sammler gehören quasi zur Familie. Das ist aber nicht der Kunstmarkt, von dem ich rede - der beginnt bei Werken ab zwei Millionen Dollar. Und da geht es allein um Rendite.

Wie ist denn dieser Markt entstanden?

Durch die Globalisierung des Kunstmarktes ist eine neue Armee von Kunstkäufern herangewachsen – und genau das erfordert eine Professionalisierung der Kunstindustrie: vom altmodischen Ein-Personen-Geschäft zu einem marktanalytisch aufgebauten Investmentmodell. Diese neuen Käufer sind zwar auch interessiert an Kunst, aber genauso am Geld. Immer mehr Menschen suchen auf Kunstmessen Investment-Möglichkeiten. Darum braucht es heute finanzwirtschaftlich starke Argumente für Verkäufe.

Was bedeutet das für die Kunst, die verkauft wird?

Ein Beispiel: Abstrakte Kunst ist sehr marktgerecht. Sicherlich gibt es künstlerische Gründe für diesen Stil, man kann verschiedene Schulen unterscheiden und er ist ein Meilenstein der Kunstgeschichte. Aber vor allem ist abstrakte Kunst eine Währung, die man weltweit verkaufen kann. Ähnlich ist es bei Jeff Koons und Damien Hirst, die global kompatible Werke produzieren. Komplexere, kulturell stärker verwurzelte Werke sind dagegen im Investmentmarkt längst nicht so erfolgreich. Ein Grund dafür ist, dass dieser Markt Massenproduktion braucht. Ob man es mag oder nicht: Kunstkaufen ist nicht mehr elitär, sondern Massenkonsum, nicht mehr für rund 50.000, sondern wahrscheinlich für eine halbe Millionen Käufer.

Das heißt, der Kunstmarkt existiert inzwischen jenseits jeder Elite?

Das sage ich nicht. Elite ist weiterhin vorhanden und sogar noch verstärkt, bedenkt man die Unterschiede im eingebrachten Kapital für Kunst. Aber es gibt mittlerweile eine große Anzahl an Kunstkäufern, die nichts mit einer Elite zu tun haben und denen das auch egal ist, weil es einfach um reine Rendite geht.

Auf der Art Dubai konnte man gerade beobachten, dass immer mehr Kunst in Form von Auflagenobjekten entsteht. Ist das eine Reaktion auf die Unsicherheit der Käufer, die lieber als Herde denn als Individuum kaufen?

Nein, das ist wohl eher eine Marktstrategie, bei der ein teures Werk mehrfach verkauft werden kann, indem man es als limitierte Edition anbietet. Das ist wie bei einem Schauspieler: Je mehr er spielt, desto berühmter wird er und desto höher werden seine Gagen.

Clare McAndrew schreibt in ihrer jüngsten Kunstmarktanalyse von 46,1 Milliarden Dollar als Gesamtumsatz im letzten Jahr, wovon 30 Prozent auf Antiquitäten und 70 Prozent auf Kunst entfallen. Analysieren Sie all diese Verkaufsaktionen?

Der Kunstmarkt ist eine enorme Herausforderung für uns Analysten. Rund 30 Prozent des Gesamtvolumens entfällt auf den Auktionsmarkt, dessen Preise nachweisbar sind. Die Preise der übrigen 70 Prozent werden meist mündlich weitergegeben, und überhaupt findet der größte Teil des Handels im Verborgenen statt – darüber haben wir keine exakten Fakten.

Können Kunstmarktanalysen dann überhaupt einen Anspruch auf Wahrheit erheben?

Nun, Clare McAndrew etwa stellt eine spezielle Wahrnehmung der aktuellen Situation vor. Was China betrifft, bin ich zum Beispiel sehr argwöhnisch. Der chinesische Kunstmarkt ist fast ausschließlich von Spekulationen bestimmt. Er ist eine Blase und keine langfristig angelegte Strategie einzelner Individuen.

Was halten Sie von Investmentfonds für Kunst?

Ich bin sehr skeptisch gegenüber diesen Fonds – die haben sich bisher noch nicht bewiesen und sind auch noch nicht so wichtig im Kunsthandel insgesamt.

Die 44 Art Fonds weltweit ergeben laut Clare McAndrew zusammen die Summe von 960 Millionen Dollar. 320 Millionen Dollar davon befinden sich allein in den 21 chinesischen Fonds.

Das ist nicht so viel Geld, denn davon sind wahrscheinlich 600 Millionen Dollar in sehr merkwürdigen Fonds angelegt. Wir verfolgen die Fonds natürlich, und ich möchte behaupten, dass höchstens fünf oder sechs davon eine gute Perspektive haben.

Nun haben Sie aber auch selbst angekündigt, für die VIENNAFAIR einen Fonds zu gründen.

Wir werden vor allem mit Investment Partnerships beginnen. Fonds benötigen Investoren, die in Fonds einzahlen, die dann wiederum in Kunst investieren – und das klappt kaum. Ein auf wenige Menschen beschränktes Investment Partnership dagegen funktioniert sehr gut: Mit dem in den Pool eingezahlten Geld wird eine Jury Werke auf der VIENNAFAIR kaufen.

Werden diese Investment Partnerships auch in Kunst aus Österreich und Europa investieren?

Manche sicherlich. Aber generell glauben wir, dass Käufer aus der ganzen Welt hier eine sehr persönliche Sammlung mit einem speziellen ‚Brand‘ aufbauen können - Wien ist schließlich ein berühmter Standort. Dafür braucht es nicht viele Millionen, hier ist die Kunst ziemlich erschwinglich.

Wie viele dieser Partnerships sind bereits festgelegt?

Wir werden mit mindestens einem Partnership beginnen. Die VIENNAFAIR ist ein kleiner Markt, letztes Jahr gab es nur zwischen 2,4 bis 4 Millionen Euro Umsatz. Das werden wir sicherlich überschreiten. Aber wir können auch nicht mit 10 Millionen Euro kommen, das könnte zerstörerisch wirken – und ich glaube auch, dass die Galerien noch nicht soweit sind, genügend hochqualitative Werke hier anzubieten. Aber wir werden im September neue Sammler, mehr Geld, interessante Initiativen und ein internationaleres Publikum einführen – und damit sicher eine signifikantere Messe erleben.

Sehen Sie neue Trends auf dem Kunstmarkt?

Was das Business betrifft, auf jeden Fall. Im Sinne neuer Namen bin ich skeptisch. Es wird nicht plötzlich ein neuer Picasso geboren. Aber es gibt einen ganz klaren Trend: Die Kommodifizierung des Kunstmarktes. Der wird ein Luxusmarkt werden wie für Uhren oder Autos. Das ist sicher.


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