10. Januar 2009
Der Schweizer Galerist Urs Meile ist ein Pionier in Sachen aktueller chinesischer Kunst. Mit seiner 1992 in Luzern gegründeten Galerie ist er seit 1995 in China aktiv. Seit 2000 ist er mit einer eigenen Galerie in Peking vertreten. Stefan Kobel sprach mit ihm über den aktuellen chinesischen Kunstmarkt und warum die Rezession ein Katalysator der Normalisierung ist.
***artnet Magazin: China macht nach mehr als einem Jahrzehnt rasanten Wirtschaftswachstums erstmals Erfahrungen mit weniger erfreulichen Entwicklungen. Für das laufende Jahr hat die Regierung sogar einen nicht ausgeglichenen Haushalt in Aussicht gestellt. Haben die eingetrübten Konjunkturerwartungen schon Auswirkungen auf das Luxussegment Kunstmarkt?
Urs Meile: Ein großer Teil der Spekulanten und sogenannten „Lifestyle-Sammler“ sind, wie im Westen, relativ schnell vom Markt verschwunden. Die wirklichen Sammler, jene also, die an Inhalten interessiert sind, kaufen vorsichtiger und haben realisiert, dass gewisse Künstler und Arbeiten eindeutig überbezahlt wurden.
artnet Magazin: Die chinesischen Auktionen aktueller Kunst sprechen da eine deutliche Sprache. Der Boom scheint auch hier etwas abgeflaut zu sein.
Urs Meile: Bei den sogenannten „Malerfürsten“ gab es eine grundsätzliche Korrektur der Preise, besonders auf den Auktionen. Dem gegenüber sind international arrivierte Künstler, egal welcher Herkunft, noch relativ stabil. Man sollte sich aber bewusst machen, dass der Markt für zeitgenössische Kunst in China selbst, im Vergleich mit den westlichen Märkten, auch in den vergangenen Boom-Jahren immer bedeutend kleiner war.
artnet Magazin: Und wie sieht es in den Galerien aus?
Urs Meile: Auch da haben sich die Käufer verabschiedet, die in Kunst allein eine Geldanlage oder ein Prestigeobjekt sehen. So sind die längsten Wartelisten für gewisse Künstler und Arbeiten um etwa 70% geschrumpft, andere sind ganz weggefallen.
artnet Magazin: Haben die Verluste an den Börsen auch in China große psychologische Auswirkungen, etwa auf die Bereitschaft, Geld für Kunst auszugeben?
Urs Meile: Das hat sicher Auswirkungen. Doch man muss immer die Situation vor zehn, fünfzehn Jahren mitdenken. Damals gab es die meisten der heute reichen Leute noch nicht. Selbst wenn diese also jetzt beispielsweise über die Hälfte ihres Vermögens verloren haben, besitzen sie im Vergleich zu früher immer noch viel. In den Köpfen ist der enorme Aufschwung immer noch präsent. Aber die Bereitschaft, für zeitgenössische Kunst Geld auszugeben, ist auch in China zurückgegangen.
artnet Magazin: Wie wird sich der chinesische Markt für zeitgenössische Kunst Ihrer Ansicht nach kurz- und mittelfristig entwickeln?
Urs Meile: Was in einem halben Jahr sein wird, lässt sich schwer vorhersagen. In China sind wirtschaftliche Schwankungen und die Reaktionen darauf viel intensiver und für uns Westler oft unberechenbar. Ich glaube jedoch, dass sich der chinesische Markt, langfristig gesehen, jenem im Westen immer mehr angleichen wird.
artnet Magazin: Aktuelle Kunst wurde von offizieller chinesischer Seite lange Zeit mit Argwohn betrachtet oder ganz ignoriert. Hat sich das mit dem zunehmenden Erfolg geändert?
Urs Meile: Ja, das hat sich in den vergangenen Jahren stark geändert. Zeitgenössische Kunst wird mittlerweile als fester Bestandteil der chinesischen Kultur betrachtet.
artnet Magazin: Die Kunstszene in China ist stärker und offener als im Westen von kommerziellen Aspekten geprägt. Kuratoren und Kritiker fungieren zumeist als verlängerter Arm von Großsammlern, Künstlern und anderen Marktteilnehmern. Ist hier eine zunehmende Professionalisierung dieser Funktionen als Korrektiv zu erwarten?
Urs Meile: Ja, das verändert sich laufend. Junge, besser ausgebildete und informierte Kritiker und Kuratoren aus China selbst haben eine andere „Berufsauffassung“. Sie sind klaren Inhalten und weniger dem jeweiligen Auftraggeber verpflichtet. Noch aber, und das ist ein echtes Problem, gibt es entschieden zu wenig chinesische Kunstkritiker. Arrivierte Kritiker aus dem Westen hingegen haben im Allgemeinen noch zu wenig Information. Sie verfügen nicht über genug Wissen, um sich da wirklich aktiv einzubringen.
artnet Magazin: Welche Rolle könnte die chinesische Kunst in der Zukunft international spielen?
Urs Meile: Gute, eigenständige Künstler aus China werden sich immer durchsetzen. Künstler also, die eine Arbeit machen, die so nur in China entstehen kann und vom entsprechenden kulturellen, gesellschaftlichen und emotionalen Background geprägt ist, ohne eine plumpe, exotische „Chineseness“ zu Markte zu tragen, werden ganz selbstverständlich eine genauso wichtige Rolle spielen wie Künstler aus Europa und Amerika.
artnet Magazin: Der Sonderstatus wird entfallen?
Urs Meile: Ich bin sicher, dass wir in Zukunft mehr von Inhalten, mehr von Qualität und weniger von der Herkunft eines Künstlers sprechen werden.