Interview mit Stefan Horsthemke, Managing Director bei AXA Art

Werte mit Restrisiko

Isa von Bismarck-Osten
17. März 2011

Geschützt wird, was einem lieb und teuer ist. artnet sprach mit Versicherer Stefan Horsthemke von AXA Art, Hauptsponsor der TEFAF in Maastricht, über Fälschungen, Kurioses sowie über die Katastrophe in Japan.

artnet: Das Gegenteil von Versicherung ist Verunsicherung. Ende vergangenen Jahres ist die internationale Kunstbranche von den Enthüllungen um die angebliche „Sammlung Werner Jägers“ schwer beunruhigt worden. Für den gefälschten Heinrich Campendonk Rotes Bild mit Pferden zahlte beispielweise ein Unternehmen aus Malta 2,4 Millionen Euro. Können sich Käufer überhaupt gegen den Erwerb von Fälschungen versichern?

Stefan Horsthemke: Grundsätzlich kann man sich gegen solch einen Schaden nicht versichern. Wir haben aber vor vielen Jahren in unsere Versicherungsbedingungen die Klausel aufgenommen, dass ein Kunde die anteilig gezahlte Versicherungsprämie zurückerhält, wenn sich herausstellt, dass er eine Fälschung in seine Sammlung aufgenommen hat. Das gilt rückwirkend für zwei Jahre.

Heinrich Campendonks Bild wechselte in einer Auktion des Kunsthauses Lempertz den Besitzer. Hätte sich das Auktionshaus gegen die Versteigerung von Fälschungen versichern können?

Nein, es kann sich nur im Rahmen einer Vermögensschadenhaftpflicht gegen etwaige Ansprüche, die aus dem Verkauf von Fälschungen entstehen, versichern. Auktionshäuser müssen alle Prüfmechanismen, die es gibt, in die Wege leiten. Zugegebenermaßen ist das sehr schwierig, wenn es sich, wie im Fall der „Sammlung Jäger“, um sehr gute Fälschungen handelt. Es gibt die Initiative des Auktionshauses VAN HAM, von Markus Eisenbeis, der eine Datenbank für kritische Kunstwerke aufbaut. Ziel der Datenbank ist es, in diesem Bereich des Kunsthandels für mehr Transparenz zu sorgen. Die Taktik von Fälschern beziehungsweise Personen, die gefälschte Objekte in den Handel bringen, besteht darin, kapitale Objekte kurz vor Annahmeschluss in die Auktion einzuliefern. Dadurch soll der Prüfzeitraum, der den Auktionshäusern zur Verfügung steht, knapp gehalten werden.

Der Skandal um die „Sammlung Werner Jägers“ gilt als einer der größten seiner Art. Hat sich die Arbeitsweise Ihrer Experten seitdem verändert?

Ja, die Objekte werden noch gründlicher geprüft. Provenienz und Kunde werden genau unter die Lupe genommen. Wir bekommen jedes Jahr Anfragen aus dubiosen Kanälen, mit dem Ziel, Kunstobjekte mit gefälschten Expertisen zu versichern. Wir haben jedoch Prüfmechanismen, die über unser internationales Netzwerk laufen und uns helfen sehr schnell herauszufinden, welche Werke echt oder unecht sind.

Wie viele dieser dubiosen Anfragen erhalten Sie jedes Jahr?

Ich hatte mal eine Zahl geschätzt für 2007, das war eine Gesamtversicherungssumme von etwa 1,2 Milliarden.

Laut Lempertz-Inhaber Henrik Hanstein liegen „Fälschungen langfristig im Promillebereich“. Was entgegnen Sie Kunden, die dazu neigen, Fälschungen als Restrisiko in Kauf zu nehmen?

Ehrlich gesagt, kann ich mich dieser Aussage nicht anschließen. Das Fälschen von Kunstwerken existiert seit es den Kunstmarkt gibt. Schon zu antiker Zeit wurden Fälschungen angefertigt. Es gibt sehr gute Kunsthändler und es gibt sehr gute Auktionshäuser. Aber ich muss zugeben, dass niemand zu 100 Prozent geschützt ist, vielleicht doch mal eine Fälschung anzunehmen.

Was kann man alles bei AXA Art versichern?

AXA Art versichert alles, was im nationalen und internationalen Kunstmarkt gehandelt wird. Daneben versichern wir so genannte „Passion Assets“, beispielsweise Wein- oder auch Oldtimersammlungen. In diesem Sammlungsgebiet lässt sich ein Trend verzeichnen. In den letzten 15 Jahren ist die Nachfrage stetig gestiegen. Letztes Jahr erzielte ein Auto den Rekordpreis von 35 Millionen US-Dollar.

Sie arbeiten seit 18 Jahren für eine Kunstversicherung. Was ist das Kurioseste, was Sie je versichert haben?

Selbstverständlich sehen wir viele interessante Sammlungen von hoher Qualität. Das Außergewöhnlichste, das ich persönlich versichert habe, war eine Sammlung von cirka 150 Zweitakt- und Viertakt-Motoren im Maßstab von eins zu zehn beziehungsweise eins zu zwölf. Die Motoren waren in Regalen aufgestellt und alle funktionstüchtig: Ein Kabinett kleiner beweglicher Skulpturen.

Bei Ihren Kunden unterscheiden Sie zwischen den „Privaten“, „Kommerziellen“, also Galerien, Auktionshäusern und Künstlern sowie „Institutionellen“ wie etwa Museen und Kunstvereinen. Kommen wir zunächst zu den „Privaten“: Was genau ist der Unterschied zwischen einer Kunst- und einer Hausratsversicherung?

Wir bieten eine Allgefahrendeckung an, das heißt, Kunstobjekte sind im Gegensatz zu einer einfachen Hausratversicherung nicht nur gegen Feuer, Leitungswasser, Sturm, Raub und Vandalismus nach einem Einbruch versichert, sondern auch gegen Abhandenkommen, Zerstörung und unbeabsichtigte Beschädigung. Wir hatten das spannende Beispiel eines Kunden, der einen chinesischen Lackteller aus dem 16. Jahrhundert gekauft und in sein Regal gestellt hat. Zwei Wochen später ist der Haushälterin der Lackteller hingefallen und der Lackteller war zerstört. Das ist ein klassischer Fall von unbeabsichtigter Beschädigung.

Gibt es weitere Risiken, die eine Kunstversicherung nicht abdeckt?

Wir versichern nicht, wenn sich Kunstobjekte aufgrund ihrer Materialität verändern. Ein Beispiel wäre eine Zeitungscollage von Kurt Schwitters, die mit einem nicht-säurefreien Kleber geklebt ist. Da verändert sich das Papier im Laufe der Zeit. Auch frühe Farbfotografien oder Polaroids und bestimmte Kunststoffe wandeln sich mit der Zeit.

In welchem Verhältnis steht die Versicherungsprämie zum Versicherungswert eines Kunstwerkes?

Wenn man eine Million Euro an Kunstgegenständen versichert, dann kostet das etwa 2.200 bis 2.800 Euro an Versicherungsprämie im Jahr. Als Richtwert könnte man also angeben, dass die Versicherungsprämie 0,22 Prozent des Versicherungswertes entspricht.

Nun zu den kommerziellen Kunden: Wie werden beispielsweise Messen wie die Maastrichter TEFAF versichert. Mit Pauschalbeträgen?

Es ist nicht so, dass wir ganze Messen versichern. Wir versichern einzelne Händler. Bei Galerien, die auf die Art Cologne gehen, sind Messebesuche häufig pauschal versichert. Bei Händlern der TEFAF gibt es eine Pauschale bis zu einer bestimmten Summe. Da aber die Werte auf dieser Messe besonders hoch sind, werden die TEFAF-Aussteller häufig separat abgerechnet.

Zu den „Institutionellen“: AXA Art war Hauptversicherer der abgebrannten Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Am Ende zahlten Sie rund 6 Millionen Euro an die Klassik Stiftung. Bei dem Feuer in dem UNESCO-Weltkulturerbe sind 50.000 Bücher und 34 Gemälde verbrannt. Wie groß ist das Problem der Unterversicherung in deutschen Institutionen?

Leider muss man sagen, dass die meisten unter ihnen gar nicht oder falsch versichert sind. Das ist klar ein deutsches Phänomen. Stellen Sie sich vor: Die Bestände der meisten öffentlichen Museen in Deutschland sind nicht versichert. Die in privaten Einrichtungen hingegen schon. Das liegt daran, dass dort Besitz und Verantwortung geklärt sind. Ich hatte gerade das Beispiel einer sehr großen Institution. Die hat eine Versicherungssumme für den Bestand von 20 Millionen Euro. Das teuerste Bild in diesem Museum kostet aber schon 60 Millionen Euro. Die verantwortlichen Personen waren leider nicht davon zu überzeugen, dass es auch Aufgabe des Staates ist, diese Objekte richtig zu versichern. Ein größerer Schaden würde uns dann alle als Bürger schädigen – im übertragenen Sinne.

Laut Ihrer Website werden in Deutschland jeden Tag circa sieben Kunstwerke gestohlen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit einer Wiederbeschaffung?

Die liegt derzeit zwischen 20 und 25 Prozent. Leider. Wir hatten jetzt gerade den spektakulären Fall, dass ein Kunstwerk von Eduardo Chillida, eine Eisenskulptur, wieder aufgetaucht ist. Der Schrotthändler, dem dieses Objekt zur Verwertung angeboten wurde war kunstaffin und erkannte das Werk des Bildhauers. Er verständigte die Polizei und der Kunde kam wieder in den Besitz seines Kunstwerkes.

Ist ja irre! Kommen wir zu Schadensfällen: Welches waren die spektakulärsten?

Der sensationellste Schaden, den wir hatten, war an einem Gemälde von Giorgio de Chirico. Es hing bei einem Privatsammler im Wohnzimmer. Nebenan wurde ein Haus mit einer Abrissbirne zerstört. Der Mann am Steuer hat den Kran mit der Stahlkugel so stark ausschlagen lassen, dass diese durch die Wohnzimmerwand und den de Chirico geschlagen ist. Das wurde dann von uns als Totalschaden reguliert.

Was passiert mit Totalschäden?

Wenn es sich um einen Totalschaden handelt, das heißt, dass das Objekt nicht mehr restauriert werden kann, dann ersetzen wir einen Totalschaden. In dem Zuge geht das Werk oder der Gegenstand in den Besitz des Versicherers über. Deswegen haben wir auch eine ganze Galerie von Schadenbeispielen. Manchmal gibt es auch die Vereinbarung mit jüngeren Künstlern, die beschädigten Arbeiten zu vernichten.

Ist das Bild über Ihrem Schreibtisch auch ein Schadenbeispiel?

Ja (lacht), das ist ein Bild von Ed Ruscha mit dem Titel Cracks. Es wurde beim Transport beschädigt.

Welche Art von Schadensfall würde sogar Sie verunsichern?

Mich würde verunsichern, wenn ich ein Kunstwerk von Künstler Tino Sehgal versichern müsste. Die Kunst Sehgals besteht darin, Performances aufzuführen. Problematisch aber ist, dass Kaufverträge mit dem Künstler nur mündlich geschlossen werden. Das gehört zum Konzept. Ich kenne einige Sammler und Museen, die solche Verträge mit Sehgal gemacht haben, jedoch haben wir diese noch nie versichert.

Wenn wir über Schadensfälle sprechen, stellen sich auch Gedanken an Naturkatastrophen ein. Kann man Kunst auch gegen die Folgen von Erdbeben, Tsunamis, Stürmen oder Überschwemmungen versichern?

AXA Art versichert in vielen Ländern der Welt Kunst. In der umfangreichen Allgefahrendeckung ist in den meisten Fällen auch eine sogenannte Elementargefahrendeckung enthalten. Einer der größten Schäden in diesem Bereich war für uns der Hurrikan Katrina, der im August 2005 New Orleans überschwemmt hat. Hier konnten wir mit Unterstützung vieler Restauratoren und anderer Experten etliche Kunstgegenstände vor dem Untergang bewahren.

Auch wenn vollkommen klar ist, dass in Japan dieser Tage vieles andere Priorität hat: Ist AXA Art von der dreifachen Katastrophe betroffen?

Wir versichern derzeit in verschieden japanischen Museen Ausstellungen. Nach dem aktuellen Wissenstand hat keines der Museen Schäden davongetragen.

Vor welchen Herausforderungen steht Ihre Branche in der Zukunft?

Wir haben es mit sehr stark gestiegenen Kunstwerten zu tun. Mit Einzelobjektwerten von über 100 Millionen Euro. Für Transporte und Ausstellungen müssen daher künftig viel höhere Sicherheitsauflagen gelten. Solch gigantische Preise gab es früher nicht.


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