Interview mit Roman Signer

„Humor ist eine Haltung, die kann man nicht lernen“

Evelyn Pschak
4. Mai 2012

Roman Signer: „Aktion mit schwarzen Regenschirmen“ – Häusler Contemporary, München. Vom 30. März bis 12. Mai 2012

Dass es für ein gelungenes Künstlerleben nicht nur ordentlich knallen muss, sondern auch Humor braucht, dafür steht der Schweizer Roman Signer geradezu paradigmatisch. In der Kunst des mittlerweile 74-Jährigen schießt und zischt es gerne, was ihm bei manch einem den Ruf des Spektakelkünstlers einbrachte. Signer verkraftet das mit dem leise verschmitzten Humor, der auch seinem Werk innewohnt.

Es ist der Humor eines Lakonikers und Phantasten, der um die Abgründe, Dynamiken und Skurrilitäten des Lebens kreist, sie mit Stiefeln, Sand oder Regenschirmen antreibt, bis der Betrachter per Super-8-Sequenz, Fotografie oder motorbetriebenem Brunnen der Lust am Sein und an der Kunst frönt – einer „Kunst, die glücklich macht“, so kürzlich ein Kritiker in der „NZZ“.

Dieses Glück kommt allerdings nicht in Form von Schenkelklopfern daher, sondern eher mit konspirativem Schmunzeln. So auch bei seiner „Aktion mit schwarzen Regenschirmen“ in der Münchner Galerie Häusler Contemporary. Während der Schweizer Literat Thomas Hürlimann über Nietzsches Satz „Ich habe meinen Regenschirm in Turin vergessen“ referiert, schickt sich Signer an, seine Installation höchstpersönlich zu komplettieren. Dafür steckt der gebürtige Appenzeller nicht einfach geschlossene Schirme spitzüber in zehn im Raum verteilte Sandeimer. Nein, an Nylonschnüren baumeln sie von der Decke, über einer Batterie wird ein Faden nach dem anderen entzündet, bis der Schirm, vom Zündfunken befreit, mit entschlossenem „Plopp“ senkrecht in den Sand sticht. Keine großen Gesten, der Künstler verhält sich bei aller Präsenz – wie soll er sich im Rund der 50 Zuschauer auch verstecken – so unauffällig wie möglich. Quasi-calvinistische Präzision und Einfachheit bestimmen Handlungsablauf und Utensilien, die Werkgruppe fügt sich in ihrer formalen Stringenz problemlos ins
Œeuvre. Und selbst, wenn all das zugegebenermaßen nicht nach großem Spaß klingt: Alle freuen sich, nur der Künstler blickt konzentriert. Humor ist eben eine ernste Sache.

artnet: Herr Signer, ist Ihnen Humor Haltung oder Mittel?

Roman Signer: Er ist kein Mittel, sondern einfach im Werk drin. Auch wenn ich manchmal etwas ganz Ernstes machen will, erscheint oft unterschwelliger Humor. Ich kann gar nicht anders. Bei Robert Morris habe ich einmal gelesen, dass jede echte Kunst Humor hätte. Es wird Sie vielleicht erstaunen, dass ich das bezweifle. Aber ich kann nicht sagen, dass Kunst unbedingt Humor bräuchte. Es gibt bitterernste Kunst, kalte Kunst ohne jede Spur von Humor, die gute Kunst ist. Kunst braucht Humor eigentlich nicht. Aber ich finde schön, dass er erlaubt ist.

Versagen sich viele Künstler – im Streben nach Unsterblichkeit und großem Wurf – absichtlich Humoriges?

Streben verkrampft. Humor in der Kunst ist erlaubt, Humorlosigkeit auch. Man kann da keine Kategorien aufstellen. Man sagt auch oft, meine Kunst wäre unterhaltsam. Was heißt denn das schon wieder? Muss Kunst langweilig sein? Ich finde nicht. Es gibt durchaus langweilige Künstler, aber Kunst muss nicht langweilig sein.

Der Schweizer Kunsthistoriker David Signer hat über Sie geschrieben, dass man eigentlich bald das Wort „signeresk“ erfinden müsste, in Anlehnung an „kafkaesk“ oder „chaplinesk“. Sind denn Kafka und Chaplin Brüder im Geiste?

Dann doch eher Robert Walser, auch wenn der nicht vordergründig lustig ist. Aber Kafka? Ich weiß nicht, ob der Humor hatte.

In vielen Texten über Sie, diesem eingeschlossen, bekamen Sie eine Definition Ihrer selbst aufgepfropft. Beispielsweise wurden Sie in der „Berliner Zeitung“ 2007 so beschrieben: „Dieser grauhaarige Typ im Jeanshemd ist der philosophierende Pyromane unter den Bildhauern der Gegenwart. Ein von Physik und Chemie behexter Aktionist, der eine Menge passieren, aber eigentlich so gar kein Ereignis mit einer bestimmten Botschaft stattfinden lässt“.

Das kann man einfach nicht ändern. Das Blöde ist, dass andere das übernehmen und weitertragen. Vorurteile werden also nie ausgemerzt.

Das erträgt man dann vermutlich auch nur mit Humor.

Man braucht natürlich eine dicke Haut. Das war wohl der Journalist, der auch schrieb, ich trüge die gleiche Brille wie Erich Honecker. Da musste ich auch lachen.

Und wann lachten Sie das letzte Mal über Ihre eigene Arbeit?

Das war bei dem Film Punkt (2006): Da sitze ich vor einer Leinwand auf Staffelei in der Landschaft und habe einen Pinsel in der Hand, ganz nah an der Leinwand, und hinter mir gibt es plötzlich eine Explosion und ich erschrecke und mache einen Punkt. Da musste ich wirklich lachen, als ich den Film gesehen habe. Es war auch befreiend, dass es funktioniert hat.

Aber im Film selbst mussten Sie nicht lachen?

Nein. Die ursprüngliche Idee war, eine ganze Malklasse vor Leinwände zu setzen, bis ein Schuss losgeht und alle erschreckt. Doch dann habe ich gedacht: Ich mache es lieber alleine, am Ende fallen noch einige in Ohnmacht. Es gibt einen einzigen Super-8-Film, in dem ich lache. In dem trage ich eine Brille, sitze an einem Tisch, an einer Schnur ist eine Rakete und zieht mir die Brille vom Kopf. Ich fand das so lustig, dass ich lauthals gelacht habe. Aber ich lache nicht während meiner Aktionen. Das ist für mich eine ernste Sache, und ich fände es blöd, selbst zu lachen.

Vor allem Sie sind ja in Lebensgefahr.

Ja, teilweise. Ich mache meine Sache, der Zuschauer darf lachen, aber ich muss nicht lachen. Es ist genau dasselbe, wenn man fotografiert wird. Ich kann nicht einfach so lachen. Ich brauche einen Grund, einen guten Witz etwa.

Von frühester Jugend war Gefahr sehr präsent in Ihrem Leben. Sie wuchsen in Appenzell auf, in einem Haus über der Sitter, an einer Flussbrücke, die im Krieg mit Sprengstoff bestückt war. Was meinen Sie: Ihre Art und Weise zu arbeiten, mit Gefahr umzugehen, hat das mit dem zu tun, was Freud über Humor gesagt hat?

Das kenne ich gar nicht.

Freud schreibt 1927 über den Humor, er sei eine ‚Methode, die das menschliche Seelenleben ausgebildet hat’, sozusagen als „Abwehr der Leidensmöglichkeit“ – und dass „diesem Zusammenhange“ der Humor seine Würde verdanke, die wiederum dem Witz komplett abginge.

Der Witz ist sehr schnelllebig. Humor ist eine Haltung, und die kann man nicht lernen. Ich bin kein Witzeerfinder, möchte ich auch nicht sein. Es ist vielleicht etwas sehr Menschliches, wenn man das nicht allzu ernst nimmt, was einen umgibt. Man muss es immer in Frage stellen. Manche stellen es intellektuell in Frage, in gescheiten Texten, ich mache es über meine Arbeit.

Wann haben Sie gemerkt, dass Humor Ihr Markenzeichen wurde?

Das habe ich lange nicht gemerkt. Ich wollte eine interessante Arbeit machen, aber einen Humoraspekt habe ich nicht bewusst kalkuliert, überhaupt nicht. Meine Arbeit hatte eher mit Lust zu tun. Die Lust, in die Natur zu gehen und einen Film zu machen. Vielleicht würde dabei etwas Lustiges passieren, aber eigentlich wollte ich Humor nie gewinnbringend einsetzen. Er war einfach für mich wichtig. Es ist nicht so, dass ich mir ein Konzept mache und sage, jetzt will ich etwas machen, was wahnsinnig lustig ist, damit die Leute sich biegen vor Lachen. Ich bin kein Komiker. Für Komiker ist es ein entsetzlicher Misserfolg, wenn in ihren Filmen niemand lacht. Mir ist das egal. Das ist nicht mein Ehrgeiz, der Humor ist eher beiläufig.

„Ich bin weder ein Handwerker, noch ein Intellektueller, etwas dazwischen, ein Spieler. Und Spieler sind in der Schweiz verdächtig. Von mir kann man nicht einmal etwas lernen, ich bin einfach da.“, haben Sie einmal gesagt. Gilt das immer noch?

Das stimmt genau. Die Appenzeller Bauern sagen – ich bin ja jetzt 74 – ‚du siehst jünger aus, aber du hast ja auch nie richtig gearbeitet’. Oder sie sagen mir, wie faul ich wäre: ‚Du weißt nicht, was schaffen ist. Du hast dich immer geschont’, heißt es dann.

Wurde in Ihrem Elternhaus viel gelacht oder war es eher ein ernstes Aufwachsen?

Beides. Mein Vater hat lustige Sachen erzählt, meine Mutter wenig. Es war eine finanziell angespannte Situation. Damals war Musik ein Hungerberuf. Meine Mutter hat immer gesagt, keiner ihrer drei Söhne würde Künstler werden, das garantiere sie. So etwas Brotloses.

Sie haben Ihre erste Lehre zum Radiomonteur in St. Gallen nach zwei Monaten abgebrochen.

Das war ja auch lustig, im Nachhinein. Aber damals haben meine Eltern das wahnsinnig tragisch genommen. Heute würde man eben Schnupperlehre dazu sagen.

Dabei konnten Sie als Radiomonteur tun, was Sie auch heute gerne tun: mit Apparaturen experimentieren.

Es war die Zeit, als die ersten Tonbandgeräte auf den Markt kamen. Der Chef zeigte mit Stolz auf ein Grundig Tonbandgerät und sagte: ‚Morgen kommt der Professor der Hochschule und kauft dieses Gerät’. Dann ist er weggegangen, und ich wollte es ausprobieren. Es gab einen Knall und ein Rauchen und der Apparat war kaputt. Und ich, nicht faul, habe eine neue Sicherung eingeschraubt und abgewartet. Am nächsten Tag als der Professor kam ging gar nichts mehr. Mein Chef zog eine total verkohlte Kofferspule raus, und meinte: ‚Das kann nicht sein, die Sicherung ist doch nicht raus’. Aber er war nicht dumm, plötzlich ist ihm ein Licht aufgegangen – und er hat mich auf die Straße gesetzt. Und da musste ich lachen. Es war für mich so eine Befreiung, ich wäre unglücklich gewesen in dem Beruf. Aber meine Eltern haben daraus eine Tragödie gemacht. Ich erinnere mich an einen Spaziergang im Wald mit meinem Vater. Es hat geregnet, er stapfte voraus, eine Stunde lang. Plötzlich dreht er sich um und fragt: ‚Was soll aus dir werden?’ Und ich habe gesagt ‚Ich weiß es auch nicht’ und habe geweint. Das war eine wahnsinnige Szene, das hat mich unheimlich berührt.

Hat Ihr Vater Ihren Erfolg als Künstler noch miterlebt?

Am Rande, ja. Er ist 1983 gestorben. Und 1981 stand die erste gute Kritik über meine Arbeit in der „NZZ“. Ich habe gemerkt, dass er sich sehr freut. Er hat nie etwas gesagt zu meiner Kunst, er war ja selber Musiker. Meine Mutter schon, die meinte immer: ‚Von dem Zeug kannst du doch nicht leben.’

Das hat ja auch lange gedauert.

Sehr lange. Meine Mutter hat sich eher geschämt, wenn wieder etwas in der Zeitung stand. Wenn Leute sie darauf ansprachen, was denn ihr Sohn eigentlich für Kunst mache und sie antworten musste, sie wüsste es selbst nicht.

Wenn man in der Schweiz lebt, muss man hie und da eine Reise machen’, sollen Sie einmal gesagt haben. Nehmen Ihnen ihre Mitbürger solche Sätze nicht übel?

Nein, überhaupt nicht. Ich könnte auch sagen, in der Schweiz braucht man Humor, um zu überleben.

Sie fahren oft nach Japan. Die Japaner, heißt es, teilen unseren westlichen Humor nicht. Haben Sie diese Erfahrung mit Ihrer Kunst dort auch gemacht?

Japaner haben einen ganz anderen Humor. Im Film Schweben in einer Kiste (1999) versucht ein Helikopter in einer Holzkiste zu fliegen, bis er sich am Schluss selbst zerstört. Für mich ist das überhaupt nicht komisch, sondern eher tragisch. Ich habe das in Japan vor Studenten gezeigt und einige haben gelacht. Ich finde das nicht lustig, kein Europäer würde da lachen, oder? Aber einen anderen Film von einem Tisch, dem ich die Beine wegsprengte, bis er ganz tief auf dem Boden lag, haben sie als Affront empfunden. Ich hatte mir nichts dabei gedacht, ihn vorzuführen – aber natürlich haben Japaner so niedrige Tische und sitzen am Boden. So kann man ganz schief liegen.

Und sonst? Wie übersetzt sich Ihr Humor in der Welt?

Ich habe die Beobachtung gemacht, dass meine Kunst immer je nach Nationalität mit unterschiedlichen Komikern in Verbindung gesetzt wurde: Die Franzosen nannten Jacques Tati im Vergleich, die Amerikaner kamen mit Buster Keaton und die Engländer mit Chaplin. Nur die Deutschen können nicht mit Valentin kommen, der war ein Wortkünstler und das bin ich nun einmal nicht.

Vielleicht ist es inzwischen auch nicht mehr so schmeichelhaft, mit Valentin verglichen zu werden, nachdem der Karl-Valentin-Preis für Humor in diesem Jahr den Klitschko-Brüdern übergeben wurde.

Den Boxern? Das passt nicht so recht für Boxer.

Können Sie mit Boxern mitfühlen? Immerhin haben Sie einmal über die nervliche Belastung einer öffentlichen Aktion gesagt: ‚Und nachher bist du da wie ein Kadaver und die Leute gehen wieder. Es ist wie eine Aufopferung, eine Hinrichtung, die du selbst arrangiert hast’. Warum tut man sich so etwas an?

Ich weiß es auch nicht, Masochismus vielleicht. Etwas überleben, was man sich selbst eingebrockt hat. Und wenn man durch ist, ist man so befreit und könnte fliegen.

Dann lohnt es sich doch?

Ja, aber ich bin jedes Mal froh, wenn es vorbei ist. Wenn man dann zum Bier übergehen kann, bin ich immer dankbar.

Humor wird als Einstellung definiert, dank derer ein Mensch in allen Dingen, selbst den widrigsten, Sinn sucht. Nach was suchen Sie, Herr Signer?

Vielleicht nach der Poesie. Die Würde – auch die des Materials. Ich suche auch einen Sinn in meinem Leben und sehe oft, dass ich noch immer zu ungenau beobachte. Es ist unheimlich reich, das Leben, die Natur und man sieht einfach viel zu wenig. Und das Leben ist schon wieder vorbei, bis man merkt, was man alles verpasst hat. Das geht sehr schnell. Ich möchte auch etwas vermitteln. Und da war ich gar nicht unglücklich, als ich jetzt in der „Züricher Zeitung“ in einer Ausstellungskritik zu meinen Super-8-Filmen im Aargauer Kunsthaus gelesen habe: ‚Signer macht die Menschen glücklich’.


Mehr im Dossier  Kunstszene Schweiz

Weitere Artikel von Evelyn Pschak


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken