Interview mit Robert Morris

„Der Körper war immer in allen meinen Skulpturen vorhanden“

Gesine Borcherdt
27. März 2012

Robert Morris – Sprüth Magers, Berlin. Vom 10. Februar bis 4. April 2012

Nicht immer muss man ins Museum, um Museales zu sehen. In Berlin reicht für eine der fulminantesten Ausstellungen der Stadt diese Tage ein Besuch in der Galerie Sprüth Magers. Robert Morris – 81-jähriger Pionier der Minimal Art, dann überzeugter Post-Minimalist, Verfasser der berühmten „Anmerkungen über Skulptur“ (1966/69), Performance-Veteran und überhaupt einer der größten Bildhauer unserer Zeit – zeigt hier Inkunabeln seines Gesamtwerks, die gleichzeitig zu den Ikonen am Ausgang der modernen Avantgarde zählen.

Wenn man nun also im Scatter Piece (1968) steht, was sich als elegante Ansammlung von Filz-, Stahl- und Alu-Teilen im Gartensaal verteilt, oder zwischen grau gestrichenen, geometrischen Sperrholzkörpern an Wänden, am Boden und in Ecken, die 1964 in der legendären Schau der New Yorker Green Gallery Premiere feierten, wundert man sich, dass so etwas überhaupt zum Verkauf steht – ganz zu schweigen von dem Sperrholzring Ohne Titel (Ring with Light) – eine leuchtende Requisite von Morris‘ Tanzperformances Mitte der Sechziger. Selbst die berühmten L-Beams tauchen hier auf, wenn auch 1988 umgewandelt in Metallgitter: Wie die hölzernen Vorläufer aus Morris‘ Anfängen erinnern sie an liegende, sitzende, stehende Figuren – und ähnlich der fließenden Filzformen von 1976 und 2010 wohnt ihnen ein Anthropomorphismus inne, der jeden Abstraktionsgestus zurück in den menschlichen Körper führt.

Aus dieser Sicht wirkt im Obergeschoss der Kreis aus Kinderstühlen, verhüllt mit Bleidecken, wie eine verlassene Séance. Weil dazu die 8-Kanal-Soundinstallation mit Stimmen und Soundtracks aus acht Lautsprechern ertönt, im Original von 1974, aber nun erstmals digital synchronisiert, bekommt die Schau einen Unterton, durch den die Geister der Vergangenheit unheimlich präsent wirken. Wie geistesgegenwärtig Robert Morris selbst ist, demonstriert er im Interview mit artnet.

artnet: Herr Morris, Sie zählen zu den großen Pionieren der klassischen Minimal Art. Während Donald Judd, Dan Flavin und Carl Andre bei ihren ersten Ideen blieben, entwickelten Sie ihre Arbeit bald in neue Richtungen. Hatten Sie das Gefühl, dass die Minimal Art eine Sackgasse war?

Robert Morris: Nein.

Welches war die letzte größere Veränderung in Ihrem Werk?

Die dauert noch an.

In der Ausstellung bei Sprüth Magers sind einerseits einige ihrer historischen minimalistischen Werke zu sehen, andererseits gibt es dort Beispiele figurativer Skulptur, der Sie sich vor Kurzem zugewandt haben. Worin sehen Sie die Schnittstelle zwischen beiden?

Der Körper war immer in allen meinen Skulpturen vorhanden.

Wie kamen Sie darauf, Stühle und Musik zu benutzen?

Die waren ursprünglich Teil einer größeren Installation. Aber wenn es um Entscheidungen geht, so ist das vielleicht die falsche Frage, da Kunst keine rationale Handlung ist.

Sind Sie in all den Jahren nie in Versuchung gekommen, Farbe auf ihren Skulpturen anzuwenden?

Ich habe pinkfarbene, rote und purpurne Filze benutzt.

Haben Sie jemals in Erwägung gezogen, neue, künstliche Materialien zu benutzen? Sie bleiben ja hauptsächlich bei Metall, Filz und Holz….

Ich habe schon früher verschiedene Harze benutzt. Derzeit erkunde ich Kohlefaser und Epoxidharz.

Welche Rolle spielt Performance heute in Ihrem Werk?

Ich habe aufgehört, zu performen.

Minimal Art, Post-Minimal Art, Land Art und Performance sind heute fast klassische Disziplinen in der Kunst geworden. Wie nehmen Sie die Arbeit jüngerer Künstler wahr, die diese Errungenschaften in ihrem Werk benutzen und neu interpretieren?

Künstler haben immer auf die Werke geschaut, die ihnen vorausgegangen sind.

Welche Künstler interessieren Sie heute besonders und warum?

Donatello. Weil er so verschlagen war.

Was bedeutet aus Ihrer Sicht der starke Pluralismus in der Kunst der Gegenwart – vor allem im Vergleich zu den Sechzigern, als die Kunst noch in der Lage war, ästhetische und politische Grenzen zu sprengen?

Heute ist der Horizont wahrscheinlich enger als allgemein angenommen, und in den Sechzigern waren die Grenzen wahrscheinlich weniger eng, als man heute meint.


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