Interview mit Richard Long

„Ich kann leichten Fußes eine sehr große Arbeit machen“

Gesine Borcherdt
25. April 2012

Richard Long: „Flint Cross“ – Konrad Fischer Galerie, Berlin. Vom 27. April bis 16. Juni 2012

Alles begann mit einem Schneeball. Da war Richard Long 18 Jahre alt und rollte ihn durch die Landschaft bei Bristol, wo er 1945 geboren wurde. Als er nicht mehr weiterkam, nahm er eine Kamera, knipste die Spur, die er hinterlassen hatte – und schuf eines der ersten Werke, die später unter „Land Art“ laufen sollten. Überhaupt, laufen: Der Brite, der mit Gilbert & George an der Londoner Saint Martin’s School of Art studierte, 1976 Großbritannien auf der Biennale von Venedig vertrat und 1989 den Turner-Preis erhielt, hat seitdem den halben Globus umrundet – und von Dartmoor bis Bolivien Fußspuren, Steine, Kohle und Kakteen in Kreise und Linien von einer geometrischen Akkuratesse verwandelt, gegen die Stonehenge wirkt wie ein Hinkelsteindepot. Doch auch, wenn Long mit Naturmystik nichts zu tun haben will: Über die amerikanische Minimal-Devise „Man sieht, was man sieht“ geht er hinaus, wenn er dem Land Schritt für Schritt eine sanfte Poesie einschreibt. Was so entsteht, hält er per Fotos fest – oder holt es als Skulptur in den White Cube hinein. Wie gerade bei Konrad Fischer in Berlin. 1968 feierte der Grandseigneur bei dem Düsseldorfer Galeristen sein Ausstellungsdebüt, nun tritt er mit Feuersteinen und neuen Fotoarbeiten beim Gallery Weekend an. artnet hat ihn zum Interview getroffen: Ein drahtiger, hochgewachsener Mann mit leiser Stimme, Turnschuhen und Vliespullover – und Welten weit weg von dem, was man seit ein paar Jahren unter britischer Kunst versteht.

artnet: Mr. Long, die Feuersteine hier in der Galerie stammen aus Suffolk. Wie entscheiden Sie, dass Sie die Steine von einem Ort zum anderen transportieren und keine Skulptur in der Landschaft machen wollen?

Richard Long: Nun, Feuerstein hat eine signifikante Bedeutung in der Menschheitsgeschichte. Es war das erste Werkzeug und vielleicht auch die erste Waffe. Und es ist ein sehr englisches Material, weil es aus Kreide entsteht. Ich habe in Deutschland noch nie Feuerstein gezeigt. Die Verwendung schien mir also angebracht.

Haben Sie den Stein also in Suffolk gefunden und peu à peu im Rucksack mitgenommen…?

Nein nein, die Steine stammen aus einem Steinbruch in Norfolk und wurden unabhängig von mir hierher verschifft. Ich habe nur die Sorte ausgewählt. Das ist so ähnlich wie mit dem Schiefer aus Como, mit dem ich jahrelang gearbeitet habe. In beiden Fällen habe ich das verwendet, was man in einem Steinbruch für bestimmte Zwecke hergestellt hat. Ich benutze es für meine eigenen Gründe.

Ist es Ihnen wichtig, welche Bedeutung die Materialien ursprünglich haben – die Geschichte oder Funktion?

Nun, im Fall von Feuerstein ist es so, dass der Stein gerade für den Menschen eine spezielle Geschichte hat. Ich suche zwar nicht danach, aber es bereichert das Material, wenn sich solche Bedeutungen an ihm ablesen lassen. Aber ich erkläre das nicht zum Prinzip. Das bedeutet eine große Freiheit.

Alle Ihre Ausstellungen seit 1968 sind verschieden aber folgen demselben künstlerischen Prinzip. Was überrascht Sie heute noch beim Arbeiten? Gibt es jedes Mal noch etwas Neues zu entdecken?

Ja, etwa die Arbeit hier in der Galerie überrascht mich! Ich bin zwar auf einem bestimmten Weg geblieben, aber der bietet eine unglaubliche Vielfalt – auch wenn ich kein sogenannter Postmodernist bin. Aber es fasziniert mich, dass es immer wieder möglich ist, neue Wege zu gehen.

Was war der letzte Moment, in dem Sie so eine neue Idee hatten?

Auf meiner Reise nach Argentinien vor einigen Monaten, in die Anden, habe ich eine neue Textarbeit gemacht – die fand ich gut und originell. Ich griff einfach das auf, was die Leute dort erzählten. In einer Arbeit steht der Satz: „Das Land hier ist wirklich schlecht“. Das war in dieser wunderschönen Landschaft, doch für den Farmer, der sechs Kühe hatte, war dieses Land eben „wirklich schlecht“. Und das andere Foto stammt aus Westirland, eine der nassesten Gegenden Englands – eine Person sagte mir: „Die Erderwärmung scheint auch zu etwas gut zu sein.“ Was tatsächlich stimmt.

Treffen Sie die Leute auf Ihren Wanderungen? Ihre Aufnahmen sehen immer so aus, als wären Sie ganz allein.

Ja, ich treffe oft auf andere Leute. Manchmal bin ich auch völlig isoliert in der Wildnis, aber oft laufe ich auf Wegen, auf denen ich Menschen begegne.

Wie lange und oft laufen Sie heute noch?

Das ist unterschiedlich. Manchmal drei oder vier Wochen, manchmal 24 Stunden am Stück. Jede Arbeit und Idee ist anders.

Und planen Sie Ihre Wanderungen langfristig?

Nein, verschieden. Intuitiv. Manchmal plane ich lange vorher, etwa wenn ich nach Argentinien und Südafrika fahre, aber ich bin gerne frei und flexibel.

Gibt es Gegenden, in denen Sie noch nicht waren und die Sie sehen wollen?

Ja, ich fahre im Sommer in die Antarktis. Aber in meiner Arbeit geht es nicht darum, an Orte zu reisen, an denen ich noch nicht war. Ich kann genauso gut an Orte gehen, die ich gut kenne, wie Irland.

Treffen Sie manchmal auf Arbeiten, die Sie früher in der Landschaft gemacht haben?

Ja, das passiert gelegentlich. Aber nur aus Zufall, ich suche sie nicht auf. Ich finde es immer interessant, was mit ihnen passiert ist. Manche sind fast verschwunden, manche sind immer noch genauso, wie ich sie vor 25 Jahren zurückgelassen habe.

Was empfinden Sie beim Anblick dieser Arbeiten? Hat Ihre Sicht auf die Kunst und Natur sich verändert? Oder sind Sie dieselbe Person geblieben?

Nein, ich bin nicht derselbe – ich habe so viel gemacht überall auf der Welt, ich habe viel Geschichte auf meinem Rücken…

Eine Ihrer ersten Arbeiten war ein Schneeball, dessen Spur Sie fotografiert haben.

Nun ja, um genau zu sein, habe ich meine erste Arbeit gemacht, als ich ungefähr zwei Jahre alt war (lacht). Der Schneeball war wohl die erste Arbeit, die ich mit dem Material der Landschaft in der Landschaft gemacht habe.

Wann haben Sie entschieden, dass das ein Kunstwerk sein sollte?

Ich wusste gleich, dass es das war. Ich fotografierte es nur, um es zu dokumentieren und es meinen Freunden zu zeigen. Erst viele Jahre später merkte ich, dass die Fotografie dazugehörte und ein Souvenir für das Kunstwerk sein kann, wenn es in der Natur entsteht und verschwindet oder unauffindbar ist.

Gab es einen Moment, in dem Sie sich entschieden haben, so zu arbeiten – oder war das ein natürlicher Prozess?

Es war ein natürlicher Prozess. Einen Moment gab es nicht, aber ich hatte das Gefühl, dass die Welt außerhalb des Ateliers für mich eine größere Anziehungskraft hatte. Es war für mich reichhaltiger und aufregender, mit Wasser, Wolken und Gras zu arbeiten. Das Medium beim Laufen ist Zeit und Raum, das gefiel mir. Außerdem erschien mir Laufen ein sehr unverkrampfter Weg des Kunstmachens zu sein. Ich konnte Kunst machen, indem ich von einem Ort zum anderen lief – der viele Meilen oder Tage weit weg sein konnte.

Sie haben sich aber nie als Performance-Künstler betrachtet.

Nein. Es ging mir nie um ein Publikum, das mir dabei zusieht, was ich mache.

Sondern um die Spuren, die Sie hinterlassen.

Ja, das gehört zum Laufen dazu: Ich kann Spuren hinterlassen.

Hat Sie jemand beeinflusst?

Nein, aber ich hatte ermutigende Kunstlehrer in der Schule.

Ihr Werk wurde oft mit der Romantik in Verbindung gebracht, was Sie nicht besonders gutheißen – zumindest lässt sich das aus Ihren Kommentaren dazu lesen. Romantik ist heute ein Wort, das viele Künstler nicht so gerne hören, weil sie es mit Kitsch in Verbindung bringen. Dabei muss es ja keineswegs mit Bildern von Wolken, Wäldern und Ruinen zu tun haben. Vielmehr ist die Romantik ja eine Philosophie, die auf ein ganzheitliches, elementares Weltverständnis abzielt – auf das Verhältnis zwischen Mensch und Natur.

Ja, das stimmt – dem fühle ich mich schon eher verbunden. Die meiste Kunst ist urban. Die meisten Künstler sind Pop-Künstler, die in Städten leben und Kunst für Leute in Städten machen. Meine Arbeit entsteht in der Mongolei, der Sahara… Ich verstehe, weshalb man das für romantisch halten kann. Aber ich bin auch Realist. Ich arbeite in real existierenden Landschaften. Und von einer englischen Küste zur anderen zu laufen ist eine sehr praktische, realistische Sache.

Aber es gibt eine Ebene, die darüber hinaus geht. Sonst könnten Sie ja auch einfach ein Wanderer sein.

Ja, durchaus, denn es geht nicht nur ums Laufen. Es geht ums Laufen, um Kunst zu machen, die ganz bestimmten Ideen folgt. Ich kann Wasser von einem zum nächsten Fluss tragen, jeden Tag einen Stein in der Tasche tragen – wenn Sie meine Arbeit genau anschauen, geht es beim Laufen um ganz bestimmte Vorstellungen, die jedes Mal variieren. Die Landschaften verändern sich – aber die platonische Idee des Kreises bleibt dieselbe. Und jede Spur ist an jedem Ort anders.

Sie verwenden sehr einfache geometrische Formen: Kreise, Kreuze oder Linien. Ihre Skulpturen erscheinen dadurch archaisch und fast mystisch – und das, obwohl Sie immer wieder auf den Realismus verweisen.

Ja, meine Arbeiten sind beides. Und tatsächlich sind Form und Material sehr archetypisch und kraftvoll, was mir sehr liegt. Als ich zum ersten Mal einen Kreis baute, war das ein ganz intuitiver Prozess. Er war wie ein Beweis für eine Idee, die mich mein Leben lang begleitet hatte.

Wie schaffen Sie es, dass diese Formen so akkurat gelegt sind? Schließlich reisen Sie nur mit einem Rucksack…

Sie sind gar nicht so perfekt. An bestimmten Stellen ist es einfacher, einen Kreis zu legen, an anderen eine Linie. Es ist tatsächlich sehr einfach, eine gerade Linie von A nach B zu laufen. Bei Kreisen gehe ich manchmal nach Augenmaß, aber ich habe auch eine Schnur in meinem Rucksack, die ich manchmal als Zirkel benutze. Und ich habe eine Wasserflasche, die ich auch für Zeichnungen benutze. Aber es gibt keine Tricks (lacht).

Haben Sie jemals an Verkaufen gedacht, als Sie damit anfingen?

Nun, ich wusste, dass ich etwas Interessantes tat, als ich Mitte der 60er-Jahre mit meiner Arbeit anfing. Ich wusste, dass es echte Kunst war. Aber erst, als ich 1968 zwei Monate nach meinem Studienabschluss meine erste Schau bei Konrad Fischer hatte – ich kam mit einem Koffer voller Stöcke vom Flussufer – war ich sehr erstaunt, dass es jemand kaufte. Wenn man etwas Interessantes herausgefunden hat, kommt man nicht auf die Idee, dass jemand dafür Geld bezahlen würde. Ich muss aber betonen, dass Konrad der erste Galerist war, der meine Arbeit verstand, mir meine erste Schau ausrichtete und für den Rest seines Lebens ein fantastischer Unterstützer war.

Woher kannte er Ihre Arbeit?

Wir hatten zusammen an einer Gruppenausstellung teilgenommen, als er selbst noch als Künstler arbeitete. Wir hatten uns nie gesehen, aber er lud mich ein, bei ihm auszustellen. Also stand ich eines Tages in Düsseldorf vor seiner Tür. Der Rest ist Geschichte.

Waren Sie jemals unsicher, was Ihre Arbeit betraf?

Nein, nie. Meine Arbeit macht mir sehr viel Freude. Sie ist ein wunderbarer Teil meines Lebens. Sie hält mich gesund und fit. Ich laufe durch Wüsten und Berge, schlafe im Zelt, ich kann Skulpturen über den Wolken machen – ich bin eingebettet in wunderschöner Landschaft. Es ist wie eine Feier für die Welt. Es geht natürlich auch noch um anderes, etwa um die Vermessung der Landschaft und mir selbst. Es geht um Distanzen, Beziehungen, kosmische Ereignisse, Sonnenaufgänge, Ebbe und Flut, der längste und kürzeste Tag und Nacht – die reale Welt und Natur bieten so viel, das man verwenden kann.

Und Ihre Arbeit ist überaus poetisch. Das darf man doch sagen?

Ja, warum nicht? Das sollte Kunst doch sein.

Naja, heute spielt das keine so große Rolle mehr. Wenn wir nochmal auf die Postmoderne zurückkommen: Viele Künstler haben ein Problem mit Poesie und Schönheit. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Heute ist alles viel komplizierter für Künstler. Für meine Generation war es einfacher, originell zu sein. Und tatsächlich wurde vieles schon in den späten Sechzigern abgedeckt. Minimal Art, Konzeptkunst, Arte Povera, Pop Art – jüngere Generationen mussten kompliziertere Strategien erfinden, um Kunst zu machen, die nicht unbedingt mit Schönheit und Einfachheit zu tun haben musste.

Stimmt, stattdessen läuft heute so manches unter „Appropriation“, vergangene Stile werden zitiert… Das ist sehr intellektuell und ambitioniert aber nicht besonders sinnlich.

Absolut, das sehe ich genauso!

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie in den Sechzigern noch Grenzen einreißen konnten?

Nein, das wäre etwas hochgegriffen. Meine Arbeit war nie strategisch. Ich tat das, was ich interessant fand, ging raus und lief eine Linie. Das war keine Reaktion gegen irgendwas Bestimmtes. Es gab nur neue Möglichkeiten, neue Dinge zu tun.

Hatten Sie bestimmte Künstler im Kopf, als Sie damit anfingen?

Nein. Vor der Arbeit mit dem Schneeball machte ich Arbeiten in den Gärten irgendwelcher Leute.

In den Gärten?!

Ja, nachdem ich vorher gefragt hatte (lacht). Dann ging ich in die Parks und die Umgebung von Bristol – meine Heimat war von jeher ein sehr reiches Gebiet für meine Arbeit als Künstler. Ich musste also zu Beginn gar nicht weit reisen, um geeignete Orte zu finden.

Wussten Sie, dass zeitgleich mit Ihnen andere Künstler an ähnlichen Themen arbeiteten – vor allem Robert Smithson oder Walter de Maria in den USA?

Nein, überhaupt nicht! So etwas passiert aber sicher in allen Bereichen, ob Mode oder Mathematik, dass sich die Menschen mit ähnlichen Dingen beschäftigen. Ich arbeitete ziemlich isoliert. Als ich dann meine Ausstellung bei Konrad Fischer hatte, lief dort gerade eine Ausstellung mit internationalen Künstlern in der Kunsthalle Düsseldorf. So lernte ich Künstler wie Daniel Buren, Panamarenko und Joseph Beuys kennen. Und ich traf Carl Andre, der sich sofort für meine Arbeit interessierte. Er setzte sich sehr für mich ein, und ein paar Monate später hatte ich eine Schau in New York. Ich hatte großes Glück, dass ich zur rechten Zeit nach Düsseldorf kam. Aber natürlich wäre all das nicht möglich gewesen ohne meine eigene Vorgeschichte an Werken in der englischen Landschaft.

Was war der Unterschied zwischen Ihrer Arbeit und den Amerikanern?

Oh, das war eine ganz andere Philosophie. Auch wenn es in deren Arbeit nicht um Besitz ging, mussten sie das Land kaufen, auf dem sie arbeiteten. Schließlich benutzten sie Bagger und andere Maschinen. Das ist ein sehr amerikanischer Ansatz. Ich interessiere mich dagegen für einen Maßstab, den ich beim Gehen erschließen kann. Ich bin an Größe interessiert, aber nicht an Monumentalität. Ich interessiere mich für die Höhe einer afrikanischen Bergspitze, die ich erklimmen kann, während die amerikanischen Land Art-Künstler Monumente in ihrem Hinterland errichteten. Ich denke übrigens auch, dass sie sehr amerikanisch sind, weil sie vor allem in Amerika arbeiteten. Was nicht heißt, dass es dort keine wunderschönen Landschaften gibt. Aber nach Südamerika, Afrika, Alaska zu reisen, bedeutet noch ein bisschen mehr Freiheit. Meine Arbeit ist nicht nur nicht monumental, sondern hat einen leichteren ‚Touch‘. Ich kann eine große Arbeit machen, indem ich mich sehr leichtfüßig bewege.

Sehen Sie sich als einen englischen Künstler?

Es ist wohl unvermeidbar und ich möchte es auch nicht leugnen – auch wenn man früher als junger Künstler darüber nicht nachgedacht hat. Aber die Nähe zu Dartmoor oder Stonehenge und auch, dass ich nach London und zurück durch die Landschaft getrampt bin, haben mich als englischen Künstler geprägt. Natürlich spielt auch meine Herkunft aus Bristol eine Rolle, was den zweithöchsten Wasserstand der Welt hat. Es ist also kein Wunder, dass ich mich für Wasser, Schlamm, Flüsse und Gezeiten interessiere.

Machen Sie online einen Rundgang durch die Ausstellungen der auf artnet vertretenen Galerien des Gallery Weekend Berlin 2012.


Mehr im Dossier  Gallery Weekend Berlin 2012

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