Interview mit Ralph-Andreas Surma

In dubio pro argentum

Henrike von Spesshardt
14. November 2011

Ralph-Andreas Surmas Sammlung von Avantgarde-Silber aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist bisher nur einem kleinen Kreis von Fachleuten bekannt. Die Leidenschaft des 42-jährigen Rechtsanwalts aus Düsseldorf gilt den Objekten selbst, weshalb er eher verschwiegen sammelt und wenig Wert auf das Drumherum des Kunstmarktes legt. Seine Sammlung hat jedoch mittlerweile eine Qualität und einen Umfang erreicht, die auch Museen auf sie aufmerksam werden lassen. Erst kürzlich waren einige der Stücke im Berliner Bröhan-Museum ausgestellt.

artnet: Herr Surma, wann haben Sie mit dem Sammeln begonnen und warum?

Ralph-Andreas Surma: Ich sammle seit meinem 12. Lebensjahr, allerdings haben sich die Sammlungsschwerpunkte seit dieser Zeit verschoben und im Laufe der Zeit konkretisiert. Einen bestimmten Grund für das Sammeln kann ich nicht angeben. Vielmehr ist es rational nicht zu erklären – ein Leben ohne Sammeln kann ich mir nicht vorstellen. Ich glaube, es gibt wirklich so etwas wie ein „Sammlergen“, man hat es oder man hat es nicht. Das Sammeln ist jedenfalls meine große Leidenschaft. Die Freude, schöne Dinge zu finden und zu bewahren, und das Ziel, mit der Sammlung irgendwann einen möglichst umfassenden Überblick über eine bestimmte Kunstgattung geben zu können, sind die bestimmenden Faktoren.

Ihre Sammlung ist sehr vielfältig.

Das stimmt wohl. Angefangen habe ich als Kind mit altägyptischen Skarabäen und griechischen Tetradrachmen. Im Laufe der Zeit habe ich dann verschiedene andere kleinere Sammelgebiete durchlaufen, bis ich mit etwa 20 Jahren das Sammelgebiet gefunden habe, das mich bis heute fesselt: Silber und Metallarbeiten der 1920er- und 30er-Jahre. Schwerpunkte sind französisches Art Déco sowie dänische und deutsche Silberarbeiten. Interessiert bin ich allerdings an vielem, sodass ich häufig ein sogenanntes „Belegstück“ anderer Epochen, Stile, Materialen erwerbe. Ich lebe ja mit den Dingen und habe sie nicht etwa eingelagert. Das Zuhause wird so zu einem ganz persönlichen, besonderen Ambiente. Es gibt eine ständige geistige Anregung, und ich freue mich jeden Abend, nach Hause zu kommen. Dabei ist es wichtig, den Blick über die Kernsammlung hinaus auch für anderes offen zu halten. Dies sind oft kleine Gegenstände, es müssen keine Meisterwerke sein. Sie sind dann Stellvertreter für andere mögliche Sammlungen, die sich nicht zuletzt aus finanziellen Gründen nicht haben verwirklichen lassen. Eine Sammlung mit entsprechendem Vollständigkeits- und Qualitätsanspruch existiert allerdings nur im Bereich des Silbers und der Metallarbeiten. Darauf liegt der eindeutige Schwerpunkt.

Sie scheinen eher museal mit Ihrer Sammlung umzugehen? So viele Vitrinen...

Ja, die Sammlung umfasst mittlerweile auch weit über 100 Stücke. Die Objekte sind in der ganzen Wohnung in Vitrinen verteilt. Es ist immer alles zu sehen. Eine „Lagerhaltung“ kommt für mich nicht in Frage. Menschen, die Kunst in Lagern unterbringen, sind keine passionierten Sammler, sie sammeln nur an! Ein Sammler kann ohne seine Sammlung nicht leben - auch das Argument, man habe nur Großformate, lasse ich nicht gelten. Dann muss man sich um andere Ausstellungsorte bemühen. Kurioserweise findet man Sammler mit Lagern in der Regel nur im Bereich der zeitgenössischen Kunst.

Wie würden Sie denn Ihr eigenes Verhältnis zur zeitgenössischen Kunst beschreiben?

Eher ambivalent. Zum einen halte ich sie – und damit auch die Sammler derselben – für äußerst wichtig, da dort aktuelle Zeitgeistströmungen aufgenommen werden können, als Spiegel unserer Zeit. Beide Seiten gehen bewusst das Risiko ein, noch nicht zu wissen, was letztendlich Bestand haben wird. Jede Epoche braucht diese Avantgarde von Künstlern und Sammlern, die sich getraut haben! Zum anderen finde ich zeitgenössische Kunst heute allerdings oft befremdlich und banal: Sie hat für mich häufig keinen künstlerischen Anspruch mehr, ist zu einem großen Geschäft geworden. Die Preise halte ich einfach nur für abenteuerlich, gerade auch im Vergleich zur etablierten Kunst. Manchmal habe ich das Gefühl, dies spiegelt vielleicht auch den Verlust an Bildung bis in die vermögendsten Bevölkerungsschichten wider. Viele Sammlungen zeitgenössischer Kunst wirken austauschbar, da sie meistens Werke der gleichen Künstler beinhalten. Mich erstaunt das nicht, da viele dieser Sammler anscheinend nicht mehr mit dem eigenen Auge, sondern mit Kunstberatern ihre Sammlung aufbauen. Die Szene mit Partys und dem Eventcharakter gewinnt zunehmend an Bedeutung, vor allem für die, die auf diese Weise nach gesellschaftlicher Anerkennung und Aufmerksamkeit suchen. Wie kann man denn noch von ernsthaftem Sammeln sprechen, wenn man sich bei Galerien auf Wartelisten für Werke eines begehrten Künstlers setzen lässt, ohne das betreffende Werk vorher gesehen zu haben, ohne zu wissen, ob es in die Sammlung passt? Ein Name - wie bedeutend auch immer - steht doch nicht für immer gleichbleibende Qualität. Zum Thema der Lager-Sammler habe ich mich ja schon geäußert. Ach herrje, Sie sehen, mein Verhältnis ist doch sehr kritisch.

Also zurück zu den alten Dingen. Wie haben Sie Ihre Sammlung zusammengestellt?

Ich kaufe bei Händlern, auf Messen wie auch auf Auktionen. Früher habe ich sogar überwiegend bei Händlern gekauft, in letzter Zeit jedoch vermehrt auf Auktionen, da es immer weniger Händler mit diesem Spezialgebiet gibt. Dennoch besuche ich alle großen Kunst- und Antiquitätenmessen in Europa. Unverzichtbar sind die Brafa Brüssel, die TEFAF, die Juni-Messen in London inklusive Masterpiece, die Messen in München im Oktober sowie natürlich die Cologne Fine Art & Antiques! Auktionshäuser sind in Deutschland vor allem Quittenbaum und von Zezschwitz in München sowie Herr in Köln. Die Auktionen von Sotheby‘s und Christie‘s in Paris sind ein Muss, gerade im Juni konnte ich dort noch eine wichtige Metallarbeit von Emmy Roth aus den 1920-Jahren ohne jede Gegenwehr erwerben. Bei der Cologne Fine Art waren in den letzten Jahren die Stände von Grobusch, Isman-Fänder und Dr. Westermeier für mich feste Anlaufpunkte. Wichtige Händler weltweit für ausgefallene Objekte dieser Zeit sind Ulrich Fiedler aus Berlin und Francis Janssens van der Maelen aus Brüssel. Dort trifft man auf die Fachkompetenz, die es so nur im Handel gibt.

Sie sind viel unterwegs. Schauen Sie auf Ihren vielen Reisen nach Stücken, die Ihre Sammlung ergänzen?

Ich bin tatsächlich beruflich viel unterwegs – eigentlich weltweit, in letzter Zeit allerdings vor allem in Indien und China. Überall, wo ich bin, versuche ich – soweit es die Zeit erlaubt – auch einen kleinen Überblick über den lokalen Kunsthandel zu bekommen. In Asien ist das allerdings schwierig. Zum einen, da man in meinem Sammelgebiet europäischen Avantgarde-Silbers aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und entsprechender Metallarbeiten hier nicht fündig wird; zum anderen allerdings auch aus Sorge vor Fälschungen. Asiatische Kunst finde ich faszinierend - so habe ich selbst eine Reihe chinesischer Porzellanvasen der Kangxi und der späten Qing-Zeit und zwei Reliefs aus Gandhara. Mangels ausreichender Spezialkenntnisse würde ich jedoch nie alte Kunst in China und Indien kaufen, ganz abgesehen von den bestehenden Exportrestriktionen. Hier verlasse ich mich ausschließlich auf den europäischen Fachhandel.

Die letzte Frage gilt dem Liebling aus Ihrer Sammlung. Haben Sie sich schon für einen entschieden?

Ach, davon habe ich so viele… Eines der qualitativ und vom Entwurf her klarsten und schönsten Objekte beziehungsweisen Ensemble ist ein Toilettenset, bestehend aus einem silbernen Handspiegel, zwei silbernen Kleiderbürsten und fünf Parfumflakons unterschiedlicher Größe aus Baccarat-Kristall mit silbernen Verschlüssen. Der klare geometrische Dekor im Silber wird im Kristall übernommen. Es wirkt so schlicht und modern, als sei es gerade gestern hergestellt worden. Hersteller dieses einmaligen Sets war Ende der 1920er-Jahre Jean E. Puiforcat, der berühmteste Silberschmied des französischen Art Déco. Angeblich war es ein Geschenk des Maharadjas von Indore, dessen berühmter Palast Anfang der 1930er-Jahre von Eckart Muthesius in Indien gebaut wurde, für die Tänzerin Josephine Baker als Ausdruck seiner Bewunderung. Welch eine Geste, welch ein Geschmack! Wie schön wäre es, wenn sich in den Auftragsbüchern von Puiforcat diese Provenienz noch belegen ließe... Das muss aber noch recherchiert werden. Unabhängig davon aber spiegelt dieses Set von perfekter Schönheit und Ausgewogenheit in Material und Form den Zeitgeist der 1920er-Jahre in selten gesehener Weise wider.


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