Interview mit Qiu Shihua

„Dieser Weg hat kein Ende“

Minh An Szabo
14. Mai 2012

Qiu Shihua: „Weißes Feld“ – Hamburger Bahnhof, Berlin. Vom 26. April bis 5. August 2012

Qiu Shihua hat etwas von einem daoistischen Lehrmeister. Klein, dünn, mit grauem Haar, traditioneller Jacke und dem typischen langen Bart alter chinesischer Meister wirkt der 72-Jährige wie aus einem vergangenen Jahrhundert entsprungen. Wer bis dato kein Werk von ihm gesehen hat, würde ihm wohl fein konzipierte Tuschelandschaften zuordnen: Irrtum. Trotzdem wohnt Qius Bildern ein typisch chinesischer Geist inne: Reduktion und Konzentration münden in stark reduzierte Farben und kaum wahrnehmbare Naturräume an der Grenze zum neblig-cremefarben Abstrakten, manchmal mit einem Hauch von Rot oder Grün verwischt.

Dabei kommt Qiu aus der figurativen Malerei. Erst in den 80er-Jahren begann er mit seinen sandweißen, fast monochromen Landschaften, nachdem er eine schwere Schaffenskrise mit Hilfe der daoistischen Lehre überwunden hatte. Bis heute ist er dieser Linie treu geblieben. Erstmalig in Europa ist nun ein großer zusammenhängender Werkzyklus von Qiu Shihua mit 32 Gemälden und Papierarbeiten aus den Jahren 1970 bis 2011 im Hamburger Bahnhof zu sehen, bevor er in das Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern weiterwandert.

Geboren wurde Qiu 1940 in Zizhong, der Provinz Sichuan. Seine Ausbildung in Ölmalerei absolvierte er an der Kunstakademie von Xi‘an. Unter dem Regime Mao Zedongs bedeutete das: Sozialistischer Realismus nach sowjetischem Vorbild, verfeinert mit chinesischer Volkskunst – rot, knallig, propagandistisch. Während der Kulturrevolution arbeitete Qiu als Plakatmaler in einem Kino in der kleinen Stadt Tongchuan in der Provinz Shaanxi – denn auch die Kinoplakate im China der 70er-Jahre geizten nicht mit politisch infiltrierter Ästhetik. Doch neben dem Beruf malte Qiu eigene Bilder, stets mit dem Ziel vor Augen, „chinesische Tradition mit westlicher Kunst verschmelzen zu können“. Irgendwann war er am Ende, glaubte, keine richtige Form finden zu können und gab frustriert das Malen auf. Erst seine Beschäftigung mit der daoistischen Philosophie und die Praktizierung ihrer Übungen lehrte ihn, ruhiger und entspannter zu werden, die Verbissenheit abzulegen und getreu seiner eigenen Natur zu leben. In dieser Phase fand er zur Malerei zurück und zu seinem Stil der unbestimmten, weißen Landschaften. Denn wer mit dem Dao geht, der geht mit seiner Natur. Tritt in den Fluss ein, ist im Einklang mit der Natur.

Für den Betrachter ist das gar nicht so einfach. Er ist geistig und körperlich gefordert, fast schon überfordert: Er muss lange vor Qius Bildern verharren, um überhaupt etwas zu entdecken. Wenn er dann meint, eine kleine Baumgruppe im oberen rechten Bildrand erspäht zu haben, muss er feststellen, dass im nächsten Augenblick eben diese Baumgruppe nicht mehr zu sehen ist. Geduld, Ruhe – also vor allem Zeit – muss mitbringen, wer diese Bilder wirklich wahrnehmen möchte: Eine Zumutung für den abgehetzten iPhone-Menschen.

Kein Wunder, dass sich auch die Fragen auf der Pressekonferenz im Hamburger Bahnhof um Zeit drehen: Wie lange braucht Qiu, um ein Bild fertigzustellen? Woher weiß er, wann sein Bild fertig ist? Wie lange muss man seine Bilder betrachten, um etwas zu sehen? Welche Rolle spielt die alte chinesische Maltradition für ihn? Alles interessante Fragen, die die Journalisten hier stellen. Aber für einen Künstler, der den Daoismus seit über 20 Jahren praktiziert, sind sie irrelevant. Und so antwortet Qiu denn entsprechend enigmatisch: „Es gibt kein Ende, es gibt keinen Beginn. Ich male, wenn es gerade richtig ist. Ich höre auf, wenn das Bild eben fertig ist.“ Oder: „Zeit ist ein Kontinuum. Es gibt keine Vergangenheit, keine Gegenwart, keine Zukunft.“ Und weiter: „Der Betrachter sieht, was er sieht. Wenn er eine Landschaft wahrnimmt, gut. Wenn er nichts erkennt, auch gut. Es ist nicht wichtig, ob er mit einem östlichen oder westlichen Erfahrungshintergrund an meine Bilder herantritt. Wichtig ist nur, dass er hinschaut, sich Zeit nimmt.“ Schnell ist klar, dass man sich auf diesen Künstler anders einlassen muss, um mehr zu erfahren.

artnet: Herr Qiu, steht der Betrachter vor Ihren Bildern, so wird er unweigerlich auf die Suche geschickt – nach etwas Sichtbarem, einer Landschaft, einem Weg ins Bild. Spiegeln die Bilder Ihre eigene Suche wieder, vielleicht gar die nach dem Dao?

Qiu Shihua: So kann man das sehen, ja. Sei es das Universum, sei es die Leere, sei es nur eine Tür, nach der man sucht, die man herbeiwünscht. Zuerst sieht man nichts. Dann langsam entdeckt man einen kleinen Weg, einen Baum, einen Berg. Es scheint eine Richtung zu geben, aber auch wieder nicht. Es scheint eine Form vorhanden zu sein, aber dann auch wieder keine. Im Idealfall beruhigt das Anschauen meiner Bilder den Betrachter, zwingt ihn, das Drumherum zu vergessen, zur Ruhe zu kommen und die Rastlosigkeit vom Herzen zu nehmen. Idealerweise gerät der Betrachter in den Zustand eines stillen Gewässers mit einer glatten, schimmernden Oberfläche. Gebettet in eine Senke, im Einklang mit der Umgebung, bewegt und doch still, wunschlos, die Natur widerspiegelnd. Wichtig ist das achtsame Hinschauen, dann kommt man an.

Kann man dann sagen, dass es im Grunde völlig irrelevant ist, welche Landschaft man in den Bildern entdeckt?

Ja. Bei der Suche hat man das Gefühl, immer tiefer einzudringen. Gegenstände treten allmählich zum Vorschein. Wenn dein Herz rein ist, dann erweitert sich dein Blick. Dann verschwinden die Leute um einen herum. Übrig bleiben Du und das Bild. Es ist eine Beziehung, ein Zwiegespräch zwischen Dir und dem Bild. Denn das Bild bewegt sich, ist lebendig. Mal ist es hier, mal dort, mal zu sehen, mal verschwunden. Das Mystische scheint schwer greifbar und oft nicht vorhanden zu sein, aber es ist eben doch immer da und überall. Es lohnt sich immer, ein Bild mehrere Male zu betrachten. Warum? Weil man jedes Mal mit einem anderen Gemütszustand, einem anderen Erfahrungsstatus herantritt. Jedes Mal sieht man etwas anderes.

Empfinden auch Sie dabei jedes Mal etwas anderes? Tritt dieser Effekt auch bei Ihnen ein?

Ja, es geht mir selbst auch so. Ich beginne beim Malen mit einer leeren Fläche. Schritt für Schritt suche, ertaste ich mir die Landschaft.

Heißt das, dass Sie ohne Konzept und feste Vorstellung zu malen beginnen?

Wenn das gelingt, dann ist es am Besten. Häufig aber habe ich anfänglich durchaus eine Landschaft im Kopf. Am Ende kommt dann aber trotzdem immer etwas ganz anderes heraus. Auch ich trete jedes Mal mit einem anderen Gemütszustand an mein Bild. Es gibt tausend Wege, sich einer leeren Leinwand zu nähern. Oft habe ich das Gefühl beim Malen in einen Traumzustand überzugehen. Traum oder Nicht-Traum, gibt es diese Grenze?

Können Sie sagen, was genau das Dao für Sie bedeutet?

Die wichtigste Maxime in der daoistischen Philosophie ist das Nicht-Handeln. Doch dieses Nicht-Handeln bedeutet nicht, nur da zu sitzen und nichts zu tun. Es bedeutet vielmehr Nicht-Habenwollen. Man sollte versuchen, vom Verlangen, dies oder jenes zu erreichen, oder besitzen zu wollen, loszulassen. Das Ziel ist, frei von Wünschen, frei von Ehrgeiz, frei von Verlangen zu sein, sich dem Zufall zu überlassen. Dann erreicht man einen Naturzustand. Ein daoistischer Leitsatz sagt: „Der Mensch untersteht einer Gottheit. Die Gottheit untersteht dem Himmel. Der Himmel untersteht dem Dao. Das Dao untersteht der Natur.“ Das bedeutet, dass die Natur über allem steht. Alles entsteht aus der Natur, alles kehrt zur Natur zurück. Sich entgegen der Natur zu verhalten, wäre ungesund.

Würden Sie sich als religiös bezeichnen?

Ich verstehe den Daoismus nicht als eine Art Religion, der ich angehöre. Dao ist eigentlich nur ein zentraler Begriff in der Lehre von Laozi (chinesischer Philosoph, der im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben soll. Anm. d. Red.). Laozi sagt, dass das Dao im Grunde mit keinem Wort zu beschreiben ist. Es ist ein Urzustand noch bevor unser Universum überhaupt entstanden ist. Darin waren Dualismen noch nicht als Gegensätze zu verstehen, sondern als eine sich bedingende Einheit. In China spricht man vom Yin und Yang, vom Sein und Nichtsein, vom Leben und Tod, von Wahrheit und Falschheit und so weiter. Dabei bedingen sich die Gegensätze. Im Ich steckt ein bisschen vom Du. Und umgekehrt. Die vermeintliche Wahrheit kann schnell in Lüge umschlagen, so wie auch eine Unwahrheit sich letztendlich bewahrheiten kann. Wie kommt das? Weil es Auseinandersetzungen gibt, Kämpfe, Veränderungen. Alles verändert sich, alles ist im Wandel.

Haben Sie das Dao gefunden? Würde Ihr vollendetes Bild eine leere Leinwand oder einfach gar kein Bild mehr sein?

Nein, ich bin immer noch auf der Suche. Dieser Weg hat kein Ende, ich werde immer weiter gehen und nicht stehenbleiben können.

In der Ausstellung sind Ihre Werke von den 70er-Jahren bis 2011 zu sehen. Auffallend dabei ist, dass Sie immer abstrakter werden. Wo sehen Sie Ihre Veränderung über die Jahre?

Ich finde nicht, dass meine Werke immer abstrakter werden. Oder anders ausgedrückt, dass sie anfänglich gegenständlicher wären. Ich sehe so eine Unterscheidung nicht. Nun denken Sie in Dualismen.

Aber Sie werden nicht bestreiten, dass Sie damals in den 80er-Jahren anders, in einem anderen Gemütszustand gemalt haben als 2011?

Das kann ich Ihnen erklären. Sicherlich bin ich damals anders an meine Bilder herangetreten. Heute besitze ich eine andere Einstellung, das ist richtig. Aber die innere Veränderung muss nicht äußerlich zu Tage treten und in meinen Bildern sichtbar werden. Wenn Sie behaupten, damals waren die Bilder nicht so abstrakt, sage ich, doch, sie waren auch damals schon abstrakt. Sie entstammten abstrakten Gefühlen oder abstraktem Sinn oder abstrakten Gedanken. Ob die Bilder abstrakter wirken oder nicht, hat überhaupt nichts auszusagen. Das, was zählt, ist, ob ich meinem natürlichen Weg damals wie heute gefolgt bin.

Richtig, Sie erwähnten ja, dass Sie Zeit nicht linear sehen, daher kann es keine Entwicklung geben, worauf ich eigentlich hinaus wollte.

Ganz genau. Unterschiede sind da, keine Frage, aber sie sollen nicht gegenübergestellt und verglichen werden. Jedes Bild stellt einen Zustand dar, keine Entwicklung, keine lineare Geschichte. Das fertige Bild ist nicht länger mein Bild, meine dargestellte Erfahrung. Der Betrachter eignet sich das Bild an, macht es zu seinem Bild. Sieht, was er sehen kann und will – vollendet das Bild in seinem Kopf, in seiner Vorstellung.

Wie vereinbaren Sie Ihre geistige Welt mit der des überaus weltlichen, monetären Kunstmarkts? Sie werden ja erfolgreich von mehreren Galerien vertreten. Sie verkaufen Bilder. Wer kümmert sich um Ihr Geld?

Geld und Ware, das sind nur Dinge. Geld an sich ist nicht „sauber“ oder „schmutzig“. Es ist der Mensch, der diese Eigenschaften in das Geld hinein interpretiert. Wenn sich jemand durch ehrliche Arbeit seine Schüssel Reis verdient, dann ist es ‚sauberes‘ Geld. Dinge sind ursprünglich frei von Wert oder Bedeutung. Nur der Mensch lädt sie damit auf. Nein, Geld zu besitzen ist an sich nichts Schlechtes.

Wissen Sie denn, wie viel Ihre Werke wert sind? Interessiert es Sie?

Nein, es ist unmöglich für mich, den Kunstmarkt zu durchschauen. Er ist eigentlich auch wie das Dao, gehorcht seinen eigenen Gesetzen, verändert sich ständig (lacht).

Es heißt, dass Sie sich in Ihrer Konzeption unter anderem an der chinesischen Landschaftsmalerei sowie der europäischen Romantik und an Künstlern der Minimal Art wie Robert Ryman orientiert haben. Können Sie das bestätigen?

Nein, wie könnte ich? Ich kannte die Kunstrichtung Minimal Art doch gar nicht. Ich hatte ja gar keine Gelegenheit, Werke von diesen Künstlern zu sehen. Als China sich Ende der 70er-Jahre öffnete, waren doch zuerst Picasso, Warhol und Rauschenberg unsere Idole. Von den Minimalisten war gar keine Rede, geschweige denn konnte man ihre Bilder sehen. Das konnte ich erst sehr viel später, als ich Europa bereisen durfte. Und ich muss sagen, ich sehe keine Ähnlichkeit. Die Minimalisten malen sehr vereinfacht und unkompliziert, aber auch sehr unnatürlich. Die Bilder sollen nichts aussagen. Die Leinwand ist nicht mehr als eine Leinwand, die Farbe nicht mehr als eine Farbe. Ihre Bilder sind abhängig von den begleitenden Abhandlungen. Im Grunde genommen funktioniert ihre Idee auch ohne Bilder nur mit geschriebenen Worten. Kennt man nur die Bilder ohne die Texte, ergeben sie keinen Sinn. Bei mir kommt es ja auf den tieferen Sinn an. Meine Bilder muss man ohne überbordende Theorie erfassen können.

Wie werden Ihre Bilder in China rezipiert?

Eigentlich ist es nicht wichtig, aus welchem Land die Leute kommen, die sich meine Kunst anschauen. Wichtig für mich ist, ob dieser Mensch offen und bereit ist dafür oder nicht. Und da gibt es Generationsunterschiede, ja. Jede Generation ist unterschiedlich empfänglich für Kultur.

Sie haben an der legendären Ausstellung „China/Avantgarde“ teilgenommen, die im Februar 1989 in der Nationalgalerie in Beijing stattfand. Wie wurden damals Ihre weißen Bilder vom Publikum angenommen? Man war ja immer noch auf die figurative Malerei fixiert.

Anfänglich stießen meine Bilder auf viel Unverständnis. Man lachte hinter vorgehaltener Hand über mich. Heute finde ich das sehr lustig (lacht). Aber auch damals habe ich mich davon nicht beirren lassen, weil ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg war. Alle Stationen in meinem Leben sollten so sein, auch die Fehler, die ich gemacht habe, sonst wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.


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