1. März 2012
Sechs Jahre ist es her, seit mit der winzigen Ausstellung „Second Site“ in der Stephen Lawrence Gallery in England ein kleines Phänomen auf Tour ging, und spätestens seit dem ersten eigenen Pavillon auf der Biennale von Venedig 2007 ist die Sache ein Begriff: Roma-Kunst. Die Kallio Kunsthalle in Helsinki hat gerade eine „GYPSY REVOLUTION“ im Programm, das Museum für Völkerkunde Hamburg zeigt noch bis Mai 2012 „Wahlverwandtschaften“ – Nomadentum hat offenbar Konjunktur. Doch warum in die Ferne schweifen, wenn mit der Galerie Kai Dikhas im Aufbau Haus am Moritzplatz, mitten in Berlin-Kreuzberg, der Spezialist des Themas sitzt. Der Name der Galerie bedeutet „Ort des Sehens“, zwei Begriffe, die in allen Romani-Dialekten verstanden werden. Das hofft zumindest Moritz Pankok, der künstlerische Leiter der Galerie, der diese Marktlücke seit April 2011 besetzt. Eine Familientradition, könnte man meinen. Denn schon für seinen Großonkel, den Maler und Grafiker Otto Pankok, waren Sinti und Roma ein Thema. Im Gespräch mit artnet gibt Moritz Pankok Auskunft über seine Mission, ihren Künstlern eine Stimme zu geben.
artnet: Herr Pankok, kann seit dem „Paradise Lost“-Pavillon auf der Biennale von Venedig von einer verstärkten Neugier für die Kunst von Sinti und Roma gesprochen werden?
Moritz Pankok: Es gibt tatsächlich mehr Aufmerksamkeit, aber das hatte sich schon vor der Biennale angedeutet. Es herrschte so eine bestimmte Unruhe unter den Roma-Künstlern. Und die hat die Kuratorin des ersten Pavillons, Tímea Junghaus, sehr geschickt aufgegriffen. Aber im Grunde hatte sich das schon seit den Nullerjahren dynamisiert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis aus dem Pool der so genannten „naiven Kunstszene“ Künstler erwachsen, die sich tatsächlich zeitgenössisch äußern. Dadurch, dass es jetzt mehr Künstler eines bestimmten Niveaus gibt und sie miteinander in Kontakt kommen, entsteht ein neuer Diskurs. Man könnte von einer Bewegung sprechen, die sich auf den Weg gemacht hat. Das will ich mit der Galerie begleiten.
Wie sind Sie zu dieser speziellen Kunst gekommen?
Das ist eine lange Geschichte. Es begann mit einem Flüchtlingsheim in meiner Heimatstadt Mühlheim an der Ruhr, in dem wegen des Jugoslawienkrieges über 600 Menschen zusammengepfercht in einer Containeranlage lebten. Irgendwann hatte ich dort meinen eigenen Container – ein Büro – und habe mit den Jugendlichen Theater in Romanes gemacht.
Sie sind also über die Kulturarbeit zur Kunst gekommen?
Genau. Nach meinem Studium der Szenografie am Central Saint Martins College in London arbeitete ich jahrelang als Bühnenbildner bei dem Roma-Theater Pralipe und bin dort mehr und mehr mit bildenden Künstlern in Kontakt gekommen. Da habe ich gemerkt, dass es wichtig wäre, diese künstlerische Arbeit, die jenseits der stereotypen Erwartung vom Roma-Musiker liegt, nach vorne zu bringen und einem größeren Publikum zugänglich zu machen.
Verstehen Sie sich als Kunstaktivisten?
Wir sehen uns in erster Linie als Kunstvermittler: Wir vertreten die Künstler und ihre Kunst. Künstler müssen von ihrer Kunst ja leben können. Durch unser etwas ausgefallenes Thema spielen aber natürlich immer wieder auch andere Aspekte in unsere Arbeit hinein. Wir werden angefragt, uns zu Themen zu äußern, die eigentlich eher die Minderheit an sich betreffen. Aber Künstler setzen sich ja generell mit ihrer eigenen Identität auseinander und verarbeiten diese in ihrer Kunst. Bei Angehörigen einer Minderheit ist es aufgrund ihrer Erfahrungen von Diskriminierung und Ausgrenzung so, dass ihre Ethnie zum Thema gemacht wird. Das ist bei der jetzigen Ausstellung besonders augenfällig. Die beiden Künstler Damian Le Bas und Gabi Jiménez beziehen sich ganz explizit auf ihren Hintergrund als Gypsy, Traveller, Gitano. Aber das trifft nicht auf alle Roma-Künstler zu. Den Arbeiten von Imrich Tomáš zum Beispiel, einem slowakischen Roma-Künstler, den wir ab März zeigen, sieht man das überhaupt nicht an.
„Gypsyland“ heißt die aktuelle Schau, es ist inzwischen Ihre fünfte. Geht es darum, eine Art nationenübergreifendes Selbstbewusstsein zu vermitteln?
Die Ausstellung hat eigentlich zwei Themen: Einmal sprechen wir die Freundschaft zwischen zwei Künstlern an, denn Le Bas und Jiménez sind gute Freunde. Aber rein sprachlich verstehen sie sich nicht, ihr Romanes ist zu unterschiedlich. Damian spricht kein Französisch und Gabi ganz wenig Englisch. Aber wenn sie anfangen zu zeichnen, zu malen, dann entsteht sofort ein kreativer Austausch. Deswegen zeigen wir in unserer Galerie auch eine Gemeinschaftsarbeit der beiden, die hier in drei Tagen entstanden ist. Da kann man ganz gut sehen, wie sie sich ergänzen, sich die Ideen gegenseitig zuspielen.
Aber wir stellen auch die Frage, ob es ein „Gypsyland“ geben könnte. Den Sinti und Roma fehlt das Bewusstsein eines gemeinsamen Herkunftslandes, deswegen verfolgen wir hier den Ansatz, die gemeinsame Kultur als dieses Land vorzuschlagen. „Gypsy“ ist - ähnlich wie „Indianer“ in Amerika - der Begriff eines Missverständnisses. Denn „Gypsy“ bezog sich ursprünglich auf Ägypter, es spielen aber auch herrlich mehrdeutige Assoziationen in den Ausstellungstitel hinein. Da ist es zu Disneyland gar nicht mehr weit.
Wie sieht dieses Fantasieland aus?
Beide thematisieren auf unterschiedliche, aber doch ähnliche Weise, dass sie keinen festen Platz haben. Gabi Jiménez beschreibt die Exklusion oder die Vertreibung von einem Ort. Zum Beispiel in dem Bild Grand Paris, wo die neue Politik der Stadtverwaltung zum Ausdruck kommt, die Roma-Wagen im Stadtgebiet nicht mehr duldet. Auf der anderen Seite überzieht Damian Le Bas Landkarten, die ja eben Grenzen und politische Systeme wiedergeben sollen, mit seinen eigenen Erinnerungen, mit Gesichtern von Menschen, die für ihn ein Land ausmachen. Dadurch – er nennt das eine künstlerische Eroberung – besetzt er ein Land. Und er spielt dabei auch mit Worten: Die Karte London Roman Ville bezieht sich natürlich darauf, dass Londinium eine römische Stadt ist, aber eben auch eine Stadt der Roma. Auch wenn es dort aufgrund von Gentrifizierung schwierig ist, den Lifestyle der Wohnwagen-Siedlung aufrecht zu erhalten. Denn im Gegensatz zu deutschen Sinti oder Roma gibt es unter den englischen Travellern noch die Tradition, dass man eben in so einer traveller site wohnt, auch wenn man nicht mehr umherzieht. Heute hat man einen klassischen englischen Rasen und einen Gartenzaun um den eigenen Wohnwagen herum.
Kann man überhaupt von einer Roma-Kunst sprechen?
Im Grunde nicht, weil ja jeder Künstler einzigartig ist. Und wir präsentieren künstlerische Individualisten: Jeder hat seine ganz eigene Weltsicht und drückt sich auch auf technischer Ebene ganz unterschiedlich aus. Das heißt, alle Roma-Künstler über einen Kamm zu scheren, ist grundsätzlich falsch. Genau das Gegenteil ist der Fall. Sie sind genauso divers wie die Minderheit, die in ganz Europa verstreut ist. Aber bei uns ist es einfach implizit, dass wir diesen Widerspruch zwischen „Wir sind die National Gallery of Romanistan“ und einem zeitgenössischen Kunstort, der natürlich nicht mehr in Form von Nationalitäten denkt, evozieren. Aber mit unseren ständig wechselnden Ausstellungen, mit der Qualität der Werke und der Formenvielfalt von Fotografie über klassische Malerei und abstrakter bis figurativer Kunst wirken wir dem ja auch entgegen.
Sie haben schon Daniel Baker, Alfred Ullrich, Delaine Le Bas und Lita Cabellut gezeigt. Darunter ist die 47-jährige Delaine Le Bas die jüngste Künstlerin. Wie steht es um den Nachwuchs?
Wir haben in unserer ersten Gruppenausstellung „Stopping Places“ auch sehr junge Künstler gezeigt: George Vasilescu (Jg. 1984) ist ein Roma-Künstler aus Bukarest, der sich ursprünglich mit älterer Kunst – genauer gesagt mit Rembrandt – beschäftigt hat. Aber mittlerweile arbeitet er mit unterschiedlichen Medien. Hier hat er unter anderem eine Installation mit einem bemalten Schuh gemacht, der im Schaufenster stand. Das Werk heißt Clouds after Vincent, in Anlehnung an Vincent van Gogh. Und Krzysztof Gil (Jg. 1982), ein junger Roma-Künstler aus Polen, war auch mit ein paar wunderbaren Grafiken dabei. Er studiert noch an der Kunsthochschule in Krakau. Demnächst werden wir die slowakische Videokünstlerin Tamara Moyzes (Jg. 1975) ausstellen.
Potenzial ist also da. Dann verraten Sie uns doch, wie Sie sich als junge Galerie im globalen Kunstbetrieb zurechtfinden.
Der Kunstmarkt ist nicht gerade für seine Offenheit bekannt. Die Konkurrenz ist enorm und ich glaube, dass unsere klare Ausrichtung schon ein gewisses Novum ist, was durchaus kritisch gesehen wird – auch von den Kollegen, selbst wenn es positive Erfahrungen und kollegiale Unterstützung gibt. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob wir in der großen Galerieszene Berlins jetzt schon wirklich angekommen sind. Unsere Herausforderung besteht darin, ein sehr spezielles Sammelgebiet des Kunstbetriebes mit dem sozialpolitischen Interesse eines Spezialistenpublikums zusammen zu bringen. Da gibt es Berührungsängste und es kostet auch eine gewisse Überzeugungsarbeit, das ist uns klar. Aber wir sind ja gerade mal zehn Monate alt und müssen uns noch durchbeißen. Sicher werden uns einige von vornherein als Ethnoraum abtun, aber das ist ihr Problem. Wir sehen es als Herausforderung. Ich persönlich glaube, dass wir gegenüber anderen Galerien durchaus einen Vorteil haben. Denn unsere Kunst spielt mit den Stereotypen, die tatsächlich sehr fest verankert sind. Immer wenn jemand mit der Erwartung durch meine Tür kommt, hier Roma-Kunst zu sehen, erlebt er eine Überraschung.
Was ist denn nun das besondere an dieser Kunst?
Eine besondere Qualität der Roma-Kunst ist ihre emanzipatorische Wirkung. Einmal bricht sie die Erwartungen der Mehrheitsgemeinschaft und übt dadurch kräftig Kritik aus, auf der anderen Seite aber hat sie dieselbe Funktion auch innerhalb der Minderheit. Denn dass es überhaupt die Möglichkeit gibt, sich mit Kunst zu verwirklichen und damit seinen Unterhalt zu verdienen, das muss man einer zuweilen noch sehr traditionsverhafteten Gemeinschaft auch erst einmal vermitteln. Es ist diese Doppelfunktion, die in der Begegnung mit den Künstlern und mit den Werken hier deutlich wird. Und das macht diese Kunst für mich so lebendig. Ich sage nicht, dass die Roma-Kunst lebendiger ist als andere Kunst, und auf keinen Fall möchte ich das Klischee unterstützen, dass sie farbenfroher oder emotionaler sei, aber es spielt eben eine Rolle, dass sie überhaupt noch eine andere Funktion hat, die andere Kunst, die sich in einem gewissen Elfenbeinturm bewegt, vielleicht verloren hat. Das ist ihr Alleinstellungsmerkmal und es ist das, was sie für mich sehr glaubwürdig macht.
Aber tragen kann sich die Galerie von ihren Verkäufen nicht. Wie finanzieren Sie den Standort hier im Kreativkaufhaus?
Wir sind mit dem Netzwerk hier gut verbunden. Die Edition Braus gibt unseren Katalog heraus und die PREVIEW BERLIN im Haus wäre vielleicht eine gute Option, wenn wir eine Messebeteiligung überlegen sollten. De facto wäre es nicht möglich, eine Galerie dieser Art ohne Sponsor zu betreiben. Daher werden wir von Matthias Koch, dem Eigentümer des Aufbau-Verlages, unterstützt, bis wir uns unseren eigenen Marktanteil erkämpft haben.
Was ist Ihr Ziel?
Das mag jetzt vielleicht paradox klingen, aber möglicherweise arbeiten wir an unserer eigenen Abschaffung: Je mehr diese Kunst etabliert ist – und daran arbeiten wir ja – je normaler und anerkannter es ist, dass eine Minderheit sich zeitgenössisch äußert, je mehr diese Inspiration auch innerhalb der Gemeinde weitergegeben wird, je mehr Künstler sich auf dem freien Markt etablieren können und in allgemeinen Gruppenausstellungen gezeigt werden, desto weniger wird ein solch gesonderter Ort des Sehens – Kai Dikhas heißt ja Ort des Sehens – vonnöten sein.
Gabi Jiménez, Damian Le Bas: „GYPSYLAND“ – Galerie Kai Dikhas, Berlin. Vom 26. Januar bis 9. März 2012
Imrich Tomáš: „FERNWEH. FRAGMENTE“ – Galerie Kai Dikhas, Berlin. Vom 22. März bis 4. Mai 2012