Interview mit Messechef Frank Boehm

Alles neu macht Mailand

Marcus Woeller
16. April 2012

MiArt, Mailand. Vom 13. bis 15. April 2012

Der Wettbewerb wird härter. Nicht nur im Premiumsegment der Kunstmessen, wo sich die Frieze Art Fair mit ihrem neuen Standort New York bemüht, der Art Basel den Rang abzulaufen. Auch auf dem Markt der Regionalmessen werden die Ellbogen ausgefahren. Gerade kämpfen die Brüsseler und die Kölner Messe um die Sammler aus dem Rheinland und den Benelux-Staaten. Und offenbar auch gegen sich selbst – liegen sie doch fast auf demselben Termin. Um die Gunst der solventen, cisalpinen Sammlerschaft in Norditalien buhlen drei Messen: die altehrwürdig vor sich hindümpelnde Arte Fiera in Bologna, die seit einigen Jahren erlebt, was die Art Cologne in den späten Neunzigern durchmachte; die aufstrebende, um Internationalität bemühte Artissima in Turin, gegründet 1994; und die MiArt in Mailand, das Stiefkind der Region – gegründet zwei Jahre nach der Artissima.

Mit Frank Boehm, einem deutschen Architekten, der unter anderem den Kunstverein Hamburg umbaute, Galerien für Michael Neff in Frankfurt und neugerriemschneider in Berlin plante und die Kunstsammlung der Deutschen Bank in Italien berät, hat die MiArt nun zum ersten Mal einen künstlerischen Leiter berufen, der die Geschicke der Messe leiten soll. Da hat er noch viel Arbeit vor sich. Hohe Qualität zeigt sich momentan hauptsächlich im Bereich der italienischen Nachkriegsmoderne, die von den teilnehmenden Kunsthändlern gut abgedeckt wird. Besonders Lucio Fontana ist gut vertreten, beispielsweise bei Galleria Blu und Matteo Lampertico aus Mailand, Centro Stoccata aus Parma, Frediano Farsetti (der hier auch Giorgio de Chirico und Carlo Carrà zeigte) und Mazzoleni aus Turin. Die MiArt scheint also in erster Linie die Afficionados klassisch klingender Namen aus Italiens besseren Zeiten ansprechen zu wollen – wie Alighiero Boetti, Alberto Burri, Gianni Piacentino oder Giorgio Morandi.

Die zeitgenössischen Galerien gehen allerdings lieber zur Artissima – und die auf der MiArt sind nicht wirklich qualitätssicher. Hier sticht vor allem Kaufmann Repetto aus Mailand mit Werken von Judith Hopf oder Adrian Paci heraus. Aufgewertet wird die Messe besonders durch die jungen Galerien, von denen einige mit einer Art Wild Card auf die MiArt kamen – durch die von der Mailänder Università di Lingue e Comunicazione gesponserten Förderkojen. Auch die Galerie Christian Lethert aus Köln fällt hier positiv auf: Er zeigt eine Einzelpräsentation von Zeichnungen der amerikanischen Künstlerin Jill Baroff, außerdem der Stand von On Stellar Rays aus New York mit Zipora Fried und JJ Peet.

Ob die MiArt eine Zukunft hat, muss sich noch erweisen. Gegen den starken Kunsthandel benötigt sie auf jeden Fall dringend ein ähnlich potentes Gegengewicht für die zeitgenössische Kunst. Den Anfang einer Neuaufstellung hat Frank Boehm bereits gemacht, allerdings gilt sein Vertrag bisher nur für ein Jahr. artnet hat den gebürtigen Bremer, der sich selbst schon als Italiener bezeichnet und an den Universitäten von Mailand und Venedig gelehrt hat, vor der Eröffnung der MiArt getroffen.

artnet: Herr Boehm, wie wollen Sie die MiArt positionieren? Die Mailänder Kunstmesse konkurriert mit der aufstrebenden Artissima in Turin und dem leckgeschlagenen Messetanker Arte Fiera in Bologna.

Frank Boehm: So ist die allgemeine Wahrnehmung. Aus meiner Sicht geht es jetzt darum, zu analysieren, was die MiArt ausmacht und wie man sie im Unterschied zu den anderen Messen gut positionieren kann. Francesco Manacorda, mein Kollege von der Artissima in Turin, hat mir gleich gesagt: „Du hast Mailand als großen Standortvorteil!“ Das stimmt und das wollen wir auch herausarbeiten. Der italienische Kunstmarkt konzentriert sich in Mailand, sowohl der Kunsthandel,als auch die Galerien, auf zeitgenössische Kunst. Beides muss nun stärker mit der Messe verbunden werden. Bologna gibt es schon seit mehr als 35 Jahren. Früher gingen alle immer dorthin. Und Turin konzentriert sich sehr stark auf die zeitgenössischen Tendenzen, auch international. Die MiArt bringt das Beste aus der Moderne als Tradition zusammen mit Gutem aus dem zeitgenössischen Bereich.

Das war auch immer der Anspruch von Bologna.

Ja, aber ich möchte die MiArt sehr viel präziser positionieren. Mit weniger Galerien als in den letzten Jahren. Mein Vorgänger hat da bereits begonnen und die Zahl der Galerien reduziert. Manche interpretieren das als Rückgang des Interesses, tatsächlich sind allerdings sehr viele Galerien einfach nicht mehr angenommen worden. Die MiArt war eine riesige Messe mit mehr als 220 Teilnehmern. Es gab gute Galerien, aber auch viele, die ich überhaupt nicht vermisse.

Wie soll diese Präzision aussehen?

Präzise bedeutet, dass die Werke eine Qualität besitzen, dass die Galerien qualitativ hochwertig arbeiten, dass die Messe gut organisiert ist. Der Besuch soll angenehm sein, es soll eine schöne Messe sein. Das haben auch viele Freunde und Kollegen von mir aus Deutschland gefordert. Mailand hat diesen Ruf, eine Stadt für gutes Design zu sein, für gute Architektur und gutes Essen. Das Umfeld um die Kunst herum besitzt also schon eine hohe Qualität, die Kunst auch. Es fehlt also nur noch eine Messe, die dieses Profil widerspiegelt.

Das geht nur über harte Selektion.

Für die Auswahl sorgt auch hier natürlich ein Komitee. Meine Aufgabe war es, ein Programm zu entwickeln und bei Galeristen das Interesse für die MiArt zu wecken. Dann stellen die Galerien ihre Ideen vor, und gemeinsam mit dem Komitee treffe ich die Auswahl.

Beim Komitee zeigt sich die Konzentration auf die Region. Die Jury ist in rein italienischer Hand.

Und sie ist relativ klein. Aber Kunsthandel und zeitgenössische Galerien sind gleich gut vertreten. Michele Casamonti von Tornabuoni aus Florenz ist dabei, einer der wichtigsten Händler der Moderne in Italien. Ebenso Leonardo Farsetti, mit drei Galerien in Prato, Mailand und Cortina d'Ampezzo. Gió Marconi, Francesca Kaufmann und Chiara Repetto sowie Francesca Minini repräsentieren etablierte Galerien aus Mailand, aber mit Carlo Lioce ist auch ein Vertreter einer jungen Galerie im Komitee. Wir haben also versucht, das ganze Spektrum abzudecken.

Was hat sich bei den Sektionen der Messe getan?

Das habe ich völlig neu organisiert. Wir haben die Sektion „Established“ mit Galerien der zeitgenössischen Kunst und Händlern der Moderne entwickelt. Dann gibt es den Bereich „Emergent“, was allerdings nicht zwangsläufig etwas mit jungen Künstlern oder neuen Galerien zu tun hat. Dieses ständige Argument jung versus alt finde ich absurd. Hier geht es mehr darum, dass frische Positionen ausgestellt sind. Ein gutes Beispiel dafür ist etwa die 1954 geborene Künstlerin Jill Baroff, die bei Christian Lethert aus Köln gezeigt wird. Besonders wichtig sind mir die Sektion „Solo/Double“ für reine Einzelausstellungen oder Gegenüberstellungen von zwei Künstlern.

Für die Besucher ist das sicher angenehm, aber auf welche Resonanz ist diese Einschränkung bei den Galerien gestoßen?

Für manche Galerien war das sicher schwierig, nicht alle folgen dieser Idee, aber für uns ist es eine weitere Möglichkeit, der Messe eine interessante Erscheinung zu geben. Es ist letztendlich Aufgabe der Galerien, gute Vorschläge einzureichen. Ich kann da nur inspirierend beistehen. Die Qualität der Messe hängt natürlich am Ende davon ab, was die Galerien machen. Und die jungen Galerien zeigen hauptsächlich Einzelausstellungen. Wir haben aber auch etablierte Galerien für „Solo/Double“ animieren können, selbst in der Gegenüberstellung von zeitgenössischen und älteren Positionen. Das ist für mich eine große und einzigartige Qualität der Messe, dass wir 30 bis 40 Künstler in Einzelausstellungen präsentiert sehen. Vergleichbar zu diesem Konzept fällt mir nur das Art Kabinett in Miami ein.

Wie versuchen Sie, die Messe den Sammlern schmackhaft zu machen?

Zwei Tage haben wir den ausländischen Gästen gewidmet und einen Tag den italienischen Besuchern. Wir haben also Sammler für drei Tage eingeladen und ein VIP-Programm gestaltet. Dabei wollen wir ihnen gar nicht so sehr die zeitgenössische Kunst zeigen, sondern vielmehr ein Bild von Mailand vermitteln. Das ist auch für mich viel interessanter. Wir versuchen, das Sammeln in einen übergreifenden Kontext einzubetten. So besuchen wir etwa das Studio Achille Castiglioni, einer der meiner Meinung nach genialsten Designer der Nachkriegszeit in Italien, dessen Arbeitsplatz noch genauso ist, wie er ihn hinterlassen hat. Er hat Objekte sozusagen als Recherche für seine Arbeit als Designer angehäuft: eine unglaubliche Sammlung von Gabeln über Fingerhüte bis zu seinen ganzen Prototypen. Oder wir sehen uns die Collezione Iannaccone an, von einem Mailänder Sammler mit einem zeitgenössischen Teil in seinem Büro und einem Teil mit Objekten aus den 30er- und 40er-Jahren in seiner Wohnung, die auch genau aus der Zeit stammt.

Bei solchem Interesse für Design und Kunsthandwerk ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass die MiArt genau vor dem Salone del Mobile, der großen Design- und Möbelmesse, läuft.

Das war ein Zufall, aber wir haben angefangen, zu diskutieren und werden im nächsten Jahr sogar zeitgleich stattfinden. Ich bin stolz darauf, dass die Messe in diesem Jahr in einer Woche läuft, in der unglaublich viel passiert. Der Hangar Bicocca mit Installationen von Fausto Melotti und Anselm Kiefer ist wiedereröffnet, die Sammlervereinigung Acacia eröffnet eine Ausstellung mit Arbeiten von Vanessa Beecroft, Maurizio Cattelan und Lara Favaretto im Palazzo Reale, und auch die Galerien haben sich auf dieses Wochenende terminiert.

Auf der MiArt sieht man nun verhältnismäßig viel Malerei.

In Deutschland kann man sich das wahrscheinlich gar nicht vorstellen, aber in Italien gibt es ein Riesenproblem mit der Malerei. Wir haben zwar viele Akademien, und es wird viel gemalt, aber die Künstler sind nicht wirklich im Heute angekommen. Technisch sind sie gut, aber sie interessieren mich und auch viele Kollegen und Galeristen nicht. Und die Maler, die wirklich gut sind, haben es ungeheuer schwer.

Das Malereiproblem hat der italienische Pavillon auf der Biennale von Venedig im letzten Jahr auf seine Weise illustriert.

Das war eben die andere Seite, die ich meine. Der Kurator Vittorio Sgarbi ist zwar ein intelligenter Mann, hat aber im zeitgenössischen Bereich Vorstellungen, die sich mit meinen überhaupt nicht decken. Er hat einen Pavillon gemacht, der Sachen zusammengebracht hat, die einfach uninteressant waren und in keiner Weise dafür stehen, was gute Galerien in Italien repräsentieren. Aber man sieht selbst in guten italienischen Galerien, dass es ein intellektuelles Problem mit Malerei gibt. Für die Messe gilt das nicht.

Quod erat demonstrandum?

Ich bin froh, dass nicht nur gerade einige der deutschen Galerien sehr unterschiedliche Ansätze zum Thema Malerei zeigen, wie beispielsweise Andrae Kaufmann, Mathias Güntner, Diane Kruse, Schwarz Contemporary oder Societé, sondern auch italienische Galerien vor allem in der Sektion „Emergent“ neue Eindrücke bieten, wie man etwa bei Brand New Gallery, Collica Ligreggi, Conduits oder Fluxia deutlich sieht.


Weitere Artikel von Marcus Woeller


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken