Interview mit Mathias Döpfner – Georg Baselitz in der Villa Schöningen

Der Skandal als Kompliment

Henrike von Spesshardt
1. Februar 2012

Herr Dr. Döpfner, welch Ironie der Geschichte: 1963, in Ihrem Geburtsjahr, stellen die Galeristen Michael Werner und Benjamin Katz in ihrer Galerie Werner & Katz am Berliner Kurfürstendamm Bilder von Georg Baselitz aus. Daraufhin bricht eine mediale Welle der Empörung über sie herein, der eine Beschlagnahmung einiger Gemälde durch die Staatsanwaltschaft folgt. „Skandal in der Kunstwelt. Sittenpolizei greift ein“, titelt die „BILD“, „Wenn Bilder riechen könnten, röche es nach Pest“, heißt es in der „WELT“, die „BZ“ spricht von den „widerlichsten unter den widerlichen Bildern“ und „reiner Pornographie“. Heute stellen Sie als Vorstandsvorsitzender des Medienunternehmens Axel Springer AG eben diese Bilder in Ihrem privaten Museum aus. Alles Schicksal?

Zufall, Schicksal? Ich weiß es nicht. Fest stehen für mich in diesem Zusammenhang drei Dinge:

1. Die Aufregung über Die große Nacht im Eimer war Anfang der Sechzigerjahre Zeitgeist, wahrlich kein Phänomen der Zeitungen des Hauses Axel Springer. Die „WELT“ gehörte zu den wenigen, die den künstlerischen Rang sofort erkannte und formulierte am 6. Oktober 1963 „Zugegeben: Baselitz [...] gehört zu denen, die mit ehrlich künstlerischen Mitteln dem Übel der Zeit an die Wurzel wollen und es vorzeigen möchten“. „Der Tagesspiegel“ war in der Kritik am härtesten: „Wer viel wagt, kann viel verlieren. Baselitz hat viel gewagt und viel verloren. Seine Leinwände sind einem Dasein zu gehörig, das aus der Kloake kommt und, leider, auch sich nicht daraus erhebt“, heißt es in der Ausgabe vom 3. Oktober 1963.

2. Die Villa Schöningen und der Verlag Axel Springer haben nicht das Geringste miteinander zu tun, weder inhaltlich noch finanziell. Die Villa Schöningen ist eine private Initiative von Leonhard Fischer und mir, an diesem geschichtsbeladenen Ort zeitgenössische Kunstprojekte zu realisieren.

3. Der Skandal, den Baselitz' Bilder damals ausgelöst haben, hatte eine kathartische Wirkung. Skandale gehören zur Kunstrezeption wie das Pigment zur Farbe. Der Skandal zeigte, auch in diesem Fall, dass Baselitz einen Nerv getroffen hatte. Der Skandal ist eine andere Form von Kompliment.

Viele der Bilder sind noch nie öffentlich gezeigt worden und stammen aus dem Besitz von Georg Baselitz selber. Kennen Sie die Gründe dafür, dass der Künstler die Arbeiten bisher unter Verschluss gehalten hat?

Es gibt viele Künstler, die arbeiten von sich zurückbehalten, nur wenige aber sammeln ihr eigenes Werk so systematisch wie Baselitz. Er hat teilweise sogar Arbeiten in Auktionen oder aus Sammlungen zurückgekauft, um sie wieder selbst zu besitzen. Seine Vorgehensweise über die Jahrzehnte verrät einen großen Ernst. Eine solche Sammlung ist naturgemäß besonders persönlich, ja intim. Er hat für sich gesammelt, nicht für die Öffentlichkeit. Meine Theorie ist: Diese Sammlung besteht aus lauter Selbstbildnissen, ist eine Art Selbstgespräch. Da ist es gut verständlich, dass Baselitz bisher diese Sammlung nie öffentlich zeigen wollte.

Und wer hat sie ihm nun wie für die Ausstellung entlockt?

Vor ein paar Jahren saßen wir in seinem Haus am Ammersee, und er erzählte davon. Zusammen mit dem Galeristen Bruno Brunnet von Contemporary Fine Arts und dem Kurator Norman Rosenthal haben wir Baselitz dann in mehreren Stufen überredet und überzeugt. Das war durchaus kein linearer Prozess, Baselitz hatte zwischendurch immer wieder Zweifel.

Baselitz selber habe die Werke für die Ausstellung zusammengestellt, ist in der Pressemitteilung der Villa Schöningen zu lesen. Welche Rolle kommt Sir Norman Rosenthal als Kurator zu?

Norman Rosenthal ist weltweit einer der besten Kenner des Baselitz‘schen Werkes. Er hat die Fokussierung auf die so signifikanten Berliner Jahre angeregt, zusammen mit dem Künstler die Werke ausgesucht und in den Räumen der Villa inszeniert. In seinem Text für den Katalog erklärt er, wie eminent politisch Baselitz bleibt, selbst wenn sein Werk ganz persönlich wird.

Leonhard Fischer und Sie unterhalten die Villa Schöningen seit deren gemeinsamer Gründung 2007 privat. Bringen Sie auch eigene Ideen zur Bespielung mit der zeitgenössischen Kunst ein oder werden Sie dabei ausschließlich beraten?

Das Schöne an dem Projekt Villa Schöningen ist, dass es völlig anarchisch organisiert ist. Es gibt kein Kuratorium, keinen Aufsichtsrat, keine Berater, sondern wir machen dort ganz allein das, was uns interessiert. Total subjektiv. Und ohne Rücksichten auf irgendjemanden. Das ist unsere persönliche Freiheit. Das Ganze ist eine idealistische Veranstaltung, und deshalb machen auch alle aus Idealismus mit. Geld gibt's hier keins zu verdienen, für niemanden. Es gibt ein paar Freunde der Villa, die machen hier mit, aus Spaß an der Freude. Bruno Brunnet ist so jemand, der zu jeder Tages- und Nachtzeit ansprechbar ist und Ideen und Hilfe beisteuert, die mit seinem Galeriegeschäft oft gar nichts zu tun haben. Oder Walter Smerling vom MKM Museum Küppersmühle und die Sammler Heiner Bastian und Harald Falckenberg oder Max Hollein vom Städel oder Gerald Matt von der Kunsthalle Wien. Die kuratieren hier ein Projekt, das für ein Museum zu klein oder für eine Galerie zu unkommerziell ist. Entscheidendes Motiv für das Engagement der meisten aber ist der Genius loci, die Magie dieses Ortes an der „Brücke der Spione“, der deutsche Geschichte verkörpert wie wenige andere Plätze und dabei auch noch atemberaubend schön ist. Das Haus selbst ist auch spannend, kein White Cube, sondern ein bürgerliches Wohnhaus von 1843. Das ist für viele wirklich neu.

Mit Künstlerlisten von Anselm Kiefer und Andy Warhol über Jonathan Meese bis hin zu Tobias Rehberger oder Tal R haben Sie bisher stets auf die ganz besonders sicheren Pferde gesetzt. Ist die pure Existenz eines privaten Museums für (u.a.) zeitgenössische Kunst vor den Türen Berlins bereits Experiment genug für Sie?

Warten Sie es ab. Wir wollten in den ersten zwei Jahren erst mal das Spektrum aufzeigen. Und den Ort etablieren. Die wirklichen Abenteuer liegen noch vor uns.... Die Villa Schöningen ist ein Ort der Freiheit und der Grenzüberschreitungen. Da ist noch vieles möglich.

Wen genau soll das zeitgenössische Programm der Villa Schöningen am Ende ansprechen?

Nicht Insider. Nicht Touristen. Sondern jeden, der sich verblüffen lässt. Eine Familie, die mit drei Kindern kommt und dann 20 Minuten vor einer sehr rätselhaften Arbeit von Alois Weinberg lautstark diskutiert - das ist für mich dann so ein Moment, in dem ich denke: es hat sich gelohnt.

Sammeln Sie selber auch Kunst?

Ich sammele weibliche Akte quer durch die Kunstgeschichte: von Lucas Cranach über Max Beckmann bis zu Videoarbeiten von Ana Mendieta oder Mickalene Thomas. Aber das ist eine völlig andere Baustelle. Die Villa Schöningen ist kein Museum, keine Galerie und erst recht kein Privatmuseum, das die Besitzer gebaut oder gekauft haben, um stolz ihre eigene Sammlung zu zeigen. Die Villa Schöningen ist ein privates Projekt zur Geschichtserinnerung und Kunstkonfrontation.

„Baselitz aus der Sammlung Baselitz - Die Berliner Jahre“ – Villa Schöningen, Berlin. Vom 4. Februar bis 1. August 2012


Russenbeats und frühe Bilder von Caroline Stummel
Ausgelassene Gesangs- und Tanzeinlagen verwandelten die Villa Schöningen am Abend der Baselitz-Eröffnung in einen geschichtsträchtigen Ort der anderen Art.


Weitere Artikel von Henrike von Spesshardt


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken