Interview mit Markus Eisenbeis über das „Archiv kritischer Werke“ des BDK e.V.

Handle with care

Isa von Bismarck-Osten
24. März 2011

Reputation ist die wichtigste Währung auf dem Kunstmarkt. Mit einem Frühwarnsystem geht der Bundesverband deutscher Kunstversteigerer (BDK e.V.) nun aktiv gegen Fälschungen vor. Über das „Archiv kritischer Werke“ sprach artnet mit Markus Eisenbeis, Inhaber des Auktionshauses VAN HAM in Köln und Initiator des Projektes.

artnet: Herr Eisenbeis, wie entstand die Idee zu dem Archiv?

Markus Eisenbeis: Die Idee hatte ich vor fünf Jahren. Ich habe mich immer geärgert, dass es so wenige Initiativen gibt, die aktiv gegen Fälschungen vorgehen. Das Entdecken einer Fälschung ist ja in der Regel nicht das Problem, sondern die Frage, was man anschließend mit dem Fund macht. In Deutschland ist der Besitz von Fälschungen nicht verboten, nur der Handel damit. Es geht also darum, nachzuweisen, dass eine Person vorsätzlich handelt. Da war schnell die Idee der Datenbank im Internet geboren ­–  durch ein Passwort geschützt und dezentral einsehbar. Für den Fall, dass ein Werk schon in die Datenbank aufgenommen ist, die Person es aber trotzdem wieder vorstellt und gutgläubig tut, gibt es die Möglichkeit, das Werk beschlagnahmen zu lassen. Wenn ein Betrugsfall vorliegt, kann das Werk schließlich aus dem Verkehr gezogen werden.

Trotzdem bedurfte es erst des Jägers-Skandals - einer fiktiven Kunstsammlung - , um das Archiv zu professionalisieren?

Nicht unbedingt. Meine Initiative, die Arbeit an der Datenbank zu verstärken, wurde lange vor dem Jägers-Skandal ins Leben gerufen. Schon Ende Dezember 2009 habe ich vorgeschlagen, eine Projektstelle ins Leben zu rufen. Aber natürlich ist die Motivation, mitzumachen, seit dem Skandal deutlich gestiegen. Die Projektstelle haben wir schließlich eingerichtet und in Margherita Checchin, Kunsthistorikerin und Juristin, eine Leiterin gefunden. Mir war klar, dass die Datenbank erst dann attraktiv sein würde, wenn sie einen gewissen Inhalt enthielte. Um die kritischen Werke und Daten zu bekommen, ist Frau Checchin aktiv auf Künstler-Archive und Experten zugegangen. Die haben alle ihre Ordner mit Fälschungen - und das sind dann sozusagen abgesegnete Fälschungen. Wir bieten inzwischen auch Schulungen für die Mitarbeiter der verschiedenen Auktionshäuser an. Hierbei erklären wir nicht nur, wie die Datenbank benutzt wird. Viel wichtiger sind Fragen wie: Wie formuliere ich einen Verdacht? Wann, wie und unter welchen Umständen kann ich die Polizei einschalten?

Wie viele zweifelhafte Objekte sind schon in der Datenbank verzeichnet?

Weit über 1000 Werke. Wir haben bereits die Daten aus 20 bis 30 wichtigen Künstlernachlässen eingearbeitet.

Wer hat Zugang zu dem Archiv?

Zugang haben im Moment nur die 37 Mitglieder des Verbandes. Das soll in Zukunft ausgeweitet werden. Ich bin schon in Gesprächen mit dem Galeristen-Verband. Auch mit dem Verband Schweizerischer Antiquare und Kunsthändler gibt es bereits Gespräche. Prinzipiell gilt: Je mehr mitmachen, umso erfolgreicher kann das Archiv sein. Die Qualität der Eingaben und der vertrauensvolle Umgang mit den Daten müssen aber gewährleistet sein.

Können Sie ein paar Beispiele nennen, wann Ihnen ein Werk kritisch vorkommt?

Es gibt bei fast allen Fälschungen Warnhinweise. Wenn eine Person mit einem Pablo Picasso auf mich zukommt, mit einem großen Ölgemälde, dann darf ich nicht so naiv sein, zu denken, dass ich die erste Anlaufstelle bin. Da muss ich davon ausgehen, dass die Person schon bei Christie’s und Sotheby’s abgeblitzt ist. Oder wir hatten im Herbst einen Arnold Topp im Haus, ein Expressionist der zweiten Garde . Erst im Frühjahr davor war ebenfalls ein Topp von 1918 eingeliefert worden. Und nun im Herbst schon wieder. Dazu gab es auch noch ein bis zwei andere Bilder von 1918 auf dem Markt. Da hab ich gesagt: „Das kann nicht sein.“ Und dann? Heute morgen ruft mich mein Versicherungsmakler an, auch ein Kunsthistoriker, und sagt: „Markus, mir hat gestern jemand 200 Papierarbeiten russischer Avantgardisten vorgestellt.“ Die Person sah dubios aus und hatte die Arbeiten alle im Köfferchen bei sich. Da habe ich nur gesagt: „Vergiss es einfach.“

Wie stichhaltig müssen Sie einen Verdacht begründen?

Wenn ich ein Max Beckmann-Gemälde ablehne, das vielleicht eine Million Euro wert ist, dann werde ich das nicht leichtfertig tun. Wir sind Kunsthistoriker, wir kennen das Œuvre der Künstler, mit denen wir regelmäßig handeln. Eine Fälschung können wir beispielsweise anhand des Strichs, anhand der Darstellung, anhand der Farben, anhand des Farbauftrages erkennen. Und so begründen wir unseren Verdacht auch in der Datenbank.

Wer darf die Daten einpflegen?

Die Fachleute der Auktionshäuser. Wenn wir uns aber selber nicht sicher sind, dann holen wir natürlich Meinungen von extern ein.

Hat sich die Datenbank schon bewährt?

Uns ist noch kein Bild vorgelegt worden, das schon in der Datenbank ist. Aber das ist normal in der Aufbauphase. Bei dem Archiv handelt es sich um eine Investition in die Zukunft. Den Vorteil habe ich erst, wenn sich nicht mehr drei Leute mit ein und demselben Werk beschäftigen müssen, um zu prüfen, ob es echt ist. Diese Datenbank dient aber gleichzeitig als Kommunikationsplattform, als interner Blog für die schnelle Kommunikation. Vor drei Jahren sind uns ganz kurz vor Katalogabgabe fünf Grafiken von Roy Lichtenstein angeboten worden. Zwei Tage vor Druckabgabe wurden die eingeliefert, irrsinnig aufwändig gerahmt, so dass man sich kaum getraut hat, die Rahmen zu öffnen. Ich habe sie mir genau angesehen und gesagt: „Das ist doch keine Grafik, das ist ein Inkjet-Druck.“ Es war eine Signatur drauf und damit klar eine Fälschung. Da habe ich eine kleine Rundmail an meine Kollegen geschickt und geschrieben: „Vorsicht, da sind gerade falsche Lichtenstein-Grafiken im Umlauf.“ Und was war die Reaktion? Fünf Häuser hatten fast zum gleichen Zeitpunkt falsche Lichtenstein-Grafiken aus derselben Quelle angeboten bekommen. Zwei hatten sie schon im Katalog. Wichtig ist also die schnelle Kommunikation untereinander.

Kann denn auch eine Rehabilitation der Werke funktionieren?

Wir sprechen ja nicht von Fälschungen, sondern von, „kritischen Werken“. Wir sagen den Einlieferern, dass sie eine dritte Meinung einholen sollten. Und wenn sie die Meinung eines Experten, der auch anerkannt ist, vorlegen können, dann wird die Expertise in die Datenbank eingepflegt und der Makel ist weg von dem Bild. Für jeden Künstler gibt es eigentlich nur einen international anerkannten Experten. Alle anderen Meinungen tun nichts zur Sache.

Wie groß ist die Sorge, die Reputation der Werke mit der Aufnahme in das Archiv zu schädigen?

Es soll ja nur ein klarer Warnhinweis sein. Außerdem können Stücke rehabilitiert werden.

Wären Sie als Inhaber eines Auktionshauses bereit, ein in dem Archiv verzeichnetes Werk zum Aufruf zu bringen?

Wenn es ein einschlägiger Experte für authentisch befunden hat, ja. Natürlich würde ich mir immer noch meine eigene Meinung bilden.

Wie nachhaltig hat der Fälscherskandal die Reputation deutscher Auktionshäuser ramponiert?

Wir sind ja glücklicherweise von dem Fall Jägers nicht betroffen. Aber jedes Auktionshaus hat schon einmal Fälschungen angenommen. Die Frage ist, wie man am Ende des Tages damit umgeht. Aber ramponiert, nein! Und es waren nie nur deutsche Häuser betroffen, das wird oft vergessen. Christie’s oder etwa große französische Galerien hat es auch getroffen.

Wie hat sich das Verhalten Ihrer Kunden verändert?

Die Leute sind vorsichtiger und wollen mehr Hintergrundinformationen, mehr Absicherung. Das ist auch ihr gutes Recht. Wir haben sofort auf den Skandal reagiert. Der fand im September letzten Jahres statt. Da waren noch keine Kataloge im Druck, und natürlich haben wir bei allen Werken, deren Preis fünfstellig war, unabhängig von unserer Überzeugung die maßgeblichen Experten gefragt.

Vor welchen Herausforderungen steht Ihre Branche in der Zukunft?

Ich sehe für mich persönlich eine große Herausforderung darin, aktiv gegen Fälschungen vorzugehen. Natürlich bedeutet diese Aufgabe einen großen Zeitaufwand. Aber langfristig ist der Gewinn für uns alle umso größer. Das Vertrauen unserer Kunden ist schließlich das Wichtigste.


Mehr im Dossier  Kunst und Fälschung

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