Interview mit Lothar Albrecht, L.A. Galerie Frankfurt

Endlich Ferien

Peter Lähn
16. Februar 2011

Bernard Faucon: „Les Grandes Vacances" - L.A. Galerie Lothar Albrecht, Frankfurt am Main. Vom 22. Januar bis 26. März 2011

Seit den 1980er-Jahren sammelt der Frankfurter Galerist Lothar Albrecht moderne Fotografie. Aus dieser Passion heraus gründete er 1990 die L.A. Galerie. Mit der derzeitigen Ausstellung Bernard Faucon „Les Grandes Vacances“ präsentiert sie zurzeit eine eigene Historie von Fotografiepositionen. artnet befragte Lothar Albrecht, warum ein Galerist einen musealen Blick auf seine Ausstellungstätigkeit gestattet.

artnet: Herr Albrecht, was hat Sie veranlasst, die erste Serie inszenierter Fotografie von Bernard Faucon auszustellen: „Les Grandes Vacances“, von 1976 bis 1981?

Lothar Albrecht: Da möchte ich die Frühzeit der Fotografie bemühen. Seit ihren Anfängen vor nunmehr 170 Jahren lassen sich zwei grundsätzliche Positionen festmachen: Zum einen die „direkte“ Fotografie, in der die Fotografen den Anspruch haben, die Wirklichkeit abzubilden, und zum anderen Aufnahmen, in denen die Fotografen die Realität selbst gestaltet haben.

Dieselbe Entwicklung lässt sich auch in den Anfängen der Filmgeschichte nachzeichnen: Die dokumentarischen Kameraleute auf der einen Seite, die inszenierenden Spielfilmautoren auf der anderen.

Ja, genau genommen waren die allerersten fotografischen Porträts inszenierte Fotografie. Die Porträtierten wurden in eine Kulisse hineingestellt, die Personen mussten bewegungslos verharren.

Wohin bewegte sich das Pendel in der Gründungszeit ihrer Galerie?

Ganz eindeutig zur inszenierten Fotografie. Ich habe von einem berühmten spanischen Fotografen und Kunstfotografie-Theoretiker gelernt, von Joan Fontcuberta, den ich schon einige Jahre vor der Galerieeröffnung kennengelernt habe. Fontcuberta war geradezu berüchtigt dafür, die Welt mit seinen umfangreichen Fiktionen zu narren, indem er diese als „Realitäten“ vorzustellen vermochte. Er ist ein Großmeister der inszenierenden und pseudohistorisierenden Fotografie. Fontcuberta sagte: Eigentlich ist alles schon fotografiert worden, deshalb müssen die Fotografen Dinge erfinden. In den 1980er-Jahren war die szenische, inszenierte, konstruierte „staged photography" sehr präsent.

Der Fotografiehistoriker Fritz Franz Vogel hat in einer geradezu enzyklopädischen Arbeit über 500 historische und zeitgenössische inszenierende Fotografen festgemacht. „The Cindy Shermans: inszenierte Identitäten“, 2006 bei Böhlau erschienen, lautet der Titel seiner Dissertation.

Einige Fotografen aus der Liste von Fritz Franz Vogel haben auch bei mir ausgestellt. Zu nennen wären neben Joan Fontcuberta, John Hilliard, Ken Lum, Oliver Boberg und eben Bernard Faucon.

Sie vertreten allerdings auch etliche „Realisten“.

Zwischen diesen beiden fotografischen Paradigmen herrscht ein reger Grenzverkehr. In den 1980er-Jahren hat sich der Schwerpunkt zunächst auf die dokumentarische Fotografie verlegt. Die sogenannte Becher-Schule hat einen enormen Einfluss genommen, vertreten durch Andreas Gursky, Thomas Struth, Thomas Ruff und natürlich Candida Höfer. Dabei ist allerdings interessant, dass einige der sogenannten dokumentarischen Fotografen auch in der inszenierten Fotografie gelandet sind. Denn sie arbeiten allesamt mit dem Computer. Andreas Gurskys Fotos sind ohne die digitale Bearbeitung undenkbar. Thomas Ruff, bekannt geworden durch seine direkten, nicht inszenierten Porträts, arbeitet heute in inszenierter technischer Fotografie. Als ich aber die Galerie eröffnet habe, lag der Schwerpunkt auf der sogenannten inszenierten Fotografie.

Wann haben sie Bernard Faucon das erste Mal ausgestellt?

Das war 1997, da habe ich ihn mit derselben Serie wie jetzt gezeigt. Es war gar nicht so einfach, ihn in diese Galerie zu bekommen. Er war in den Neunzigern in namenhaften Galerien vertreten, zum Beispiel in der berühmten Galerie Yvon Lambert in Paris und bei Castelli Graphics in New York. Ich möchte nun - da die Galerie ja seit zwanzig Jahre besteht - ab und zu einen Rückgriff wagen, einen historischen Flashback sozusagen. Fotografen, die ich in der Anfangszeit ausgestellt habe, werde ich erneut präsentieren. So kann ich zeigen, wo die Künstler heute mit ihrem Werk stehen.

Wenn ich in das Werkverzeichnis schaue, stammt Faucons letzte aufgelistete Serie aus dem Jahr 1995.

Genau, seine letzte Fotoserie heißt „La Fin de l´Image“ und ist zwischen 1993 und 1995 entstanden. Es sind Wörter und kurze Sinnsätze, die auf die Haut gemalt und in Großaufnahme bildfüllend präsentiert sind. Das letzte Bild der Serie zeigt schlicht und einfach ein auf die Haut gezeichnetes „Fin“, so auch der Titel der Fotografie. Das Ende ist zugleich auch der Abschluss seiner künstlerischen Fotografie. Danach hat Bernard Faucon nicht mehr künstlerisch gearbeitet.

Wie begründete Bernard Faucon seinen Abschied von der Kunst?

Zu der letzten Serie äußerte er sich dahingehend, dass er seinen Wunsch wahrmachen wollte, etwas abzuschließen. Das wurde „Das Ende des Bildes“.

Bernard Faucon war also schon zwei Jahre aus dem Geschäft, als Sie ihn ausstellen konnten?

Faucon hat sich ja nicht vollständig aus dem Kunstbetrieb verabschiedet. Ganz im Gegenteil: Er vertreibt noch seine Serien, verkauft sie, hat Ausstellungen überall in der Welt, in Korea, in Japan, wo er sehr beliebt ist, in Kyoto, in Amerika, in New Orleans. 2005 hat ihn die Maison de la Photographie in Paris mit einer großen Ausstellung gewürdigt und seine Werke chronologisch in einem Katalog veröffentlicht.

Marcel Duchamp hat sich ebenfalls abrupt von der Kunst verabschiedet und war danach einer der besten Schachspieler Frankreichs.

Neben vielen Projekten, die Faucon unter anderem für die UNO macht, schreibt er mit Enthusiasmus vegetarische Kochbücher. Vielleicht ist er mittlerweile ein französischer Spitzenkoch.

„Le Grandes Vacances“ sind zwischen 1976 und 1981 entstanden. Sie zeigen die idyllische Vorstellung einer scheinbar glücklichen Kindheit. Was bedeutet ihm diese Idee?

Bernard Faucon hat Philosophie und Theologie an der Sorbonne studiert. Er ist ein überaus feinfühliger und gebildeter Mensch. An einer Stelle sagt er sinngemäß, dass die Kindheit die wahre Quelle der Nostalgie sei. Faucon hat während seiner Studienzeit begonnen, Fotografien zu inszenieren. In dieser Hinsicht ist er Autodidakt. Und er nahm die Örtlichkeiten so, wie er sie vorfand. Er hat also nicht für einen speziellen Zweck etwas aufgebaut, sondern vielmehr den zur Verfügung stehenden Raum arrangiert. Über den Zeitraum von fünf Jahren verwirklichte er Bildideen oder einfach auch nur Stories, wie sie ihm in den Sinn kamen. Dieses naive spielerische Verhältnis zu einer künstlerischen Idee findet sich sehr oft in den Anfängen einer Künstlerkarriere. „Les Grandes Vacances“ ist die Freude anzusehen, die es ihm machte, eine Idee zu entwickeln und sie mit großem Engagement zu verwirklichen. Seine späteren Serien sind wesentlich geschlossener und intellektueller.

Aber auch diese erste Serie von Bernard Faucon empfinde ich als konsequent. Sicherlich ist es ungewöhnlich, dass eine Serie sich über einen Zeitraum von fünf Jahren entwickelt. Wenn man allerdings das narrative Schema eines Spielfilms zugrunde legt, sind die einzelnen inszenierten Fotografien Sequenzen einer Handlung.

Andererseits ist jedes Foto dieser Serie auch als eine in sich geschlossene Handlung oder ein Ereignis zu lesen. Dabei kann man sehen, dass die Vorstellung einer glücklichen Kindheit durchaus gebrochen sein kann. Zum Beispiel sehen wir in dem Foto Les Torches, 1977, Kinder um ein Feuer stehen, in dem eine Puppe verbrennt. Faucon erzählt, dass er Erinnerungen in diese Komposition hineingestellt hat. Als Kind hat er über die Sklavenhaltung gelesen, und in der Fotografie wird die Verbrennung von Sklaven nachgespielt. Die kindliche Unschuld gebiert sehr wohl grausame Spiele. Die unschuldig erscheinenden Fotografien haben immer wieder eine zerstörerische Anmutung. Kinder beobachten fasziniert die zerstörerische Kraft des Feuers, Siestre après un festin de melons, 1979, ist geradezu eine Apotheose der Völlerei, Prise de vue, 1978, die kindliche Nachzeichnung einer erwachsenen Sexualität.

Die Fotografien hängen in einer Reihung und haben einen geradezu narrativen Fortgang, der mich an die Fotoromanzen der 1950er-Jahre erinnert, wie sie zum Beispiel in Italien sehr beliebt waren. Haben Sie, Herr Albrecht, die Hängung bestimmt?

Die Zusammenstellung kommt von Bernard Faucon, jedoch mit der Einschränkung, dass wir nicht die Fotografien aus der Serie ausstellen, die schon ausverkauft sind oder sich in einer Edition befinden. Faucon behält auch Fotografien für museale Ausstellungen zurück. Sollte es allerdings Interessenten geben, wären diese Fotografien auch verkäuflich.

Die Auflage der Bilder ist begrenzt?

Selbstverständlich. Wenn die Edition ausverkauft ist, wird nicht nachproduziert. Für museale Zwecke kann man Show-Prints anfertigen, die allerdings mit „no commercial value“ gekennzeichnet werden. Andere Bilder hat Faucon, wie kürzlich in einer Ausstellung in Korea, in einer neuen aufwendigen Technik extrem vergrößern lassen. Dann kosten die Abzüge allerdings schon 12.000 Euro bis 15.000 Euro. In dieser Ausstellung möchte ich aber in den ursprünglichen Formaten bleiben, zumal einige Fotografien noch nicht öffentlich gezeigt wurden.

Die Fotos der Serie „Les Grandes Vacances“ sind alle in der Fressontechnik ausgeführt. Was ist das für eine Entwicklungstechnik?

Das ist eine spezielle Technik, die die Druckereifamilie Fresson entwickelt hat, um Farbfotografien haltbarer zu machen. Jeder hat schon die Erfahrung gemacht, dass Farbfotografien aus dem Familienalbum verblassen. Die Fressontechnik besteht darin, Farbschichten aufzusplitten und einzeln mit echten Farbpartikeln zu drucken, was für eine lange Haltbarkeit sorgt. Die Fotografien in dieser Technik sind matt. Heute ist die Haltbarkeit von Farbfotografien nicht mehr problematisch. Die Fressontechnik ist durch wesentlich leistungsstärkere Entwicklungs- und Drucktechniken überflüssig geworden. Heute werden künstlerische Farbfotografien durch Plottertechnik fixiert, die mit echten Farbpigmenten auf echtem Kunstpapier arbeiten und extrem haltbar sein sollen.

Auch in dieser Hinsicht ist die Ausstellung der ersten Serie von Bernard Faucon „historisch“, weil sie einen Fotografen vorstellt, dessen Ästhetik noch eng mit den klassischen Entwicklungstechniken, der Einschreibung des Lichts auf eine Platine, arbeitet.

Heute wird in der Fotografie vornehmlich digital retuschiert - damit entstehen vollkommen neue Ausdrucksformen. Ob die Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung die Paradigmen zwischen real und fiktional auflösen, kann sicherlich infrage gestellt werden. Neue fotografischen Positionen werden sich so oder so herausarbeiten, seien sie nun digital oder analog.


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