Interview mit Kunstrestauratorin Gloria Velandia

Die Heilerin

Daghild Bartels
30. Dezember 2011

Gloria Velandia ist freiberufliche Restauratorin für zeitgenössische Kunst. Die 39-Jährige absolvierte Studien in Chemie und Restaurierung, kombinierte das mit Materialkunde und spezialisierte sich von Beginn an auf Gegenwartskunst. Ein weites Feld angesichts der vielen neuen Materialien, mit denen zeitgenössische Künstler heute arbeiten. Gloria Velandia ist Mitglied in den beiden wichtigsten Berufsorganisationen, dem International Institut for Conservation of Historic and Artistic Works (IIC, London) und dem merican Institution for Conservation (AICA, Washington). Sie hat zwei Wohnsitze, in New York und Paris, jettet jedoch ununterbrochen durch die ganze Welt, nach Dubai, Hongkong, Los Angeles oder London. Überall dorthin eben, von wo aus SOS-Rufe in Sachen Kunst sie erreichen. Was nur Insider wissen: Während der Art Basel Miami Beach 2011 stand ihr auf dem Kunstmessegelände eine riesige Werkstatt, halb chirurgische Station, halb Allround-Labor, zur Verfügung. Eine höchst nützliche Ambulanz für Kunstunfälle aller Art, weshalb auch die Armory Show in New York sie jetzt zur Chefrestauratorin vor Ort ernannte.

artnet: Frau Velandia, wo liegen die hauptsächlichen Gefährdungspotenziale für die Kunst?

Gloria Velandia: Wirklich überall! Viele Unfälle passieren schon vor den Messen, weil unsachgemäß verpackt oder ausgepackt wird. Jede Menge Unglück findet aber auch während den Messen statt. Eventuell unachtsames Publikum ist dort einer der größten Risikofaktoren. Während der Messe „verarzte“ ich Kunstwerke im Wert von rund 40 Millionen US-Dollar. Aber alle Arbeiten, die ich im Rahmen der Messen restauriert habe, werden dennoch verkauft. Wobei zur Ethik der Branche gehört, dass die Galeristen die Käufer auf die Restaurierung aufmerksam machen. Im Übrigen sind all meine Interventionen sowieso auch immer rückgängig zu machen.

Wie läuft die Arbeit im Einzelnen ab?

Zur Messe in Miami reise ich schon Wochen vor Beginn mit einem großen Lastwagen an. Gefüllt ist der mit allen möglichen Utensilien, darunter Löt- und Schweißgeräte, Mikrofilter, Schraubenzieher, Spachtel, Pinsel, eine Kollektion verschiedenster Papiere und schließlich unendlich viele Farbproben. Die Vorbereitungen beginnen freilich lange vorher: Ich studiere den Katalog und rufe Galeristen und Künstler an, um zu fragen, welche Arbeiten aus welchen Materialien zu sehen sein werden. Andererseits rufen mich auch die Künstler schon vorher an um zu berichten, welche neuen Werkstoffe sie verwendet haben, damit ich im Notfall das nötige „Verbandszeug“ bereit halten kann. Manche Künstler fragen mich auch um Rat, welches Material die besten Chancen auf gute Haltbarkeit hat. Die Assistenten von Maurizio Cattelan beispielsweise stehen in ständigem Kontakt mit mir. Cattelan ist schließlich ein Künstler, der mit Fiberglas, Silikon, Wachs, Polyester und diversen anderen Materialien arbeitet. Speziell als die große Retrospektive im New Yorker Guggenheim Museum vorbereitet wurde, bekam ich viele Anrufe. Zur Risikominimierung im Vorfeld gehört dann übrigens auch, dass ich das Reinigungspersonal trainiere.

Und welche Unfälle treten tatsächlich am häufigsten auf?

Das ist ganz kurios, in einem Jahr sind es hauptsächlich Gemälde, im nächsten Skulpturen. Warum, kann ich mir auch nicht erklären.

Gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsgrade für die Verarztung von Kunstunfällen?

Gemälde – ob von Andy Warhol, Alex Katz oder Willem de Kooning – sind unschwer wieder in einen makellosen Zustand zu bringen. Auch das Malheur eines Bildes, das noch tropfnass mit der handelsüblichen Luftblasenfolie verpackt wurde, sodass die Folie Spuren auf der Leinwand hinterließ, kann ich leichthändig „ausbügeln“. Bei Schimmel kommt der Staubsauger zum Einsatz, sowie Sodium Carbonat. Problematischer sind zum Beispiel Dellen in einem Bild aus Acryl und Kunstharz von Bernard Frize, die wie glänzende Haut wirken. Ich bin die einzige, die seine Tableaus restaurieren kann.

Neulich hörte ich, dass ein Schmetterling aus einem der Butterflies-Bilder von Damien Hirst gefallen sein soll?

Das ist ein absolutes Drama. Hier müssen winzige chirurgische Kanülen eingesetzt werden, um den Schaden möglichst unsichtbar zu beheben. Ähnlich heikel sind die Bilder von Takashi Murakami. Die größte Herausforderung sind allerdings die Arbeiten von Anselm Kiefer. Die sind besonders fragil und delikat, das liegt in der Natur seiner Werke. Er benutzt organische Elemente wie Zweige, kombiniert mit Seife, Blei, Holz, Draht, Glas und vielem mehr. Kiefers künstlerisches Konzept beinhaltet, dass die Leinwände und Skulpturen ein Eigenleben haben, sich verändern – Verfall inbegriffen. Diese Arbeiten kunstgerecht zu erhalten ist eine Herausforderung, aber nicht unmöglich.

Wer sind Ihre Hauptkunden außerhalb der Messe?

Ich arbeite mit einigen Institutionen zusammen, aber meist mit Galerien wie Perrotin in Paris, Sprüth Magers in London und Berlin, Thaddaeus Ropac in Paris und Salzburg oder Yvon Lambert in Paris. Über die habe ich auch Kontakt zu vielen Privatsammlern.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Sammlern aus, schicken die Ihnen die lädierten Werke zu?

Nein, in den meisten Fällen besuche ich die Sammlung, gemeinsam mit meiner Assistentin. Das ist billiger als die teuren Transport- und Versicherungskosten. Viele wünschen sich sogar eine Rundum-Betreuung, die unter das Stichwort Konservierung fällt. Denn die meisten Schäden in Privathäusern werden durch Klima und Verschmutzung verursacht. Ich schaue mich also in den Häusern um, messe Temperatur und Feuchtigkeit, erkläre den Sammlern, dass sie, wenn sie auf Reisen gehen, auf gar keinen Fall die Klimaanlage abschalten dürfen. Manchmal hängt ein wertvolles Bild direkt über dem Kamin oder im Einfall der Sonne – da schlage ich dann einen anderen Platz vor. Ich sehe mir auch jeweils die Rückseite der Gemälde an. Nicht selten hat sich dort – ignoriert vom Sammler – Schimmel gebildet. Manche Sammler wünschen über diesen mobilen Service hinaus eine ständige Betreuung, etwa, dass die im Außenraum platzierten Skulpturen regelmäßig fachmännisch gereinigt werden. Auch das übernehmen wir gerne. Verzeihung, mein Telefon klingelt – es wird wieder ein Notruf in Sachen Kunst sein, von irgendwo auf der Welt.


Weitere Artikel von Daghild Bartels


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken