9. Dezember 2011
Eine Ära geht zu Ende. In einem Jahr, am 30. November 2012, nimmt Kasper König seinen Hut als Direktor des Kölner Museum Ludwig. Zwölf Jahre, in denen er wegweisende Ausstellungen von Isa Genzken, George Brecht oder Hans-Peter Feldmann realisierte und Künstlerinnen wie Vija Celmins zu spätem Ruhm verhalf. Wenn der frühere Leiter der Frankfurter Städelschule, der 1977 die Skulptur Projekten Münster mit initiierte und in den Achtzigern mit Ausstellungen wie „Westkunst“ oder „von hier aus“ Kunstgeschichte schrieb, nun zum Finale anritt, wird es überraschend moralisch. artnet sprach mit ihm über seine letzte Ausstellung „Vor dem Gesetz“, seine Ansichten zum Retro-Konzeptualismus und darüber, wie in seinen Augen die Berliner Museumslandschaft aufgestellt ist.
artnet: Herr Professor König, Ihre bevorstehende Ausstellung „Vor dem Gesetz“ handelt von den „Errungenschaften der Aufklärung“ und der gefährdeten „Würde des Menschen“, von „Ungerechtigkeiten“, die sich stündlich auf der Welt ereignen. Sie schlagen einen ungewöhnlich pathetischen, moralischen Ton an.
Kasper König: Das ist etwas, womit ich mir an die eigene Nase fasse. Natürlich ist diese Ausstellung ein sehr moralischer Appell. Man muss es einfach mal auf die Probe stellen und die grundsätzlichen existentiellen Fragen stellen – welche Rolle spielt dabei die Kunst? Welche Bedeutung kann sie haben?
Sie gehen bis zu Lehmbruck zurück und beziehen auffällig viele ältere Position ein. Lässt sich, was Sie sagen wollen, mit zeitgenössischer Kunst allein nicht verdeutlichen?
Nein, da geht es um eine Art Generationenvertrag. Die Wachheit und die Neugierde, die ich hier unter den vielen auch jungen Besuchern erlebe, ist wunderbar – aber ich muss feststellen, dass vieles wie beim Scannen ist: Alles läuft an der Oberfläche ab. Ich glaube, es ist schon wesentlich, ob etwas 1918 entsteht, 1928, 1958 oder 2008. Natürlich kann die Kunst transzendieren, aber man kann sie nicht völlig losgelöst sehen, sie fällt ja nicht vom Himmel. Ich hätte früher auch nicht geglaubt, dass ich mal Gerhard Marcks präsentieren würde, aber in diesem Zusammenhang ist er wichtig, um etwas verständlich zu machen. In der laufenden Kölner Mittelalter-Ausstellung im Museum Schnütgen sieht man, wie Kunst generelle Fragen des Weltbildes aufwirft. Das ist anders als das heutige.
Zeitgenössische Kunst boomt nach wie vor, selbst wenn sie hermetisch ist. Worin liegt das Faszinosum der Gegenwartskunst?
Dass hier etwas ereignishaft, wenn auch manchmal kryptisch, zu erleben ist, was nicht sprachlich verfasst ist. Im besten Fall schafft sie Präzedenzen und Modelle, die einen ratlos machen – und sich nicht zur direkten Anwendung anbieten, wie man es etwa aus der Tagespolitik kennt. Man kann Weltgeschehen noch einmal anders erleben, wie zum Beispiel den arabischen Frühling. Bei der Istanbul Biennale dieses Jahres gab es diesbezüglich einen Film von Wael Shawky.
Es gibt unterschiedliche Strömungen in der Gegenwartskunst – eine Art Retro-Konzeptualismus, dann den sogenannten „ästhetischen Journalismus“ oder auch eine Rückbeziehung aufs 19. Jahrhundert. Wo verorten Sie Ihr Interesse an der Kunst heute?
Peter Doig hat vor einigen Jahren den Kölner Wolfgang-Hahn-Preis erhalten, zu Recht, meine ich, ich finde ihn sehr interessant – besonders seinen Filmclub in Port of Spain in Trinidad und die Plakate, die er dazu gemalt hat, haben eine starke soziale Dimension. Natürlich knüpft das an eine Malerei des 19. Jahrhunderts an, aber das ist vollkommen legitim, solange es keinen nostalgischen Charakter hat. Was die retrokonzeptuelle Geschichte angeht, da bin ich zu alt. Weil ich das authentisch selber miterlebt habe, messe ich das eben sehr wohl an dem, was damals entstanden ist und an dem ich durch aktive Begleitung auch Anteil hatte, sei es durch Bücher oder Ausstellungen: On Kawara, Dan Graham, Stanley Brouwn, Hanne Darboven, Marcel Broodthaers. Insofern bin ich da ein wenig distanziert, kann es aber nachvollziehen aus der Perspektive der Generation dieser jungen Künstler, die das für sich wieder neu entdecken und dann auch Parallelen sehen. Es gibt aber auch eine Fußnoten-Attitüde, da reagiere ich sehr allergisch, weil sie etwas Besserwisserisches hat – das sind so verklausulierte Insidergeschichten.
Wen meinen Sie damit?
Zum Beispiel Jonathan Monk - der macht Paraphrasen auf Sol LeWitt, Lawrence Weiner. Ich kann nachvollziehen, wenn jüngere Kollegen davon fasziniert sind, aber mir persönlich kommt dann manchmal doch die Toleranz abhanden.
Maurizio Cattelan finden Sie gut.
Ich habe eine gewisse Sympathie für den melancholischen Cattelan. Der Adolf Hitler im Haus der Kunst, ein erbarmungswürdiges Würstchen, mit dem man nur Mitleid haben kann, ist ein Klischee so auf die Spitze getrieben – das ist auch eine Antwort auf die Überforderung durch Bilder aus der Werbung, Hollywood und so weiter. Wenn Cattelan gut ist, ist er sehr gut. Ich habe damals den Papst Wojtyla erlebt im protestantischen Basel, niedergestreckt durch einen Brocken, der durch das Glasdach gedonnert war und nun in der Kunsthalle darniederlag – das dann aber in Warschau zu zeigen, war meiner Meinung nach instinktlos. Hier wurde das plötzlich als Blasphemie präsentiert. Johannes Paul II. war für die Polen das Größte überhaupt; und Nationalismus in Polen ist etwas anderes als Nationalismus bei uns. Auch Cattelans Trommler, der 2002 auf dem Dach des Museum Ludwig saß, war psychologisch nicht uninteressant. Es riefen Leute bei der Feuerwehr an, weil sie den Jungen für echt hielten, und sahen darin eine Art Wohlstandsverwahrlosung: Die reichen Eltern schenken dem Kind eine teure Trommel, kümmern sich hinterher aber nicht darum. Dann allerdings sollte diese Arbeit ein Wahnsinnsgeld kosten und ich habe einen Ankauf abgelehnt. Es blieb schließlich bei einer populären Postkarte und einer Karikatur von Franziska Becker.
In welche Museen gehen Sie gern?
Mich interessiert das Metropolitan Museum inzwischen mehr als das Museum of Modern Art, das mir sehr vertraut ist, da habe ich früher sehr viel Zeit in der Bibliothek und im Kino verbracht. Das MoMA ist inzwischen so sehr zugeschnitten auf das Publikum, eine so perfekte Maschine, ein Kaufhaus, wo die Leute in allen Abteilungen gleichmäßig gut bedient werden: Es fehlt an nichts. Alles ist wohltemperiert, überall sind gleichviele Leute, alles ist perfekt geölt. Ich bin lieber in Museen, wo es manchmal ganz viele, manchmal aber auch wenige Leute gibt; wo ich nicht total durchprogrammiert werde. Ich gehe jeden Tag durch das Haus mit der Perspektive des Besuchers, und manchmal bereue ich es sogar, dass ich umsonst in die anderen Museum komme, weil ich eine Icom-Karte habe – manchmal denke ich, ich müsste eigentlich auch bezahlen und würde mir dann denken: Für das Angebot zahle ich zehn Euro? Ich bin Besucher, und ich bin von Hause aus Amateur, kein promovierter Kunsthistoriker, bin anders gestrickt. Umso besser weiß ich gelegentlich zu schätzen, mit welcher Genauigkeit und methodischen Präzision die Kollegen an die Arbeit gehen.
Wie ist die Berliner Museumslandschaft aufgestellt?
Die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe ist natürlich sehr interessant, die historischen Ausstellungen dort sind es auch. Da gehe ich regelmäßig hin, nicht nur wegen der Architektur. Alte Nationalgalerie und Bode-Museum sind phantastisch, Pergamonmuseum ist großartig, ich finde überhaupt die Museumsinsel ist einmalig.
Und der Hamburger Bahnhof?
Gefällt mir persönlich nicht so gut. Manchmal sind die Ausstellungen sehr auf die Medien bezogen, ob das jetzt Rentiere sind oder Bubbles. Aber das muss ja auch kein Fehler sein.
Wie sieht es in Düsseldorf aus?
Hat – wie auch Frankfurt - institutionell mehr zu bieten als Köln. Es wird interessant sein, was aus dem Kunstpalast wird. Die haben ganz auf Public-Private-Partnership gesetzt, und es wird sich zeigen, ob nicht die Privatebene, die Firma Eon, sie irgendwann im Stich lässt. Für die Kunstsammlung NRW wird entscheidend sein, inwieweit sie aus den Töpfen des Landes über ihren eigenen Etat hinaus gefördert werden. Was wird sie von der Kunststiftung NRW erhalten, die uns gegenüber immer sehr konstruktiv für minoritäre, aber wichtige Ausstellungen war? In der Vergangenheit hat sich die Stiftung für das landeseigene Museum nicht so sehr engagiert. Da geht es um eine politische Entscheidung – die wiederum für Köln oder Essen, Münster oder Bielefeld auch nachteilig ausfallen könnte.
Welche Ausstellung hat Sie in letzter Zeit beeindruckt?
Danh Vo im Fridericianum. Es geht um die Freiheitsstatue in New York in Fragmenten 1:1 und den spekulativen Kupferpreis.
Was war in Ihren Ausstellungen „Westkunst“ (1981) und „von hier aus“ (1984) so wichtig, dass sie solche Wirkungen erzielen konnten?
Bei der „Westkunst“ war es der Kölner Kulturdezernent Kurt Hackenberg, der ein solches Denken überhaupt erst ermöglicht hat. Eine Ausstellung muss eine haptisch-räumliche Dimension haben, die etwas erfahrbar macht, was sonst so nicht diesen Zugang eröffnete. Das ist das Entscheidende. Paradebeispiel einer gelungenen Ausstellung im vorigen Jahrhundert war für mich die Werkbund-Ausstellung in Stuttgart 1927. Da ging es um ein soziales Problem nach dem Ersten Weltkrieg: Wohnungen für Frauen mit Kindern ohne Mann; für kleine Familien mit Großeltern usw., um eine Alternative zur Wohnungsnot anzubieten. Die Architekten waren Hans Scharoun, Le Corbusier, Alvar Aalto – der künstlerische Stempel, der dieser Ausstellung aufgedrückt wurde, war so stark, dass sie heute fast nur noch kunsthistorisch wahrgenommen wird. Dabei war es in Wirklichkeit eine wichtige sozialgeschichtliche Sache. Nur eben sehr gut gemacht! „Westkunst“ und „von hier aus“ haben beide saftige Verrisse kassiert, vor allem in der Lokalpresse. „Westkunst“ – der Titel kam von Laszlo Glozer, er war eine Verballhornung von Weltkunst. „von hier aus“ war unkonventionell, weil es sich nur um Kunst handelte, die in Deutschland passierte. Dabei waren die Deutschen nach dem Krieg immer bemüht, so international wie möglich zu sein und damit sich selber negierten. Allerdings gab es auch Künstler, die nicht aus Deutschland stammten, aber hier arbeiteten wie Nam June Paik, George Brecht, Robert Filliou. Was ich übrigens furchtbar finde, ist eine permanente Geschichtsklitterung: dass nämlich heute nur noch die wahrgenommen werden, die heute irgendwo präsent sind, damals aber gar nicht so eine Präsenz hatten.
Welche documenta hat Sie am meisten beeindruckt?
Die fünfte. Das war 1972 – das Jahr ‘68 war ein bisschen verraucht, das Ideologische sowieso schon etwas langweilig geworden, und man bemerkte, welche Dynamik da war in der Konzeptkunst, der Arte povera. Da waren fast alle Künstler unglaublich direkt und gut.
Welcher Kurator war für Ihre Biografie wichtig?
Willem Sandberg im Stedelijk Museum in Amsterdam, auch wenn ich das erst später realisiert habe. Ich bin als Schüler oft mit dem Fahrrad vom Münsterland nach Amsterdam gefahren, das war für uns ein kosmopolitischer Ort mit Kino im Original, guten Antiquariaten, ich habe mich damals eher für Literatur und Film interessiert. Gefördert hat mich Pontus Hultén, dem habe ich zu verdanken, dass ich so viele Jahre in Amerika war und dort arbeiten konnte – ich vertrat dort das Moderna Museet und hatte deshalb ein Visum.
Welche jüngeren Kuratoren würden Sie nennen?
So etwas wie ein Ziehsohn von mir ist Hans-Ulrich Obrist. Das ist für mich interessant zu erleben – jemand, der vollkommen online agiert, überall und nirgends. Das ist eine ganz andere Wahrnehmung von Dingen. Ich konnte dem Kölner Kulturdezernenten zehn junge Kuratoren nennen, die ich für meine Nachfolge für geeignet halte – zehn gleichwertige, das ist gar nicht so einfach.
Darunter auch Philipp Kaiser, der den Job bekommen hat. Was zeichnet ihn aus?
Der hat sehr gute Ausstellungen gemacht, ist offen, sehr viel jünger, gediegener, charmanter Kommunikator.
Was haben Sie 2012 in Köln vor?
Ich habe noch eine aufwändige, ehrgeizige, große Benefizauktion vor, bevor ich das Museum verlasse, nicht nur um keine Schulden zu hinterlassen, sondern auch etwas Geld für Ankäufe. Die Stadt muss dieses Haus besser ausstatten. Wir sind – wie auch die anderen Kölner Museen - chronisch unterfinanziert. Obwohl Kaiser vertraglich dieselben Bedingungen hat wie ich, braucht das Museum mehr Geld für Ausstellungen – nicht für Ankäufe, da sind wir ganz gut ausgestattet und können uns aufgrund der überragenden Sammlung selber helfen.
Herr König, wie geht es Ihnen gesundheitlich?
Ganz gut. Das war natürlich ein Schlag ins Kontor – jetzt denke ich schon wieder: Sollte ich nicht mal wieder eine paffen?
Nicht doch.
Nein, nein, das habe ich hinter mir.