Interview mit Karolina Dankow, Karma International, Zürich

Gutes Karma, kleines Budget

Evelyn Pschak
30. April 2012

Es begann vor fünf Jahren auf einem Zürcher Dachboden. Damals war Karma International noch ein non-profit-space, heute befindet sich die Galerie in Zürich-Seefeld und fällt als erster Name, kommt das Gespräch auf experimentelle, aber dennoch durch Messeauftritte in Basel und Miami geadelte Schweizer Kunsträume. Die beiden promovierten Kunsthistorikerinnen Karolina Dankow und Marina Leuenberger vertreten elf junge Künstler. Sieben davon sind Schweizer wie der 1985 geborene Baseler Tobias Madison, der im nächsten Jahr eine große Einzelausstellung in der Kunsthalle Zürich erhält, eine andere ist Pamela Rosenkranz, die Alltagsobjekte in sprachphilosophische Statements verwandelt. Das Schweizer Wirtschaftsmagazin „BILANZ“, das jedes Jahr ein Künstler-Rating zu den 50 wichtigsten lebenden Künstlern der Eidgenossen veröffentlicht, wählte Madison letztes Jahr auf Platz 47, während Rosenkranz sogar schon Rang 24 besetzte. Doch damit nicht genug: Karma International kann auf Kooperationen mit Kunstnetzwerkern wie Ben Borthwick, Kurator der Tate Modern, oder Gianni Jetzer vom New Yorker Swiss Institute verweisen – weshalb der Galeriename inzwischen Programm ist. Der kommt übrigens nicht aus der Esoterikkiste, sondern ist das Akronym ihrer Vornamen Karolina und Marina.

artnet: Frau Dankow, hätten Sie gedacht, dass Karma International so gut funktioniert – und so schnell in eine kommerzielle Galerie mündet?

Karolina Dankow: Wir hatten eigentlich nicht im Sinn, eine Galerie zu werden. Was uns interessierte, war Ausstellungen zu machen. Wir wurden unterstützt von Stiftungen wie LUMA oder Pro Helvetia und konnten so die Kosten einigermaßen decken. Aber wir haben auch von Anfang an gelernt, mit einem niedrigen Budget zu arbeiten. Etwa indem wir Künstler aus dem Ausland einfliegen und sie kleinen Werke vor Ort realisieren ließen, was den teuren Kunsttransport erspart. Oder wir haben selbst transportiert. Wir sind mit unserem Lastwagen schon oft nach Paris, Berlin oder Amsterdam gefahren. Der Übergang von Offspace zur Galerie kam fließend. Wir sind mit den Künstlern gewachsen, die wir von Anfang an gezeigt haben und wollten uns mit ihnen weiterentwickeln. Es machte also Sinn, eine Galerie zu eröffnen und sie fest in unser Programm aufzunehmen. Pamela Rosenkranz war eine der ersten Künstlerinnen bei uns, 2009 haben wir sie bei den Art Basel Statements gezeigt. Oder die Norwegerin Ida Ekblad, die wir 2007 bei einer Offspace-Messe im Niemandsland Milwaukee kennengelernt haben. Wir wurden Freunde und arbeiten heute sehr eng zusammen.

Als außenstehender Beobachter denkt man bei Zürich eher an hohe Raummieten, Interesse für Etabliertes und wenig mediale Sichtbarkeit für junge Kunst. Wie viel non-profit ist in der Schweiz möglich?

Es gab in Zürich vor uns den Message Salon, sozusagen die Urmutter aller Offspaces in Zürich. Und das Les Complices, das wir immer sehr mochten. Aber es gab keinen Projektraum, der sich auf internationale Künstler spezialisierte. Diese Lücke haben wir gefüllt. In den letzten Jahren ist sehr viel passiert in diesem Bereich. Das New Jerseyy in Basel hat schon fast den Status einer kleinen Institution. Dessen Mitbetreiber Tobias Madison und Emanuel Rossetti haben mit Freunden hier in Zürich jetzt auch noch das Kino AP News eröffnet, das sich zum Knotenpunkt für junge Künstler entwickelt hat. Zudem haben zwei Ex-Assistenten von uns, Fredi Fischli und Niels Olsen das Studiolo eröffnet. Ein ambitioniertes Ausstellungsprojekt mit eigener Publikationsreihe. Und es gibt noch mehr: Le Foyer spezialisiert sich auf Gesprächsreihen. Und Elaine in Basel arbeitet mit dem Museum für Gegenwartskunst zusammen. Auch Hard Hat ist ein wichtiger Angelpunkt, weil es den Bezug zur Genfer Szene herstellt, die ja durch den „Röschtigraben“ tatsächlich ein wenig vernachlässigt wird. Da wir mit Kim Seob Boninsegni arbeiten, der in Genf auch unterrichtet und seit Jahren stark mit Hard Hat verbunden ist, pflegen wir diesen Bezug sehr. Wichtig sind auf jeden Fall auch Circuit und 1m2 sowie die Fondation pour l'Edition in Lausanne oder der Zurich Arts Club, der vom Künstler Fabian Marti und der Kritikerin Quinn Latimer betrieben wird. Hier finden sich monatlich geladene Gäste zu Dinner und Diskussion über Kunst zusammen. Sie werden von Zürichs Szenekoch Tim Standring bekocht.

Man konnte in einem Schweizer Magazin lesen, dass 80 Prozent Ihrer Verkäufe ins Ausland gehen würden. Kauft der Züricher keine ganz junge Kunst? Und wer kauft überhaupt bei Ihnen?

Wir haben schon viele Schweizer Sammler, wahrscheinlich mehr als nur 20 Prozent. Aber es stimmt, dass wir auch viel ins Ausland verkaufen. Unsere Schweizer Käufer sind sehr unterschiedlich, wir verkaufen an Institutionen, Großfirmen, alteingesessene und große Privatsammlungen und an junge Einsteiger, die eben erst eine Sammlung aufbauen. Alles sind wichtige Eckpfeiler unserer Galerientätigkeit, wir schätzen diese Diversität und Herausforderung, Werke gut zu platzieren.

Wie nehmen Sie selbst den ganz jungen deutschen Markt und Berlin wahr?

Berlin ist für uns und die Schweizer Künstler ein wichtiger Referenzpunkt. Man reist sehr oft hin und her, besucht sich, schaut sich Ausstellungen an. Wir teilen auch Künstler mit Berliner Galerien, einige unserer Künstler wie David Hominal und Thomas Sauter leben dort. Es ist neben New York die wichtigste Stadt für uns. Aber auch andere deutsche Städte sind wichtig, etwa München mit seinem Kunstverein, wo Tobias Madison bereits eine Soloshow hatte, Braunschweig, wo Pamela Rosenkranz im Kunstverein ausgestellt hat, oder Bielefeld, wo Thomas Julier seine erste Einzelausstellung bekam. Die Kuratoren dieser Institutionen leisten sehr gute und wichtige Arbeit, die auch von der Schweiz aus wahrgenommen wird.

Gibt es in der Schweiz das Phänomen von stadtbezogenen Schulen – dem Vorbild gemeinsamer Professoren oder älteren Künstlergenerationen geschuldet? Wenn ja, wer wären diese Vorbilder?

In Zürich gibt es vor allem das Phänomen, dass Studenten der Fotografie an der Zürcher Hochschule der Künste erfolgreiche Künstler werden – aber nicht ungedingt im Bereich der Fotografie. Dafür sind unter anderem Tobias Madison, Emanuel Rossetti oder Thomas Julier gute Beispiele. Ansonsten hat die Ecole cantonale d’art in Lausanne (ECAL) eine starke Präsenz, allerdings eher im Bereich der Grafik. In Zürich scheint die Kunsthochschule, eher klanglos an den Studenten vorbeizugehen – wer etwas werden will, wird selbst aktiv. Aber die Ateliers und Produktionsmöglichkeiten werden sehr geschätzt und rege genutzt. Aber eine eigentliche Stil-Schule bildet sich dort nicht heraus, das ist wohl auch nicht der Ehrgeiz der Dozenten. Wichtige Vorbilder kommen oft aus Genf, zum Beispiel John Armleder und Olivier Mosset, aber keiner der jungen Künstler versucht, es ihnen gleich zu machen. Das wäre auch langweilig.

Wie wirkt sich die starke Orientierung der Schweiz am Kunstmarkt auf die Kunstproduktion des Landes aus? Vertragen sich calvinistische Arbeitsethik und Kreativität?

Die Frage ist weniger, ob sich die beiden vertragen – sie sind eher eine wunderbare Kombination! Wer kreativ ist, eine gute Arbeitsmoral hat und auch noch Spaß an der Arbeit, kann es sehr weit bringen.


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