Interview mit Karola Kraus – Direktorin des mumok, Wien

Wiener Wunschzettel

Michaela Nolte
28. November 2011

„Für mich steht die Ästhetik an oberster Stelle“, sagt Karola Kraus. Die neue Direktorin des Museums Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (mumok) ist eigentlich gerade in einer Teambesprechung für die große Retrospektive des Frühwerks von Claes Oldenburg, die im Februar stattfindet. Doch sie nimmt sich trotzdem Zeit für ein Gespräch.

Die Berufung der 1961 geborenen Kunsthistorikerin, die aus der Schwarzwälder Sammlerfamilie Grässlin stammt, stieß im vergangenen Jahr nicht auf die einhellige Begeisterung der Wiener Kulturszene. Hatte doch Kulturministerin Claudia Schmied die Berufung im Alleingang durchgesetzt und sich gegen einheimische Lösungen (gehandelt wurden Namen wie Sabine Breitwieser von der Generali Foundation oder Ingried Brugger vom Bank Austria-Kunstforum) entschieden. Die anfängliche Skepsis, so Kraus, sei mit ihrer Antrittsausstellung „Museum der Wünsche“ aber hoffentlich gewichen.

artnet: Frau Kraus, Sie haben den Braunschweiger Kunstverein geleitet und zuletzt die Kunsthalle Baden-Baden. Sind Sie in Wien angekommen?

Karola Kraus: Absolut. Mir wurde immer wieder gesagt, dass es als Deutsche in Österreich schwierig sei. Ich muss sagen, dass ich bisher keine Ressentiments verspürt habe. Im Gegenteil. Ich wurde äußerst wohlwollend aufgenommen, auch von der Wiener Gesellschaft. Vor allem aber findet die Ausstellung eine unglaublich positive Resonanz. Darauf bin ich natürlich stolz.

Für das „Museum der Wünsche“ haben Sie unter die Sammlungsexponate eine Wunschliste gemischt. Wie ist die Idee entstanden?

Mit meiner Antrittsausstellung wollte ich die Sammlung einer kritischen Revision unterziehen. Auf den unterschiedlichen Ebenen des Museums präsentiere ich meinen Blick auf die Sammlungsschwerpunkte von der Klassischen Moderne bis zu jüngsten Positionen. Zwischen den Sammlungsexponaten werden Kunstwerke gezeigt, die wir uns als Erweiterung und Ergänzung der Sammlung wünschen. Mit diesen Wünschen setzen wir mehrere Signale: Zum einen möchten wir die Sammlung mit wichtigen Werkblöcken bereits in der Sammlung berücksichtigter künstlerischer Positionen ergänzen, zum anderen aber auch durch Werke bislang nicht vertretener Künstler erweitern. So wünschen wir uns als Ergänzung zu unserem wunderbaren Gemälde von Cy Twombly eine Skulptur des Künstlers.

Hat das Wünschen schon geholfen?

Von 37 Wünschen sind bereits 14 erfüllt.

Wie werden die Wünsche denn wahr?

Beispielsweise konnten durch die Mittel der Österreichischen Ludwig Stiftung Werke von John Baldessari und Heimo Zobernig für die Sammlung angekauft werden, oder mit der Unterstützung der Gesellschaft der Freunde Bildender Künste eine Werkserie des jungen Wiener Künstlers Christian Mayer. Wir konnten in den letzten Wochen auch einige Privatpersonen animieren, uns Wünsche zu erfüllen. Frau Piëch war von der Ausstellung so begeistert, dass sie uns spontan eine Installation des amerikanischen Minimalkünstlers Fred Sandback schenkte. Solche Wunscherfüllungen sind natürlich traumhaft und jederzeit erwünscht (lacht).

Wie wichtig ist der Bezug der Stifter zum Künstler oder zum Werk?

Dieter und Gertraud Bogner, die sich seit Jahrzehnten intensiv mit Archiven auseinandersetzen, überließen uns das Archiv des museum in progress. Mit unseren Wünschen offerieren wir den Spendern ein breites Spektrum an Kunstwerken, aus dem sie auswählen können. Uns ist es wichtig, dass sich die Förderer mit ihren Schenkungen identifizieren. Anhand der Beschilderung wird der Prozess vom Wunsch zur Wunscherfüllung für jeden Besucher transparent gemacht: Die Wünsche sind mit silbernen, die erfüllten Wünsche mit goldenen Schildern versehen.

Die Ursprünge der Sammlung gehen zurück auf Werner Hofmann, der 1962 Gründungsdirektor des Museums des 20. Jahrhunderts (später 20er Haus) wurde, ab 1981 kam die Sammlung Ludwig dazu. Welche Lücken gilt es da zu schließen?

Wir versuchen, insbesondere Lücken im Hinblick auf zu wenig beachtete Positionen aus dem osteuropäischen Bereich sowie in Bezug auf die Rolle von Künstlerinnen und auf die mangelnde Präsenz von Malerei zu schließen.

Hat Ihr Vorgänger, Edelbert Köb, da etwas versäumt?

Er hatte andere Schwerpunkte. Es ist sein Verdienst, dass das mumok in den letzten Jahren die Sammlung des Wiener Aktionismus sowie der neuen Medien vehement ausbauen konnte. Eine öffentliche Sammlung bleibt jedoch immer ein Fragment. Mein Ziel ist es, Lücken zu schließen und sinnvoll in die Zukunft zu blicken, es gibt viel zu tun (lacht).


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