Interview mit Johann König

„Hier gibt es keine Altbauten, die man schick renovieren kann“

Gesine Borcherdt
22. März 2012

Sakral ist in der Kreuzberger Kirche St. Agnes nichts mehr, doch Visionen gibt es hier immer noch. Der Galerist Johann König sprüht geradezu vor weltmännischer Vorstellungskraft, wenn er in Anorak und Turnschuhen über das Gelände läuft. Was im Moment noch wie eine Notunterkunft aussieht, hat er der katholischen Gemeinde abgekauft – für die errichtete der umtriebige Berliner Architekt und Senatsbaudirektor Werner Düttmann 1967 das Gotteshaus, im Spritzbetonstil des Brutalismus. Das Ensemble steht unter Denkmalschutz, „als eine der bedeutendsten kirchlichen Anlagen der 1960er-Jahre in Deutschland“, wie es bei den Behörden heißt. Düttmanns puristischer Gestus traf auf „eine neue Bescheidenheit der Kirche“, und so will auch König das Grundstück nicht allein beziehen. Wo einst Pfarrer, Küster und Kaplan wohnten, sollen kreative Mieter anrollen – und die harte Hochhausgegend zwischen Moritzplatz und Axel-Springer-Haus um das bereichern, was hier ohnehin gerade wächst: eine Kreativszene, Kaffee-Latte-freundlich und kosmopolitisch.

Karneval der Kulturen war gestern – heute nimmt Johann König zwei Stufen auf einmal, wenn er die Türen zu den muffigen Zimmern aufstößt, in denen sich in letzter Zeit Bauarbeiter und obskure Etablissements eingenistet haben. Und dann das Kirchenschiff: Rechteckig und himmelhoch ist es, mit schmalem Fensterband unter der Decke – ein Urtypus der Basilika, der antiken Markthalle, wenn auch ohne Seitenschiffe. Entkleidet von Altar und Gestühl, wirkt der raue Zementkörper erstaunlich elegant. Nur die Beichtstühle und die gigantische Orgel an der Rückwand im ersten Stock erinnern noch daran, dass hier früher der Heilige Geist durch die Halle zog. Und natürlich der gigantische Glockenturm: Wem auf den spillrigen Stufen nicht schwindelig wird, unter denen es metertief an dunklen Betonmauern hinabgeht, kann sich schon jetzt die Schaltzentrale des Galeristen vorstellen, der hier ab Frühjahr 2013 sitzen wird – mit Blick auf Springer-Haus, Fernsehturm und Wohnblöcke der Westmoderne. Wieso die demnächst ein Revival feiern könnte, erklärt Johann König im Interview mit artnet.

artnet: Herr König, was reizt Sie daran, Ihre Galerie in eine Kirche zu verlegen?

Johann König: Ich habe mich schon immer für Raumumnutzungen interessiert – besonders für Orte, die durch Kultur eine neue Bedeutung erlangen: Zum Beispiel das Berghain, in dem sich früher ein Heizkraftwerk befand, oder C/O Berlin im ehemaligen Postfuhramt, ganz zu schweigen von den KW – Institute for Contemporary Art in einer alten Margarinefabrik oder dem Boros-Bunker. Meine jetzigen Galerieräume in der Dessauer Straße befinden sich in einer früheren Druckerei. Auf die Kirche brachte mich ein befreundeter Architekt, Arno Brandlhuber, der die Initiative „Stadt Neudenken“ mitgegründet hat. Die Kirche besitzt mit ihrer geometrischen Strenge und einem genialen Lichtkonzept die Qualität einer Kunsthalle. Vergleichbar wäre hier die Akademie der Künste im Hansaviertel, ebenfalls von Werner Düttmann erbaut, oder die Londoner Hayward Gallery.

Die Aufladung alter Räume mit neuen Inhalten ist ja etwas sehr Berlin-typisches.

Ja, das macht Berlin aus! Ich finde es wichtig, dass es hier weiterhin Räume für Kunstproduktion gibt, die nicht dem reinen Mehrwertzwang folgen. Räume mit hohen Mieten, wie sie jetzt in Berlin-Mitte verlangt werden, bringen eine andere Kunst hervor – der Verkaufsdruck ist dann einfach höher. Man kann sich größere experimentelle Ausstellungen einfach nicht leisten bei 20 Euro pro Quadratmeter.

Sie wollen selbst auch Räume auf dem Grundstück der Kirche vermieten. Wie soll die Gestaltung des Areals am Ende aussehen?

Das Grundstück umfasst rund 5.000 Quadratmeter, die nutzbaren Flächen des Gebäudes rund 3.000 Quadratmeter. Die Ausstellungsfläche wird 800 Quadratmeter messen, dann werden wir noch Büroräume einrichten, ca. 1.700 Quadratmeter wollen wir vermieten. Auf jeden Fall soll hier Kunstproduktion stattfinden – Redaktionsbüros, Musikstudios, Ateliers…

Wie werten Sie den Standort der Kirche? Sie liegt ja in einem Teil von Kreuzberg, in dem sich der Kulturbetrieb gerade stark entwickelt.

Ja, in unmittelbarer Nähe liegen das Galeriehaus an der Lindenstraße, fast gegenüber der Springer-Verlag, nicht weit davon sitzen die „taz“ sowie die Galerieareale an der Rudi-Dutschke-Straße, Markgrafen- und Charlottenstraße. Jüdisches Museum und Berlinische Galerie sind fußläufig. Nicht weit davon befindet sich neuerdings das Aufbau-Haus, dann haben wir hinterm Moritzplatz die Prinzessinengärten, das Beta-Haus, dann die Galerie Kai Dikhas oder Bazon Brocks Denkerei… Bei uns gleich um die Ecke liegt der Veranstaltungsort Ritter Butzke im Atelierhaus Aqua Carré. Und der Architekt Jesko Fezer, bekannt von der Buchhandlung pro qm, baut gerade nicht weit davon ein Mehrfamilienhaus, in das Künstler und Kritiker einziehen werden.

Die Gegend ist ja vom Sozialen Wohnungsbau der 1950er-Jahre dominiert. Ist die kulturelle Entwicklung dort der Beginn einer Gentrifizierung?

Das denke ich nicht. Die Gefahr, dass hier schicke Läden entstehen wie um die August- oder Torstraße herum, ist in so einer Umgebung eher gering. Ich fände das zwar nicht verkehrt, nur bewirken hohe Mieten, wie sie dadurch in Mitte entstanden sind, eine Abwanderung von Kultur und Kunst. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass ein gemischtes Berlin spannender ist als ein homogenes. Es geht um Bereicherung, und zwar in beide Richtungen – die eine Monokultur ist ja nicht besser als die andere. Pures Establishment ist genauso langweilig wie eine reine Einwanderergegend.

Den Prenzlauer Berg, den man ja auch einmal mit dieser Neugier erschlossen hat, betrachten heute viele als Schwabenplage.

Ja, weil dort Vieles, das früher original war – etwa alte Kneipen oder einfache Läden – total verdrängt wurden. An der Alexandrinenstraße gibt es aber nichts Originales, das man kaputt machen könnte. Schließlich wurde die Gegend im Zweiten Weltkrieg buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht, und danach entstanden eben diese ganzen Hochhäuser. Hier gibt es keine Altbauten, die man schick renovieren kann.

Die Hochhäuser wurden ja inzwischen auch schon von Künstlern entdeckt.

Genau – die Haltung gegenüber Milieu und Wohnstil der harten Westmoderne wird sich in nächster Zeit ganz sicher ändern!

Trotzdem war die Gegend nicht ausschlaggebend für Ihre Entscheidung, die Kirche zu kaufen, oder?

Nein, das war ganz klar der Raum.

Wer wird den denn nun für Sie umbauen?

Wir sind gerade im Gespräch mit mehreren Architekten. Dabei beschäftigt uns die Frage, ob die brutalistische Ästhetik herausgekehrt werden soll, oder ob man die Sache eher stadtpolitisch angehen müsste, also mit der Frage: Wie kann der Bau auf die Umgebung eingehen? Last but not least ist auch einfach eine sehr sensible Sanierung vorstellbar, so wie bei der Akademie der Künste.

Erlebt Werner Düttmann jetzt ein posthumes Revival?

Warum nicht? Er hat schließlich sehr viel für Berlin getan, als Architekt wie als Senatsbaudirektor! Auf sein Konto gehen ja unter anderem die Hansabibliothek und das Brücke-Museum. Allerdings auch so etwas wie das abgerissene Kranzler Eck und das Kottbusser Tor. Aber er hat Ludwig Mies van der Rohe für den Bau der Neuen Nationalgalerie gewonnen und dafür sogar Gesetze ändern lassen: Sonst gäbe es dort keine Treppen ohne Geländer!


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