Interview mit Jens Beckert, Max-Planck-Institut Köln

Was macht Kunst teuer?

Isa von Bismarck-Osten
4. März 2011

Es gibt mehr gute Kunst als teure Kunst. Frage: Wie wird sie teuer? Jens Beckert, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, hat den Markt für zeitgenössische Kunst untersucht und die Antwort gefunden: durch Reputation. Isa von Bismarck-Osten traf den Soziologen in Köln.

artnet: Was war das letzte Kunstwerk, das Sie gekauft haben?

Jens Beckert: Ein Migof von Bernard Schultze, den ich letztes Jahr gekauft habe.

Ihr Forschungsbiet ist die Soziologie der Märkte. Auch die Mechanismen des Kunstmarktes haben Sie durchdrungen. Steigt dadurch die Lust, Kunst zu kaufen, oder sinkt sie sogar?

Meine Beschäftigung mit dem Kunstmarkt hat mein Interesse für Kunst erhöht. Kunst erschließt sich erst durch die Auseinandersetzung mit ihr. Die Frage ist aber berechtigt. Es gibt andere Märkte, mit denen wir uns beschäftigt haben, bei denen der Effekt umgekehrt ist. Ein Beispiel dafür ist der Weinmarkt. Wenn ich heute Weinkritiken lese, bin ich abgeschreckt von der Sprache und erstaunt über die Behauptungen, was man da alles schmecken soll. Die Beschreibungen stehen in keinem Zusammenhang zu dem tatsächlichen Geschmackserlebnis.

Bei Gütern unterscheiden Sie drei Arten von Wert: funktionaler, positioneller und imaginativer Wert. Welchen Wert hat Kunst?

Kunst hat keinerlei funktionalen Wert. Unter funktionalem Wert verstehe ich, dass das Produkt einen unmittelbaren Nutzen hat. Man kauft Kleidung um sich warm zu halten. Man kauft eine Wohnung, damit man ein Dach über dem Kopf hat. Bei Kunst gilt das alles nicht. Welchen Wert aber hat Kunst für die Käufer? Der Wert von Kunst beschränkt sich auf positionellen und imaginativen Wert. Positioneller Wert meint, dass ich als Kunstsammler einen sozialen Status zum Ausdruck bringe. Wenn meine Freunde, Bekannten, Familienmitglieder sehen, dass ich Kunst sammle, dann sagt es etwas über meine soziale und kulturelle Identität aus. Für den Käufer von Kunst kann darin ein Motiv liegen, Kunst zu kaufen. Die zweite wichtige Wertdimension von Kunst ist ihr imaginativer Wert. Ich meine damit, dass Kunst eine bestimmte Aura hat. Eine Aura, durch die das Objekt mit transzendentalen oder sakralen Werten verbunden ist. Bei Kunst geht es um Schönheit. Es geht um das Erhabene. Es geht um die Verbindung mit der Genialität des Künstlers. Es geht um die Dimension der Kreativität. Zu all diesen transzendenten Dimensionen kann ich durch den Besitz eines Kunstwerkes eine Verbindung herstellen.

Kommen wir zu den Preisen: Sie sagen, der Preis eines Kunstwerks oder eines Künstlers entsteht durch Reputation. Wie meinen Sie das?

Es geht bei einem Kunstwerk letztendlich immer um dessen künstlerischen Wert. Dieser künstlerische Wert ist jedoch nichts, was objektiv gegeben ist. Vielmehr bildet er sich in kommunikativen Prozessen im Feld der Kunst heraus. Ich will das kurz erläutern und dann auf die Frage von Reputation kommen. Für einen Außenstehenden ist der Kunstmarkt vollkommen undurchschaubar. Man kann das daran erkennen, dass Leute, die nichts mit Kunst zu tun haben und in ein Museum für zeitgenössische Kunst kommen, die Kunst manchmal so kommentieren: „Das hätte ja auch mein Kind malen können“. Das zeigt, dass die Einschätzung des künstlerischen Wertes nichts ist, was sich unmittelbar erschließt. Er wird erst dann klar, wenn man bestimmte Bezüge, die im Feld der Kunst produziert werden, herstellen kann. Das sind kunsthistorische Bezüge, Bezüge auf andere Künstler und die Wertschätzung für den Künstler durch Institutionen und Experten. Jeder Künstler wird im Feld der Kunst in seinem künstlerischen Wert eingeschätzt. Dies geschieht durch Institutionen wie Kunstkritiker, Museen, Kuratoren, Galerien. Zugleich sind die Urteile ganz unterschiedlich bedeutsam, je nachdem von wem sie stammen. Letztendlich entsteht die Reputation eines Künstlers aus der Reputation der Institutionen, die Einschätzungen zu diesem Künstler abgeben. Es kommt also darauf an, ob der Ausstellungsort die lokale Zahnarztpraxis ist oder das Museum of Modern Art.

Welche Art von Reputation hat demnach den Haupteinfluss auf den Preis eines Kunstwerks oder eines Künstlers?

Es gibt verschiedene Einflüsse. Auszeichnungen des Künstlers spielen eine Rolle, die Präsentation der Künstler in der Öffentlichkeit – hier geht es um die Medienaufmerksamkeit. Es gibt auch andere Aspekte: An welcher Kunsthochschule war der Künstler, bei welchem Professor war er Meisterschüler, von welchen Galerien wird er präsentiert, welche Museen haben ihn in ihre Sammlung aufgenommen? All dies sind Signale, die einen Einfluss auf den Preis von Kunst haben.

Es gibt ja immer Ausnahmen von der Regel. Kennen Sie zeitgenössische Kunst, die durch andere Mechanismen teuer geworden ist?

Für zeitgenössische Kunst nicht. Wenn man kunsthistorisch zurückblickt, gab es aber tatsächlich ganz andere Mechanismen der Preisfindung. Bei der holländischen Malerei war der Preis des Kunstwerkes durch die Zahl der Köpfe auf dem Bild festgelegt. Es gab Zeiten, in denen versucht wurde, den Wert des Kunstwerkes mit dem Aufwand des Künstlers in Verbindung zu bringen. In der zeitgenössischen Kunst spielt das keine Rolle.

Da die Qualität eines Kunstwerkes nur schwer zu bestimmen ist, sind Käufer für ihre Entscheidung auf das Werturteil anderer angewiesen. Wie gerecht sind also die Preise im Kunstmarkt?

Im Kunstmarkt kann man nicht von der Kategorie der Gerechtigkeit sprechen. Gerechtigkeit wäre ein Kriterium, das außerhalb des Kunstmarktes liegt. Man könnte sagen, gerecht wäre es, wenn ein Künstler danach bezahlt würde, wie lange er an einem Kunstwerk gesessen hat. Aber solche Kriterien spielen schlichtweg keine Rolle. Es geht nur darum, welchen künstlerischen Wert die Marktteilnehmer dem Kunstwerk zubilligen. Das ist ein intersubjektiver Prozess.

Welchen Einfluss haben Skandale wie der um die fiktive Sammlung Jägers auf den Kunstmarkt?

Den Kunstmarkt zeichnet eine große Unsicherheit aus. Deshalb ist es enorm wichtig, dass es zumindest einige Aspekte gibt, auf die sich Käufer verlassen können. Einer dieser Aspekte ist die Authentizität des Kunstwerkes. Auktionshäuser, Galerien und Kunstexperten übernehmen hierfür eine Garantie. Sie stehen mit ihrer Reputation dafür ein, dass die Echtheit eines Kunstwerkes gegeben ist. Wenn also eine Institution mit hoher Reputation wie das Kunsthaus Lempertz hier fehl geht, dann wird in einem Markt, der ohnehin von Unsicherheit geprägt ist, diese Unsicherheit weiter erhöht. Wenn das Vertrauen nicht wieder hergestellt wird, kann der Markt nicht funktionieren.

Stehen sich Kunst und Markt als „feindliche Welten“ gegenüber?

Wenn damit gemeint ist, dass der Markt Kunstentwicklung korrumpiert, dann würde ich sagen, Nein. Ich glaube nicht, dass Künstler eine bestimmte Art der Kunst produzieren, weil der Markt es von ihnen erwartet. Das soll nicht heißen, dass es das nicht auch gibt. Doch lässt sich Kunstentwicklung so nicht verstehen.

Dennoch stehen Kunst und Wirtschaft in einem spannungsreichen Verhältnis zueinander. Zu erkennen ist dies etwa an bestimmten Praktiken im Kunstmarkt, mit denen der Kunstverkauf von der profanen Sphäre der Ökonomie abgegrenzt wird. Ich will zwei Beispiele dafür geben: Warum wird Kunst eigentlich nicht im Warenhaus im dritten Stock neben den Strümpfen verkauft? Stattdessen finden sich Galerien häufig in Stadtgebieten, die aus der Ökonomie herausgefallen sind, etwa in leeren Fabrikhallen, die für künstlerische Tätigkeit neu definiert werden. Der Stadtteil Soho in Manhattan in den siebziger Jahren steht hierfür. Interessant ist auch zu beobachten, wie Galerien eingerichtet sind. Sie sehen aus wie Museen, mit dem White Cube als Ideal. Damit wird die Assoziation hergestellt, dass das, was verkauft wird, museal ist. Die Art der Präsentation von Kunst im Kunstmarkt gibt Hinweise auf das Spannungsverhältnis von Kunst und Ökonomie.

Eine Euro-Krise ist nicht auszuschließen und Gold ist extrem teuer. Empfehlen Sie Kunst als Anlage?

Die meiste Kunst wird nie auf einem Sekundärmarkt gehandelt. Die allermeiste Kunst wird nie teurer. Kunst als Anlage ist also hochspekulativ. Die meisten, die das probieren, werden vermutlich später enttäuscht feststellen, dass Kunst keine rentable Anlageform war. Insofern kann ich nicht sagen, dass ich Kunst als Investition empfehlen würde. Wer Kunst kauft, sollte an ihr interessiert sein. Wenn sie dann doch im Wert steigt, kann man sich darüber auch noch freuen.

Daraus leite ich ab, dass Sie den Migof von Schultze aus rein ästhetischen Gründen gekauft haben?

Ich habe die Plastik gekauft, weil sie mir gefällt. Ich hoffe aber durchaus, dass sie ihren Wert erhält.


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