Interview mit Jef Rademakers

Ohne Illusion kann ich nicht leben

Cornelia Ganitta
10. Januar 2012

Ein bisschen gehöre er nun auch zum nationalen Kulturerbe, verkündet der Niederländer Jef Rademakers stolz. Seine Sammlung flämisch-niederländischer Kunst aus der Zeit zwischen 1806 und 1870 steht seit Kurzem auch auf der Seite der Königlichen Bibliothek der Niederlande im Internet. Doch nicht nur das. Seit ihrer Präsentation in der St. Petersburger Eremitage, im Gemeentemuseum Den Haag sowie im belgischen Löwen ist ein regelrechter Hype um die Sammlung des ehemaligen TV-Machers entbrannt. So stehen Helsinki, Tallinn und Riga für 2012 sowie Moskau für nächstes Jahr als Ausstellungsdestinationen auf dem Programm. Einzige Station in Deutschland bislang: Das B.C. Koekkoek-Haus in Kleve. Dort – im einstigen Wohnhaus des niederländischen Malers Barend Cornelis Koekkoek – ist die mit „Ein romantischer Blick“ betitelte, 72 Bilder umfassende Schau noch bis zum 26. Februar zu sehen. Im Interview erzählt der 62-Jährige Sammler von seiner Leidenschaft für die romantische Kunst, in deren Scheinwelt er so gerne eintaucht.

artnet: Herr Rademakers, Sie sammeln seit 25 Jahren romantische Kunst. Wie kommt man als Mann der seichten TV-Unterhaltung - Sie produzierten u.a. Serien wie „Pin Up Club“ oder „Klassentreffen“ - dazu, seinen lukrativen Job aufzugeben, um sich nur noch dem Sammeln von Kunst zu widmen? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Jef Rademakers: Die Programme, die ich erfand, hatten immer etwas mit mir zu tun: meiner Jugend, meinen erotischen Träumen, meiner Angst vor dem Tod etc. Das verpackte ich am liebsten in seichte TV-Formate. Um meine Familie zu ernähren, reichte das. Doch plötzlich lief es zu gut. Ich erfand eine anekdotische Talkshow, das „Klassentreffen“. Ein berühmter Politiker, Popstar, Autor oder Sportler wurde mit seinen ehemaligen Klassenkameraden zusammengebracht. Die Sendung bot ein Forum für Jugenderinnerungen, Gefühle, Reflektionen, aber auch Relativierungen. Beinahe jeder erkannte sich in dem Programm. Es wurde ein regelrechter Hit. Nach dem Erfolg in den Niederlanden übernahmen sechs ausländische Sender das Format. Mein Ein-Mann-Betrieb geriet aus allen Fugen. Ich musste zwanzig Leute einstellen; wir verdienten Geld wie Heu. Letztendlich haben wir mehr als 500 solcher „Klassentreffen“ veranstaltet. In Deutschland lief die Reihe im ZDF. Ich fuhr von München nach Hamburg, von Mainz nach – damals noch – West-Berlin.

Wie kam es dann zur Wende in Ihrem Tun?

Ich realisierte auf einmal, dass ich nicht geboren wurde, um mein Dasein als Geschäftsmann zu fristen. Ich wurde immer mehr zum Betriebsleiter und hatte immer weniger Umgang mit Künstlern, um den es mir eigentlich ging. Kurz: die klassische Midlife-Crisis. Ich war 40, hatte viele meiner Illusionen über die Politik, die Kunst, die Liebe verloren und ich sah vor lauter Erfolg den Himmel über mir nicht mehr, dafür den Abgrund, der unweigerlich bevorstehen musste. Ich habe daraufhin ziemlich abrupt beschlossen, mein Leben zu ändern, weg von der Glamour-Welt des Fernsehens. Ich verkaufte meine Firma, ließ mein Fernseharchiv vernichten und bin nach Flandern gezogen. Ich wollte nachdenken, Gedichte schreiben, vielleicht einen Roman. „Ganz nebenbei“ entwickelte sich bei mir eine andere Leidenschaft.

Für die romantische Malerei...

Genau. Mitte der 1980er-Jahren habe ich ein Fernsehprogramm gemacht über den „Öffentlichen Kunstbesitz“ in den Niederlanden. Dafür filmte ich in Museen, Ateliers und bei Kunsthändlern. Alte Malerei habe ich immer geliebt, die Hell-Dunkel-Kontraste, die geheimnisvolle Atmosphäre von Vergangenheit, die sie in sich trug. Ich hatte diese Kunst immer als etwas betrachtet, dass man lediglich bewundern kann. Als ich jedoch für diese TV-Reihe Aufnahmen von einer Auktion in Amsterdam machte, wurde mir klar, dass man selbst auch Besitzer von Meisterwerken werden kann. Als ich dann das Geld dazu hatte, habe ich angefangen zu kaufen.

Jop Ubbens, der Direktor von Christie´s in Amsterdam bezeichnet Sie als einen ausgesprochenen Kenner Romantischer Kunst. Woher kommt das Wissen? Sind Sie Autodidakt auf dem Gebiet?

Eigentlich bin ich Germanist. Daneben aber habe ich Niederländische Literatur und Geschichte studiert. Das war eine solide Basis, um mich in die Zeit zu vertiefen, der meine Vorliebe gilt: die Romantik. Mein praktisches Wissen habe ich von Kunsthändlern und Restauratoren. Sie lehrten mich, dass man ein Werk befühlen muss, daran riechen muss, es förmlich „unter die Lupe“ nehmen muss, um sein Alter, seinen Zustand und infolge dessen, seinen Wert zu ermessen.

Wie kam es zum Kauf des ersten Werkes Ihrer Sammlung?

Meine erste seriöse Landschaft kaufte ich von einem englischen Kunsthändler auf der Biennale de Paris in 1988. Über den Betrag waren meine Frau und ich so erschrocken, dass wir nach dem Kauf die Reservierung in einem schicken Restaurant annullierten, in einer Imbissbude essen gingen und ein Zimmer in einem billigen Studentenhotel nahmen. Ich hatte Schuldgefühle. War es nicht eine Sünde, sechs mittlere Jahresgehälter auszugeben, nur um eine romantische Winterlandschaft zu besitzen?

Die Skrupel aber waren offensichtlich nur von kurzer Dauer. Mittlerweile wähnen sich über 100 Werke in Ihrem Besitz.

Ja, ich reiste durch die ganze Welt auf der Jagd nach echten romantischen Perlen. Ich besuchte Messen, Ausstellungen und Auktionen. Ich kaufte Gemälde in England, den USA, Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Österreich. Kurz: Ich war überall dort, wo ein schönes Werk auf den Markt kam. Es musste allerdings eines aus der Romantik sein und aus meinem eigenen Biotop. Den Niederlanden und Belgien.

Wie viel Geld haben Sie für das teuerste von Ihnen gekaufte Bild hingelegt? Und wie viel sind Sie bereit, in Zukunft dafür auszugeben?

Auf Bitte der Versicherer hin, kann ich dazu keine konkreten Angaben machen. Vielleicht sind Auktionspreise für Sie eine Richtlinie. Kleinere romantische Werke sind immer noch sehr bezahlbar, aber für Topstücke von großen Landschaftsmalern wie B.C. Koekkoek und Andreas Schelfhout wurden in den vergangenen Jahren wiederholt mehr als eine Million Euro mit Aufgeld bezahlt. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr mitreißen lasse. Eine Leidenschaft kann dich auch ruinieren! Über den gesamten Wert der Sammlung kann ich nur sagen, dass er größer ist, als die Summe ihrer Teile. Meines Wissens existiert nirgendwo anders ein solch homogener Überblick über die niederländisch-flämische Romantik.

Was bedeutet Ihnen das Sammeln?

Es ist sicher ein Privileg, um mitten in idealisierten Welten leben zu können. Aber in meinem Fall ist das Sammeln noch viel mehr: eine Sucht. Sie können es ruhig eine Krankheit nennen.

Was speziell reizt Sie an der romantischen Kunst?

Ich kann offensichtlich nicht ohne Illusionen leben. Die Ideale, die ich zwischenzeitlich verloren hatte, habe ich in den Bildern der romantischen Künstler wieder gefunden. Tief in meinem Innern bin ich sehr schwermütig, pessimistisch, geradezu hypochondrisch. Ich betrachte das Leben von einer zynischen Seite, als eine Krankheit, deren Ablauf feststeht. Eine denkbar ungünstige Voraussetzung für ein sorgenfreies Dasein. Die romantische Malerei ist eine meiner Überlebensstrategien. In gewissem Sinn ist sie, genau wie der Alkohol und die Musik ein Rezept gegen meinen Zynismus. Sie überlistet das Vorhandene, in dem sie es verherrlicht. Es gibt keine schönere Umschreibung für die Romantik als die deutsche: „Die Wiederverzauberung der Welt“.

Welcher Maler Ihrer Sammlung beeindruckt Sie am meisten?

Für Bart van Hove hege ich ein besonderes Faible, weil er ein „typischer“ Romantiker war. Es ging ihm nicht darum, die Wirklichkeit so realistisch wie möglich darzustellen, sondern darum, sie zu verbessern, indem er seine eigene Wirklichkeit kreierte. Er nahm Elemente aus verschiedenen Städten, setzte sie zusammen und machte eine Art Capriccio davon. Heraus kam eine Illusion. Das ist das Wesen der Romantik.

Romantik steht aber auch für eine Erhöhung der Natur bis hin zu ihrer Verherrlichung.

Das stimmt. Auch wie Natur erlebt, wiedergegeben und interpretiert wird, ist ein wesentlicher Bestandteil der Romantik. Die Schöpfung erhält etwas Übernatürliches. Im wahren Leben musst du dir selbst etwas vorgaukeln, um durchzuhalten. Und dafür ist die Romantik perfekt. Ich flüchte gern in die Scheinwelt meiner Bilder.

Sie beschrieben die Niederländische und Flämische Romantik einmal als „revolutionär“. Was macht sie dazu?

Die ganze Periode zwischen der Französischen Revolution 1789 und dem Wiener Kongress 1814 war revolutionär. Adel und Kirche mussten sich zurücknehmen. Die parlamentarische Demokratie wurde geboren. Es entstand ein komplett neues Lebensgefühl und so schien es nicht mehr als logisch, dass die Maler dieser Zeit – genau wie die Schriftsteller und Komponisten – das neue Lebensgefühl in ihrer Arbeit umsetzten. Die größte Revolution war vielleicht das neue Verständnis für die Natur. Landschaften aus dieser Periode streben nicht nach einer geografischen Korrektheit, sie verherrlichen die Schöpfung. Und nicht nur das: sie setzen ihr noch einen oben drauf.

Die eigentlichen „Revolutionäre“ waren doch die der Romantik folgenden Realisten vom Schlag eines Adolph Menzel, der anfing, die aufkommenden Errungenschaften der Industrialisierung bildlich festzuhalten. Belgien hatte bereits ab 1835 eine Dampfeisenbahn und bis Mitte des Jahrhunderts sogar das dichteste Eisenbahnnetz auf dem Kontinent. In den Bildern der flämischen Romantiker jedoch tauchen diese Anfänge moderner Technik nicht auf. Ihre Sichtweise war eher eine rückwärts gewandte, das Glück bewahrende, vermeintlich romantische – oder nicht?

Das ist nur zum Teil wahr. Das Hässliche und Banale wurde in der Romantik vertuscht. Auch Armut und soziales Unrecht waren kein Thema. Verfall hingegen schon. Ruinen noch und nöcher. Aber die waren vor allem ein Zeichen für Vergänglichkeit. Es ist übrigens nicht so, dass technischer Fortschritt bewusst aus den idyllischen Landschaften herausgehalten wurde. Im Nocturne-Bild von Désiré Donny aus dem Jahre 1840 sieht man ein Dampf betriebenes Boot friedlich neben einem Segelschiff schippern.

Sie sind ein „Niederländischer Brabanter“, leben aber seit rund zwanzig Jahren in Antwerpen. Wollten Sie der flämischen Romantik näher sein? Oder lieber weiter weg vom niederländischen Fiskus?

Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen der niederländischen und der flämischen Romantik. In ihrer Entstehungszeit waren Holland und Belgien als die Niederen Lande noch zusammen. Mit der sogenannten Belgischen Revolution 1830 sind die Belgier kein Stück weiter gekommen. Und die Flamen schon gar nicht. Meine Frau und ich sind in der Tat echte „Nederlandse Brabanter“. Wir sind beide kaum 30 km entfernt von hier (Anmerkung der Redaktion: Brasschaat, Vorort von Antwerpen) geboren. Wir lieben diese Gegend. Aber ich gebe zu, dass unser Umzug nach Belgien vor rund 20 Jahren fiskal gesehen „nicht unvernünftig“ war.

Wie erklären Sie es sich, dass die romantische Kunst der Niederen Lande – im Vergleich zur englischen, französischen, russischen und deutschen Romantik – über viele Jahre von der Kunstwelt vernachlässigt wurde und erst jetzt wieder auf den Märkten gefragt ist?

Im Gegensatz zu Deutschland, wo Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus und Philipp Otto Runge eigentlich zu jeder Zeit hoch angesehen waren, war die Vernachlässigung in den Niederlanden immer auch einer elitären Haltung geschuldet: Man konnte sich nicht vorstellen, dass es in der Epoche zwischen den Riesen Rembrandt und van Gogh noch etwas anderes gab.

Was unterscheidet die niederländisch-flämische Romantik von der eines Caspar David Friedrich?

Friedrich ist noch beeindruckender. Mich berühren vor allem die Rückenfiguren in seinen Landschaften, die so offenkundig über die Vergänglichkeit sinnieren. In der Niederländischen Romantik besteht die Staffage oft aus sehr kleinen Figuren, die die überwältigende Natur noch einmal mehr akzentuieren. Friedrich ist mein großer Held. Wenn ich genug Geld hätte, würde ich Gemälde von ihm sammeln. Zu meinem Trost kommen sie sehr selten, beinahe gar nicht in den Handel. Das wäre mein Untergang.

An einem der ausgestellten Bilder waren gleich zwei Maler beteiligt: Johann Bernard Klombeck malte die Landschaft, Eugène Verboeckhoven dann die Figuren dazu. War diese Art der Staffagenmalerei ein weit verbreitetes Phänomen in der Romantik?

Eugène Verboeckhoven hat für mehr als 50 Kollegen die Staffagen gemalt, schon lange vor der Arbeit für Klombeck. Eine solche Zusammenarbeit machte das Werk noch wertvoller. Verboeckhoven war damals schon der größte Tier- und Figurenmaler der Romantik.

In St. Petersburg hingen die Bilder von Koekkoek, Klombeck, Abels, Schelfhout, de Loose und Co gleich neben den Schausälen von Pablo Picasso und Wassily Kandinsky. Mit 100.000 Besuchern war die Schau ein absoluter Erfolg. Wie kam „der Deal“ zustande?

Die Ausstellung in der Eremitage war das Resultat einer unglaublichen Verquickung von Ereignissen. Auf einer Caspar David Friedrich-Schau in Amsterdam traf ich Dr. Boris Asvarisch, den Chef-Kurator für die Kunst des 19. Jahrhunderts in der Eremitage. Er lud sich selber zu mir nach Hause ein, um sich die Kollektion anzusehen. Er war sofort begeistert und wollte die Werke unbedingt nach St. Petersburg holen. Dass die Schau danach in den Niederlanden, Belgien und Deutschland gezeigt wurde, ist eine logische Folge davon.

Nach Kleve – wo sie derzeit in die zweite Verlängerung geht - wandert die Schau weiter in die baltischen Staaten.

Ja, das aber geht auf die Initiative der Niederländischen Botschaft zurück. Die sieht die Kollektion als eine schöne „Holland Promotion“. Außerdem verlangen wir keine Verleihgebühr. Wir stellen den Museen alles kostenlos zur Verfügung. Uns geht es darum, die Romantik der Niederen Lande weltweit ins Augenmerk zu rücken.

Als einstiger Fernsehmann sind Sie es gewohnt, im Rampenlicht zu stehen. Ist die Präsentation Ihrer Sammlung für Sie eine andere Art der Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit oder – wie es der französische Sammler Antoine de Galbert einmal ausgedrückt hat - eine „kompensatorische Verhaltensweise“?

Natürlich genieße ich das „Rampenlicht“, das ich rundum die Kollektion erfahre. Aber ich bin nur der Sammler. Ich liefere das Podium. Die wahren Künstler sind die großartigen Maler von vor 200 Jahren.

„Ein romantischer Blick. Die Sammlung Rademakers“ - B.C. Koekkoek-Haus, Kleve. Vom 25. September 2011 bis 26. Februar 2012


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