Interview mit Harald Falckenberg zu Uwe Lausen in den Phönix-Hallen, Hamburg-Harburg

Zwischen den Stühlen

Belinda Grace Gardner
9. Dezember 2010

 „Uwe Lausen. Ende schön alles schön“, Sammlung Falckenberg / Phoenix Kulturstiftung, Hamburg-Harburg. Vom 23.Oktober 2010 bis 23. Januar 2011

Eigentlich wollte er Schriftsteller werden. Und tatsächlich erzählen seine Bilder surreal-subversive Geschichten. In nur neun Jahren produzierte der Maler, (Comic-)Zeichner und Aktivist Uwe Lausen (1941-1970) ein vielseitiges, schwer greifbares Werk, das jetzt in einer großen Übersichtsschau (Kuratorinnen: Pia Dornacher, Selima Niggl) wieder zu entdecken ist. Die Retrospektive zum vierzigsten Todestag des Künstlers, der mit nur 29 Jahren seinem Leben ein Ende setzte, ist eine Kooperation der Schirn Kunsthalle Frankfurt mit dem Museum Villa Stuck, München, und der Hamburger Sammlung Falckenberg, in deren Phoenix-Hallen sie aktuell zu sehen ist. Über Werk und Person des schillernden Künstlers Uwe Lausen sprach Belinda Grace Gardner in Hamburg mit Harald Falckenberg.

artnet Magazin: Arbeiten von Uwe Lausen waren seit der Retrospektive 1984 im Münchner Lenbachhaus nicht mehr in dieser Fülle zu sehen. Die Retrospektive mit rund 150 Werken – Malerei und Arbeiten auf Papier – in den Phoenix-Hallen, die bereits in Frankfurt und München gezeigt wurde, ermöglicht jetzt eine Wiederbegegnung mit einem Künstler, der erstaunlich gut zu etlichen Protagonisten der Sammlung Falckenberg passt. Dennoch ist er nicht darin vertreten, nicht wahr?

Harald Falckenberg: Nein, obwohl ich Uwe Lausen für einen großartigen Künstler und eine zentrale Position der 1960er-Jahre halte. Er war immer schon ein Geheimtipp. Ich habe über längere Jahre damit geliebäugelt, Arbeiten von ihm zu erwerben. Die Preise sind aber zwischenzeitlich so in die Höhe gegangen, dass ich davon Abstand genommen habe. Es entspricht auch nicht meinem Selbstverständnis als Sammler, mich an Entwicklungen dranzuhängen. Umso mehr freue ich mich, jetzt in Kooperation mit der Schirn Kunsthalle und der Villa Stuck diese Retrospektive zu zeigen. Lausens Arbeiten passen sehr gut in den Kontext meiner Sammlung, und es ist eine großartige Ausstellung, die sich in den Räumen bestens entfalten kann.

Als Künstler lässt sich Uwe Lausen ebenso wenig einordnen wie als Mensch. Er scheint sich grundsätzlich allen Positionsbestimmungen zu entziehen.

Uwe Lausen ist ein typisches Produkt der 1960er- Jahre – eine Zeit, die viele junge Leute als Spannungsverhältnis zwischen Ausbrüchen in die Revolution und einem Rückfall in die Bürgerlichkeit erlebten. Mit dieser Problemstellung sind viele nicht fertig geworden. Lausens gespaltenes Werk spiegelt diese Situation hervorragend wider. Es ist Ausdruck eines Widerstandes gegen die bürgerliche Gesellschaft. Entscheidende Impulse erhielt Lausen durch die Begegnung mit der anarchischen Gruppe SPUR in München. Anschließend war er ein paar Jahre eng mit der Situationistischen Internationale verbunden, eine der radikalsten Gruppen seiner Zeit. Und doch konnte er sich nie ganz lösen aus seiner bürgerlichen Herkunft – er war ja Sohn des SPD-Politikers und Bundestagsabgeordneten Willi Lausen. So war er gefangen zwischen einer Herkunft, die sich nicht abstreifen ließ, und einer Zukunft, die er nicht bewältigen konnte.

David Hockney, Francis Bacon, Friedensreich Hundertwasser, Tom Wesselmann sind nur einige der Künstler, die sich in der vielstimmigen Bildsprache von Uwe Lausen finden lassen. In gewisser Weise betreibt er eine Art Sampling avant la lettre. Seine Arbeiten haben dennoch etwas sehr Eigenwilliges, und sie wirken auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch erstaunlich frisch.

Bei Lausen findet man ganz klare Nachahmungen, von Bacon, Hockney, ganz deutlich auch von Hundertwasser oder in frühen Bildern von Künstlern des Informel. Lausen ist sehr viel gesurft, hat nie etwas ganz Eigenes und vor allen Dingen nie sich selbst gefunden. Auch darin ist er eine klassische Figur der 1960er-Jahre. Gleichzeitig hat er auch Vieles vorweggenommen. Er hatte großen Einfluss, beispielsweise, auf Martin Kippenberger. Aus meiner Sicht hat sich auch der britische Street Artist Banksy an Lausens künstlerischem Prinzip orientiert. Es gibt hier sehr starke Parallelen.

Speziell in Bezug auf Lausens Verwendung von Pop-Elementen, die an Stencils denken lassen und vor situationistischem Hintergrund ins Bild gesetzt werden?

Lausen praktiziert ja eher Comic Art als das, was wir gemeinhin unter Pop Art verstehen. Er adaptiert den zeichnerischen Ansatz amerikanischer Cartoons, wie sie in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren in Umlauf waren...

...und kreiert daraus dann eine eigene Bildwelt, in der Vieles bekannt erscheint, ohne restlos aufzugehen. Eine Art Underground-Comic-Kunst, in der immer etwas Subversives, Hintergründiges, Gesellschaftskritisches mitschwingt. Und die etwas Aktionshaltiges hat.

Wer damals in München mit der SPUR Gruppe zu tun hatte, der saß mit einem Bein im Gefängnis, mit dem anderen Bein in Kneipen, wo sich die Chaoten trafen...

...und mittendrin Uwe Lausen. Er hatte trotz seiner sehr kurzen, wenn auch heftigen Karriere als Künstler erstaunlich schnell Erfolg, wie kam das?

Er war ein Prototyp seiner Zeit. Und er hatte Unterstützung von sehr erfolgreichen Leuten wie Heiner Friedrich und Franz Dahlem, die Anfang der 1960er-Jahre in München eine Galerie eröffneten und sehr viel Pionierarbeit geleistet haben. Sie haben auch Uwe Lausen nachhaltig gefördert.


Das Aufstoßen des Wirtschaftswunders von Hans-Jürgen Hafner
Der früh verstorbene Uwe Lausen gilt als Kultfigur. Eine große Retrospektive in der Frankfurter Schirn lenkt nun den Blick auf das Werk.


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