Interview mit Giorgio Fasol

Sammeln ist Entdecken

Gesine Borcherdt
29. Dezember 2011

Giorgio Fasol liebt am Sammeln das Entdecken – und hat es bei Künstlerlaufbahnen allein auf die Startschüsse abgesehen. Inzwischen besitzt der Veroneser über 150 frühe Arbeiten, darunter Maurizio Cattelan und Tino Seghal. Auf artnet erzählt er erstmals, wie es dazu kam.

artnet: Signore Fasol, wie sind Sie zum Kunstsammeln gekommen?

Giorgio Fasol: Schon als Junge war ich ausgesprochen neugierig und interessierte mich für Dinge, die mir unbekannt waren. Mein erster Kontakt mit der Kunstwelt verlief so: Am Tag, als ich mein Diplom absolvierte – das war 1958 – ging ich in die einzige Galerie von Verona, um von meinem Ersparten eine Arbeit von Giorgio Morandi zu kaufen. Ich hatte ein Bild von ihm in einer Zeitschrift gesehen, das mich faszinierte. Aber ich hatte keine Ahnung, wer er war. Der Galerist machte mir ein Kompliment für meine Wahl und sagte mir gleich, was das Bild kosten sollte: 1,5 Millionen Lire. Schweren Herzens verließ ich die Galerie – diese Traube war mir zu bitter, denn ich hatte nur 365.000 Lire.

Hat Sie dieses Erlebnis nicht abgeschreckt, noch einmal eine Galerie zu betreten?

Nein, im Gegenteil: Ich besuchte von da an regelmäßig Galerien und lernte so auch einen Kritiker aus Verona kennen, ein Assistent von Giuseppe Merchiori – der war damals einer der wichtigsten Kritiker für Gegenwartskunst. Er brachte mir das Werk Lucio Fontanas nahe. 1969 kaufte ich auf Ratenzahlung mein erstes Bild: Eine Leinwand von Fontana.

Aber dann begannen Sie, sich für die junge Künstlergeneration zu interessieren.

Ja, seit den 1980er-Jahren habe ich nur noch ganz junge Künstler gesammelt, deren Arbeiten ich bei ihren allerersten Ausstellungen kaufte. Mich reizt beim Sammeln einfach am meisten, Neues zu entdecken. Mittlerweile besitze ich mehr als 150 Werke.

Haben Sie einen Favoriten?

Nein, ich liebe alle Künstler meiner Sammlung auf gleiche Weise. Alle Werke habe ich gekauft, weil ein ganz spezieller Funke übergesprungen ist. Aber wenn Sie es unbedingt wissen wollen… Die ersten, die mir in den Sinn kommen, sind Maurizio Cattelan, Tino Sehgal und Eva Marisaldi.

…und ein Lieblingswerk?

Im Moment ist das die letzte Arbeit, die ich gekauft habe: Ein Nachtstück von einem ganz jungen Italiener namens Giulio Frigo.

Wo bringen Sie Ihre Sammlung unter?

Ein Teil befindet sich bei mir zu Hause, ein anderer Teil in verschiedenen Museen. Der Rest ist im Lager – das sind die, die ich zum letzten Mal beim Kauf gesehen habe.

Sie verleihen also auch?

Wenn die Museen mich nach Leihgaben fragen, habe ich damit kein Problem. Letztes Jahr habe ich meine Sammlung sogar im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst (MART) in Trient Rovereto gezeigt. Das waren 90 Arbeiten. Die Ausstellung trug den Titel „Linguaggi e sperimentazioni“ (Sprachen und Experimente) und umfasste 70 Künstler im Alter von 25 bis 35 Jahren aus der Collezione AGI Verona, so die genaue Bezeichnung der Sammlung.

Wen haben Sie da gezeigt?

Unter anderem Werke von Mircea Cantor, Jeremy Deller, Cyprien Gaillard, Gabriel Kuri, Simon Starling, Anri Sala – aber auch viele Italiener: Francesco Vezzoli, Luca Trevisani, Lara Favaretto…Zwanzig Werke davon verbleiben nun langfristig in der Sammlung des Museums, darunter Andreas Slominski, Berlinde de Bruyckere, Tom Burr und Grazia Toderi.

Was interessiert Sie heute ausgerechnet an zeitgenössischer Kunst, wo Sie doch zu Beginn von älteren Semestern angezogen waren?

Ich entdecke einfach gerne neue Talente – für mich müssen es immer die ersten Arbeiten eines Künstlers sein, der dann meistens so um die dreißig ist. Wenn er berühmt wird, ist das schön für ihn, aber für mich ist es dann mit der Entdeckungsfreude vorbei.


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