Interview mit Gerhardsen Gerner

„Oslo ist heute spannender als New York“

Gesine Borcherdt
10. November 2011

Carroll Dunham – Galerie Gerhardsen Gerner, Berlin. Vom 11. November 2011 bis 14. Januar 2012

Wir können anders: Atle Gerhardsen und Nicolai Gerner-Mathisen sind das Dreamteam der Berliner Galerienlandschaft – heiter, höflich, hochprofessionell. Mit Markus Oehlen, Jim Lambie und Vibeke Tandberg spannen sie an der Spree einen Bogen zwischen den Generationen. Ihr Markenzeichen? Spielerische Sinnlichkeit statt kalkulierter Coolness. Nun feiern die Norweger mit einer Schau des Pop-Expressionisten Carroll Dunham ihr zehnjähriges Bestehen – und kündigen die Eröffnung ihrer zweiten Galerie in Oslo an: Wo Atle Gerhardsen vor 15 Jahren eine Tür zur Gegenwartskunst aufstieß, hat sich ein Hotspot der Szene entwickelt. artnet sprach mit den Galeristen über das Ende der Teenagerzeit in den Berliner Galerien und das Glück, den richtigen Partner zu finden.

artnet: Herzlichen Glückwunsch, Herr Gerhardsen und Herr Gerner! Sie feiern mit Ihrer Galerie gerade Ihr zehnjähriges Bestehen in Berlin – und eröffnen nächstes Jahr eine zweite Galerie in Oslo. Dort hat ja alles angefangen. Wollen Sie zurück zu den Wurzeln?

Atle Gerhardsen: In Oslo hatte ich meine Galerie von 1995 bis 2000. Dann beschloss ich, nach Berlin zu gehen. Aber die Osloer Galerie hatte weitreichende Folgen für die dortige Szene – damals zeigte man in Norwegen kaum internationale oder zeitgenössische Kunst. Heute dagegen passiert viel in der Osloer Kunstszene: Allein die Galerie Peder Lund, das Astrup Fearnley Museum, das Nationalmuseum mit seiner zeitgenössischen Sektion und das Kunstnernus Hus spielen inzwischen auch international eine Rolle. Zurück zu gehen und an die Geschichte anzuknüpfen, ist eine schöne Herausforderung. Wir können zudem dort auch eine ganz andere kulturelle Rolle einnehmen als hier in Berlin, wo es so viel Kunst gibt.

Mit welchen Künstlern traten Sie damals auf?

Ich eröffnete mit drei Künstlern aus der Osloer Szene. Aber noch im selben Jahr zeigten wir eine Tony Oursler-Show, die großes Aufsehen erregte – man kannte dort praktisch keine Videokunst, die Leute standen Schlange bis auf die Straße, das Fernsehen kam… Bald hatten wir Matthew Ritchie und Carroll Dunham im Programm, und dann begannen wir mit Messen. 1999 nahmen wir an der Art Basel teil – ein Jahr, nachdem sich die Messe mit den Art Statements für junge Galerien geöffnet hatte.

Wieso wollten Sie überhaupt Galerist werden?

Als ich 16 Jahre alt war, besuchte ich zum ersten Mal die Biennale von Venedig. Dann begann ich, durch die Osloer Galerien zu gehen. Später studierte ich Kunstgeschichte in Lund in Schweden. Wir riefen dort eine Studentengalerie der Universität ins Leben, in einem historischen Gebäude von 1872. So lernte ich, wie man eine Galerie führte. Lund war ein guter Ort für Kunst, Georg Herold, Rosemarie Trockel und Martin Kippenberger zeigten dort in der Galerie Anders Tornberg. Auch Malmö war ein Kunstzentrum, Kopenhagen war nicht weit – die Schwedische Szene mit dem Moderna Museet, Pontus Hultén und später Daniel Birnbaum und Claes Nordenhake war wichtiger als die in Norwegen, weshalb ich eigentlich in Schweden eine Galerie aufmachen wollte. Aber in Oslo war meine Familie, und ich hatte dort viele Kontakte. Also entschloss ich mich, dorthin zu gehen.

Herr Gerner, Sie kamen mit einem ganz anderen Hintergrund in die Galerie, richtig?

Nicolai Gerner: Ja, als ich vor acht Jahren als Assistent bei Atle anfing, machte ich gerade meinen Master in Wirtschaftswissenschaften – was hilfreich ist, wenn es ums Business geht! (lacht) Aber mein Großvater sammelte Kunst und hat mich immer zu Ausstellungen und Auktionen mitgenommen. Meiner Mutter gehörte die Galerie MGM in Oslo. Später zog sie sich daraus zurück – und nun wird sie unsere Partnerin, wenn wir im Mai 2012 dort eröffnen.

Welchen Anteil hatte die Galerie Atle Gerhardsen an Ihrem Kunstinteresse, als Sie in Oslo aufwuchsen?

NG: Alles, was ich über Kunst weiß, weiß ich von meiner Familie – und von Atle. Ich habe viele seiner Ausstellungen in Oslo gesehen und war immer sehr davon inspiriert. So etwas gab es nirgendwo sonst! Atle machte etwas total Neues. Tony Oursler oder Carroll Dunham waren dort absolut ungewöhnlich. Seine Galerie gab Oslo ein neues Flair. Dass das Astrup Fearnlay Museum sich international ausgerichtet hat, ist ebenfalls Atle zu verdanken, denn er beriet Astrup ja eine Zeitlang. All das hat mich schon früh beeindruckt. Dass ich also jetzt hier bin – und seit zwei Jahren sogar Geschäftspartner – ist kein Zufall.

Herr Gerhardsen, wieso haben Sie sich damals entschlossen, Oslo zu schließen und nach Berlin zu gehen?

Ich hatte viele Freunde hier, und Berlin war eine fantastische Stadt mit einer aufregenden Kunstszene. Ich wurde mit weiten Armen aufgenommen, was ich nie vergessen werde.

Manche finden, dass es in Berlin ungemütlich wird. Die Konkurrenz wächst, die Stimmung schwankt… Ist Oslo heute dazu ein Gegengewicht?

AG: Nun ja, die Atmosphäre ist dort sehr gut und die Strukturen sind klar. Berlin hat sich in den letzten zehn Jahren natürlich stark verändert. Damals waren wir eine Galerie von wenigen, wir saßen alle im selben Boot. Als Norweger hatten wir schon immer Vor- und Nachteile. Nun ist es Zeit, den Vorteil zu betonen: Wir verstärken unseren Bezug zu Norwegen aber betonen gleichzeitig unsere Herkunft aus Berlin.

Spielt es in Oslo eine Rolle, dass Sie nun mit einem Berlin-Nimbus in die zweite Runde gehen?

NG: Ja, auf jeden Fall! Norweger lieben es, wenn jemand etwas außerhalb macht. Das vermittelt ein gewisses Flair.

AG: Jeder dort ist sehr positiv uns gegenüber. Man wird in Oslo anders wahrgenommen als in einer Stadt mit über drei Millionen Einwohnern.

NG: Wir können dort nun auch sowohl unsere eigenen als auch neue Künstler zeigen, die in Berlin vielleicht bereits vertreten sind. Wir haben schon viel positive Resonanz von Berliner Kollegen dahingehend bekommen.

AG: Ja, das ist so ähnlich, wie wenn wir hier Gruppenausstellungen machen. Da bekommen wir immer großartige Arbeiten. Die Stimmung der Kollegen untereinander ist also vielleicht nicht ganz so schlecht, wie manche Leute sagen. Es ist nur eine andere Realität, die Teenagerjahre sind vorbei, man muss nun mehr kämpfen. Wir alle wollten ja, dass Berlins Kunstlandschaft sich entwickelt, was Geld und Zuzüge mit sich bringen sollte. Und nun, da das passiert ist, müssen wir härter arbeiten, denn die Konkurrenz ist ganz einfach gewachsen – doch das macht Berlin stark, was positiv für jeden ist.

NG: Ja, so entstehen Synergieeffekte.

Dennoch beäugen sich die Berliner Galeristen gerade etwas skeptisch.

AG: Als wir kamen, war es wichtig, miteinander befreundet zu sein, weil wir so wenige waren. Zusammen ist man stärker. Das gilt heute noch, aber anders. Vor zehn Jahren waren die Galeristen in einer anderen Businesssituation. Heute hat man weniger Zeit, man konzentriert sich mehr auf das eigene Geschäft, anstatt das große Ganze im Blick zu haben. Mit so vielen mehr im Boot ist es natürlich, dass es Differenzen gibt, aber auch normal – wie in New York oder London auch. Das ist eben Business.

Der Ton in Berlin scheint allerdings im Moment etwas härter zu sein.

AG: Die New York School ist anders, da wird nur hinter den Kulissen gebitcht. Doch nach außen steht man zusammen. Viele Leute sind überrascht, wenn sie hören, dass das in Berlin anders ist. Aber Berlin war vor zehn Jahren einfach ein bisschen zu gut, um wahr zu sein. Jetzt ist es, als wären wir damals im Urlaub gewesen und nun bei der Arbeit. Außerdem sind die Zeiten hart für jeden. Wenn das Geschäft nicht so gut läuft, werden die Leute nervös. Dennoch denke ich, dass es hier sehr viele Freundschaften hier gibt.

Wie läuft denn das Berliner Business für Sie? Und wie sehen Sie die Entwicklung der Sammlerschaft hier allgemein?

NG: Wir erwarten nie, dass jemand zu uns kommt sondern gehen immer auch selbst auf die Leute zu.

AG: In den Achtzigern und Anfang der Neunziger gab es nur New York und Köln. Berlin als Kunstzentrum seit den Neunzigern ist anders. Hier gibt es weniger Sammler, aber es ist auch eine Riesenstadt, die viel mehr zu bieten hat. Hier ist Platz für verschiedene Szenen, und Berlin ist international. Es steht für keine bestimmte Richtung. Und die Verkäufe laufen langsam immer besser – es ist großartiger Ort zum Leben und für eine Galerie.

Wie stellt sich für Sie die aktuelle Situation des Kunstmarkts dar?

AG: Die letzten Jahre waren schwierig. Viele amerikanische Käufer sind über Nacht verschwunden. Dafür haben wir aber neue Sammler aus Europa hinzugewonnen: Aus Frankreich, Spanien und Irland. Vor allem mit Markus Oehlen, der mit uns zum ersten Mal nach 16 Jahren in Berlin ausgestellt hat, kamen neue deutsche Sammler zu uns, die ihn vorher von anderen Orten kannten.

Ist Europa also gerade der bessere Ort für Kunst als Amerika?

AG: Nun, der amerikanische Kunstmarkt ist seit dem wirtschaftlichen Wendepunkt vor drei Jahren eine große Enttäuschung. Die Europäer dagegen kamen bald zurück. Lassen Sie es mich so sagen: Früher war ich mehr daran interessiert, nach New York zu reisen als nach Oslo. Das hat sich nun geändert – Oslo ist heute spannender als New York.

Was ist mit Asien?

NG: Jetzt denken wir erst einmal nur an Oslo…

AG: …und werden vorerst nicht an der Art Hongkong teilnehmen.

Wie hat sich Ihr Künstlerprogramm seit den Anfängen entwickelt – gab es viele Veränderungen?

AG: Viele Künstler waren von Anfang an dabei, vor allem die der Generation über mir: Carroll Dunham und Larry Pittman – da passt es, dass nun auch Markus Oehlen mit von der Partie ist.

NG: Und nächstes Jahr kommt David Salle hinzu! Wir freuen uns sehr über diese Entwicklung.

AG: Gleichzeitig decken wir mit jüngeren Künstlern wie Andrea Winkler oder Dirk Stewen die Generation der Mittdreißiger ab. Und mit Andrea vertreten wir nun endlich auch eine Berliner Künstlerin – das war seltsamerweise lange nicht der Fall. Allerdings haben wir das alles nicht so genau geplant, es ist irgendwie passiert.

Sie sind keine Galerie, die für eine spezielle Richtung steht. Trotzdem gibt es eine gewisse Stimmung, die sich durch Ihr Programm zieht: eine Art Leichtigkeit, eine Ästhetik farbiger Poesie. Dazu passt, dass Sie keine Berührungsängste haben, etwa eine Ausstellung mit der schwedischen Glasdesignerin Ingegerd Råman zu machen – Sie haben nicht versucht, ihre Vasen und Gläser als Kunst auszustellen, sondern haben sie selbstbewusst als skandinavisches Design präsentiert.

AG: Ja, und darauf wir haben viel positives Feedback bekommen. Die Leute fanden es mutig, dass wir das gewagt haben. Es gibt schließlich Vorbehalte gegenüber solchen klaren Ausbrüchen aus dem Kunstbereich. Wir werden das nicht kultivieren, aber Ingegerd hatte schon immer einen großen Anteil an unserer Galerie – wir haben ihre Gläser zu Weihnachten an unsere Künstler und Sammler verschenkt.

NG: Ich bin schon als Teenager damit groß geworden! Nachdem sie nun bei uns ausgestellt hat, wird sie weitere Projekte im Galeriekontext machen, was sie früher nie getan hat.

Das klingt, als hätten Sie keine Angst, auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten Neues auszuprobieren.

AG: Ja, der Kunstmarkt ist gerade eine große Herausforderung, doch zum Glück läuft es gut für uns. Wir lassen uns auch immer wieder neu inspirieren und versuchen, Projekte zu realisieren, die uns aktiv halten. Wir wollen eine positive Atmosphäre beibehalten.

Herr Gerhardsen, hatten Sie schon immer den Wunsch nach einem Partner für Ihre Galerie?

AG: Ich habe es zumindest nie ausgeschlossen. Die Partnerschaft zwischen Nico und mir machte aber für uns beide Sinn. Und Nico ist tatsächlich das Beste, was der Galerie passieren konnte (lacht)! Man kann schließlich nicht in allem gut sein.

NG: Ich bin besser mit Zahlen (lacht). Und wir sind zwei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und erreichen verschiedene Leute.

AG: Natürlich kabbelt man sich auch und bekommt nicht immer seinen Willen – aber das war vorher auch nicht anders. Und in den wichtigen Dingen stimmen wir immer überein.


Weitere Artikel von Gesine Borcherdt


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken