7. November 2011
Den Sammler Heiner Wemhöner kannten in der Kunstwelt bisher nur wenige. Mit der ersten von vier Publikationen tritt der 60-jährige Leiter eines Herforder Familienunternehmens nun an die Öffentlichkeit. Er präsentiert darin eine Auswahl seiner Werke aus Asien, beziehungsweise von Künstlern, die im asiatischen Raum ihre Motive oder Technik gefunden haben. Klassiker der zeitgenössischen chinesischen Gegenwartskunst wie Chi Peng, Yue Minjun oder Yang Fudong kommen so mit Drucken von Richard Serra, der sich in seinem Raumgefühl von japanischen Zengärten inspirieren ließ oder Arbeiten André Massons, der sein Kriegstrauma mithilfe der Kalligrafie und des Buddhismus‘ verarbeitete, zusammen. Erst über Umwege fand Wemhöner zur Kunst: Heute ist er Vorsitzender des Freundeskreises des MARTa Herford, das Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zeigt, und leitet außerdem eine Stiftung. Im Gespräch mit artnet erzählt er von den Anfängen seiner Sammlung, seiner Bekanntschaft zum Kurator Jan Hoet und darüber, was Rockmusik mit chinesischer Gegenwartskunst zu tun hat.
artnet: Stammen Sie aus einer Familie mit Beziehung zur Kunst?
Heiner Wemhöner: Nein, ganz und gar nicht. Ich bin recht spät erst zur Kunst gekommen. Auf einer Reise, die ich gemeinsam mit Freunden nach Italien unternahm, entdeckte ich bei einem kleinen Florentiner Rahmenmacher, der Laden hieß Poggiali e Forconi, ein Werk von Giulio Cesetti. Ich kaufte es, ohne zu wissen, dass darauf mehr folgen sollten. Das war Ende der Achtzigerjahre. Erst zehn Jahre später besuchte ich regelmäßig Ausstellungen und fuhr auf Messen – die erste war die Arte Fiera in Bologna. Wichtig für mich war auch die Begegnung mit dem ehemaligen Kölner Galeristen und Sammler Lutz Teutloff. Mit ihm pflege ich bis heute noch einen regen Austausch.
Seit wann sammeln Sie intensiv?
Seit etwa 10 Jahren.
Welcher Künstler war für Sie der erste, der Sie dazu brachte, chinesische Gegenwartskunst zum Schwerpunkt ihrer Sammlung zu machen?
Am Anfang der Sammlung stand weder ein Konzept noch ein Schwerpunkt. Jedoch entwickelte sich dieser durch die Expansion unserer Herforder Firma. 2005 begann ich, in China nach einem geeigneten Zweitstandort zu suchen, den ich dann kurze Zeit später im 160 Kilometer von Schanghai entfernten Changzhou fand. Das war der Zeitpunkt, an dem ich zwei Arbeiten von Yue Minjun erwarb und zwar in Hongkong von der Galerie Schoeni. Damals war der Künstler noch unbekannter und noch nicht auf der Titelseite der „New York Times“ abgebildet. In Schanghai kam ich dann rein zufällig in Kontakt mit Lorenz Helbling, Galerist der berühmten ShanghART Gallery, durch den ich auch Yang Fudong für mich entdeckte. Damals zeigte er die Videoinstallation No Snow on the Broken Bridge (2006), von der ich heute ein Filmstill besitze. Eines meiner Lieblingswerke.
Sie sammeln ja nicht nur asiatische Künstler, sondern auch jene, die beispielsweise in Asien fotografierten, wie der Berliner Künstler Michael Najjar. Auch Richard Serra und André Masson lassen sich in dem Buch „Focus Asia“ finden. Können Sie mir darüber mehr erzählen?
Die Korrespondenzen entstanden während unserer Arbeit an dem Katalog. Erst glaubten wir, ein Buch über chinesische Kunst zu machen. Diese Kategorisierung von Kunst nach Ländergrenzen war aber nicht in unserem Sinne. Und es befinden sich ja so einige andere asiatische Künstler in meiner Sammlung. Und noch bei der Katalogisierung und dem Verfassen der Textbeiträge stellte sich heraus, dass sich auch eine Handvoll westlicher Künstler aus meiner Sammlung explizit auf die chinesische oder japanische Kultur beziehen. Besonders stolz bin ich in diesem Zusammenhang auf die Drucke von Richard Serra. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass sich bei seinen Arbeiten ein Bogen nach Asien spannen lässt. Doch bei der Recherche zeigte sich, dass Serra sich bei seinen Skulpturen und Grafiken an japanischen Zengärten orientierte. Masson – selbst nie in China gewesen – findet in der Beschäftigung mit buddhistischen Schriften eine Umgangsform mit seinem Kriegstrauma und macht modifizierte Schriftzeichen zu seinem künstlerischen Medium.
Oder die Ost-West-Zitate. In den Achtzigerjahren beginnen die chinesischen Künstler nach westlichem Vorbild sowohl das kritische als auch ästhetische Format der Pop Art zu adaptieren. In Ihrer Sammlung finden sich einige Werke dieser Stilrichtung, darunter Ji Wenyu, Wei Guangqing und Shi Xinning.
Tatsächlich ist es so, dass ich in der Pop Art einen Teil meiner Jugend reanimiert fühle. In den Sechzigerjahren war es die Rockmusik, die mich unheimlich prägte. Unvergessen auch eine durchzechte Nacht mit der Musik-Legende Alexis Corner. Über die Kunst finde ich jetzt wieder zurück zu meiner Vergangenheit. Hätte ich damals mit dem Sammeln begonnen, hätte ich vielleicht Robert Rauschenberg gekauft.
Wo befinden sich die Werke, die in der Publikation abgebildet sind? Haben Sie eine Institution oder ein Depot, wo Sie die Arbeiten lagern und regelmäßig austauschen?
Insgesamt gibt es vier Standorte: Meine beiden Firmen in Deutschland und China, meine Weinhandlung und mein Zuhause. Vor der Wirtschaftskrise 2009 überlegte ich, die Sammlung an einem festen Ort öffentlich zugänglich zu machen. Doch momentan ist alles offen. Es ist der nächste wichtige Schritt.
Sie leiten ein Wirtschaftsunternehmen, es liegt nahe, dass man auch das spekulative Wesen der Kunst attraktiv findet. Wie ist das bei Ihnen?
Um ehrlich zu sein, interessieren mich Rankings und Einschätzungen von Spezialisten relativ wenig. Ich kaufe intuitiv das, was mir gefällt und was ich mir leisten kann. Dass das nicht alles kunsthistorisch abgesegnete Arbeiten sind, ist mir eigentlich egal. Die Kunst erweitert meinen Horizont, sie hat mich toleranter und besonnener werden lassen. Spekulationen sind für mich unbedeutend. Für mich ist das Sammeln und Auswählen ein Prozess. Bei der ein oder anderen Arbeit denkt man sich heute vielleicht, naja … Vor allem, wenn jetzt Experten auf meine Sammlung schauen.
Ihr Lebens- und Firmenstandort ist in Herford. Bei der Realisierung des MARTa, das 2005 eröffnet wurde, waren sie maßgeblich beteiligt.
Die Idee für das Museum kam 1996 und sollte zunächst „Haus des Möbel“ heißen. Doch dann kamen Jan Hoet als Direktor und Frank O. Gehry als Architekt dazu. Auf einen Schlag war das beschauliche Herford mit seinen 60.000 Einwohnern national und international bekannt. Mein Vater und ich waren uns von Anfang an einig, die Institution unterstützen zu wollen.
Welche Rolle spielte diese Entscheidung für Sie?
Die Zusammenarbeit mit dem MARTa hat mich dahin gebracht, wo ich heute bin. Ganz klar. Neben Teutloff war es vor allem die Begegnung mit Jan Hoet, die mich der Kunst näher brachte. Zweifelsohne ist Hoet eine Koryphäe des Kunstbetriebes und ein absoluter Vollblut-Kurator. Als Leiter des Stedelijk Museums, der documenta 9 oder als Gründungsdirektors des MARTa hat er Kunstgeschichte geschrieben. Und nächstes Jahr wird er Kurator der Western China International Art Biennale in Yinchuan. Obwohl Hoet auch sammelt, haben wir uns nie über das Sammeln unterhalten. Vielmehr ging es um den Diskurs, die Inhalte und Konzepte des Museums – das habe ich als unglaublich inspirierend empfunden. Die Dynamik, künstlerische Programme umzusetzen, schätze ich sehr an ihm. Das Museum kämpft nach wie vor um die Anerkennung der Bürger. Obwohl wir am laufenden Band Größen der Kunstszene – von Marina Abramović bis Norman Foster – in die Stadt holen können, fehlt die lokale Wertschätzung. Aber das ist auch der Reiz. Ich mach mich gern stark für Dinge, die nicht dem Mainstream folgen.
Eine große Debatte hat auch damals das Projekt „Fünf Tore – Fünf Orte“ ausgelöst. Das erste Skulpturenprojekt für den öffentlichen Raum in Herford sollte von Dennis Oppenheim realisiert werden.
Ja, allerdings. 2009 gab es einen Bürgerentscheid darüber, ob die Arbeit Safety Cones, zwei gigantische Pylone, als Kunst für den öffentlichen Raum angekauft werden sollte. Obwohl das Geld damals aus der Stiftung kam, habe ich als Firmeninhaber viel Kritik geerntet – schließlich war gerade Wirtschaftskrise. Bis die Entscheidung beschlossen war, lagerte ich die riesigen Skulpturen, die vorher in einer Ausstellung in einem italienischen Olivenhain standen, im Unternehmen.
Haben Sie Interesse daran, mit Museen, Kunstvereinen und Galerien zusammenzuarbeiten?
Wenn es passt, klar!