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Interview mit Damian Grieder, Grieder Contemporary Zürich/Berlin

„Zürich ist ein Markt, der erst einmal schaut, was andere tun“

Evelyn Pschak
22. Mai 2012

Damian Grieder weiß, wie man Kunst in Berlin, Küsnacht und Zürich verkauft. Und wie man mit dieser Mischung Museumsausstellungen eintütet. Im Sommer 2010 etwa bespielte der Schweizer Galerist seinen Projektraum in der Charlottenburger Mommsenstraße mit Zeichnungen Dieter Meiers, den man hierzulande eher als Bandmitglied der Schweizer Elektropop-Gruppe Yello kannte. Sammler Harald Falckenberg war so begeistert, dass er ihn ein Jahr später in die Hamburger Phoenix-Hallen brachte. Es sind diese produktiven Querverbindungen, die Grieder an Berlin schätzt: Er hat viele Jahre hier gelebt, mit griedervonputtkamer eine eigene Galerie geleitet und davor acht Jahre lang bei Thomas Schulte, damals noch Franck + Schulte, gearbeitet. „Ich kenne die Stadt sehr gut und weiß, dass Berlin in erster Linie Produktionsstadt ist: Hier leben die Künstler, hier kann man in Ateliers gehen. Doch verkauft wird mehr im Ausland.“ Weshalb Grieder heute zwischen beiden Polen pendelt – mit Schwerpunkt auf der Schweiz.

artnet: Herr Grieder, worin unterscheidet sich eine Berliner Galerie von einer Galerie in Zürich?

Damian Grieder: Im Prinzip fungiert die Galerie in Berlin für mich als Kontaktstelle zu den Künstlern, Museen, Kuratoren, der Presse oder überhaupt dafür, Dinge ganz unbedarft anzutesten. Die Ausstellung mit Dieter Meier wäre ein klassisches Beispiel dafür: Meier ist natürlich in der Schweiz als Musiker, Künstler, Unternehmer und Produzent bekannt, aber in Berlin kannte man ihn vor allem über Yello. In der Mommsenstraße wurden seine Arbeiten aus den 1970er-Jahren ganz unvoreingenommen betrachtet– und enthusiastisch rezensiert. Harald Falckenberg war von der Ausstellung so begeistert, dass er sie anschließend nach Hamburg holte. Solche Geschichten entstehen in Berlin. In Zürich ist das in dieser Form nur schwer möglich. Die Szene ist hier kleiner, weniger Leute bewegen die Stadt. Für den Verkauf wiederum war Berlin immer sekundär. In der Schweiz ist es umgekehrt: Hier dreht sich der Markt, hier sitzt eine – schon durch die Art Basel – sehr gut informierte, potente Sammlerschaft. Zürich ist eine finanzstarke Stadt und wenn ein Künstler interessiert, wird hier viel schneller verkauft – man muss dafür nicht einmal unbedingt auf Messen gehen.

Haben Sie eine innere Checkliste, nach der Sie Ihre Künstler für Zürich aussuchen?

Nein, aber ich zeige neue Künstler zunächst meinen Stammsammlern oder bekannten Museen und warte deren Reaktion ab. Gerade plane ich eine Einzelausstellung mit Jorinde Voigt. Bei ihr passiert zur Zeit viel, ob das der Pariser Guerlain-Preis oder Museumsankäufe sind – aber sie ist eine Künstlerin, deren Erfolg erst einmal in Berlin und anderswo stattgefunden hat und hier noch entdeckt werden muss. In Zürich orientiert man sich traditionellerweise eher am angelsächsischen Markt als an Deutschland.

Hat sich die Züricher Galerienszene in den letzten Jahren verändert?

Ja, seit den frühen 1990er-Jahren bis jetzt in die Zweitausender hinein fand in Zürich eine extreme Ballung statt: Alles wollte in diesen Wirtschaftsraum Zürich, in diese einzige Großstadt der Schweiz. Das war früher anders. Ich kann mich erinnern, dass in Bern unter der letzten Künstlergeneration mehr los war. In der Kunsthalle Bern, die ja in den Sechzigerjahren Harald Szeemann leitete, gab es tolle Ausstellungen. Heute dreht sich eigentlich hauptsächlich alles um Zürich – die anderen Städte mussten in den letzten fünfzehn Jahren ein bisschen bluten. Es ist die gleiche Tendenz wie in Deutschland mit Berlin oder in England mit London. Galerien aus St. Gallen oder der West-Schweiz bis nach Genf hinunter haben versucht, in Zürich Fuß zu fassen. Dabei blickte beispielweise Genf traditionellerweise eher nach Paris. Genf ist eine finanzkräftige Stadt, international ausgerichtet, mit guten Sammlungen – dennoch scheint mir, dass sie im Vergleich zu früher provinzieller geworden ist. Wenn man in der Schweiz den Absprung schaffen will, muss man in die Deutschschweiz kommen. Wer in Genf ist, lebt von Genf – oder geht nach Paris.

Wer sind denn die deutschen Zeitgenossen, die in Zürich gerade gut funktionieren?

Da gibt es eine Reihe von Künstlern, die ich teilweise auch in den Privatsammlungen entdecke: Die Düsseldorfer Fotografieschule zum Beispiel ist sehr gut vertreten oder die neue Malergeneration rund um Jonathan Meese, Neo Rauch und Daniel Richter sind zu sehen. Vor kurzem habe ich Thomas Kiesewetter gezeigt, der unglaublich gut ankam. Schweizer Sammler verlangen bei jüngeren Künstlern schon eine gewisse Etabliertheit: Sie wollen im Ausland auf sie stoßen, in Museen, auf Messen – und erst dann kommt das auch hier an. Zürich ist ein Markt, der erst einmal schaut, was andere tun.

Also braucht es immer Experimentierbühnen außerhalb?

Die gibt es schon auch in Zürich selbst. Im jungen Bereich passiert einiges und Künstler kommen gerne in die Schweiz, weil hier der Markt funktioniert. Auch den Institutionen geht es sehr gut, gerade im Vergleich mit Deutschland oder Frankreich, wo kulturelle Gelder gekürzt werden. Als Beispiel nenne ich gerne das Kunsthaus Langenthal: Gerade hat dort Alicja Kwade ausgestellt, die ich auch zeige. Die haben die Mittel, einen größeren Katalog zu produzieren. Und Langenthal ist nun wirklich nicht das Zentrum der Schweiz.

Auf Ihrer Galerie Webseite steht: ‚Damian Grieder, gebürtiger Schweizer‘ – ist das wichtig hervorzuheben, da man Sie in der Schweiz sonst als einen, der aus Berlin kommt, wahrnehmen könnte?

Nein. Ich bin in den frühen 1990er-Jahren nach Berlin gegangen, also zu einem Zeitpunkt, als Berlin nun wirklich nicht das Zentrum der Kunstszene war. Viele Leute wussten gar nicht, dass ich aus der Schweiz komme, so sehr war ich in den deutschen Markt involviert. Der Zusatz richtet sich eigentlich weniger an die Schweizer, denn auch zu meinen Berliner Zeiten hatte ich mit denen natürlich Schweizerdeutsch geredet, die wussten also, woher ich kam.

An welchen Stellen klüngelt die Schweizer Kunstszene?

Nun, sie ist klein und setzt sich aus Sammlern und Museumsleuten zusammen, die gemeinsam eine gewisse Macht ausüben. In Zuoz gibt es beispielsweise das Hotel von Ruedi Bechtler, dessen Bruder Thomas eine Kunststiftung hat. Ins Hotel wird zu Kunstgesprächen eingeladen: Es kommen Museumsleute wie Beatrix Ruf von der Kunsthalle Zürich, aber auch Künstler, Verleger, Sammler, alle kennen sich untereinander. Und die kommen auch, wenn Maja Hoffmann parallel zur Art Basel zum Abendessen lädt.

Was ist eigentlich das Schweizerische an Schweizer Künstlern?

Ich war lange im Ausland, darum ist das für mich schwierig zu beantworten – ich habe die Schweiz nie nur nach Schweizer Prinzipien gesehen. Ich denke allerdings, die Schweiz macht es Künstlern oft nicht leicht, gerade in Zürich, wo calvinistisches Denken vorherrscht. Die Künstler stehen unter unglaublichem finanziellem Erfolgsdruck, weil sich hier doch irgendwie alles ums Geld dreht. Und wenn ich junge Künstler mit übersteigerten Vorstellungen sehe, denke ich mir: Wenn die jetzt in Berlin lebten, käme diese im Grunde kunstferne Thematik gar nicht auf. Es sollte doch darum gehen, gute Kunst zu machen und erst in zweiter Linie, einen Markt dafür zu finden. Allein, um das zu unterscheiden, tut es jedem Schweizer gut, eine Weile im Ausland zu leben. Denn das Schweizerische funktioniert im Kleinen gut – aber es schränkt auch ein und schult nicht unbedingt im freien Denken. Vieles ist vorgegeben und sehr kommerziell gedacht. Der Wohlstand, der in den letzten 40 Jahren hier stattgefunden hat, ist in dieser Hinsicht eher hindernd als förderlich. Auch darum haben viele Schweizer Künstler einen Zweitwohnsitz, Berlin ist da auch sehr beliebt geworden.

Welche jungen Schweizer Künstler werden derzeit als die nächsten Superstars gehandelt?

Ja, das ist immer die Frage. Es gibt eine ganz frische, neue Szene von jungen Galeristen, die in dieser Richtung etwas bewegen und sofort in die Messen hineingekommen sind: Karma International, Freymond-Guth Fine Arts oder Raeber von Stenglin etwa, die Schweizer Positionen vorstellen: Tobias Madison, Tobias Spichtig, David Renggli oder Fabian Marti, auch wenn der schon nicht mehr zu den ganz Jungen gehört. Sie zählen zu einer Reihe von Künstlern, die in der Schweiz angefangen und es von hier aus auch geschafft haben, in anderen Städten, namentlich in Berlin, Fuß zu fassen. Zu einer etwas älteren Generation gehören Andro Wekua und Urs Fischer, die inzwischen schon ganz groß dabei, aber genau genommen noch gar nicht so lange bekannt sind. Andro Wekua etwa hatte seinen internationalen Durchbruch erst 2006.

Und was ist nun das typisch Schweizerische eines Madison oder eines Marti?

Als Personen sind sie sehr aufgeräumt und professionell. An der Kunst selbst ist es, so glaube ich, nicht zu erkennen, ob das Schweizer sind oder nicht. Das Modell der Pipilotti Rist, die für so viel Schweizerisches stand, kommt bei der jungen Generation nicht mehr zum Tragen. Aber ich finde es bezeichnend, dass inzwischen die Kinder von bekannten Künstlern – wie etwa Sinka & Weiss von dem gerade verstorbenen David Weiss vom Duo Fischli/Weiss – mit gerade mal 20 Jahren schon wirklich tolle Ausstellungen organisieren. Und zwar durchaus auch im Austausch mit der älteren Generation. Das ist gut für Zürich, dass sich so viele junge Leute engagieren. Das war nicht immer so. Die helvetische Kunst, von den Konstruktiven bis hin zu Pipilotti Rist, ist heute nicht mehr so das Thema. Es gibt natürlich Schweizer Institutionen oder Banken, die ausschließlich heimische Kunst kaufen, das kommt aber mehr aus dem traditionellen Gedanken heraus, die Kulturszene der Schweiz zu fördern, ist also weniger ein thematischer Schwerpunkt.

Verkaufen Sie die Schweizer Künstler aus Ihrem Portfolio in Zürich leichter?

Man merkt schon, dass Künstler wie Nic Hess, Kerim Seiler oder selbst Dieter Meier hier eine Fangemeinde haben und schon lange in der Szene verankert sind. Man kauft sie und bleibt dabei – wenn sie preislich nicht durch die Decke schießen. Das fällt schon auf, da gibt es durchaus einen gewissen Nationalismus.


Mehr im Dossier  Kunstszene Schweiz

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