Interview mit Dağhan Özil

Kunstwerke sind lebende Organismen

Henrike von Spesshardt
16. Februar 2012

In den 1980er-Jahren war Dağhan Özil einer der ersten in der Türkei, der internationale zeitgenössische Kunst sammelte, verkaufte und ausstellte. Dabei hatte alles ganz anders begonnen. In Ankara geboren, schrieb sich Özil nach dem Schulabschluss dort zunächst für Physik ein. Mehr Passion als für die Lehre von den Naturphänomenen entwickelte er jedoch schnell für die Kunst. Sein eigenes Kunstmagazin finanzierte sich der Student durch den Handel mit Zeitgenossen und schon bald folgte die Eröffnung seiner ersten Galerie: 1986 gründete er die Galerie Artist in Ankara, von deren Erträgen angefeuert er schon bald das Studium aufgab. Bald darauf folgte die Gründung einer Galerie in Istanbul. Seit Oktober 2003 ist Özil auch in Berlin vertreten – mit Räumen in der Fasanenstraße, in der Werke international bekannter Künstler wie Ben Willikens, Panamarenko und Jiří Georg Dokoupil vertreten sind. Özil selber lebt im Istanbuler Stadtteil Nisantasi. In seiner privaten Sammlung, die 2011 im Museum of Anatolian Civilizations in Ankara ausgestellt wurde, stellte der Kunsthändler Verbindungen zwischen den Anfängen der europäischen Kultur in Kleinasien und der zeitgenössischen Kunst her. Nicht immer ist dabei ganz klar, was Teil der Galerie Artist ist und was zu seiner in Istanbul ansässigen Özil-Sammlung gehört. Gezeigt wird ein Teil der Objekte nämlich in Räumlichkeiten der Galerie. Dağhan Özil plant jedoch die baldige Errichtung eines eigenen Museums. Wie er beim Sammeln vorgeht und wer ihm dabei zur Seite steht, verrät der 53-Jährige im Interview mit artnet.

Herr Özil, welches Konzept verfolgen Sie beim Sammeln?

Ich würde es als intuitives Konzept bezeichnen. Über die Jahre hinweg, 27 sind es nun schon, hat mein Gespür eine ganz eigene Dynamik entwickelt. Die Art und Weise mit der ich Kunstobjekte auswähle, Werke untereinander in Beziehung setze und das Profil meiner Kollektion bestimme, hängt eng mit diesem emotionalen Kuratieren zusammen. Es fällt mir nach wie vor schwer, zwischen der Entdecker- und der Besitzlust zu entscheiden. Meiner Meinung nach darf eine Sammlung aber auch beide Bedürfnisse befriedigen. Doch auch die Freude des Entdeckens ist für mich ein doppelseitiger Genuss: Natürlich mag ich es, auf neue Arbeiten zu stoßen und der Austausch zwischen den Arbeiten meiner Kollektion lässt mich auch stets neue Positionen finden. Aber in diesem Dialog sind immer auch schon neuartige Perspektiven auf die Kunstwelt im Besonderen und die Zivilisation im Allgemeinen enthalten, die es dann erneut hervorzuheben gilt. Ein immerwährender Kreislauf.

Können Sie genauer werden?

Wie ich gerade sagte, der entscheidende Punkt des Sammelns liegt für mich in der Beziehung zwischen den Werken. Meine Sammlung setzt sich aus zwei großen Aspekten zusammen: Vergangenheit und Gegenwart. Und diese beiden Seiten müssen in Verbindung zueinander gebracht werden. Erst die Nebeneinanderstellung zeitgenössischer Arbeiten mit den Kunstwerken und Artefakten der Vergangenheit schafft eine zeitenübergreifenden Perspektive. Darum bevorzuge ich bei der Auswahl zeitgenössischer Werke für meine Sammlung Arbeiten etablierter aktueller Künstler, die sich mit dem Ausdruck menschlicher Urgefühle in die Kunstwelt eingeschrieben haben. Dieser Sammlungsansatz steht der allgemeinen Trendhascherei konträr gegenüber.

Also überwiegt doch die Entdeckerlust vor dem Besitzwahn?

Ja, denn eine Kunstsammlung zu besitzen, macht für mich erst Sinn, wenn sie verwendet wird. Wenn man ein Kunstobjekt hinter verschlossenen Türen in einen Schrank steckt, dann verstummt es. Kunstwerke sind lebende Organismen. Die Wesensbestimmung der Özil-Sammlung ist das genaue Gegenteil des Schweigens. Ich will, dass die Arbeiten in meiner Sammlung sprechen. Und diese Entfaltung kann nur im Austausch zwischen den Werken, dem Dialog zwischen dem Objekt und dem Betrachter gedeihen. Dabei ist es egal, ob der der neue Eigentümer dieses Kunstwerks ist, oder ein unbeteiligter Besucher der Ausstellung. Erst die Vermittlung künstlerischer Diskurse macht den Besitz von Kunstwerken wertvoll.

Wo kann man an diesem Erleben teilhaben?

Ein Großteil meiner Sammlung wird in zehn Räumen auf rund 2000 Quadratmetern gezeigt, die zu meiner Istanbuler Galerie Artist gehören. Alle Räume tragen programmatische Titel. In „Believes Room“ zum Beispiel werden 99 Keramikarbeiten als erste Beispiele islamischer Kunst mit dem Sarg Stupidity Carries the Death des belgischen Künstlers Jan Fabre verbunden. Diese Verbindungslinie restrukturiert die Grundlage der metaphysischen Untersuchung der conditio humana zusammen mit Bubis Werken Open Heaven’s Door und Hell’s Door, als auch Ben Willikens Abendmahl, das eine Neuinterpretation des berühmten Mailänder Bildes von Leonardo da Vinci darstellt. Der Glaubensraum soll interkulturelle Fragestellungen provozieren. Genau so stelle ich mir den Dialog vor, den ich durch den Ansatz meiner Sammlung suche.

Die woraus genau besteht?

Es gibt eine beträchtliche Anzahl islamischer und zeitgenössischer Kunstwerke in der Sammlung, insgesamt etwa 250. Ausgewählte Keramiken aus Nishapur, Bamiyan und Kashan zählen auch dazu. Davon besitze ich um die 500 Stück. Uns liegt ein bestimmter Grad von Vervollkommnung in der Zusammenstellung der Kunstwerke am Herzen. Durch einen turnusartigen Wechsel der Objekte wird die Schau kontinuierlich erneuert, ohne dabei ihren instinktiven Charakter zu verlieren. Dabei wird die Sammlung nie als Ganzes zu sehen sein. Abgesehen von den in Istanbul gezeigten Werken, sind einzelne Arbeiten natürlich auf Reisen oder in anderen Museen und Sammlungen zu sehen.

Liegt Ihnen ein Objekt besonders am Herzen?

Eins der seltenen Artefakte der Sammlung ist die Kriegsflagge von Imam Shamil. Er war ab 1834 der Anführer des anti-russischen Widerstandes im Kaukasuskrieg. Ilya Kabakov arbeitet zurzeit an einem Installationsprojekt, das sich mit der Bedeutung der Flagge auseinandersetzt und in die Sammlung aufgenommen wird. Ich persönlich finde es sehr spannend zu sehen, wie ein bedeutender russischer Künstler mit einem Symbol des anti-russischen Widerstandes umgeht.

Und wer berät Sie beim weiteren Aufbau der Sammlung?

Um die besagten Prinzipien der Sammlung gewährleisten zu können, bevorzugen wir es, verschiedene Ansprechpartner zu haben. Einen regen Austausch haben wir mit anderen Galerien, Auktionshäusern, Kunsthändlern und privaten Sammlern.


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