Interview mit Anton Zeilinger

Experimente kann niemand wegdiskutieren

Sabine B. Vogel
27. Juni 2012

dOCUMENTA (13) – Kassel. Vom 9. Juni bis 16. September 2012

Erst holte die documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev den Quantenphysiker Anton Zeilinger nur in ihren Beraterstab. Dann folgte die Einladung, in der Ausstellung Experimente vorzuführen. Und so stehen jetzt sieben Glasboxen prominent im Fridericianum und lassen die Besucher rätseln, ob dies nun Kunst ist oder Physik. Abgesehen davon, dass Anton Zeilinger immer wieder seine Abneigung gegen Kategorien betont, trifft der Wiener Universitätsprofessor und Direktor des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation hier eine klare Aussage: Es sind echte Experimente.

Und die gehen den grundlegenden Fragen der Quantenmechanik nach: Was ist Licht? Eine Welle, ein Teilchen? In einem Versuch wird das Doppelspalt-Experiment vorgeführt, in dem ein Laserstrahl durch zwei Schlitze geht und auf einen Schirm mal als Welle, mal als Teilchen auftrifft. Auf dem zweiten Tisch steht das komplizierteste Experiment: eine Photonenquelle, die verschränkte Photonen erzeugt. Durchgeführt wird das Ganze während der gesamten documenta-Laufzeit von Zeilingers Studenten.

artnet: Sind diese Experimente Nachhilfeunterricht in Sachen Grundlagen der Quantenphysik?

Anton Zeilinger: Sicher nicht. Unsere Vorstellung ist es, dass die Leute sich das ansehen und zunächst selbst darüber nachdenken. Es soll mehr sein als nur Physikunterricht. Im Idealfall kommen sie am nächsten Tag zurück und überprüfen es noch einmal. Das wünsche ich mir.

Verändert sich die Wahrnehmung dieser Modelle durch den Kontext der documenta?

Es sind rein wissenschaftlich-physikalische Experimente. Da wurde nichts abgespeckt für eine populäre Darstellung – das ist mir wichtig, zu betonen. Allerdings haben wir die auf das absolut Notwendigste reduziert.

Werden die Modelle durch den Rahmen der documenta zu künstlerischen Werken?

Das müssen andere Leute beurteilen. Den Anspruch erhebe ich nicht.

Eben sprach ich mit einem Ihrer Studenten, der das anders sah. Er meinte, diese Experimente sollen dem Publikum zeigen, „dass das, was man in der Forschung betreibt, auch ein bisschen künstlerisch sein kann.“ Stimmen Sie zu?

Das ist dessen Meinung.

Was ist für Sie interessant an diesem Kontextwechsel vom Labor in die Kunsthalle?

Ich wurde zur Teilnahme an der documenta eingeladen und musste überredet werden – es kostet viel Zeit. Meine Entscheidung fiel erst, als sich einige aus meiner Institutsgruppe für die Idee begeisterten. Natürlich ist es spannend, hier zu sein und sich die Experimente anzuschauen. Und es ist eine technische Herausforderung, die Dinge so präsentieren zu können, dass sie in dieser Umgebung funktionieren. Normalerweise stehen die Versuchsaufbauten im geschützten Raum des Laboratoriums. Dort ist es ganz finster, der Aufbau ist erschütterungsfrei, es gibt häufig eine Klimaanlage und so weiter. Das letzte Experiment, die Quanten-Licht-Lokalität, hier bei Tageslicht zu zeigen war eine enorme Aufgabe. Noch vor zwei Wochen dachten wir, es wäre nicht zu schaffen. Wenn ein Physiker hier herkommt, wird er sehen, dass da einige neue Ideen drin stecken, die pfiffig und wichtig sind.

Welche Bedeutung haben die Gespräche und Treffen mit den Künstlern der documenta für Sie?

Ich habe sehr viel gelernt aus den Diskussionen mit den Kuratorinnen. Wir haben viel darüber gesprochen, wie Kunst Wirklichkeit sieht, was die Rolle des Beobachters ist im Vergleich zu unserer Sicht. Konkret sprechen wir zum Beispiel davon, dass es einen Zufall gibt, der nicht reduzierbar ist. Die Dinge sind so zufällig, dass es nicht einmal einen Sinn macht, über eine Kausalkette nachzudenken, die das einzelne Ereignis exakt erklärt. Aber ich habe den Eindruck, dass dies im künstlerischen Diskurs noch nicht angekommen ist. Und ich habe gelernt, dass die Positionen der Quantenphysik noch radikaler sind als die in der Kunst.

Müsste nicht eigentlich von Wirklichkeiten, also in der Pluralform, gesprochen werden?

Das ist wieder eine andere Diskussion, die lang wäre. Im Grunde sind das dann Interpretationen.

Spiegeln sich die Diskussionen über Kontingenz in Carlyn Christov-Barkagievs Verweigerung eines Konzeptes wider?

Das müssen Sie die Kuratorinnen fragen, dazu kann ich keine Stellung nehmen. Die Aussagen, die im Kunst-Bereich getroffen werden, sind von einer anderen Natur als unsere. Die sind zum Teil künstlerische Werke, selbst einige Aussagen von Caroline. Das ist nicht naturwissenschaftlich zu beurteilen.

Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen Kunst und Quantenphysik?

Eine wesentliche Gemeinsamkeit ist der kreative Prozess, die Suche nach Neuem, auch im soziologisch-dynamischem Bereich, also dass Neues belohnt wird. Der wesentliche Unterschied ist der Bezug zur Wirklichkeit. Wir sehen eine Aussage nur so lange als naturwissenschaftlich an, solange sie nicht widerlegt ist. Wenn ein Experiment durchgeführt wird, und es kommt zu einem anderen Ergebnis als vorhergesagt wurde, dann kann man das nicht umdeuten. Dann ist die vorangegangene Erklärung einfach falsch. Die Aussagen bei uns müssen quantitativer Natur sein: Zahlen, die man begründen kann und die zu überprüfbaren Vorhersagen führen. Manche Philosophen vertreten ja die Meinung, alles wären nur soziale Konstrukte – das ist in den Naturwissenschaften schlicht Unsinn.

Möchten Sie nach all den Gesprächen und Erfahrungen hier Künstler werden?

Um Gottes Willen. Ich bin froh, dass ich Wissenschaftler bin und kein Künstler. Als Künstler wäre ich zu sehr von der Akzeptanz anderer abhängig, von Kritiken oder von irgendwelchen Gremien, die über Geldvergabe entscheiden. In der Naturwissenschaft ist es der Bezug zur Wirklichkeit, zum Experiment, zur Überprüfbarkeit eine Stärke, die eine große Unabhängigkeit gibt von der Meinung anderer. Da kann es passieren, dass ein Sachbearbeiter dritter Klasse am Patentamt in Bern plötzlich Arbeiten schreibt, die die ganze Welt über den Haufen hauen. Diese werden nicht übersehen, und er wird dann zum berühmtesten Physiker des 20. Jahrhundert: Albert Einstein. Warum? Weil seine Arbeit überprüfbar ist. Das kann niemand wegdiskutieren, das ist keine Ansichtssache. Darum bin ich lieber Wissenschaftler. Die Experimente hier kann niemand wegdiskutieren. Dies sind Fakten. Punkt.


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