21. November 2011
„My Paris – Collection Antoine de Galbert” – me Collectors Room. Berlin. Vom 1. Oktober 2011 bis 8. Januar 2012
„Ich bin nicht intellektuell“, sagt Antoine de Galbert – einer der größten und wichtigsten Kunstsammler Frankreichs, beim Kaffee leichthin über sich. Und tatsächlich sind viele Gebiete seines Konvoluts diesem Geist verpflichtet: Gegen jeden Hype sammelt der 56-Jährige seit 1987 nicht nur zeitgenössische Kunst, sondern auch Arbeiten der Art Brut, der Wiener Aktionisten, religiöse Devotionalien sowie Kopfschmuck aus Afrika und Ozeanien. Ein bisschen hat man das Gefühl, de Galbert wollte von Paris aus in die Welt hineinwirken – gegen den schnöden Geist der Spekulanten. Wie einst Jean Dubuffet (1901-1985), der in seiner „Compagnie de l’Art brut“ Kunst von Außenseitern zeigte – wobei es ihm nicht ums Renommee, sondern um die Wirkung der Werke ging – so fühlt sich auch Antoine de Galbert, bescheiden und eigenwillig zugleich, keinerlei Diskurs oder Mode am Kunstmarkt verpflichtet. Stattdessen proklamiert er schlicht: „Es geht mir darum, Subjektivität auszudrücken.“
Im Zentrum von Paris, ganz in der Nähe der Bastille, hat de Galbert 2004 die Stiftung La Maison Rouge eröffnet – eine der wenigen privaten Kunstinstitutionen Frankreichs. Bisher zeigte er dort vor allem die Sammlungen anderer: surrealistische Fotografien des belgisch-brasilianischen Juweliers Sylvio Perlstein, die Art-Brut-Kollektion des österreichischen Malers Arnulf Rainer sowie Teile von Harald Falckenbergs gigantischer Hommage an das Groteske. Aktuell hat der Essener Arzt Thomas Olbricht dort Gelegenheit für einen Auftritt – der de Galbert im Gegenzug prompt nach Berlin einlud, wo nun Teile seiner Sammlung zeitgenössischer Kunst unter dem Titel „My Paris“ im me Collectors Room zu sehen sind.
Mit Olbricht verbindet de Galbert das Interesse an Kunst, die nichts Geringeres als Themen wie Gewalt, Lust und Tod umspannt. Das Motiv der Vergänglichkeit und „Abnormalität“ verhandeln aus de Galberts Sammlung etwa Eric Pougeau (Jg. 1968), Damien Deroubaix (Jg. 1972), Nicolas Darrot (Jg. 1972), Chantal Petit (Jg. 1951) und Philippe Dereux (1918-2001) – mit denen Insekten, Maschinenköpfe, eine aus Fingern geformten Glasqualle und aus Tannenzapfen zusammengesetzte Augen Eingang in die Schau finden. Dabei werden auch soziale und politische Themen nicht ausgegrenzt, wie sie sich in den zerstückelten Körper der gebürtigen Iranerin Elika Hedayat (Jg. 1979) spiegeln, oder in dem Video von Jean-Charles Hue (Jg. 1968) über Tod, Gewalt und Sex in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana. Kurz: Antoine de Galbert geht es in seiner Sammlung um existenzielle Fragen der „condition humaine“. Im Interview mit artnet spricht er über die Pathologie des Sammelns, die Frage nach dem Tod und Geld als Fahrschein in die intellektuelle Freiheit.
artnet: Monsieur de Galbert, Sie stammen aus einem alten französischen Adelsgeschlecht. Hat ihre Familie auch schon Kunst gesammelt?
Antoine de Galbert: Nein, nicht wirklich, ich komme zwar aus einer kultivierten Familie, die aber kaum gesammelt hat und der vor allem zeitgenössische Kunst sehr fern lag.
Wann haben sie angefangen zu sammeln?
Ich denke, man ist ganz unbewusst Sammler. Der eine wird es tatsächlich, der andere nicht, aber es existiert schon ein Nährboden, ja sogar eine Pathologie. Ob man sich nun mit Kaffeemühlen oder mit Kunstwerken umgibt – Sammeln bannt die Ängste und beruhigt uns.
Wo kamen Sie mit der zeitgenössischen Kunst in Berührung?
Ich habe mit dreißig Jahren angefangen zu sammeln, allerdings zunächst alte Bücher und Comics. Mein erstes Gemälde war eine romantische Landschaft aus dem 19. Jahrhundert. Doch nach meinem Soziologiestudium eröffnete ich 1987 in Grenoble eine Galerie für zeitgenössische Kunst, ohne zu wissen, wer eigentlich genau Marcel Duchamp ist – ich kannte seine beiden Brüder besser als ihn selbst. Ich hatte also eine nur äußerst begrenzte Ahnung von Kunst. Ich zeigte einfach, was mir gefiel, ganz intuitiv, ohne mir um das Drumherum viele Gedanken zu machen. Und wählte Künstler aus, die sich in transversaler und universeller Weise ausdrückten: Darunter Künstler der älteren Generation wie Abraham Hadad (Jg. 1937), Marc Giai-Miniet (Jg. 1946), Rachid Khimoune (Jg. 1953) und Pierre Gaudu (Jg. 1950), aber auch sehr junge, wie François Weil (Jg. 1964) und Mathieu Mercier (Jg. 1970). So habe ich mich schrittweise immer mehr der zeitgenössischen Kunst geöffnet.
Haben Sie auch Künstler aufgebaut, die heute in Sammlungen zu finden sind?
Eine bestimmte Anzahl, darunter etwa Arbeiten von Rachid Khimoune, befindet sich selbstverständlich in einigen Sammlungen, auch wenn ich mit meiner Galerie nie auf dem internationalen Markt tätig war.
Haben Sie besonders nach Künstlern gesucht, die sich mit politischen und sozialen Themen beschäftigen? Schließlich haben Sie Soziologie studiert.
Ich war immer an politischen Fragen interessiert, früher allerdings weniger als heute.
Und Ihr erster Weg nach dem Studium führte in die Kunst – wieso haben Sie nicht gleich Kunstgeschichte studiert?
Hätte ich Kunstgeschichte studiert, hätte ich sicher niemals eine Galerie eröffnet und später Kunst gesammelt. Zu viel Wissen tötet die Lust, man muss seine eigene Geschichte der Kunst schreiben. Aber ich hatte in meinen Jahren als Galerist sehr viel Zeit, das Versäumte nachzuholen.
Nach zehn Jahren als „erfolgloser“ Galerist gingen Sie nach Paris und eröffneten dort 2004 in einer ehemaligen Hinterhof-Fabrik das neue Kunstzentrum von Paris: La Maison Rouge. Wie kamen Sie auf die Idee, eine Stiftung zu gründen? Warum diese Form der Kunstpräsentation und nicht einen „Schaukasten“ für Ihre eigene Sammlung?
Also, zunächst einmal finde ich nicht unbedingt, dass meine Galerie ein Misserfolg war. Sie war nicht gut besucht und ich war kein begabter Geschäftsmann, aber ich habe dort Ausstellungen gemacht, die ich heute genauso in der Maison Rouge präsentieren könnte. Die Maison Rouge ist die Fortsetzung dieser Galerie ohne die Zwänge des Marktes, aber mit derselben Integrität.
Ihre Sammlung und die Foundation sind also zwei unterschiedliche Dinge?
La Maison Rouge sammelt nicht, denn meine Sammlung ist völlig unabhängig von dieser Stiftung. Andererseits ist die programmatische Ausrichtung der Maison Rouge natürlich von ihr beeinflusst.
Warum sind Sie nach Paris gegangen und nicht in Grenoble geblieben? Entspricht es nicht zu sehr dem Mainstream, nach Paris zu gehen, wenn man einen Sonderweg sucht?
Paris und die französische Wüste! Im Gegensatz zu Deutschland ist Frankreich sehr zentralisiert – man muss einfach in Paris sein, um wahrgenommen zu werden. Jedenfalls habe ich mir das damals so vorgestellt, denn ich litt in der Provinz darunter, nicht genügend Menschen zu sehen. Aber wenn ich morgen ein anderes Projekt auf die Beine stellen sollte, würde ich höchstwahrscheinlich aufs Land zurückkehren – weit weg von der Kulturindustrie.
In der Maison Rouge werden drei bis sechs Ausstellungen pro Jahr ausgerichtet. Wollen Sie einen bestimmten theoretischen Diskurs mit ihren Ausstellungsthemen beeinflussen?
Ich habe keinen theoretischen Diskurs.
Sie sprechen offen über Ihr Vermögen und von ihrem Verhältnis dazu. Fühlen Sie sich verpflichtet, etwas für die Allgemeinheit zu tun?
Es war hauptsächlich die Presse, die über mein Vermögen geredet hat – das in Wirklichkeit, verglichen mit anderen, recht bescheiden ist. Ich habe mich nie verpflichtet gefühlt, irgendetwas Öffentliches mit meinem Geld anzufangen. Aber ich bin ganz einfach glücklich über diese Möglichkeit, zumal ich eher ein Erbe bin als ein Industriekapitän.
Sie kämpfen für mehr Freiheit im Kopf. Hat man mit mehr Geld mehr geistige Freiheit?
Geld ist nicht die Eintrittskarte zur Intelligenz oder zum Glück. Aber wer nicht von Finanzierungen anderer abhängig ist, kann sich natürlich eine intellektuelle Freiheit erlauben.
Sie erwähnten einmal Jean Genet, der ein brillanter und extremer Außenseiter der Gesellschaft war. Ist er Ihre geistige Referenz für den außergewöhnlichen Fokus Ihrer Sammlung? Immerhin zählen neben zeitgenössischer französischer Kunst ja vor allem Werke vom Rande der Gesellschaft dazu, darunter Arbeiten der Art Brut, Wiener Aktionisten und Neo-Dada, aber auch religiös-folkloristische Objekte, Kopfschmuck, Masken und Schrumpfköpfe…
Nun, ich zitiere Jean Genet häufig, weil er eines der schönsten Bücher über „Das Atelier von Alberto Giacometti“ geschrieben hat. Ich habe keinerlei literarische Bezüge, meine Sammlung ist eine mentale Reise, subjektiv und persönlich. Ihre Bedeutung ist nur die, die sie für mich hat, und sie erhebt in keiner Weise den Anspruch, sich in die Geschichte der anderen einzutragen.
Sie sprechen häufig vom Sammeln als einer Art Krankheit. Um was für ein Leiden handelt es sich da: Das Fieber eines Eroberers, eine manische Sucht des Anhäufens oder eine Spielart des Eros in Form von abgründiger Leidenschaft?
Sammeln als Krankheit zu bezeichnen, erscheint zwar etwas hart. Aber es ist wahr, dass in der Tatsache des Sammelns etwas Pathologisches, Angeborenes steckt. Ich glaube, dass man als Sammler geboren wird und nicht, dass man beschließt, einer zu werden. Und ich denke, dass Sammeln nichts zu tun hat mit einem bestimmten Thema oder mit der gesellschaftlichen Position. Sammeln ist eine kompensatorische Verhaltensweise und anormal. Unsere Vernunft und Intelligenz müssten uns eigentlich eine Erklärung dafür liefern.
Vielleicht kann man die Auseinandersetzung mit Kunst auch als eine Art Dialog mit dem Tod oder einer Form von Auflösung verstehen – in dem Sinne, dass man damit bis an die eigenen Grenzen geht. Wo liegen Ihre Grenzen?
Zunächst einmal müsste man sich mehr für den Menschen interessieren als für die Spuren, die der Tod uns hinterlässt. Die Sammlung kann ja auch zur Gruft werden. Aber mich verfolgt nicht der Gedanke an den Tod, mich fasziniert nur alles, was der Mensch sich ausdenkt, um zu versuchen, seinen Tod zu erklären. Dieses universelle Thema ist das Herzstück der Geschichte der Kunst, es ist genauso in einem Objekt der primitiven Kunst wie in einem Gemälde von Hieronymus Bosch oder einem Werk von Martin Kippenberger gegenwärtig.
In ihrer Ausstellung „My Paris“ im me Collectors Room sind lebende Vögel Teil der Installation von Céleste Boursier-Mougenot. Denken Sie, dass Tiere auch eine Form von Kultur haben oder sie produzieren können?
Man muss Célestes Werk einbetten in die Geschichte der Relation von Klang, Musik und plastischer Kunst. Sehr viele Konzeptkünstler haben ihre Werke von anderen realisieren lassen. Céleste ist ein Abkömmling von John Cage, der eine große poetische Begabung hatte. Die Musik der Vögel, die auch auf dem Zufall beruht, ist selbstverständlich ein ganzes Werk für sich.
Was reizt Sie eigentlich daran, Teile Ihrer Sammlung im me Collectors Room auszustellen?
Ich fange gerade erst an, Teile meiner Sammlung zu zeigen. Als ich Thomas Olbricht vorgeschlagen habe, seine Sammlung in Paris zu zeigen, bot er mir eine Art Austausch an, den ich angenommen habe.
Ist es Ihnen dabei wichtig, Werke aus Ihrer Sammlung gerade in Berlin vorzustellen?
Berlin hat eine sehr lebendige Szene, und es interessiert mich natürlich, dort französische Künstler zu zeigen.
Was planen Sie für die Zukunft Ihrer Sammlung? Stellen Sie weiterhin Teile daraus aus?
Ja, ein anderer Teil wird momentan in Lyon im Musée des Beaux-Arts gezeigt. Und eines Tages würde ich gerne eine Ausstellung mit meinen Grafiken machen.
Kennen Sie andere Sammlungen für zeitgenössische Kunst in Frankreich?
Ja, natürlich – es gibt immer mehr Sammler in Frankreich. Einige sind jedoch sehr diskret und verdienen es, entdeckt zu werden. Im Moment wird immer von denselben geredet.
Welche war die beste Ausstellung, die Sie in diesem Jahr gesehen haben?
Odilon Redon im Grand Palais in Paris.
Welchen Stellenwert nimmt die Kunst insgesamt in Ihrem Leben ein?
L'art, c‘est ma vie.