Interview mit Annette Hofmann, Lisson Gallery, Mailand

Lisson to your heart

Marcus Woeller
7. Mai 2012

Ai Weiwei – Lisson Gallery, Mailand. Vom 12. April bis 25. Mai 2012

Der 22. Juni 2012 wird ein Schicksalstag für Ai Weiwei. Chinas Superkünstler und Dissident ersten Ranges, vor einem Jahr für mehrere Wochen verschleppt und danach wegen Steuerhinterziehung angeklagt, lebt seit seiner Haftentlassung in einer Art offenem Vollzug in Peking. Nach einer Anhörung vor Gericht, die er sich regelrecht erkaufen musste, wird sich also nächsten Monat entscheiden, ob Ai seinen Pass zurückbekommt und er sich wieder frei in seinem Land aber auch außerhalb Chinas bewegen darf.

Die Ausstellung, die er zurzeit bei der Mailänder Dependance der Lisson Gallery aus London zeigt, hat Ai selbst noch nicht gesehen. Sie wirkt sehr intim und reduziert. Bis auf ein rundes Marmorrelief konzentriert man sich auf Keramikarbeiten: Schwarz glänzende Skulpturen, die sich flach auf den Boden ducken und wie Öllachen schillern, im Inneren aufwändig bemalte Vasen oder plakativ modellierte Wassermelonen. Auf der Außenterrasse, die sich zu einem versteckten Garten hin öffnet, stehen abstrakte, blau glasierte Tonobjekte und eine menschengroße Amphore.

Die Lisson Gallery existiert seit 1967 in London. Galeriedirektorin Annette Hofmann, die seit 14 Jahren für Lisson arbeitet und seit zehn Jahren in Mailand lebt, konnte den Galeriegründer Nicholas Logsdail schnell davon überzeugen, eine Filiale in Italien zu eröffnen. Im historischen Zentrum von Mailand liegt die Galerie seit Herbst 2011 in direkter Nachbarschaft zu Bramantes Kirche Santa Maria delle Grazie und dem berühmten Letzten Abendmahl von Leonardo da Vinci. In strategisch guter Position zu Deutschland, der Schweiz und Österreich gelegen, will die Londoner Traditionsgalerie ihre Künstler nun auch auf dem Festland zeigen – und den solventen Sammlern Norditaliens.

artnet sprach mit Annette Hofmann über Ai Weiweis Bedeutung für den chinesischen Demokratisierungsprozess, über den Mythos italienischer Sammler und warum die Wirtschaftskrise auch etwas Gutes hat.

artnet: Frau Hofmann, Sie hatten vor einigen Wochen die Möglichkeit, Ai Weiwei in Peking zu besuchen. Wie geht es ihm?

Annette Hofmann: Es geht ihm gut – den Umständen entsprechend. Er kann sich in Peking frei bewegen, aber er muss sich jeden Tag bei der Polizei melden, und er leidet natürlich darunter, dass er China nicht verlassen darf. In seinem Studio, in dem er auch lebt, kann man ihn ohne große Probleme besuchen. Allerdings wird er von Kameras kontrolliert, die man nicht sofort sieht.

Kann er frei kommunizieren oder sagt er: „Lass uns lieber rausgehen, wenn wir reden wollen...“

Es wird alles überwacht, was er macht. Vor Kurzem hat er in Anspielung auf diese Kontrollsituation à la „big brother is watching you“ selbst Kameras bei sich installiert, über die man die Möglichkeit hatte, ihn rund um die Uhr zu beobachten. Die Übertragung wurde aber nach zwei Tagen abgeschaltet. Man kann sich also vorstellen, dass er in seinem Studio nicht gern redet. Wir sind dann lieber zusammen Mittagessen gegangen.

Glauben Sie, dass Ais Leben in Gefahr ist?

Ich glaube, dass ein Künstler wie Ai Weiwei, der in einem sehr kontrollierten System seine Meinung frei äußert und sie in seiner Kunst und seinen Aktionen darstellt, sicherlich in Gefahr lebt.

Wird er in China bleiben, wenn er im Juni freikommen sollte?

Wie jeder Mensch möchte er frei reisen dürfen, doch auch darüber redet er nicht. Im Moment versucht er, nur über Tatsachen zu sprechen. Aber er wird vermutlich ausreisen, weil er viele internationale Projekte und Ausstellungen plant, wie etwa den Sommerpavillon der Serpentine Gallery in London zusammen mit Herzog & de Meuron. Da will er natürlich unbedingt hin.

Können Sie ihn unterstützen?

Es ist unser Konzept, zu versuchen, über seine Kunst natürlich auch seinen aktuellen Status zu kommunizieren und Aufmerksamkeit zu kreieren. Darum machen wir gerade jetzt diese Ausstellung. Als seine Galerie müssen wir auf Ais Problematik hindeuten.

Wie wichtig ist der Fall Ai Weiwei für den Demokratisierungsprozess in China?

Ai Weiwei ist vor allem in China eine sehr wichtige Stimme für viele Menschen, die sich in einer ähnlichen oder auch gleichen Situation befinden. Er selbst hat für sich das Internet als Kommunikationsmittel entdeckt, das nicht so leicht kontrolliert werden kann. Damit hat er eine Lawine losgetreten, ohne dass ihm das wahrscheinlich so bewusst war, als er damit angefangen hat. Und sein Denkmodell wird inzwischen von vielen geteilt. In China ist er eine wirkliche Macht in dem Sinne, dass er den Mut hat, auch laut auszudrücken, was viele gar nicht können. Als Künstler bleibt er ein freier Mann, auch wenn ein System ihn festhält – der Kopf ist frei!

Der Hype um Ai und die große Anteilnahme in Europa und den USA steht sicher auch für den Wunsch nach einem freiheitlichen, demokratischen China. Ist das ein realistischer Wunsch oder nur eine typisch westliche Idee, dass alles so sein soll, wie wir es uns vorstellen?

Es wäre schön, wenn diese Idee Realität werden könnte. Wir brauchen solche Wunschvorstellungen. Aber das chinesische System ist sehr stark, und es wird noch viele Ai Weiweis brauchen, um ein solches Ziel erreichen zu können. Zum Glück kann auch eine einzelne Person schon sehr viel bewirken. Und das macht er.

Mit Ai Weiwei sind Sie auf einen populären Zug aufgesprungen. Er ist ja noch nicht lange im Programm der Lisson Gallery.

Die Lisson Gallery verfolgt seit über 45 Jahren die Philosophie, dass sie ihren Künstlern wirklich zur Seite steht, und Ai Weiwei hat uns mehr oder weniger selbst aufgesucht. Während seiner Installation Sunflower Seeds in der Tate Modern 2010/11 haben wir dann den Kontakt zu ihm ausgebaut und ihn persönlich kennengelernt. Jetzt fühlt er sich bei uns zuhause! Aber er arbeitet natürlich weiterhin auch mit anderen Galerien zusammen.

Ai gilt ja explizit als Künstleraktivist. Was ist so politisch an Wassermelonen?

Natürlich ist Ai ein Aktivist, aber er hat auch ein sehr ausgeprägtes ästhetisches Empfinden, das er nicht nur in politischen Aktionen ausdrückt, sondern auch durch seine Kunstobjekte. In diesem Fall ist die Wassermelone ein direkter Verweis auf die chinesische Kunstgeschichte, in der Repliken oder Kopien von Naturelementen eine große Rolle spielen. Das können Melonen sein oder auch diese Oil Spills. Es ist nicht immer wichtig, was es ist, sondern wie und mit welchen Mitteln es dargestellt wird. Hier ist die Referenz eindeutig die Keramikhistorie von Jingdezhen...

... der chinesischen „Porzellan-Hauptstadt“.

Genau, Jingdezhen ist bis heute das Herz der Porzellan- und Keramikindustrie von China. Für Ai ist es wichtig, dass dort ganz einfache Formen, aber mit den besten handwerklichen Mitteln hergestellt werden. Er hat selbst in Jingdezhen gelebt und dort alle Skulpturen produziert, auch die Sonnenblumenkerne aus der Tate.

In der Lisson Galerie befinden sich auffällig viele Künstler, die mit klassischer Skulptur arbeiten. Passt Ai mit seinen objekthaften Werken also besonders gut zu Ihnen?

Ais skulpturale Ausdrucksweise gefällt mir, weil sie sehr variabel ist. Bis 2005 hat er sich mit Keramik hauptsächlich als Objet trouvé beschäftigt und beispielsweise alte chinesische Vasen manipuliert. Erst seit wenigen Jahren versucht er, viele seiner persönlichen Ausdrucksweisen keramisch darzustellen.

Ist Keramik nicht etwas out of fashion? Oder versuchen Sie Keramiksammler, die eher aus einer kunsthandwerklichen Perspektive sammeln, so an die zeitgenössische Töpferkunst heranzuführen?

Keramik finde ich als Material sehr interessant, und sie hat natürlich eine lange Tradition. Wenn man an italienische Designer und Architekten wie Ettore Sottsass oder Giò Ponti denkt, spielt Keramik hierzulande eine große Rolle. In der aktuellen Ausstellung geht es aber eher darum, was damit ausgesprochen wird. Bisher hatten wir noch keinen Sammler, der eigentlich Keramiken sammelt und dann Ai Weiwei gekauft hätte. In der Gegenwartskunst ist Keramik ein nicht oft benutztes Medium, und es wäre sicherlich interessant, eine Ausstellung zu organisieren, in der nur Keramikarbeiten zeitgenössischer Künstler gezeigt werden.

Die norditalienischen Sammler sind ein Mythos: Sie gelten als zurückhaltend und sehr kunstverständig und stehen nicht im Ruf, zur Spekulation zu neigen.

Die italienischen Sammler sind besonders. Sie sind sehr offen, sehr neugierig und sehr gut informiert. Sie sind zwar keine Spekulanten, aber auf alle Fälle darauf bedacht, ihr Geld gut zu investieren. Sie können sehr spontan reagieren, haben aber eine echte Kunstleidenschaft. Und die Lisson Gallery hat schon seit über 40 Jahren Verbindungen zu Sammlern wie Giuseppe Panza di Biumo, Miuccia Prada oder Patrizia Sandretto Re Rebaudengo.

Kann das Beispiel Patrizia Sandretto Schule machen? Sie arbeitet sehr offen mit ihrer Sammlung und hat in Turin ein Museum für zeitgenössische Kunst gegründet.

Wir pflegen eine sehr enge Beziehung zu ihr. In ihren Dreißigern war Lisson eine ihrer ersten Anlaufstellen, und sie hat seitdem Großes bewirkt. Es wäre schön, wenn es mehr Sammler wie Patrizia Sandretto geben würde. In Italien fällt jedoch auf, dass es sehr viele individuelle und gute Sammler gibt, die aber nicht besonders gut im Teamwork sind. Trotz der Energie und der vielen Talente vor Ort bewirken sie deshalb weniger, als wenn sie zusammen arbeiten würden. Das hemmt den Kunstmarkt und auch die Institutionen in Italien sehr.

In Mailand gibt es immer noch kein Museum für zeitgenössische Kunst...und das ist eine Katastrophe für eine Stadt dieses Rangs. Alle wollen es, und dennoch geschieht es nicht.

Woran liegt das? Glauben die Stadt und Provinzregierung, die ansässigen privaten Stiftungen wie Fondazione Prada oder Fondazione Trussardi werden es schon richten?

Nein, ich vermute, das ist das Phänomen eines individuellen städtischen Einzeltrips. Aber ich hoffe, dass Persönlichkeiten, die auch einen politischen Einfluss haben, dafür sorgen werden, dass sich die Situation verbessert.

Sind die lokalen Entscheider aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklungen noch entschlussunfreudiger geworden?

Im Moment haben wir eine sehr schwierige Situation im Zuge der Wirtschaftskrise in Italien. Und die Sammler sind noch zurückhaltender geworden, aber das wird nicht immer so bleiben. Italiener lieben es zu leiden, aber irgendwann ist es dann auch gut. Am Ende überwiegen Leidenschaft und Spontaneität. Und eine Umbruchsituation kann ja auch sehr viel Gutes bringen.

Nicholas Logsdail hat einmal gesagt, dass in Krisenzeiten die bessere Kunst produziert wird.

In Krisen werden extreme Gefühle kreiert. Und aus diesen Emotionen heraus wird natürlich etwas geschaffen. Ich kann Nicholas Logsdail da nur zustimmen. In jedem Fall wird in der Krise ehrlichere Kunst produziert und damit auch bessere. Wir bekommen auch bessere Sammler, solche, die sich wirklich für Kunst interessieren. Sammler, die leidenschaftlich Künstler unterstützen wollen und nicht nur Kunst kaufen, weil sie gerade mal nicht wissen, wo sie sonst investieren sollen.

Sind es also gute Zeiten für die Kunst, aber schlechte für die Wirtschaft?

Wenn man den Kunstmarkt international betrachtet, empfinden wir überhaupt keine Krise. Im Gegenteil. Wir erleben als Galeristen eine sehr seltsame Situation, weil wir eine wirtschaftliche Depression haben, aber gleichzeitig ein globaler „emerging market“ existiert, an dem sehr viele Menschen einfach nur in Kunst investieren wollen. Ich glaube allerdings, für einen Künstler wäre ein gesundes Gleichgewicht am besten. Es muss nicht immer gleich die Krise sein, aber der extreme Boom ist auch nicht gesund.

Wie interpretieren Sie die Situation, dass der Kunstmarkt verhältnismäßig unbeschadet durch die Krise gekommen zu sein scheint?

Mehr noch: Der Kunstmarkt ist sogar stärker dadurch geworden. Manche Leute aus der Wirtschaft vertrauen eher dem Kunstmarkt als der Börse oder dem Immobiliengeschäft. Vor 15 Jahren war der Kunstmarkt noch ganz anders. Die Zeiten wurden schneller, es kamen ganz neue Gelder in den Markt, damit kam auch zu viel Geld auf uns Galeristen zu. Wir brauchen starke Persönlichkeiten in unserem Markt, denn man muss viel stärker zwischen guten und schlechten Sammlern selektieren. Als ich begonnen habe, im Kunstmarkt zu arbeiten, konnte man da kaum Geld verdienen. Aber man fühlte sich als reichste Person schlechthin, weil man die Möglichkeit hatte, einen Künstler wirklich zu begleiten. Man konnte den kreativen Prozess miterleben und Künstlern helfen, zu wachsen und sie in gute Museen zu bringen. Heutzutage werden wir überschüttet von Privatsammlern, die einfach kaufen wollen. Da bleibt dann natürlich auch weniger Zeit, sich um die Künstler zu kümmern.

Man muss sich also heute mehr um die Sammler kümmern?

Wir Galeristen leben in einer extremen Situation. Man braucht heute Talent, zu selektieren. Wenn man nur verkauft, um Geld zu verdienen, geschehen gravierende Fehler: Man verkauft an die falsche Person, das Werk landet schon nach kurzer Zeit im Sekundärmarkt und wird wieder verkauft. Für junge Menschen in dem Business ist das sicher eine ganz andere Herausforderung als noch vor zwanzig Jahren. Wir dürfen eines nicht vergessen, nämlich dass wir hier sind für die Kunst und nicht für einen boomenden Markt. Wir Galeristen müssen die Verantwortung übernehmen, die Künstler zu schützen und zu beeinflussen, wohin ihre Arbeiten kommen. Ich bin froh, in einer Position zu sein, das machen zu können.


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