Interview mit Alexander Horwath, Filmmuseum Wien

Explosion der Normalität

Sabine B. Vogel
5. April 2007
Das Filmprogramm der documenta 12 läuft nicht in schwarzen Videoboxen, sondern im Kino. Kuratorisch verantwortlich ist Alexander Horwath, der Direktor des Filmmuseums Wien. Im Gespräch mit Sabine B. Vogel erklärt er, was unter der leitenden Idee des „Normalfilms“ zu verstehen ist und gibt einen Ausblick darauf, welche Filme in Kassel zu sehen sein werden.

Seit 2002 ist Alexander Horwath Direktor des Filmmuseum Wien. Von Roger Buergel und Ruth Noack wurde er eingeladen, ein Filmprogramm für die documenta 12 zusammenzustellen. Es soll als integraler Bestandteil extern im Kasseler Gloria-Kino laufen. Dieser Kinopalast eröffnete 1955, im Gründungsjahr der documenta. Mit der prächtigen Architektur erzählt das Kino von einem Filmbegriff, der der Präsentation von Laufbildern in der Blackbox, wie es in Kunstausstellungen üblich ist, die historisch erworbene Präsentationsform entgegensetzen kann. „Dieses Normalfall-Kino sagt deutlich, dass das Medium Film einen eigenen Ausstellungsraum besitzt“, präzisiert Horwath.

50 Abende stellt Horwath zusammen, von 1952 bis heute. Das Programm umfasst etwa 90 einzelne Filme und wird zweimal vorgeführt. Jeder Abend besteht entweder aus einem langen oder 2, 4 oder 6 kürzeren Streifen, die nicht chronologisch geordnet, sondern im Wechsel zwischen historischen und zeitgenössischen Arbeiten zusammengestellt sind. Warum aber 1952 beginnen? Zum einen ist es das Gründungs-Jahrzehnt der documenta. Zum anderen „beginnt um 1950 überhaupt erst die Wahrnehmung des nicht-westlichen Kinos, zunächst mit japanischen Filmen, dann weltweit und damit auch eine internationale Filmgeschichte mit offenem Blick“, erklärt Horwath. Welche Filme  werden wir sehen? Horwaths Antwort: „Normalfilme“. Was er darunter versteht, erklärt er in einem Gespräch im Büro des Wiener Filmmuseums.

Alexander Horwath: „Normalfilm“ ist natürlich ein polemischer Begriff. Er geht zurück auf die Formulierung des Kritikers Bert Rebhandl vom „Normalfall des Kinos“; er schrieb das 1997 in einer Besprechung der documenta X unter der künstlerischen Leitung von Catherine David. Mit Normalfall meinte er ein Kino, das überhaupt nicht im Kunstbetrieb vorkommt. Ich spreche von „Normalfilm“ in ähnlichem Sinne, nämlich eines Kinos, das die Kunstwelt selten im Auge hat, wenn hier Film- oder Laufbilder aufgegriffen werden.

artnet Magazin: Der „Normalfilm“ ist also nicht „normal“ im Sinne von Hollywood, sondern von Programm-Kinos?

Alexander Horwath: Genau! Ich weigere mich, den Mainstream-Film und die allgemeine Vorstellung der Bevölkerung von Kino gleich zu setzen mit „normal“ und umgekehrt genauso, einen minoritären Begriff aufgrund von Avantgarde-Filmen für „normal“ zu erklären. Mein Vorschlag ist es, einen ganzheitlichen Begriff von Kino zu setzen und den „Normalfall des Kinos“ als eine Artikulationspraxis zu sehen, in der eine Kontinuität, ein Zusammenhang besteht zwischen Ken Jacobs 400 Minuten Star Spangled to Death, Peter Kubelkas 1 Minute Schwechater und Marie Menkens stummen 6 Minuten Lights genauso wie zwischen Johan van der Keukens, Robert Kramers und Fred Wisemans umfassenden, dokumentarisch-essayistischen Ansätzen einerseits und populären Filmen von George A. Romero über Zombies oder Alfred HitchcocksVertigo andererseits – statt die Kompartimentalisierung mitzumachen, die in der Filmkultur und Kultur ohnehin ständig passiert.

artnet Magazin: Warum vermeiden Sie die Begriffe Experimental- oder Avantgardefilm?

Alexander Horwath: Diese Begriffe kommen vielleicht in meinem Text in dem Katalogheft vor, das zum Filmprogramm erscheint. Aber ich möchte nicht sagen, dass nur der experimentelle Film auf der documenta seinen Platz hat, weil der zur Kunst gehört. So ist das tendenziell in den documenta-Ausstellungen Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre gemacht worden. Jetzt kommen genauso viele Regisseure im Programm vor, die nicht für den Kunstbetrieb, sondern für das Kino arbeiten oder auch wie Wiseman oder Rithy Panh in Kooperation mit TV-Sendern. Darum spreche ich ja von „Normalfilm“ im Sinne eines Kontinuums. Das ist vielleicht etwas pädagogisch gedacht, aber ich hoffe, dass diese Zusammenstellung die eingefrästen Vorstellungen von „Normalfilm“, wie sie bei verschiedenen Teilen des Publikums existiert,  ein bisschen öffnen, elektrisch aufladen oder explosionsartig erweitern kann.

artnet Magazin: Die genannten Regisseure sind hauptsächlich aus den USA. Liegt dort ein Schwerpunkt?

Alexander Horwath: Keineswegs – es kommen in der Auswahl genauso Werke aus Lateinamerika vor, zum Beispiel der brasilianische Film Porto das caixas von Paulo César Saraceni; das ist eine Verarbeitung des Themas von The Postman Always Rings Twice. Auch zwei argentinische Filme werden dabei sein, viele asiatische Filme – beispielsweise der indonesische Opera Jawa von Garin Nugroho –, auch indische Filme von 1957 und 1960 und natürlich Filme von  österreichischen und deutschen Künstlern, darunter Valie Export, Kurt Kren, Ernst Schmidt jr., Harun Farocki, Romuald Karmakar oder Peter Nestler. Letzterer ist ein viel zu wenig bekannter Regisseur, der Ende der 1960er Jahre nach Schweden emigrierte und sehr schöne, auch politisch sehr scharfe Dokumentarfilme gemacht hat.

Es gibt Filme in der Auswahl, die wesentliche Beispiele dessen sind, was man den „Kanon des Kinos“ nennen kann: Hitchcock oder Kubelka, AntonionisProfessione: Reporter oder RossellinisViaggio in Italia. Aber dazu gibt es noch weitaus mehr Filme, die eher am Rande stehen und international kaum bekannt sind wie Reisender Krieger von Christian Schocher, eine 1981 gedrehte, mehr als dreistündige Verfilmung der Odyssee, zwischen dokumentarischem Ansatz und Fiktion. Der Film erzählt die Geschichte eines Vertreters namens Krieger, der durch die Schweiz fährt und sein Parfum „Blue Eyes“ in Friseursalons verkaufen will, quasi-dokumentarisch gefilmt. Auch der Kanadier John Cook, der in den 1970er Jahren in Wien lebte, drehte Filme zwischen Fiktion und Tagebuch.  Solche Arbeiten sollen mit den kanonischen Filmen in Berührung kommen und so der Standardgeschichte über die zweite Hälfte des Kinos – also über das moderne Kino, beginnend mit einem zentralen „Umspring-Film“ wie Viaggio in Italia – etwas Neues, Anderes zur Seite stellen.

Wenn man es im Detail diskutieren will, dann wäre Marie Menken so ein Fall, wo ich nicht die kanonische Position zur US-Nachkriegsavantgarde genommen habe, also zum Beispiel Maya Deren, sondern die viel unbekanntere Marie Menken. In den 1950er/60er Jahren machte sie mit ihrer kleinen Bolex-Kamera ein ganz scheues, vibrierendes Kino, das viele Leute mit dem Begriff „Amateurfilm“ in Verbindung bringen, weil es stumme und private Filme mit der Handkamera sind – solche Filme gilt es zu entdecken und sie sind es, die in Kassel zu sehen sein werden. 


Mehr im Dossier  documenta 12

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