11. Oktober 2006
Über Dekaden war das Werk der US-amerikanischen Konzeptkünstlerin
Lee Lozano (1930 – 1999), die zwischen 1960 und 1971 in New York aktiv war, in Vergessenheit geraten. In diesem Jahr widmete die Kunsthalle Basel der US-amerikanischen Konzeptkünstlerin mit einer Übersicht über ihre kurze, heftige Schaffensphase eine medienwirksame Einzelausstellung. So überraschend die Schau war, so wenig ist verwunderlich, dass sie in der Kunsthalle Basel (gefolgt von einer Station im Van Abbemuseum Eindhoven) zu erleben war.
Adam Szymczyk, seit Mai 2003 Direktor der seit 1872 bestehenden, international beachteten Institution für zeitgenössische Kunst, steht für ein eigenwilliges und spannungsvolles Programm. Immer wieder wartet er mit Positionen auf, die noch nicht vollends vom marktgeleiteten Ausstellungsreigen ausgepowert sind.
Szymczyk, derzeit einer der wegweisenden Ausstellungsmacher der jüngeren Generation, wurde 1970 im polnischen Piotrków Trybunalski geboren. Er studierte ab 1989 Kunstgeschichte an der Universität Warschau und profilierte sich in dieser Zeit auch als Kurator und Kritiker. Erste praktische Erfahrungen sammelte er als Mitarbeiter des Ende der 1980er Jahre neu geschaffenen Center of Contemporary Art in Warschau. 1995/96 nahm Szymczyk am renommierten „Curatorial Training Program“ (CTP) von De Appel in Amsterdam teil.
Nach seiner Rückkehr nach Warschau war er – zusammen mit Andrzej Przywara – Organisator einer Ausstellung mit Arbeiten Hans Bellmers im Schlesischen Museum in Kattowitz, dem – wie kaum bekannt ist – Geburtsort des surrealistischen „Puppen“-Erfinders. Parallel dazu begann er sich projektbezogen in der legendären Warschauer Foksal Galerie einzubringen und wurde Mitbetreiber der 1997 als Ableger der Galerie gegründeten Foksal Gallery Foundation. 2002 schloss er sein Kunstgeschichtsstudium mit einer Magisterarbeit über das Konzept der Dematerialisierung des Kunstobjekts in der Kunst der 1960er und 70er Jahre ab. Im Verlauf seiner wissenschaftlichen Recherchen stieß er auf Lee Lozano.
Seit seinem Amtsantritt in Basel hat der experimentierfreudige polnische Kurator dem Traditionshaus ein völlig neues Profil gegeben, das sich auch räumlich in der großzügigen Innengestaltung niederschlägt. Zu den Höhepunkten des bisherigen Programms gehörten 2005 die Supershow der dänischen Gruppe Superflex in leeren Ausstellungsräumen, gefolgt von der umso üppigeren Präsentation des von Jeremy Deller in Kollaboration mit Alan Kane zusammen getragenen Folk Archive sowie die auf Händen und Knien zu erforschende, vielsträngige Parallelwelt „ Hole“ von Christoph Büchel.
Noch bis zum 19. November bespielt der 1971 geborene Londoner Künstler Peter Peri mit der Solo-Schau „ Country 10“ die Kunsthalle Basel. Der Titel deutet auf eine Szene in der russischen Avantgarde-Oper Sieg über die Sonne, die um das „zehnte Land“ kreist: ein Ort absoluter Dunkelheit, der jedoch auch das Potenzial einer tabula rasa samt Erneuerungsvision birgt. Zeitgleich findet noch bis zum 12. November die Gruppenschau „ Quauhnahuac - Die Gerade ist eine Utopie“ mit Beiträgen von Maria Thereza Alves, Dr. Atl, Ross Birrell & David Harding, Friederike Clever, Jimmie Durham, Cisco Jiménez, Robert Smithson und Hildegard Spielhofer statt, die sich mit Themen und Motiven aus Malcolm Lowry’s Roman Unter dem Vulkan befasst. In Basel sprach Adam Szymczyk über seine Anfänge, seine Vorlieben, seine Ideen.
Belinda Grace Gardner: Wenn ich mir Ihr Programm vor Augen führe, fällt mir auf, dass konzeptuelle Positionen darin eine wesentliche Rolle spielen.
Adam Szymczyk: Stimmt. Mein Interesse an konzeptueller Kunst geht zurück auf die Zeit, als ich in der Warschauer Foksal Galerie, die ja seit 1966 besteht, diverse Projekte betreut habe. Zu ihren Initiatoren gehörte bekanntlich Wieslaw Borowski , der sie weiterhin leitet. Die Foksal Galerie verfügt über eine großartige Tradition von Ausstellungen polnischer Künstler der 1960er und 1970er Jahre sowie internationaler Konzeptkünstler, angefangen mit Lawrence Weiner bis hin zu Christian Boltanski. Als ich dort mitarbeitete, hatte ich Gelegenheit, sehr intensiv in die Archive einzusteigen. Es gibt also so etwas wie einen konzeptuellen Kick, der mich seit Jahren antreibt. Das gilt bis heute.
Belinda Grace Gardner: 1997 wurde dann die Foksal Gallery Foundation gegründet, die Sie gemeinsam mit zwei anderen Kuratoren inhaltlich aufgebaut haben. Was war Ziel der Stiftung?
Adam Szymczyk: Ursprünglich war sie als Instrument gedacht, um zusätzliche Mittel für bestimmte Projekte, die wir in der Foksal Galerie realisieren wollten, zu mobilisieren. Foksal ist eine städtisch subventionierte Einrichtung, die finanziell kaum Spielräume hat. Die Stiftung war also zunächst noch der Galerie angegliedert, in der wir – Andrzej Przywara, der über zehn Jahre bei Foksal war, Joanna Mytkowska und ich – damals mitarbeiteten. Doch irgendwann gingen unsere inhaltlichen Vorstellungen und die der Foksal-Leitung immer stärker auseinander. Und so beschlossen wir, nachdem wir in der Foksal Galerie bereits Ausstellungen mit Künstlern wie Pawel Althamer, Artur Zmijewski, Wilhelm Sasnal, Gregor Schneider oder Douglas Gordon realisiert hatten, eigene Räume zu suchen. 2001 eröffneten wir die Foksal Gallery Foundation in einem etwas heruntergekommenen, aber sehr gut gelegenen Hinterhofgebäude nahe einer Einkaufsstraße in Warschau. Im Rückgriff auf die Zeit der institutionellen Experimente der Foksal Galerie in den 60er und 70er Jahren versuchten wir jenen subversiven Geist wieder zu beleben und zugleich neue inhaltliche Ideen zu entwickeln.
Belinda Grace Gardner: Wie operierte die Foundation?
Adam Szymczyk: Sie war als Kombination aus Büro und Projektraum angelegt, wo man auch Ausstellungen machen konnte. Tendenziell waren wir von unserer Arbeitsweise her aber nicht an einen bestimmten Raum gebunden. Wir haben oft an anderen Orten Ausstellungen umgesetzt. Bald nach Eröffnung wurden wir als Non-Profit-Galerie auch auf Messen eingeladen: zuerst auf das Art Forum Berlin, ein paar Mal auf die Art Cologne und zur Liste in Basel. Vom Prinzip her lief es so, dass Künstler Werke zur Verfügung stellten, die wir auf der Messe verkauften. Den Erlös investierten wir dann wieder in die Produktion von Arbeiten in Warschau und anderen Städten in Polen. Insofern hielt sich die Initiative aus eigener Kraft in Gang und setzte sich insbesondere für die Förderung aktueller polnischer Kunst ein. Bis heute funktioniert die Foundation auf diese Weise.
Belinda Grace Gardner: Mit diesem Hintergrund traten Sie dann in Basel an – was war Ihre erste Ausstellung in der Kunsthalle?
Adam Szymczyk: Das war eine Soloschau mit Arbeiten von Piotr Uklanski , die sich bis zur hinteren Außenwand des Museums erstreckte – da ist heute noch das aus roten und weißen Tellern bestehende Mosaik des Künstlers zu sehen. Ich spielte dabei ein wenig mit den diversen Erwartungen, die mit meiner Person verbunden waren, insbesondere bezüglich meiner polnischen oder osteuropäischen Herkunft. Mir gefiel es, einen Künstler zu präsentieren, der zwar einerseits aus Polen stammt, anderseits aber gar nicht so sehr dort, sondern eher im internationalen Kontext wahrgenommen wird. Auch die Erwartung, dass ich in einer ausbalancierten Gruppenausstellung eine Einführung in meine Vorstellungen liefern würde, habe ich bewusst durch eine Einzelposition, die sich gerade eben nicht so genau festlegen ließ, konterkariert.
Belinda Grace Gardner: Steht der Idee, dass Kunst in den Außenraum hineinschwappt, eine reziproke Einwirkung der Wirklichkeit auf die Kunst gegenüber? Mir scheint, dass Sie ein gewisses Faible für Ansätze haben, die zumindest realitätshaltig sind.
Adam Szymczyk: Tatsächlich interessieren mich Kunstpraktiken, die eine Annäherung an die Realität anstreben, und damit verbunden die Frage, wie weit Künstler gehen, um ihre Arbeit mit der Wirklichkeit verfließen zu lassen. 2005 zeigten wir beispielsweise eine Ausstellung mit Arbeiten von Artur Zmijewski. Im Zentrum stand das Set für seine filmisch festgehaltene Replik des Stanford Prison Experiments, das der amerikanische Psychologe Philip Zimbardo 1971 ausführte. Sie erinnern sich: Es war ein Forschungsprojekt an der Universität Stanford, in dem untersucht werden sollte, wie sich Menschen unter „echten“ Gefängnis-Bedingungen verhalten.
Belinda Grace Gardner: Es gab „Wärter“ und „Gefangene“, die unter den freiwilligen Mitwirkenden ausgelost wurden. Nach sechs Tagen musste das Experiment allerdings abgebrochen werden, weil es vollkommen zu eskalieren drohte.
Adam Szymczyk: Richtig. Zmijewski hat es unter dem Titel Repetition nochmals wiederholt und dazu das Gefängnis von damals nachgebaut. Seine Filmaufzeichnung des wiederholten Experiments war bei der Venedig-Biennale 2005 im polnischen Pavillon zu sehen. Wir haben das Gefängnis selbst präsentiert – eine riesige Konstruktion mit diversen Zellen, die zwar nicht begehbar waren, aber in die man durch Einweg-Spiegel hineinschauen konnte. Der Film lief dann in einem anderen Raum. Ferner zeigten wir eine Reihe von Videoarbeiten des Künstlers, darunter die Arbeit, wo er die eintätowierte Nummer eines ehemaligen KZ-Insassen erneuert. Darin ging es um Wiederherstellung im weiteren Sinne, wie eine Reise in die Erinnerung, also auch um einen Akt der Wiederholung.
Belinda Grace Gardner: Und seitens des einstigen KZ-Insassen sicher auch um eine Wiederaneignung oder Inbesitznahme dessen, was ihm durch die Nazis aufgezwungen wurde.
Adam Szymczyk: Ja, es ging auch um einen Akt der Befreiung. Mich beschäftigt sehr stark die Idee des Nachstellens von Situationen, die Wiederholung einer Handlung, die aber stets eine etwas andere Form annimmt. Denn ich glaube nicht, dass es möglich ist, eine Sache zweimal auf dieselbe Weise zu machen. Beim Nachspielen verzerrt man zwangsläufig immer die Originalszene. Genau das ist der Punkt, wo etwas sehr Interessantes geschieht, wo man plötzlich so etwas wie zwei Szenarien der Wirklichkeit hat. Die Wiederholung offenbart neue Aspekte dessen, was man über den tatsächlichen Ablauf eines Ereignisses zu wissen glaubte. Dies birgt Bezüge zu psychologischen Prozessen, aber auch zu einem hermeneutischen Vorgehen, bei dem sich etwas, das sehr kompakt erscheint – etwa ein Bildsymbol – allmählich erschließt, verschiedene Facetten zeigt und völlig andere Effekte produziert als erwartet.
Belinda Grace Gardner: Das lässt an die „Rewriting History“-Strategien denken, die aktuell von zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern praktiziert werden, wo im Zerlegen, Rekonstruieren oder Repetieren von geschichtlichen „Fakten“ gesellschaftlich „verbindliche“ Wahrheiten oder Wirklichkeiten in Frage gestellt werden. Ist das womöglich so etwas wie ein Leitthema Ihres Ausstellungsprogramms?
Adam Szymczyk: Es ist kein Thema in dem Sinne, auch wenn viele Künstler, mit denen ich schon zusammengearbeitet habe, mit diesen Phänomen umgehen. Für mich hat die Art und Weise wie einige Künstler versuchen, das wirkliche Leben zu erfassen, einfach etwas sehr Genuines und Überzeugendes. Und ich glaube, dass ich hier bin, um solche Untersuchungen zu ermöglichen. Mich interessieren Künstler, die sich darauf einlassen, etwas herauszufinden, was sie vor Fertigstellung einer Arbeit nicht antizipieren können. Zmijewski, aber auch Künstler wie Christoph Büchel und andere, haben echten Experimentiergeist. Ebenso wie die Künstler der Gruppe Superflex, die die Räume leer ließen, um mit den Besuchern in einen Dialog zu treten.
Belinda Grace Gardner: Im Falle des von Jeremy Deller und Alan Kane zusammengetragenen Folk Archive , einem Sammelsurium kurioser Erzeugnisse so genannter „Volks“- oder „Populär“-Kunst aus Großbritannien, das im Herbst 2005 in der Kunsthalle Basel gastierte, wurde ein Stück Alltagsrealität als ästhetische Äußerung lesbar, die dem Hochkunst-Schauplatz durchaus standhielt. Ist aus Ihrer Sicht eine Trennung zwischen Hoch- und Volkskunst heute überhaupt noch gültig oder hat da längst eine Fusion stattgefunden?
Adam Szymczyk: Ich denke, dass die nicht-professionelle Kunst, insbesondere hier in der Schweiz, eine erste Musealisierung durch Strömungen wie die Art brut erfahren hat und so auch ins Bewusstsein des Fachpublikums zeitgenössischer Kunst eingesickert ist. Gleichzeitig haben in der jüngeren Kunstgeschichte viele Künstler mit existierenden Archiven oder Artefakten populärer Kunst gearbeitet. Genau die Beschäftigung mit solchen Stoffen finde ich extrem spannend – und das kann formal ganz unterschiedliche Gestalt annehmen. Susan Hiller, beispielsweise, befasst sich mit der Domäne der Ethnographie und hat entsprechende Rituale und Gegenstände aus diesem Feld in ihre Arbeit integriert. In ihrer Video-Installation The Entertainment, die mittlerweile in die Sammlung der Tate Modern aufgenommen wurde, hat sie die „Punch und Judy“-Theater in Großbritannien dokumentiert. Eine andere Arbeit von Susan Hiller repräsentiert in einer Art Vitrine das Lebenswerk eines Mannes, der Haare spaltet und daraus eigenartige Gebilde formt. An diesem Punkt oszilliert auch das Folk Archive – nämlich zwischen den Polen eines zweckfreien oder auch nutzlosen Zeitvertreibs und einer ästhetischen Handlung, in dem Sinne, dass etwas aus nichts gemacht wird. Das Arbeiten mit gefundenem Material, das in etwas anderes verwandelt wird, interessiert mich sehr. Man findet diesen Ansatz auch bei Pawel Althamer oder Jimmie Durham und vielen anderen Künstlern, die mir besonders liegen.
Belinda Grace Gardner: Benötigt die heutige, aus dem realen Leben schöpfende Kunst überhaupt noch den musealen „Schonraum“? Oder ist dieser nach wie vor akut, um etwas zu kristallisieren und sichtbar zu machen? Wie wichtig ist die „Aura“ einer Institution für die Rezeption der darin gezeigten Kunst?
Adam Szymczyk: Der „Wert“ einer Institution bemisst sich aus meiner Sicht danach, welche Bedeutung sie für den jeweiligen Besucher hat. Er ist keine gegebene Eigenschaft. Ein erster Ansatz, den angeblich inhärenten Wert des musealen Raums zu hinterfragen, lieferten Superflex mit ihrer Ausstellung, wo Wertschöpfungsmechanismen im Kunstbetrieb thematisiert wurden. Nun ist die Kunsthalle kein Museum; wir haben keine Sammlung. Doch ist sie ein Ausstellungsraum, wo etwas repräsentiert werden kann. Wenn Kunst überhaupt Sinn macht, dann deshalb, weil sie in der Lage ist, Dinge zu artikulieren – nicht weil sie den verhandelten Sachverhalt selbst verkörpert. Ich bin mir dieses Unterschieds sehr bewusst. Selbst die radikalste Ausstellung ist erst einmal ganz und gar artifiziell. Auch wenn ein Künstler eine Situation lebensnah in Szene setzt, das reale Leben und das Publikum einbezieht, ist es doch nur eine rhetorische Geste, weil sich alles im geschützten Raum der Kunst – des Museums oder des Ausstellungsraums – abspielt. Ich plädiere jedoch keineswegs dafür, dass eine Institution auf die Straße gehen sollte. Daran glaube ich nicht. Wenn ich über eine Annäherung der Kunst an die Realität spreche, dann in der Hinsicht, dass diese Annäherung in einer Ausstellung zur Anschauung gebracht und somit zur Diskussion gestellt wird.