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Interview mit abc-Veranstaltern Joanna Kamm und Jochen Meyer

Beiboot auf Hochseekurs

Gesine Borcherdt, Annika Karpowski
6. September 2011

„about painting” – abc – art berlin contemporary, Luckenwalder Strasse 4-6, Berlin. Vom 7. bis 11. September 2011

Die art berlin contemporary (abc) ist neuerdings das zentrale Ereignis im Berliner Kunstherbst. Als kuratierte Verkaufsausstellung wurde sie 2008 von mehreren führenden Berliner Galeristen als Parallelevent zum art forum berlin initiiert – sozusagen als flexibles Beiboot zum behäbigen Messedampfer. Seit das art forum berlin vor einem Vierteljahr plötzlich vom Radar verschwand, liegt die Verantwortung für das Berliner Stimmungsbarometer in den Händen der abc-Veranstalter. Ein Schritt zum Hochgefühl ist bereits geschafft: Mit doppelter Teilnehmerzahl treten einige herausragende Galerien erstmals in Berlin auf, gemeinsam mit international angesagten und kleinen lokalen Kollegen. Aus ihren Programmen hat die Kuratorin Rita Kersting jeweils ein bis zwei Positionen, die nicht unbedingt zum üblichen Who-is-who des Kunstmarktes gehören, für das diesjährige Thema „about painting“ ausgewählt.

Das Selektionsverfahren ist allerdings bis heute ein Diskussionsthema. Angesichts der undurchsichtigen Gründe für die Absage der Messe – offiziell lag es an gescheiterten Fusionsverhandlungen beider Veranstalter, die sich an der Vorverlegung des abc-Termins entzündeten; inoffiziell an einer unzureichenden Bewerberliste des art forum berlin und fehlendem Rückhalt der Messegesellschaft – witterten Skeptiker schnell eine „Machtkonzentration“: Wer als Künstler bei der abc mitmachen wolle, müsse von einer Galerie vertreten sein, die vor den Augen des „Kartells“ bestehe. Gemeint sind die verantwortlichen abc-Galerien Joanna Kamm, Klosterfelde, Meyer Riegger, Neu, neugerriemschneider, Esther Schipper und ŻAK | BRANICKA, die teilweise auch in den Boards von Gallery Weekend und Art Basel sitzen und so bald alle Fäden über Hopp oder Top ihrer Kollegen in der Hand hielten, so der polemische Tenor.

Im Gespräch mit artnet tritt die abc diesen Vorwürfen deutlich entgegen und erklärt, was es wirklich mit den Gerüchten um Fusionsverhandlungen und Auswahlkriterien auf sich hat. Denn tatsächlich nehmen an der abc auch in diesem Jahr wieder die Galerien teil, die in ihrem aktuellen Art Basel-Ausschluss einen persönlichen Affront der einflussreichen Berliner Kollegen sahen – Galerie Giti Nourbakhsch zeigt Matias Faldbakken, Eigen + Art präsentiert Matthias Weischer. Und auch dem Verdacht, dass bestimmte Galerien, die dem art forum berlin treu waren, nun keine Präsentationsmöglichkeit mehr in der Stadt hätten, nimmt die abc den Wind aus den Segeln: Neben kleineren art-forum-Anhängern wie Anselm Dreher, Klemm’s oder SEPTEMBER sowie renommierten Galerien des Messe-Boards Supportico Lopez, Giò Marconi und Team Gallery sind diesmal auch wichtige internationale Kollegen dabei, die wohl kaum zur Berliner Messe gekommen wären.

Keine Frage: Die abc hat sich binnen drei Monaten auf Hochseekurs begeben. Ob sie den auch ohne Fahrwasser des art forum berlin – thematische Vielfalt, professionelles VIP-Programm, finanzieller Überbau – halten kann, wird sich in den nächsten fünf Tagen zeigen. Falls ja, kommen im Jahr 2012 vielleicht auch Großgalerien wie Gladstone, Thaddaeus Ropac oder Eva Presenhuber nach Berlin – natürlich vorausgesetzt, die nächsten Kuratoren finden dort etwas, das in ihr Konzept passt.

artnet: Auf der diesjährigen abc werden mit 130 Künstlern und 120 Galerien doppelt so viele Teilnehmer wie in den drei Jahren zuvor dabei sein – sogar mehr, als früher auf dem art forum berlin. Hat der Wegfall der Messe zu deren Teilnahme an der abc beigetragen?

Joanna Kamm: Ich denke nicht. Die Galerien, die an der abc teilnehmen, finden unser Konzept spannend und sind neugierig, ihre Künstler in Berlin in einem solchen Kontext zu zeigen.

Wie hebt sich denn die abc von einer Kunstmesse ab?

Jochen Meyer: Bei der abc handelt es sich vielmehr um eine Ausstellung mit Verkaufsoption als um eine Kunstmesse. Die Auswahl der Künstler liegt in den Händen der Kuratoren. Wir stellen nur den Rahmen mit einem Thema zur Verfügung und laden jedes Jahr einen Kurator ein, der Spezialist für das gewählte Thema ist. Durch dessen Künstlerwahl setzen sich die teilnehmenden Galerien zusammen – auch wenn wir uns dabei natürlich im Dialog befinden. Diesmal hat Rita Kersting die inhaltliche Auswahl getroffen, und Marc Glöde ist für die räumliche Umsetzung in den Hallen am Gleisdreieck zuständig.

Was unterscheidet die abc-Architektur von einer Messesituation – und wie wird sie dieser neuen Menge an Werken gerecht?

JM: Wir wollten bewusst keine typische Messesituation, sondern eine Ausstellungsarchitektur, die der Architekt Jan Ulmer für uns entworfen hat. Es gibt keine Messekojen und keine Möblierung. Stattdessen führt ein mäanderndes Wandsystem durch die Hallen. Die Künstler werden nicht nach Galerien positioniert sondern nach Kontext, eben wie in einer Ausstellung.

JK: Anders als bei einer Messe stehen auf der abc also die Künstler und nicht die Galerien im Vordergrund. Daran knüpft sich auch der Bezug zu Berlin. Die abc möchte das in dem speziellen Format zwischen institutioneller Ausstellung und Messe reflektieren.

In diesem Jahr heißt das Thema „about painting“. Stand es bereits fest, als die Kuratorin ihren Job antrat?

JM: Ja, das kuratorische Thema war klar. Die abc hat ja jedes Jahr ein anderes Thema. Rita Kersting hat sich durch einige sehr gute Malereiausstellungen ausgezeichnet, als sie den Kunstverein Düsseldorf geleitet hat. Deshalb haben wir sie diesmal gefragt.

Was genau impliziert die Idee von „about painting“?

JM: Es geht um ein referenzielles Interesse an Malerei. Die Werke kreisen um das Medium selbst, wie es in der jüngeren Kunstgeschichte verhandelt wurde – zum Beispiel vor zwanzig Jahren in der Kontextkunst, als der Rahmen wichtiger war als das Bild selber. „about painting“ vereint also Positionen, die sich mit Malerei beschäftigen – in Form von Öl auf Leinwand über Installation bis Fotografie und Film.

Die meisten Galerien, die die Künstler auf der abc vertreten, kommen aus Berlin.

JM: Ja, das Ganze ist schließlich ein Event, das von Berlin getragen wird und die Berliner Kunstszene auch wiedergeben soll. Wir wollen aber aus Berlin heraus gemeinsam mit den internationalen Gästen arbeiten. Viele Galerien aus dem Ausland sind dabei, über die wir uns sehr freuen – wie Annely Juda Fine Art, Carl Freedman und Cabinet aus London, Art: Concept aus Paris, Dépendance aus Brüssel, i8 aus Reykjavik, Fonti aus Neapel, Jan Mot aus Brüssel, Casey Kaplan und Harris Lieberman aus New York, Karma International als junge Galerie aus Zürich, Krinzinger als große gestandene Wiener Galerie, The Third Line aus Dubai, Standard Oslo aus Skandinavien… Viele von ihnen waren noch nie in Berlin zu Gast oder seit vielen Jahren nicht mehr!

Wie hoch ist denn die Teilnahmegebühr im Vergleich zum Messebeitrag? Schließlich muss es sich für eine Galerie aus New York, die nur eine Position zeigt, auch lohnen, hierher zu kommen.

JM: Die Teilnahmegebühr beträgt 3.500 Euro. Die abc ist ja auch keine Messe sondern ein völlig neues Format, das es weltweit nirgendwo anders gibt. Und wie gesagt: Es entspricht Berlin mit seiner Künstlerdichte und relativ wenigen Sammlern wahrscheinlich am besten und ist sicher sinnvoller als die klassische Kunstmesse. Wir denken, dass die abc das Format der Zukunft für Berlin werden kann.

Wurden die Galerien allein auf der Basis der Künstlerauswahl eingeladen?

JK: Ja, beispielsweise wollte Rita unbedingt Marlene Dumas oder Rineke Dijkstra dabei haben – und so wurden deren Galerien eingeladen. Auf diese Weise haben wir eine tolle Liste zusammenbekommen. Wobei klar ist, dass nicht alle Galerien ihre Wünsche erfüllen konnten, und es gab auch ein paar Galerien, die nicht teilnehmen wollten, obwohl die Kuratorin ihre Künstler gerne gezeigt hätte.

Manche Künstler wurden also eingeladen, doch die Galerien haben sich nicht angemeldet?

JK: Genau. Wenn eine Galerie nicht teilnehmen konnte oder wollte, ist der Künstler leider nicht vertreten. Und umgekehrt haben wir Rita Kersting auch auf Galerien hingewiesen, die wir spannend finden – von denen aber ihrer Meinung nach kein Künstler ins Konzept passte. Das mussten wir dann akzeptieren, wir sind ja kein Komitee.

Worin genau lag denn nun der Grundkonflikt mit dem art forum berlin?

JM: Wir empfanden den Termin des art forum berlin, zu dem ja bisher immer auch die abc stattfand, als unglücklich, da er in der Nähe der Londoner Frieze Art Fair und der Pariser Messe Fiac lag und nicht wirklich von der internationalen Kunstgemeinschaft wahrgenommen wurde. Schon im letzten Jahr haben wir dem art forum berlin kommuniziert, dass wir die abc gerne vorverlegen möchten, da wir sonst keine andere Chance sehen, um langfristig ein hochkarätiges Publikum nach Berlin zu bekommen. Unser Ziel ist es ja, durch die abc den Auftritt der Herbstsaison zu gestalten und den internationalen Kalender zu eröffnen. Da wir das jetzt alleine machen, versuchen wir, der Verantwortung über bestmögliche Ausstellungen gerecht zu werden.

JK: Wir haben auch mit vielen Berliner Institutionen gesprochen, um deren Ausstellungseröffnungen mit den Tagen der abc zu bündeln – der Termin soll sich ja einprägen, so wie das Gallery Weekend. Übrigens stand ja Berlin früher einmal für den Saisonstart, bis der Termin der Kunstmesse immer weiter verschoben wurde, weil es andere, lukrativere Messen gab. Dem setzen wir jetzt etwas entgegen, schließlich ist der Termin ja frei.

Abgesehen von der etwas unglücklichen Überschneidung mit der DC Open, was viele Rheinländer diesmal abhalten wird, nach Berlin zu kommen...

JM: Ich denke, dass man sich nächstes Jahr besser abstimmt. Es ist ja weder im Interesse von Berlin noch vom Rheinland, dass solche Top-Veranstaltungen gleichzeitig stattfinden.

Ein Vorwurf war, dass das Scheitern des art forum berlin mit dem Alleingang der abc zu tun hatte.

JK: Das art forum berlin hatte eine Terminverlegung kategorisch ausgeschlossen. Auch für einen neuen Standort außerhalb der Messe war man nicht offen, wir hatten ja auch dazu Vorschläge gemacht. Wir haben dann unsere Veranstaltung einfach unabhängig weiter geplant. Anfang Mai erhielten wir eine E-Mail von der Messe, dass sie parallel zur abc – oder sogar kurz davor – eine weitere Veranstaltung plant, bei der Galerien zu einem geringen Einheitspreis eingeladen werden sollen. Die Sache sollte hier auf dem Gelände am Gleisdreieck stattfinden. Es war also genau das gleiche Konzept von abc, außer dass sie keinen Kurator und kein Thema hatten. Das art forum berlin sollte aber trotzdem stattfinden.

Und wie kam es zum Ende für das art forum berlin?

JK: Wir hatten nur zwei Wochen Zeit für die Verhandlungen. Schließlich drängte es, und die Einladungen mussten raus. Die Messe hätte ja ihre Veranstaltung trotzdem und zu einem späteren Zeitpunkt machen können, das eine hatte mit dem anderen ja nichts zu tun.

JM: Aber Fusionsverhandlungen zwischen dem art forum berlin und der abc hat es nie gegeben. Das wurde ja immer anders dargestellt. Es gab nur eine Fusionsverhandlung mit dem neuen Format – wenn diese Fusion geklappt hätte, wäre das art forum berlin ebenfalls abgesagt worden.

Das stand so aber in keiner Presseerklärung, weder vom art forum berlin noch von der abc.

JK: Es wurde auch sehr wenig nachgefragt – und wir wollten zunächst auch nicht die ganze Geschichte erzählen. Wir hatten kein Interesse an einer Schlammschlacht und wollten uns auf die abc konzentrieren. Aber ich gebe zu: Die andere Version war die bessere Story. Es schreibt sich eben besser über einen kleinen Berliner Krimi als über eine tolle Veranstaltung.

Das klingt, als hätte man Euch den schwarzen Peter zugeschoben: Die Konkurrenzveranstaltung hat mit ihrem bösen Netzwerk das Rennen gemacht.

JM: Allein schon der Vorwurf, dass das art forum berlin durch die abc abgeschafft wurde, ist völlig absurd. Eine solche Großveranstaltung kann sich nur selber abschaffen.

Woran misst sich eigentlich der Erfolg der abc?

JM: Es gibt harte und weiche Faktoren. Wir sind sicher, dass auf der abc verkauft wird. Es ist ja erfreulich, wenn sich der Effekt der Ausstellung auch ökonomisch niederschlägt. Der primäre Erfolg liegt aber in der Qualität der Ausstellung und darin, wie sich die Veranstaltung auf die Stimmung in der Stadt auswirkt. Allein, dass es parallele Veranstaltungen gibt wie die Ausstellungseröffnungen vom Preis der Nationalgalerie oder der Gruppenschau „Seeing is believing“ in den KW, trägt schon dazu bei.

JK: Ich würde mir wünschen, dass die Leute verstehen, dass es uns vor allem um ein anderes, experimentelles Format geht, das Laborcharakter hat statt nach festgefahrenen Kategorien zu funktionieren. Das gibt uns auch eine Freiheit, damit zu spielen – diese Flexibilität hat man auf keiner Messe. Das sieht man allein schon daran, wie schnell wir darauf reagiert haben, dass es die Messe nicht mehr gibt: Die Verdopplung der Teilnehmer, die neue Location, das VIP-Programm… Diese Beweglichkeit hat schon eine große Qualität. Ich hoffe, dass die Leute das spüren.


abc von A bis Z von artnet Magazin
Alle Galerien und Künstler der art berlin contemporary auf einen Blick.


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