16. Mai 2012
Es ist eigentlich der perfekte Schweizer Werdegang: die frühe Begeisterung für die Ausstellungen Harry Szeemanns im Kunsthaus Zürich, die ersten Anstellungen im Kunstmuseum des Kantons Thurgau, der Kartause Ittingen, dann im Kunsthaus Glarus. Dazwischen eine kuratorische Assistenz im Züricher haus konstruktiv, außerdem seit 1996 Kuratorin der Sammlung des Ringier-Verlags. Doch Beatrix Ruf, seit zehn Jahren Direktorin der Kunsthalle Zürich, ist im deutschen Singen geboren, sie kann heute noch auf ihr melodisches Alemannisch zurückgreifen, um jeden Dialekt in der Schweiz zu verstehen. 2011 wählte die „ArtReview“- Liste die Deutsche mit doppelter Staatsbürgerschaft unter die zehn einflussreichsten Menschen im internationalen Kunstbetrieb.
An Beatrix Ruf führt nicht nur in der Schweiz kein Weg mehr vorbei. „Meine aktuelle Google-Trefferquote habe ich nicht im Kopf“, scherzt die Kuratorin und führt das Ratingergebnis auf die Überschaubarkeit ihres Tätigkeitfeldes zurück: „Die Kunstwelt ist ein sehr aktiv selbstgenerierender Betrieb, wie das kleine Betriebe so an sich haben.“ Und den scheint sie fest im Griff zu haben. Ruf ist wohl die richtige Frau, um Auskunft zu geben: über die Wiedereröffnung des Züricher Löwenbräu-Kunstkomplexes im August, das die Kunsthalle neu beziehen wird. Über die Angst Schweizer Künstler vor Kleinbürgerlichkeit, vom Berner Kunsthistoriker Paul Nizon 1970 als „Diskurs in der Enge“ skizziert. Und über die viel zitierte, viel gesuchte Swissness samt ihrer wundersamen Kombinatorik von calvinistischer Arbeitsethik und kreativer Findigkeit.
artnet: Mit welcher Ausstellung werden sie 2012 im August die Kunsthalle im Löwenbräu-Areal eröffnen?
Beatrix Ruf: Mit unserer Eröffnungsausstellung wollen wir zeigen, wie die Kunsthalle Zürich künftig funktionieren wird und in den letzten Jahren schon gearbeitet hat – mit parallelen Ausstellungen: Künstler, deren Werk in der Lage ist, in größeren Räumen zu bestehen, werden mit Projekten von Künstlerinnen und Künstlern in Beziehung gesetzt, die schon rein quantitativ die Kunsthalle nicht bespielen könnten. Zur Eröffnung zeigen wir Wolfgang Tillmans, der in der Züricher Kunsthalle einst seine erste institutionelle Ausstellung hatte, mit einer neuen Gruppe von bisher ungezeigten Arbeiten. Parallel dazu präsentiert sich Helen Marten, eine junge britische Künstlerin, die ich sehr aufregend finde. Sie gehört zu der Künstlergeneration, für die das Internet nicht mehr nur ein Gegenüber, sondern Teil der DNA ist. Ich freue mich sehr auf dieses Neben- und auch Miteinander, weil beide stark mit den kursierenden Bildwelten operieren und sehr eigenständige Werke dazu liefern.
Muss in der Kunsthalle eigentlich ein bestimmter Prozentsatz der Ausstellungen mit Schweizer Künstlern besetzt sein?
Nein, wir haben – und das gilt auch für die anderen Kunsthallen in der Schweiz – vollkommene Programmfreiheit. Die Kunsthalle ist mit der Mission angetreten, internationales Kunstschaffen in Zürich zugänglich zu machen und das Zeitgenössische auf internationalem Niveau zu diskutieren.
Selbstverständlich nehmen wir an der Schweizer Szene ebenso aktiv Anteil wie an der internationalen und bemühen uns, Schweizer Künstlerinnen und Künstler in dieses internationale Umfeld zu integrieren. Tobias Madison etwa wird im Januar 2013 ausgestellt.
1996 sprach man vom Züricher Kunstwunder. Unter dem Dach des Löwenbräu-Areals operierten zwei öffentliche Institutionen neben privaten Galerien. So eine Situation gäbe es nicht einmal in New York, hieß es damals. Was bedeutet das neue Löwenbräu-Areal für die zeitgenössische Kunstszene?
1996 ist das Löwenbräu-Areal mit einem Modell angetreten, das so noch nicht existierte. Es hat etwas mit der sehr spezifischen Situation in Zürich zu tun, die man sich in Erinnerung rufen sollte: In Zürich gab es bis Mitte der 1980er-Jahre eigentlich keine zeitgenössische Kunst. Es war hier nicht wie in Bern und Basel, wo es Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts zu den klassischen Kunsthallengründungen kam. In Zürich gab es Ende der Siebzigerjahre kurzfristig die Unternehmung InK, die Halle für internationale neue Kunst. Daraus entstanden in Nachfeld die Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen. Erst Mitte der 1980er-Jahre haben sich in Zürich Stimmen für zeitgenössische Kunst entwickelt. Die Gründung des Vereins der Kunsthalle Zürich war 1985, im gleichen Jahr begann das Stipendienprogramm der Stiftung BINZ39. Anschließend hat die Hochschule für Kunst – damals noch Hochschule für Gestaltung – den ersten Studiengang für Freie Kunst eingerichtet. Auch im Galerienwesen gab es erst da den Aufbruch. Natürlich agierten schon große Galeristen wie Thomas Ammann oder Bruno Bischofberger. Aber jüngere und von Beginn an international tätige Galerien, wie Hauser & Wirth, Eva Presenhuber, Peter Kilchmann oder Bob van Orsouw haben erst Mitte der 1990er-Jahre begonnen. Damals haben sich eben alle um den ersten Standort der Kunsthalle in der Hardturmstraße angesiedelt.
Damit kam zum ersten Mal diese Aufbruchstimmung in Zürich auf: Es gab die Kunsthalle Zürich, die neuen internationalen Galerien und das Löwenbräu stand in Aussicht. Mendes Bürgi, der damalige Direktor der Kunsthalle Zürich und Mitinitiator des Löwenbräu, hatte in Gesprächen mit dem Migros Museum für Gegenwartskunst herausgefunden, dass deren Sammlung künftig auch öffentlich zugänglich sein sollte. All das ergab den historisch richtigen Moment, um diese Energien zu nutzen. Jetzt, mit dem Neu- oder Wiedereinzug ins Löwenbräu befinden wir uns übrigens in einer ähnlich energetisch aufgeladenen Situation wie damals. Wieder sammeln sich unabhängige Künstler im Umkreis, die das, was sie tun, in der Schweiz tun. Das fing Mitte der 1990er-Jahre mit Peter Fischli/David Weiss an, die eben die Schweiz nicht verließen, sondern in Zürich gearbeitet haben. Das wurde noch durch Positionen Pipilotti Rist‘s, Ugo Rondinones, John M. Armleders oder Sylvie Fleury‘s verstärkt. Deren Generation hat sich ganz bewusst entschieden, nicht nach Paris, New York oder irgendwohin sonst zu gehen, sondern aus der Schweiz heraus zu arbeiten. Das hat schließlich auch die Sammler und Sammlerinnen motiviert, das Schweizer Kunstschaffen nicht nur in den großen Zentren zu beobachten. Daraus entstand eine Stärkung des Ortes – und seiner Internationalität.
Sie sagen, diese Stimmung wiederholt sich gerade. Bündeln sich denn die neuen offspaces der Stadt in der Gegend des Löwenbräu-Areals?
Genau das passiert. Die Immobilenpreise sind zwar explodiert – das war mit ein Grund, warum es so wichtig für uns war, ein gemeinsames Käufermodell mit der Stadt Zürich, dem Migros Museum und der Kunsthalle Zürich zu finden – aber es gibt zum Glück in diesem ehemaligen Industriequartier immer noch Leerstellen und die werden fleißig besetzt: Mit Karma International, Raeber von Stenglin, Gregor Staiger oder Sinka & Weiss, also ganz jungen Galerien und Kunstaktiven. Es gibt dort auch AP News: ein Kino und Veranstaltungsort, den Tobias Madison mit Freunden führt. Sehr viele Galerien wie BolteLang oder Francesca Pia, die von Bern nach Zürich gezogen ist, siedelten und siedeln sich hier an. Das Schönste für mich daran ist, dass dieses festgefahrene Modell‚ entweder Zürich, Bern, Basel oder Ausland' in Bewegung geraten ist. Anstatt des Konflikts Basel-Zürich, der stets heraufbeschworen wurde, findet Austausch statt. So entstand ein ganz natürlich geteilter energetischer Raum, der eben die Kunstszene ist und nicht mehr eine auf einen speziellen Ort bezogene Identität.
Und die viel beschworene Swissness?
Ich glaube, die Swissness daran ist einfach, dass es Schweizer tun. Die sind international so vernetzt und informiert, dass gerade deshalb ihr Engagement für den eigenen Ort groß ist. Sie haben keine Angst, kleinbürgerlich oder engstirnig zu wirken, nur weil sie etwas in Zürich oder Basel oder Bern tun.
Vor ein paar Jahrzehnten hätte man diese Angst noch gehabt?
Ja, ganz sicher. Ende der Achtzigerjahre wäre das sicherlich noch eine andere Wahrnehmung gewesen. Aber diese Generation wächst mit einem neuen Bewusstsein auf, einer anderen Vernetzung. Es ist auch der Informationsstand über die Gleichzeitigkeit von Dingen, über geteilte Interessen und Vorgehensweisen, die man adaptiert für den Ort, an dem man ist.
Wie viele Besucher hatte die Kunsthalle, etwa zur Ausstellung von Heimo Zobernig in der Bärengasse vor einem Jahr?
Um die 5.000, das ist so unser Durchschnitt. Für uns sind erfreulicherweise Besucherzahlen nicht der primäre Weg zum Glück. Natürlich streben wir an, dass möglichst viele Leute unsere Ausstellungen sehen, aber was wirklich zählt sind Qualität und Spannbreite. Für zeitgenössische Kunst, denke ich, ist das ganz in Ordnung. Man muss sehen, dass die kritische Masse in Zürich nicht so groß ist, es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Menschen, die man erreichen kann. Daher ist für uns ist auch immer wichtig, in welchem Umkreis rezipiert wird: Wir haben ein sehr internationales Publikum. Sehr viele Leute reisen durch Zürich und schauen sich zum Glück dann auch Ausstellungen an.
Gibt es Schweizer Kunstnomaden, die für Ausstellungen durchs Land fahren, so wie man als Münchner oder Hamburger Kunstinteressierter eben auch nach Berlin zu Ausstellungen fährt?
Jacques Herzog sagte immer, dass die Schweiz eine große Stadt sei. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind hier sehr gut, es ist also üblich, schnell einmal nach Basel, Bern oder Glarus zu fahren. Schon bei der Programmgestaltung wissen wir Museumsleute, dass man die gleichen Ausstellungen nicht nach Basel und Zürich bringen kann.
Wie ist es mit solventen Schweizer Kunstförderern? Die operieren gerne im Ausland. Verliert da die Schweiz an Kapitalkraft, wenn Donald Hess etwa sein James Turrell Museum in Argentinien baut oder Margrit Biever Mondavi im Napa Valley ausstellt? Kann Internationalität auch schaden?
Donald Hess ist in Bern immer noch präsent und auch finanziell in die Kunst involviert. Es gibt noch Maja Oeri in Basel oder Maja Hoffmann, die in Basel und in Zürich, aber auch in Frankreich tätig ist. Die Bechtlers in Zürich und Zuoz, die Ringiers, die Fondation Beyeler in Riehen, die Reinhards in Winterthur, um nur einige zu nennen – und es gibt viele Stiftungen in der ganzen Schweiz und viele Schweizer, die auch aus dem Ausland heraus hier involviert sind. Diese Menschen sammeln und fördern sehr individuell und sehr persönlich gebunden. Nein, ich habe nicht das Gefühl, dass eine Schweizflucht stattfände.
Vertragen sich calvinistische Arbeitsethik und Kreativität?
Ja, natürlich. Es gibt ja in der Schweiz diese wunderbare Gleichzeitigkeit an Kunstformen: von sehr strengen, minimalistisch konstruktiven Dingen bis zu jenen im Bereich der individuellen Mythologie. Extreme Ausdrucksformen treffen auf sehr Kontrolliertes.
Der Züricher Kunstgeschichtsprofessor Gotthard Jedlicka hat den Schweizer Künstlern in den 1940er-Jahren noch beschieden: ‚Die schweizerischen Maler haben oft eine handwerkliche Solidität, die sich der künstlerischen Vision, die doch entscheidend sein sollte, hindernd in den Weg stellt. (...) Sie neigen hin und wieder dazu, in der hartnäckigen Arbeit und in der handwerklichen Solidität die wesentliche künstlerische Qualität zu sehen.’ Sind diese Zeiten also endgültig vorbei?
Also zählen wir doch einmal auf: Fischli/Weiss , Urs Fischer, Ugo Rondinone, John M. Armleder, Olivier Mosset, Jean-Frédéric Schnyder, Franz Gertsch, Helmut Federle, Roman Signer, Pipilotti Rist – Allein die Anzahl von international relevanten Topkünstlern, die ein so kleines Land hervorbringt, ist unglaublich. Aber tatsächlich bot die Schule der Gestaltung sehr lange eine am Handwerk, an Bauhausideen und -strukturen orientierte Ausbildung. Das hat zu wunderbaren Ergebnissen geführt, denken Sie an die Geschichte der Typografie und der visuellen Gestaltung hier. Freie Kunst, wie man sie in Deutschland von den Akademien her kennt, das Prinzip der Meisterklasse oder eine eher an Konzepten orientierte Ausbildung gibt es in der Schweiz wirklich erst seit Mitte der 1980er-Jahre – und die Entwicklung ist immer noch im Gange. Schauspiel, Musik, Gestaltung – die Hochschulen der Künste sind gerade dabei, sich zusammenzulegen. Die handwerkliche Ausbildung war immer großes Thema in der Schweiz. Die Internationalität des Ausbildungswesens kam allerdings wirklich sehr spät.
Welche jungen Schweizer Künstler werden derzeit als die neuen Thomas Hirschhorns gehandelt?
Gegenüber der Baseler Messe wird schon seit Jahren das eidgenössische Stipendium ausgelobt und im großen Format Preise für junge Kunstschaffende vergeben. Das ist für einen Überblick über das zeitgenössische Schaffen der Schweiz eines der interessantesten Gefäße. Da kommt national alles zusammen.
Auch für die ganz jungen Künstler waren es immer wieder Fischli/Weiss, die den Maßstab setzen – und das schon seit Jahrzehnten. Mit ihnen entstand etwas, das auf einer Seite absolut international, auf der anderen Seite vollkommen schweizerisch war – gleichzeitig. Das ist für die junge Generation sehr wichtig. Diese Leichtigkeit des Lokalen, daraus nährte sich eine riesige Gruppe von unglaublich energetischen und wichtigen jungen Künstlern: Valentin Carron, Tobias Madison, Fabian Marti, Kaspar Müller, Latifa Echakhch – Namen, die wie in einer Fußballmannschaft die Internationalität aller Beteiligten wiederspiegeln. Ihnen allen gemein ist, extrem international aufgewachsen zu sein und diese Internationalität in ihrer Arbeit und Ausstellungstätigkeit umzusetzen.
Kauft der Schweizer Kunstkäufer am liebsten Schweizer Kunst?
Ganz sicher, sobald internationales Niveau gewährleistet ist.
Wie viele Schweizer Künstler haben in ihrer Biografie stehen „lebt und arbeitet in Berlin“?
Nicht so viele. Liam Gillick hat einmal gesagt, er könne nicht noch einen Künstlerkollegen sagen hören, wie billig es doch sei in Berlin zu leben. Natürlich sind niedrige Mieten verlockend, aber die gäbe es auch in Brüssel. Entscheidend ist, in welchem Kontext sich Künstler sehen wollen. Die jungen Schweizer Künstler wachsen mit einem anderen Verhältnis zum und auch einer anderen Einbettung in den Markt auf, da darf man sich nichts vormachen. Sie sind sehr oft schon vor dem Akademieabschluss Verkäufe gewohnt und nicht so von dieser Künstlerdepression des Existenzialismus betroffen, sondern bereit zu schauen, was und wo die Mittel sind. Sie haben einen sehr hohen Grad an Eigenaktivität. Es ist sicherlich viel einfacher, ein Studium in Berlin zu finanzieren als in Zürich. Aber die große Anzahl junger Künstler in der Schweiz zeigt, dass es noch Leerstellen und wilde Orte in den Städten hier gibt, wenn man sie nur sucht.
Zum Schluss noch ein kleines Assoziationsspiel, in dem Sie bitte Ihr spontanes Feedback auf Zitate Schweizer Kulturschaffender geben. Zunächst die Einschätzung von Heinz Neidel, der 1987 in „Junge schweizer Kunst“ sagte: Der schweizer Künstler ‚arbeitet nie nur aus dem Bauch, er wird fast immer von seinem spezifischen Konzept kontrolliert.‘
Ja, das ist die Gleichzeitigkeit von Konstruktivität und Kreativität in der Schweiz.
Nun von Harald Szeemann: ‚Das Visionäre in der Schweizer Kunst ist auch in den Augen anderer Urteile immer eine Sache des Spintisierens im Kleinen, des Grüblerischen oder des Ironischen.‘
Da möchte ich mit Fischli/Weiss entgegnen – oder ergänzend hinzusetzen – und das ist eher „Bouvard und Pécuchet“ von Flaubert: ‚Die ganze Welt wird erfasst.‘