Installationskunst in China

Gut aufgestellt

Birgit Hopfener
8. Juni 2007
Die Installationskunst ist in China ein vergleichsweise junges Medium. Innerhalb zweier Jahrzehnte hat sie eine steile Karriere hingelegt und überzeugt auch im internationalen Kunstkontext mit künstlerisch innovativen Arbeiten. Formal unterscheidet sich die chinesische Installationskunst kaum von ihrem westlichen Pendant und dennoch stehen viele ratlos vor ihr und versuchen, sich durch inhaltliches Kontextualisieren einen Zugang zu verschaffen. Häufig erfolgt eine Annäherung über Themen wie „Suche nach einer chinesischen Identität im Zeichen zunehmender Ökonomisierung“, „Aspekte der rapiden Stadtentwicklung“, „Aufarbeitung der jüngeren maoistischen Geschichte, insbesondere der Kulturrevolution“, „Tradition versus Gegenwart“. Obwohl diese Herangehensweise legitim ist und im Zusammenhang mit einer so kontextuellen Kunst wie der installativen auf jeden Fall berücksichtigt werden muss, lohnt es sich, darüber hinaus nach spezifisch chinesischen Ausprägungen ästhetischer Art zu fragen und trotz aller Brüche in der chinesischen Kunstgeschichte nach historischen Anknüpfungspunkten in der chinesischen Kunst zu forschen.

Der Installationskunst kommt in der Entwicklung der experimentellen Kunst in China, die sich mit dem Inkrafttreten der politischen Reformen und der Öffnung des Landes seit 1979 entwickelt, eine überaus wichtige Rolle zu, weil sie mit herrschenden künstlerischen Konventionen bricht und traditionelle Kunstbegriffe reflektiert. Mitte der 1980er Jahre im Zuge der so genannten „85er Kunstbewegung“, die auch unter dem Namen „Neue Welle“ bekannt ist, experimentieren Künstlergruppen wie zum Beispiel „Xiamen Dada“ unter der Regie des inzwischen international bekannten, in Paris lebenden Künstlers Huang Yongping oder die „Pond Group“, deren bekannteste Vertreter die Künstler Zhang Peili und Geng Jianyi sind, mit installativen Praktiken. Das idealistische Hauptanliegen war es damals, sich mit  installativen, häufig performativ angelegten Interventionen aus der „Ideologiefalle“ zu befreien, um neue gesellschaftliche und kreative Freiräume zu eröffnen. So erregten die „Xiamen Dadaisten“ in der Stadt Xiamen Aufsehen, weil sie Baumaterialien im Ausstellungskontext zu Kunst erklärten oder ihre Kunstwerke im öffentlichen Raum verbrannten. Die „Pond Group“ realisierte 1986 in Hangzhou die Arbeit Taiji of Yang Family und installierte an Zäunen im öffentlichen Raum aus Papier ausgeschnittene, schattenboxende Taiji-Figuren in Echtgröße.

Auch die Künstler Xu Bing und Wu Shanzhuan reüssieren Mitte der 1980er mit installativen Arbeiten und setzen sich mit der chinesischen Schrift auseinander. Xu Bings A Book from the Sky kann als ein Schlüsselwerk der experimentellen chinesischen Kunst bezeichnet werden und ist dem einen oder anderen vielleicht aus dem westlichen Ausstellungskontext bekannt. Der Künstler machte es sich zur Aufgabe, mehrere tausend chinesische Pseudo-Zeichen zu kreieren, indem er tatsächlich existierende Bestandteile, die so genannten Radikale, neu kombinierte. Auf den ersten Blick erscheinen sie auch aufgrund des gewählten Schrifttyps „echt“, sind aber bei genauerem Hinsehen unlesbar, was insbesondere das chinesische Publikum, dessen  kulturelles und intellektuelles Selbstbewusstein eng mit der chinesischen Schrift verbunden ist, beim Rezipieren der Arbeit aufgrund ihrer scheinbaren Unfähigkeit verzweifeln ließ. A Book from the Sky besteht aus traditionell gebundenen Büchern, auf deren aufgeschlagenen Seiten unlesbarer Text präsentiert wird. Xu Bings Pseudozeichen sind als Projektionsflächen zu verstehen, die die traditionelle lineare Betrachterkonvention chinesischer Schrift sowie die ideologisch funktionalierte Rezeptionshaltung aufbrechen und den Betrachter auf sich selbst zurückwerfen sollen.

Wu Shanzhuan nimmt in seiner Arbeit Red Humor Series Bezug auf die ideologische Funktionalisierung der chinesischen Schrift während der Kulturrevolution. Er bedient sich der Ästhetik der „Big Character Posters“, einem wichtigen Medium der Propaganda zur Zeit der  Kulturrevolution, führt sie aber ad absurdum. Er hinterfragt den Sinn jeglicher Bild- und Schriftträger, indem er einen Installationsraum vom Boden bis zur Decke mit rot-schwarzen Postern beklebt, auf denen er nunmehr Slogans der sozialistischen Ideologie mit Sprüchen der Werbung und Alltagssprache kombiniert.

Die Ausstellung „China/Avantgarde“ 1989, die als Überblicksschau der „85er Bewegung“ bezeichnet werden kann und gleichzeitig – im Zusammenhang mit der Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens kurze Zeit später – ihr Ende einläutet, präsentierte neben anderen Gattungen zahlreiche installative Arbeiten auch der bereits genannten Künstler. Besonderes Aufsehen erregte die Installation Dialog des Künstlerpaares Tang Song und Xiao Lu. Die Installation bestand aus zwei realen Telefonzellen bestehende Installation, auf die Xiao Lu während des laufenden Ausstellungsbetriebs zwei Schüsse abfeuerte, was zur zeitweiligen Schließung der Ausstellung führte.

Die 1990er Jahre sind nach dem Schock, den die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens ausgelöst haben, zunächst durch den Rückzug ins Private geprägt. Ausstellungen in öffentlichen Institutionen sind aus politischen und finanziellen Gründen nahezu unmöglich. Das führt dazu, dass viele Installationskünstler – darunter Song Dong, Yin Xiuzhen, Lin Tianmiao, Wang Gongxin, Qin Yufen und Zhu Jinshi sowie Wang Peng – ihre eigenen Wohnungen als Ausstellugsräume nutzen. Während sich die Kunst in den 1980ern der großen gesellschaftlichen Utopie verschrieben hatte und stark intellektualisiert war, beschäftigt man sich in den 1990er Jahren mit der unmittelbaren, persönlichen Umgebung. Das schlägt sich in der Verwendung von Alltagsmaterialien und einem generellen Interesse am Materiellen nieder. Zeitgleich werden ausländische Kuratoren auf die zeitgenössische chinesische Kunst aufmerksam, was zu einer zunehmenden Beteiligung chinesischer Künstler an ausländischen Ausstellungen führt.

Die Shanghai Biennale im Jahr 2000 gilt als wichtiger Meilenstein in der Entwicklung der experimentellen Kunst in China. Damals werden das erste Mal seit 1989 wieder chinesische installative Arbeiten im offiziellen Ausstellungskontext gezeigt. Und obwohl die vergangene Beijing Biennale im Jahr 2005 der Installationskunst immer noch skeptisch gegenüberstand, ist die installative Kunst in China inzwischen fest etabliert. Zu den auch international bekannten chinesischen Installationskünstlern gehören unter anderem Gu Dexin, Lin Tianmiao und die Yangjiang Group.

Gu Dexin arbeitet in seinen Installationen mit verderblichen Materialien wie   verschiedenen Sorten Obst oder tierischem Fleisch, die er entweder im Außen- oder Galerieraum auf dem Boden auslegt oder in Behältern „in Form“ bringt. Neben der persönlichen Beziehung zum gewählten Material, die besonders in der Fotoserie „Meat“ aus den Jahren 1993-1995 deutlich wird, die seine Hand beim Kneten von Fleisch zeigt, interessiert ihn die Akkumulation von Material als Energiefeld sowie das Prozesshafte des Vergänglichen.

Die Ästhetik des Wickelns ist Lin Tianmiaos Markenzeichen. In ihren Installation kombiniert die Künstlerin mit weißem Garn Ge- und Umwickeltes mit den Medien Fotografie und Video. „Bound-Unbound“ – so der Titel ihrer ersten Soloschau im Jahr 1997, in der sie ihre gleichnamige Installation zeigte – trifft den Kern ihrer Kunst. Über den Produktionsprozess des Wickelns hinaus bewegen sich ihre Arbeiten stets auf dem schmalen und sich ständig verschiebenden Grat zwischen den komplementären Polen Anpassung und Loslösung, in deren Zwischenraum individuelle Erfahrungen generiert werden. Haupt- und wiederkehrendes Thema in Lin Tianmiaos Werk sind menschliche Individualisierungsprozesse innerhalb der gegebenen gesellschaftlichen Strukturen. Neben materiellen Erfahrungen thematisiert sie die sozial kodierten Bindungen in der chinesischen Gesellschaft.

Die „Yangjiang Group“ besteht aus den Künstlern Zheng Guogu, Chen Zaiyan und Sun Qinglin. Sie gründete sich 2002 in der südchinesischen Stadt Yangjiang, in der sich fern ab der Metropolen seit einigen Jahren eine sehr innovative Kunstszene entwickelt. Das Anliegen der Yangjiang Group ist es, die traditionelle Schriftkunst mit zeitgenössischer Kunstpraxis auf innovative Art und Weise zu verbinden. Are You Going to Enjoy Calligraphy or Measure Blood Pressure? (2002) ist die installative Interpretation eines traditionellen chinesischen Gartens: Pflanzen, ein Gartenfelsen aus zusammengeknüllten und in Wachs getauchten Kalligrafien und eine  Bogenbrücke über eine „Wasserfläche“ aus beschriebenen Reispapier, das durch eine darunter versteckte „Qi-Massagemaschine“ zu wellenhaften Bewegungen animiert wird. Das Publikum kann durch den Garten schlendern, Schriftkunst betrachten oder sich den Blutdruck messen lassen, um vielleicht auf diese Weise empirische Erkenntnisse über die Auswirkungen der neuartigen ästhetischen Erfahrung zu erhalten.

Mehr im Dossier  Kunst in China

Weitere Artikel von Birgit Hopfener


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken