29. Mai 2008
Wozu eine Berliner Kunsthalle, fragt Henrike Thomsen in der
tageszeitung und bezieht sich auf die "Initiative Berliner Kunsthalle", den vierten Anbieter in der fast schon inflationären Folge der Berliner Kunsthallenvisionen. Die Berliner Halle sollte eigentlich "vor allem mental bleiben", schlägt sie als begütigendes Abrüstungskonzept vor und sieht in der Kunstalle "ein Diskursobjekt, an dem sich die Verbesserungswünsche für die bestehende Situation herauskristallisieren und auf die bestehenden Institutionen übertragen lassen". Die Kunsthalle als institutionelles Vodoo, die Kunsthallendebatte als karnevaleskes Spiel mit dem unantastbaren Berliner Institutionenklerus. So sieht das die Kritikerin.
Ob das so sein muss, ist freilich eine offene Frage. Lieber eine handfest reale Kunsthalle zwischen den notorischen Berliner Siechenhäusern der Gegenwartskunst, dem einen oder anderen ideenlosen Kunstverein und den berüchtigt konzeptionslosen Staatsmuseen, als gar kein überregional erkennbares Ausstellungshaus. Und kann eine Kunsthalle wie beispielsweise das temporäre "White Cube"-Projekt nicht zur Kunsthalle auf Probe werden, eine Institution für den vorsichtig experimentellen Gebrauch? Werkzeug zur Selbstfindung in einer institutionell sprachlosen Stadt?
Und doch hat Henrike Thomsen Recht. Ihre Analyse ist klug. Die Kunsthallendebatte wird in Berlin seit Jahren an Stelle einer wirklichen Diskussion über institutionelle Defizite geführt. Dabei geht es um Defizite, die nicht in architektonischen Ideenwettbewerben oder durch pure institutionelle Gründungsakte geheilt werden können, weil sie personeller und konzeptueller Natur sind. Oder wirkte es nicht schizophren, wie die Diskussion um die von dem Boulevard-Kunstmagazin Monopol lancierte "Wolke" als baukünstlerischer Selbstfindungsprozess geführt wurde? Fiel in den öffentlichen Einlassungen damals ein erinnerbar sinnvolles Wort zu den Inhalten des wolkigen Baus? Man muss den "White Cube"-Kuratorinnen dankbar sein, dass sie inzwischen mit einem prominenten Beirat und Entrepreneur-Dynamik vollendete Tatsachen geschaffen haben, damit endlich die Inhalte herbeigeschafft werden können, über die sich öffentlich zu streiten lohnt.
Bislang nämlich ist von Inhalten, von Visionen, von Konzepten für Kunsthallen in einem völlig veränderten Kunstmarktumfeld kaum die Rede. Das miteinander verschwägerte Kunstberlin getraut sich nicht, den schmerzvollen Streit um seine Institutionen zu führen, weil es nicht nur ein anspruchsvoller Streit um dringend benötigte neue Konzepte, sondern auch ein Streit um Personen wäre. Die Berliner Kunstlandschaft steht nämlich gerade nicht vor der Frage, wie man die produzierende Szene besser einbinden könnte. Das wäre eine haarsträubende Verwechslung der Verhältnisse, weil anders als in anderen europäischen Städten von der Off-Szene bis zum staatlich subventionierten Projektraum die Landschaft der kleinen und mittelgroßen Projekte überaus bunt und vielfältig ist und zahlreiche ständig entstehende und wieder vergehende kommerziell orientierte Junggalerien inzwischen ein interessanteres und pluraleres Programm zeigen als die schwer an ihrer Würde tragenden Haupt- und Staatsinstitutionen.
Berlin braucht neue Institutionskonzepte. Gut. Es gibt nun die temporäre Kunsthalle als Labor für genau diesen Konzeptionswettbewerb. Die Frage lautet also: Braucht man wirklich ein zweites Labor, das als erstes nicht mit einem vernehmbaren Konzept, sondern mit dem selbstbewussten Anspruch auf Langzeitversorgung an die Öffentlichkeit tritt? Entstünde so etwas anderes als eine Metastase der bestehenden institutionellen Misere?
Der Text ist ein Diskussionsbeitrag für die Podiumsdiskussion der "Initiative Berliner Kunsthalle", die am 1. Juni 2008 im Blumengroßmarkt in der Lindenstraße 91/Friedrichstraße 18 stattfinden wird.
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