In Schanghai eröffnet die Shcontemporary

Steiler Start, sanfte Annäherung

Daghild Bartels
13. September 2007
Ein kühnes Konzept ist aufgegangen. Die internationale Kunstwelt, bisher auf Europa und die USA fokussiert, hat einen neuen wichtigen Termin im Kalender: die „Shcontemporary“ in Schanghai, eine weitere internationale, zeitgenössische Kunstmesse in China.

Zwei Schweizer waren es, der Genfer Galerist Pierre Huber und Lorenzo Rudolf, ehemaliger Direktor der Art Basel, die den großen Sprung nach Fernost wagten und die neue Kunstmesse riskierten. Ihre Vision: Schanghai ist die Boomtown Nummer eins, Geschäftsleute aller Branchen und aus aller Welt tummeln sich hier, um vom spektakulären Wirtschaftswachstum zu profitieren. Warum nicht auch der Kunstmarkt? Außerdem: Chinesische zeitgenössische Künstler machen spätestens seit der spektakulären Sotheby-Auktion im Frühjahr 2006 in Hongkong auf dem internationalen Kunstmarkt Furore, und schließlich: neuerdings sorgen superreiche chinesische Sammler mit ihren Großeinkäufen auf Messen und Auktionen immer häufiger für Schlagzeilen. Warum also nicht vor Ort – wo die Kunst blüht und das Geld sprudelt – eine Kunstmesse installieren, und zwar im prachtvollen Ambiente des Shanghai Exhibition Center, einem Geschenk Stalins an Mao?

Um keine Eulen nach Athen zu tragen, sollte der Messeneuling freilich einen globalen Anspruch haben. Orient und Okzident sollten, so die Messemacher, zum Dialog gelangen. Daher stammen die 130 Galerien, die der Einladung zur Premiere folgten, jeweils zur Hälfte aus Europa und den USA einerseits, aus China, Japan, Korea und Indien andererseits. Zwar fehlen die Megagalerien der alten Welt, die Gagosians, Iwan Wirths oder Jablonkas, doch aus dem asiatisch-pazifischen Raum ist es die erste Galeristen-Garde, die sich zum Mitmachen entschlossen hat. Deren Sammlerkundschaft war offenbar geschlossen angereist. Aus Taiwan, Hongkong und Singapur, doch auch aus Europa und den USA kamen etliche Neugierige. So sah man Craig Robins aus Miami, der ungeduldig darauf wartet, seine Design-Messe in China zu etablieren und einen Partner zum Andocken sucht. Nachdem er eine Installation des thailändischen Künstlers Rirkrit Tiravanija erworben hatte (Kostenpunkt 200.000 Dollar), schwärmte er: „Diese Messe ist sehr inspirierend“. Iwan Wirth (Zürich/London) war lediglich zum Inspizieren herbeigeflogen, handelte jedoch nicht. „Ich kenne China nicht, bin zum ersten Mal hier“, begründete er seine Markt-Abstinenz. Aber der Saatchi von China, Guang Li, spazierte durch die Hallen und soll eifrigst zugegriffen haben.

Freilich ist die Qualität der offerierten Arbeiten noch verbesserungswürdig. Zwar gab es die chinesischen Stars wie Zhang Xiaogang, Yue Minjun, Zhang Huan oder Lu Hao. Oder auf westlicher Seite, einen Lucian Freud, das teuerste Exponat mit 12 Millionen Dollar bei Faurchou (Kopenhagen/Peking), oder Damien Hirst und Eberhard Havekost. Aber es gab auch viel Mittelmäßiges, hauptsächlich von chinesischen Jungkünstlern, die offenbar – wie ihre Händler – dem Irrglauben aufgesessen sind, man müsse nur die Stars – auch die japanischen – variieren, um auf dem Markt zu reüssieren. Ein Phänomen, das auch bei der zweiten Generation der „Leipziger“ zu beobachten ist.

Dass es unter den Jungkünstlern Asiens durchaus frische, interessante Talente gibt, bewies Pierre Huber in der Abteilung „Best of Discovery“, wo er seine tatsächlich künstlerisches Neuland erkundenden Entdeckungen präsentiert. Hubers zweites Sonderkapitel „Best of Artists“, das die Stars der ersten China-Generation mit grossen Arbeiten und Installationen versammelt, zeichnet sich durch hohe Qualität aus und hat durchaus musealen Rang. Interessant ist, dass viele westliche Galerien sich speziell für Schanghai mit chinesischer Kunst präsentieren, während diverse asiatische Teilnehmer große Kaliber an Westkunst auffahren, so SCAI aus Tokio mit dem im Westen längst zum Star avancierten indischen Künstler Anish Kapoor, Park Ryn Sook (Seoul) mit Pierre Hughes, oder Kukje (Seoul), die neben Calder und Donald Judd auch Damien Hirst mitgebracht hat. Ein großes Rundbild von Letzterem fand für 800.000 Dollar spontan einen Liebhaber.

Urs Meile (Luzern/Peking), seit langem auf chinesische Zeitgenossen spezialisiert und mit seiner Pekinger Dependance ein Kenner des chinesischen Marktes, zieht eine positive Bilanz. Gute Verkäufe und diverse Ausstellungen habe man arrangiert, darunter eine grosse Retrospektive für Ai Weiwei in Sydney. Kollege Alexander Ochs (Berlin/Peking), ebenfalls Spezialist für Kunst aus dem Reich der Mitte, hatte ein Großformat von Yue Minjun schon vor Messebeginn für 1 Million Euro an den Mann gebracht. Regelrecht euphorisch war man bei Hans Mayer (Düsseldorf), denn es wurde nicht nur schön verkauft – etwa ein Bill Beckley für 15.000 Dollar –, man wollte auch festgestellt haben, „dass im asiatischen Raum großes Interesse am Fremden besteht“. Für Cohan (New York) hat sich die Teilnahme auch gelohnt,  die große Skulptur von Nam June Paik schnappte sich ein Sammler aus Taiwan, zum Preis von 450.000 Dollar. Während Nagel (Köln/Berlin) seine Künstlerin Jiang Congyi nach Italien, Deutschland und in die Schweiz verkaufen konnte (für je 7.000 Euro) und sich wünschte, seine Westkunst auch in China absetzen zu können, gelangen Michael Schultz (Berlin und demnächst Peking) Verkäufe in alle Himmelsrichtungen, so Skulpturen von Ma Jun nach New York, ein Gemälde der koreanischen Baselitz-Schülerin SEO nach Korea (61.000 Euro) und ein Großformat von Maik Wolf für 22 500 Euro nach China.

Im übrigen: China und bleibt rätselhaft, so auch sein Kunstmarkt. Während die quirlige, reiche Sammlerin Pearl Lam, die vier Galerien betreibt und eine tonangebende Rolle in Shanghais Kunstwelt spielt, sicher ist, dass die chinesischen Sammler erste sammlerische Annäherungsversuche an die Westkunst erproben, schildern verschiedene Händler den Weg der chinesischen Sammler verhaltener. Zuerst tasteten sie sich an die eigenen Künstler heran, dann erweiterten sie das Spektrum in Richtung Westkunst. Auf der Shcontemporary konnte man beide Phänomene beobachten.

Bleibt ein gewichtiges Problem: in China werden 30 Prozent Luxussteuer auf alle Kunstverkäufe fällig. Dem Schwarzhandel wird damit Tor und Tür geöffnet. Alexander Ochs ist jedoch optimistisch, „dass die chinesische Bürokratie sich dieses Messehandicaps demnächst annimmt“. Die internationalen Sammler, die bekanntlich gern und weit reisen und somit letzte Woche aus allen Himmelsrichtungen zur Vernissage kamen, freuten sich – nach den Venedig- und Baseltrips – wie die Kinder über das Wiedersehen im exotischen Schanghai. Lorenzo Rudolf, Mitbegründer der Shcontemporary, ist denn auch sicher: „Im nächsten Jahr werden alle Schlange stehen um mitzumachen.“


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