In Sachen Cariou gegen Prince

Rastalocken für alle

Anna Blume Huttenlauch
28. März 2009
Larry Gagosian hatte es in letzter Zeit nicht leicht – neben den allgemeinen Sorgen, die der kriselnde Kunstmarkt auch dem Supergaleristen nicht ersparen mag, musste er jüngst gleich zweimal um die Realisierbarkeit einer Ausstellung bangen. Zunächst hatte der Fotograf Patrick Cariou im Dezember 2008 die Schließung der Ausstellung „Canal Zone“ in der Gagosian Gallery im New Yorker Chelsea verlangt. Cariou sah sich durch mindestens 20 der insgesamt 22 ausgestellten Werke von Richard Prince in seinem Urheberrecht verletzt, denn Prince hatte dafür Fotos aus Carious Bildband „Yes Rasta“ verwendet. Larry Gagosian widersetzte sich dem Ansinnen des Fotografen und wurde daraufhin mit einer Klage vor dem New Yorker Bezirksgericht überzogen, über die bisher noch nicht entschieden wurde.

Anfang März war wiederum eine Ausstellung in Gefahr – diesmal in der Gagosian Gallery in Beverly Hills. Mit „One ton, one kilo“ sollte dort am 7. März 2009 eine Schau von Chris Burden eröffnet werden, für die der Galerist 3,3 Millionen US-Dollar in 100 kiloschwere Goldbarren investiert hatte. Doch das Gold sollte Gagosian nie sehen. Hatte er es doch bei der Firma Stanford Coins and Bullion gekauft, deren gesamtes Vermögen vor Auslieferung der Barren beschlagnahmt wurde, weil ihr Besitzer, der texanische Milliardär Allen Stanford, ein betrügerisches Schneeballsystem betrieben hatte. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC erwirkte wegen des Verdachts auf „massiven anhaltenden Betrug“ eine Beschlagnahmung von Stanfords Vermögen. Selbst Gagosians Argumentation, er habe das Gold ja nicht im Rahmen einer Finanzinvestition, sondern als ganz normalen „Gebrauchsgegenstand“ gekauft und dürfe daher in keinerlei Zusammenhang mit dem Anlagebetrug gebracht werden, konnte ihm die Barren nicht auslösen. Da sich kurzfristig kein Ersatz-Gold auftreiben ließ, musste Gagosian die Chris Burden-Ausstellung bis auf Weiteres vertagen.

Während die unfreiwillige Verwicklung in die Ermittlungen der SEC für Larry Gagosian keinesfalls vorhersehbar war, liegt der Fall bei der Klage des Fotografen Patrick Cariou eher umgekehrt. Denn fast wundert man sich, dass Urheber, die den Aneignungsstrategien des Richard Prince seit etwa 30 Jahren zum Opfer fallen, bisher so still gehalten haben. Nur ein einziges Mal hatte Richard Prince bisher Ärger mit einem Fotografen, nämlich als er 1983 das Foto der zehnjährigen nackten Brooke Shields abfotografierte. Bekanntlich gehört das Werk zu den erfolgreichsten des Künstlers, während Garry Gross seinerzeit mit 2.000 US-Dollar abgefunden wurde. Andere Gerichtsverfahren gegen Richard Prince sind zumindest nicht bekannt geworden – insbesondere scheinen weder die Fotografen der Marlboro-Cowboys noch der Marlboro-Konzern selbst je juristische Schritte gegen Prince wegen der zahlreichen Refotografien der „Cowboys“ eingeleitet zu haben.

Dass Patrick Cariou dies nun getan hat, verwundert. Zumal amerikanische Gerichte in den vergangenen Jahren der Appropriation Art wesentlich gnädiger begegnen. Patrick Cariou hatte im Jahr 2000 sein Buch „Yes Rasta“ mit Fotografien veröffentlicht, die während seines zehnjährigen Aufenthalts in den abgeschiedenen Bergen Jamaicas entstanden sind. Dort hatte er sich in die Gesellschaft der Rastafaris eingegliedert und deren Leben dokumentiert. Die Fotos sind beim amerikanischen Copyright Office registriert. Richard Prince, dem dieses Buch in die Hände fiel, nutzte die Bilder als Grundlage für collagierte Gemälde. Zum Teil bearbeitete er die kopierten Bilder mit Farbe, zum Teil verfremdete er die abgebildeten Personen durch Schnitte oder verwendete lediglich Exzerpte der Fotos. Insgesamt 22 Werke wurden schließlich unter dem Titel „Canal Zone“ bei Larry Gagosian ausgestellt und im Begleitkatalog abgebildet. Patrick Cariou verlangt nun mit seiner Klage, dass diese Werke nicht mehr ausgestellt, reproduziert, abgebildet und auf sonstige Weise veröffentlicht oder zum Kauf angeboten werden. Darüber hinaus aber fordert er, dass sämtliche Werke wie Katalogabbildungen zerstört werden, und schließlich will er Schadensersatz von Richard Prince, der Gagosian Gallery und dem Rizzoli-Verlag als Publizist des Katalogs. Dabei handelt es sich um die standardmäßigen Abhilfemaßnahmen bei Urheberrechtsverletzungen, die für sich für sich genommen nicht ungewöhnlich sind.

Als Besonderheit heben die Anwälte des Klägers hervor, dass Carious Fotos das Resultat jahrelanger ethnologischer Forschungen sind, und dass sich in ihnen – anders als etwa in den rein kommerziellen Fotografien der Marlboro Cowboys – ein künstlerischer Anspruch manifestiert, der urheberrechtlich geschützt ist. Tatsächlich wird der Fall vor dem New Yorker Bezirksgericht jedoch vor allem auf die Kernfrage hinauslaufen, ob die Richter Princes Arbeiten für ausreichend „transformativ“ halten, um darin eine „freie Benutzung“ unter der „fair use-Doktrin“ zu sehen. Zuletzt hatte dasselbe Gericht dem beklagten Künstler Jeff Koons Recht gegeben, der in seinem Gemälde Niagara ein Foto von Andrea Blanch verwendet hatte. Damit zeigten sich die Richter erstmals der Appropriation Art gegenüber aufgeschlossenen und würdigten deren künstlerischen Ansatz. Das Urteil ließ erwarten, dass sich die „fair use-Analyse“ von der dogmatischen Herangehensweise der Vergangenheit lösen könnte, die Koons in früheren Prozessen zum „Trittbrettfahrer“ gemacht hatte, der vom Erfolg anderer Urheber profitieren wollte. Nun erkannten die Richter das Eigenständige, Neue einer Anverwandlung fremder Bildvorlagen auch darin, dass ein Bild in einen neuen Kontext versetzt wird und dass diese Rekontextualisierung ihrerseits künstlerisch motiviert ist. Daneben spielt aber immer auch das wirtschaftliche Konkurrenzverhältnis der beiden Werke in der rechtlichen Analyse eine Rolle: Bedient die Appropriation eine völlig andere Nachfrage als das Original, und stellt sie daher auch wirtschaftlich kein Substitut der Originalschöpfung dar, so ist dies nach amerikanischem Urheberrecht ein starker Indikator dafür, dass keine Urheberrechtsverletzung anzunehmen ist. Wenn sich das New Yorker Bezirksgericht der Klage gegen Richard Prince annimmt, wird mit Interesse zu verfolgen sein, ob es den angedeuteten Richtungswechsel tatsächlich weiter verfolgt. Oder ob sich die Hoffnung auf einen größeren rechtlichen Freiraum für die Appropriation Art als verfrüht herausstellt.


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