16. Oktober 2009
Plötzlich diese Übersicht! Wer erwartet hatte, wie letztjährig in Basel von Nebenmesse zu Nebenmesse hetzen zu müssen, sieht sich getäuscht. Die neue Gemächlichkeit der
Frieze hat sich messeübergreifend durchgesetzt. Nach dem Ableben der zahlreichen Satellitenmessen präsentiert sich die Frieze-Woche insgesamt viel aufgeräumter. Nicht nur, dass niemand die B- und C-Messen wirklich vermisst. Mit einem Mal zeigt sich die Londoner Szene darüber hinaus auch kreativ bis übermütig spielerisch. Mit bewusst megalomanem Anspruch haben sich junge Galeristen und Kuratoren aus dem Umfeld der Projekträume
20 Hoxton Square Projects und
Zoom Art Projects gleich der Schaffung eines eigenen, fiktiven Staates verschrieben. Getauft wurde er auf den Namen „The Embassy“, sein Territorium liegt in 33 Portland Place. Der Ort ist nicht allein bekannt, weil dort letztes Jahr die Welcome Party der Frieze stattfand oder die Modefirma Comme des Garçons hier vorübergehend einen Guerilla Store betrieb. Die eigentliche Attraktion ist: Das Gebäude beherbergte über lange Zeit die Botschaft von Sierra Leone, einem sogenannten Failed State. Und genau diesem Phänomen widmet sich die kuratierte Schau mit Arbeiten von 15 Künstlern.
Von einer beklemmenden Montage martialischer Diktatoren-Gesten des Videokünstlers Marco Brambilla über ein Kapitol aus dem Lehm afrikanischer Hütten von Alastair Mackie bis hin zu einer theatralischen Botschafter-Auftritts-Performance werden hier Überlegungen darüber angestellt, wie ein Staat gerade nicht funktioniert. Dass die Arbeiten teilweise mitten in den westlichen Gesellschaften wurzeln, wie etwa eine original Ballot Box aus Florida von Rosey Chan, verleiht einem launig erscheinenden Projekt einen ernsthaften Anspruch. Doch auch auf einer anderen Ebene ist die Schau aufschlussreich. Was als studentisch-chaotischer Off-Event daherkommt, ist in Wahrheit sehr geschicktes und extrem professionelles Marketing der Veranstalter. Zwar macht man kein Hehl daraus, dass es sich hier auch um eine Verkaufsschau handelt, doch betont einer der Macher zugleich die unermüdliche Arbeit vieler Freiwilliger. Anders wäre dieses Projekt gar nicht möglich gewesen. „Unter uns“, erzählt er weiter, wäre es ihm ziemlich egal, ob er damit Geld verdienen würde oder nicht. Um die Sache allein gehe es ihm. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Hauptsache, das Projekt funktioniert, und das tut es.
Nur wenige Gehminuten entfernt, an der Ecke zum Regent‘s Park, macht gleichzeitig ein anderes Projekt in London Schlagzeilen, und zwar nicht nur gute. Ein handfestes Skandälchen im sonst so laizistischen England löste die Ausstellung „The Age of the Marvellous“ in der aufgelassenen Holy Trinity Church aus. Dort hängt über dem Altar ein Schimpanse an einem Kreuz, ausgesprochen realistisch in der Darstellung und herrlich blasphemisch. Leider hat dieses Werk mit Kunst nur peripher etwas zu tun, laut Aussage des Künstlers handelt es sich dabei tatsächlich um einen eher ungefilterten Protest gegen den Umgang des Menschen mit seinen tierischen Verwandten. Der Rest der Ausstellung versöhnt allerdings mit der kruden Provokation. Im Stile einer Wunderkammer werden hier rund 60 Kunstwerke präsentiert, von denen einige durch physikalische Effekte und Spielereien Staunen machen, andere wiederum eher leisere Töne anschlagen. Die ganze Ausstellung erinnert an die Inszenierungen Axel Vervoordts, allerdings ohne in eine sinnleere Accrochage von über die Jahrhunderte zusammengewürfelten Kostbarkeiten abzurutschen. Alle Exponate sind zeitgenössisch. Veranstalter dieser beachtlichen Schau ist All Visual Arts, laut Selbstbeschreibung ein „neues Hybrid-Kunstunternehmen“ („a new hybrid arts enterprise“), gegründet von dem Kunstexperten Joe La Placa und dem CEO von BlueCrest Capital Management Mike Platt. Die Messe als alleiniges Modell war gestern. Die Rezession macht unternehmerisch erfinderisch. Ohne Umfeld und Vernetzung ist der Markt nicht aus seiner Erstarrung zu lösen.
So war auch die Zoo Art Fair auf neue Wege der Kunstvermarktung und des Kunstunternehmertums angewiesen, um dem Schicksal des Satellitensterbens zu entgehen. Ausgesprochen pittoresk in einer ehemaligen Fabrik im östlichen Stadtteil Shoreditch untergebracht, präsentieren sich hier neben Editeuren ausschließlich junge und jüngste Galerien, vornehmlich aus Großbritannien und dem übrigen Europa. Jetzt steht das als Stiftung geführte Non-Profit-Unternehmen als ungekrönte Königin der Londoner Off-Szene da, auch wenn die internationale Teilnahme etwas unausgewogen wirkt. Aus Deutschland ist lediglich die Berliner Maribel López Gallery dabei, die es seit gerade erst zwei Jahren gibt und die ihre Teilnahme wohl eher guten spanischen Verbindungen schuldet. Fast alle Galerien treten mit Soloshows an, schon aus Platzgründen. ALP/Peter Bergman aus Stockholm haben für die skurrilen Figuren Daniel Jensens eine Fachwerkkulisse gebaut, Lokal_30 aus Warschau und seit einem Monat mit Showroom in London lassen einen riesigen Pappsack von Maciej Kurak2,5 m³ Artistic Atmosphere atmen. Direkt nebenan zeigt die Londoner Riflemaker Gallery die Arbeiten des Filmverrückten Juan Fontanive, der in akribischer Kleinstarbeit Wunder der optischen Feinmechanik herstellt. Das elektrische Daumenkino Quicknesse wurde den Galeristen förmlich aus den Händen gerissen. Nach nur drei Stunden waren nicht nur sämtliche sieben Exemplare der Edition zu je 3.500 Pfund verkauft, sondern auch noch eine größere kinetische Arbeit zu 24.000 Pfund.
Das Konzept der Messe scheint anzukommen. Britische Käufer stellen hier wieder einmal die Minderheit. Es sind vorwiegend europäische Kunden, darunter viele Schweizer, die sich von dem rumpeligen Charme und der Frische der zumeist seit höchstens fünf Jahren existierenden Galerien einfangen lassen. Ein genauer Blick auf das Unternehmen zeigt jedoch, dass auch hier jemand genau nachgedacht hat. Eigentlich alle Teilnehmer sind auf den besseren Nachwuchsmessen weltweit vertreten, etwa bei der Liste Basel oder auf der NADA. Und das Verzeichnis der Unterstützer – oder „Honorary Zoo Keepers“ – wie die etablierteren Paten liebevoll genannt werden, liest sich beeindruckend: Haunch of Venison, Hauser & Wirth, White Cube, Saatchi Gallery, Victoria Miro Gallery, um nur einige zu nennen. Wohlgemerkt: Es handelt sich hier nicht um Etikettenschwindel. Die Liste ist kein Geheimnis, und wer einen Champagnerhersteller zum Sponsor hat, unternimmt auch offensichtlich gar nicht erst den Versuch, sich als Underdog zu gerieren. Vielleicht gehört es einfach zu den neuen Spielregeln der Kunstszene, dass sich „High“ und „Low“ ganz ungeniert unter dem Glanz der Währungssymbole zusammenfinden. Das nimmt der Kunst vielleicht etwas von ihrem romantischen Bohème-Charme, bringt jedoch gleichzeitig eine neue Offenheit ins Spiel. Schließlich kann es allen Beteiligten nicht schaden, wenn jedem klar ist, worum es geht: ums Geschäft.