Huang Rui im artnet Gespräch

Jeder sollte eine Lichtquelle sein

Noemi Smolik
18. Dezember 2009
Innerhalb der chinesischen Kunstszene werden Sie „Vater Begründer“ genannt. Was haben Sie begründet und wessen Vater sind Sie?

Ich war Gründungsmitglied und Organisator der Gruppe „Sterne“, und jeder, der sich mit der zeitgenössischen chinesischen Kunst beschäftigt, oder besser gesagt, mit den Anfängen der modernen Kunst in China überhaupt, begegnet der Gruppe früher oder später.

Wann und unter welchen Umständen wurde die Gruppe gegründet?

1979. Die Geschichte der zeitgenössischen chinesischen Kunst ist eigentlich erst 30 Jahre alt – einige sagen sogar erst 20 Jahre – und sie spielte sich vorwiegend in Peking ab. Die Hauptstadt wurde zum Zentrum des künstlerischen Geschehens, weil hier auch die Kulturrevolution begonnen hatte, der endgültige Bruch mit der Jahrtausende währenden Epoche der traditionellen chinesischen Kultur. Ich bin in den 1950er-Jahren geboren und erinnere mich noch gut an die Stadt vor der Kulturrevolution. Der Unterschied ist gewaltig. In der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, gab es fast 50 buddhistische Klöster.

Die gibt es nicht mehr?

Während der Revolution wurde einfach alles liquidiert. Bis auf einige Ausnahmen wie das Lama-Kloster im Zentrum von Peking, das damals aus Rücksicht auf Tibet erhalten wurde, oder die zwei Moscheen und katholischen Kirchen, in denen sich ausländische Geistliche aufhielten.

Und auf diesen kulturellen Ruinen haben Sie die Gruppe „Sterne“ gegründet?

Unsere Gruppe wurde in einer Phase allgemeiner Unsicherheit gegründet, als sich Deng Xiaoping, der die Kulturrevolution beenden wollte, mit Maos Anhängern zerstritt. Zu der Zeit begannen zahlreiche Diskussionen, weil viele sahen, dass sich die chinesische Gesellschaft in einer aussichtslosen Situation befand. Damals fingen wir an, uns für westliche Kultur zu interessieren. Wir hörten westliche Musik, waren fasziniert von westlicher Kunst und Literatur. Kafka beispielsweise lasen wir viel, aber auch Pablo Neruda. Schon aus dem Grund, weil damals zu unserer Gruppe auch Dichter gehörten, zum Beispiel Pei Tao, der heute recht bekannt ist, aber auch Filmregisseure. Chen Kaige ist ja ein regelrechter Hollywood-Star geworden.

Und wie sind Sie an westliche bildende Kunst gelangt?

Uns fiel eines Tages ein japanisches Buch mit Reproduktionen westlicher Kunst in die Hände, aber weiter als bis zum Impressionismus und Henri Matisse sind wir nicht gekommen – trotzdem haben wir geahnt, dass es noch mehr geben muss. Eine Zeitlang haben wir alle wie Cézanne gemalt. Zum ersten Mal wirklich begegnet sind wir der westlichen Kunst, als Robert Rauschenberg 1985 eine Ausstellung in der Nationalgalerie in Peking hatte.

Gab es in dieser Zeit denn auch Einflüsse, die Sie der chinesischen Tradition entnommen haben?

Die chinesischen Künstler haben sich schon immer durch große Individualität ausgezeichnet. Schon im 3. und 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung gab es Künstler, die auf Freiheit bestanden. Wenn unsere Gruppe „Sterne“ etwas der chinesischen Tradition zu verdanken hat, dann dieses Beharren auf Individualität und persönlicher Freiheit.

Warum haben Sie sich eigentlich „Sterne“ genannt?

Während der Kulturrevolution war die Sonne das vorherrschende Symbol. Mao strahlte wie die Sonne, die Kommunistische Partei strahlte ... eine andere Lichtquelle gab es nicht. Nacht, Dunkelheit waren tabu. Mao überstrahlte alles mit seinem Licht. Den Namen „Sterne“ haben wir gewählt, weil Sterne in der Nacht leuchten, und im Gegensatz zur Sonne, die tagsüber allein am Himmel strahlt, jeder Stern für sich. Jeder von uns sollte eine Lichtquelle sein.

Also war der Name Programm. Was umfasste es noch, außer dass sie leuchten wollten?

Ausstellen. Aber da man uns nicht erlaubt hat, in der Nationalgalerie auszustellen, haben wir unsere Bilder einfach an die Fassade gehängt. Das war 1979. Auf einen Nenner gebracht war unser Ziel und Programm: der herrschenden Macht zu trotzen.

Wie haben die Bilder dieser Aktion eigentlich ausgesehen?

Sehr unterschiedlich. Einige Werke waren noch durch den offiziellen Realismus geprägt. Wichtig war aber, dass jeder von uns seinen individuellen Ausdruck zu finden versuchte. Meine Bilder waren damals stark durch den Kubismus geprägt, aber man konnte auch von Symbolismus und Expressionismus beeinflusste Arbeiten sehen. Damals waren Cézanne und van Gogh für uns die Größten.

War es überhaupt möglich, Bilder einfach an der Nationalgalerie anzubringen? Und welche Wirkung hatte ihre Ausstellung?

Das ist eine interessante und wichtige Frage, die unter Chinas Kritikern und Künstlern bis heute diskutiert wird. Kann Kunst überhaupt eine gesellschaftliche Wirkung haben? Wir waren damals davon überzeugt. Darum sind wir auf die Straße gegangen. Als die Polizei kam und unsere Bilder weggeschafft hat, wurde tatsächlich darüber gesprochen und geschrieben. Unsere Aktion war in der damaligen Zeit etwas völlig Unerhörtes. Es wurden Fragen gestellt: Warum wurden die Bilder entfernt? Wieso demonstrieren gerade Künstler? Was wollen sie? Man kannte bis dahin nur politisch motivierte Demonstrationen – eigentlich haben wir die Strategie der Kulturrevolution benutzt und es auf diese Weise den Herrschenden heimgezahlt, nur ging es uns um etwas völlig anderes.

Das war zehn Jahre vor Ausbruch der studentischen Unruhen in Peking, die mit dem Massaker auf dem Tian‘anmen Platz endeten. Glauben Sie, dass Sie mit Ihren Aktivitäten zu diesen Unruhen beigetragen haben, oder dass Ihre Aktionen sogar der Anfang dieser Unruhen waren?

Auf jeden Fall hängen unsere Aktionen mit den Unruhen zusammen. Schon 1985 entstand nach unserem Vorbild eine studentische Bewegung an den Kunstakademien. Und einer der Gründe für die Unruhen im Jahre 1989 war doch die Schließung der legendären Ausstellung „China/Avant-Garde“ in der Nationalgalerie.

War die Gruppe „Sterne“ auch bei dieser Ausstellung vertreten?

Nein, mit dieser Ausstellung hatte unsere Gruppe nichts mehr zu tun.

Warum wurde diese Ausstellung eigentlich geschlossen?

Geschlossen wurde sie nur wenige Stunden nach der Eröffnung wegen einer heute legendären Performance von Xiao Lu und Tang Song, bei der die Künstler eine Telefonzelle in der Galerie aufgestellt und beschossen hatten.

Gehen wir noch einmal in der Zeit zurück und zu Ihrer Gruppe „Sterne“. Wie sahen Ihre Aktivitäten nach der Ausstellung vor der Nationalgalerie im Jahre 1979 aus?

Ein Jahr später durften wir tatsächlich in den Räumen der Nationalgalerie ausstellen. Der Direktor der Nationalgalerie war sehr aufgeschlossen und hat unsere Schau durchgesetzt. Ein Jahr später wurde er dafür jedoch angegriffen; man warf ihm damals vor, die chinesische Kultur zu verunreinigen. Die Hetze gegen ihn war so gnadenlos und der Druck so stark, dass er innerhalb von drei Jahren starb.

Damit waren wohl für Ihre Gruppe alle Hoffnungen auf weitere Ausstellungen zunichte gemacht. Wie ging es dann weiter?

Ich habe mit Ma Desheng, der heute in Paris lebt, eine Reise quer durch ganz China unternommen. Wir haben 26 Städte besucht, Vorträge über zeitgenössische Kunst gehalten und damit eine Diskussion über moderne Kunst initiiert. Manchmal haben wir auch Dias gezeigt, aber nie die eigenen Werke.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Vorträge? Sind Sie auf großes Echo gestoßen?

Auf sehr großes. Vor allem junge Leute wollten wissen, was es mit der Gruppe „Sterne“ auf sich hat. Zu unserem Vortrag an der Akademie in Sichuan kamen an die 800 Studenten. Aber unsere Situation wurde immer schwieriger, weil wir im Rahmen der Kampagne gegen die Verunreinigung der Gedanken aus dem Verband der Bildenden Künstler ausgeschlossen und anschließend nach und nach zum Verlassen des Landes gezwungen wurden. Als Erster ging Ai Weiwei 1981 nach New York, dann 1985 Ma Desheng nach Paris. Ich selbst bin nach Tokio gegangen. 1992 kam ich zurück, musste China aber nach zwei Jahren wieder verlassen, und dann sollte es noch einmal acht Jahre dauern, bis ich erneut zurückkommen konnte.

Heute leben Sie und auch Ai Weiwei wieder in Peking. Werden Sie inzwischen dort von der offiziellen Kultur akzeptiert?

Heute ist die Situation ganz anders. Die offiziellen Kulturträger sind nicht mehr so nervös, so aufgescheucht und unsicher. Sie setzen nicht mehr auf Polizeiaktionen, auch übertreten sie das Gesetz nur ungern. Vielmehr versuchen sie, die Gesetzgebung selbst so zu ändern, dass sie dadurch die Möglichkeit haben, uns zu kontrollieren. Und außerdem werden die heutigen chinesischen Künstler sowieso durch den Markt, den die Regierung fördert, gewissermaßen neutralisiert. Der internationale Markt reißt die Künstler mit und macht sie zu einem kleinen Tropfen innerhalb des Geschäfts mit der zeitgenössischen Kunst.

Wie ist es zu erklären, dass heute einer ganzen Reihe von chinesischen Künstler erlaubt wird, am internationalen Markt teilzunehmen, jedoch die Möglichkeit verwehrt wird – wie zum Beispiel Ihnen selbst oder Ai Weiwei – in staatlichen Institutionen wie der Nationalgalerie auszustellen?

Der Staat versucht nach wie vor, seinen Einfluss aufrechtzuerhalten oder sogar auszuweiten, aber da das Gebiet der zeitgenössischen Kunst so umfangreich ist und es so viele kommerzielle Galerien gibt, die zum Teil besser ausgestattet sind als die staatlichen, gelingt das dem Staat nicht mehr.

Wenn Sie heute auf Ihre Aktivitäten und die der Gruppe „Sterne“ zurückblicken, würden Sie sagen, dass Kunst die Kraft hat, etwas zu verändern?

Ja. Denn in China haben wir diese Kraft erlebt.


Mehr im Dossier  Kunst in China
Mehr im Dossier  Ai Weiwei – Archiv

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