8. November 2006
Horst Bredekamp / Pablo Schneider(Hg.): Visuelle Argumentationen. Die Mysterien der Repräsentation und die Berechenbarkeit der Welt. Wilhelm Fink Verlag, München 2006. 266 S. 39.90 Euro Im Jahre 1610 erahnte der englische König Jakob I erstaunlich deutlich die Gefahr, die dem monarchischen Regime durch die wissenschaftliche Recherche seiner Zeit drohte: Nichts sei unerforscht, so des Königs Lamento, nicht die „allerhöchsten Mysterien der Gottheit“, nicht die „tiefsten Mysterien, die zu den Personen von Königen und Prinzen gehören, den Göttern auf Erden.“ Die Anekdote leitet eine von Horst Bredekamp und Pablo Schneider herausgegebene Anthologie ein, die sich der Spannung zwischen szientifischem Ethos und staatlicher Gewalt widmet, wie sie sich vor allem in der frühen Neuzeit exemplarisch zuspitzte. Es ist die Spannung zwischen der Unberechenbarkeit einer durch Mysterien legitimierten Staatsgewalt und der idealiter durchgängigen Berechenbarkeit einer rational zugänglichen Welt.
Zur Pointe des Bandes gerät, dass der Schauplatz, an dem dieser Konflikt wesentlich ausgetragen wurde, das Bild war – „weil es sowohl von den Verfechtern herrschaftlicher Mysterien wie auch von den Analytikern der Mathesis Universalis genutzt wurde.“ Das bedeutet, dass die Argumentationsstrategien beider Seiten weniger rhetorische als vielmehr „visuelle“ waren. Ein zweifellos überraschender Befund, dem die zwölf Beiträge des Bandes aus unterschiedlichen Perspektiven nachspüren. Dabei erscheint vor allem das 17. Jahrhundert als Sattelzeit, „die mit der Polarisierung zwischen den Mysterien der Repräsentation und der durchgreifenden Mathematisierung gleichsam zwei Höcker“ besaß.