22. Februar 2011
Der Titel des Buches ist so schön wie unklar. Schon auf den ersten Blick: Denn was soll eine „Theorie des Bildakts“ überhaupt sein? Und auf wen oder was bezieht sich dieser Akt? Auf die Rezeption oder Produktion des Bildes, gar auf das Bild als solches? Der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp geht in der Tat davon aus, dass den Bildern nicht nur eine eigene, oft bezwingende Macht immanent ist, sondern sie diese Macht auch ausführen als wären sie eigenständige Subjekte einer Handlung. „Bildakt“ bedeutet Bredekamp mithin die „Wirkung auf das Empfinden, Denken und Handeln“ des Bilderkonsumenten, des Menschen.
Der Anspruch, den Bredekamp hiermit erhebt, ist enorm, das Risiko hoch. Denn der Verdacht, dass Bildern hier eine magische Potenz zugestanden und damit an vormodernen Bilderzauber angeknüpft wird, liegt nahe. Doch wer bei solchem Verdacht stehenbliebe, könnte sich vorschnell den Zugang zu einer Wirklichkeit versperren, die gerade Künstler immer wieder erstaunt und manchmal zu Tode erschrocken zu Protokoll gaben: Dass vis-à-vis eines Bildes nicht nur ich es bin, der sieht, sondern auch der, der (vom Bild) gesehen wird. Wenn es sich bei dieser Bilderfahrung nicht um irrationale Fantasterei handeln soll, stellen sich Fragen, die sämtliche Voraussetzungen des abendländischen Selbst- und Weltverständnisses berühren. Wer sich daran wagt, täte gut daran, sich auf das Häuflein intellektueller Desperados einzulassen, die sich zuvor schon in dieses Wagnis gestürzt haben. Kandidaten wären u.a. der unlängst erst verstorbene Louis Marin, Jean-Luc Nancy, Aby Warburg oder auch Georges Didi-Huberman, dessen gerade auf Deutsch erschienene Studie zu Warburg in vielerlei Hinsicht unverzichtbar für Bredekamps Unterfangen sein müsste. Müsste, aber offensichtlich nicht muss: Dass Bredekamp diese Diskussion meidet, verblüfft allerdings und markiert keinen lässlichen Mangel akademischer Gründlichkeit, sondern einen Fehler mit erheblichen Konsequenzen. So schlägt Horst Bredekamp kunstgeschichtlich einen weiten Bogen – vor den ersten Zeugnissen menschlicher Bilderproduktion bis zur Gegenwart –, bestrickt durch seine fachliche Kompetenz und besticht durch seinen Mut, die „Macht der Bilder“ zu thematisieren. Aber das begriffliche Inventar, um deren Logik schlüssig auszuarbeiten – es fehlt.
Horst Bredekamp: „Theorie des Bildakts. Über das Lebensrecht des Bildes“, Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007; Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 463 Seiten, Deutsch, ISBN 978-3-518-58516-0, EUR 39,90