14. August 2011
Horst Ademeit: „secret universe“ – Hamburger Bahnhof, Berlin. Vom 13. Mai bis 25. September 2011
Nein, „secret universe“ blinkt nicht über dem Eingang eines Etablissements im Rotlichtviertel. Um Abseitiges geht es trotzdem. Der Titel benennt nämlich eine Ausstellungsreihe, mit der der Hamburger Bahnhof Positionen zeigt, die jenseits des gängigen Kunstbetriebs angesiedelt sind. Dieses begrüßenswerte Unterfangen ist auf den zweiten Blick allerdings zwiespältig. Denn leider bestätigt es die gegenwärtige Einschätzung von Kunst in „arriviert“ oder „aufstrebend“ auf der einen und „Außenseiter“ auf der anderen Seite. Die sogenannten Außenseiter sind diejenigen, die hinter den aufgeregten Wogen des zeitgenössischen Hypes still vor sich hin werkeln. Ein Begriff wie „Art Brut“ schwebt in der Luft und verweist auf unbedarfte künstlerische Zugangsweisen und manisches Eigenbrötler-Dasein. Gemeint sind kreative Drop-Outs, die den gängigen Diskurs nicht bewusst und aus Überzeugung ablehnen (Künstler dieser Kategorie hätten vielleicht eher eine museale Würdigung verdient), sondern sie sind aus den kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten ihrer Zeit herausgefallen und leben in einer individualistisch ausgeschmückten Nische, in der man es sich durchaus auch bequem machen kann. Die Herausforderungen, die die Gegenwart stellt, werden dabei in der Regel ausgeklammert.
Ein Beispiel für eine solche kreative Existenz ist der 1937 in Köln geborene Horst Ademeit. Als uneheliches Kind waren seine Lebensstationen zunächst: Waisenhaus, Pflegefamilie, Kinderheim. Ab 1964 studierte er an der Kölner Werkkunstschule Dekorative Malerei und Textile Gestaltung. 1970 schrieb er sich an der Düsseldorfer Kunstakademie in der Klasse von Joseph Beuys ein, der seine Werke jedoch als „Kunstgewerbe“ kritisierte. Enttäuscht zieht sich Ademeit aus dem Kunstgeschehen zurück und studiert Pädagogik. Auch in diesem Bereich fasst er nicht Fuß, sondern schlägt sich als Arbeitsloser und Sozialhilfeempfänger mit Renovierungsarbeiten durch. 1987 landet er in einer Sozialwohnung im Düsseldorfer Stadtteil Flingern. Mit seiner wenig später erworbenen Polaroid-Kamera beginnt er, sich und seine Umgebung zu dokumentieren. Die 10.000 Fotos, die dabei entstehen, übergibt er 2008 einer Mitarbeiterin eines Seniorenheimes in Düsseldorf, wo er bis zu seinem Tode im Juli 2010 lebt. Durch Vermittlung eines dort tätigen Arztes gelangen Ademeits Werke jedoch noch zu Lebzeiten an die Kölner Galerie Susanne Zander, die seine Polaroids erstmalig ausstellt und die heute seinen Nachlass verwaltet.
Der Hamburger Bahnhof dokumentiert nun in Zusammenarbeit mit der About Change, Collection Stiftung Werke aus den Jahren 1990 bis 2004, also nur einen Teil seines Œuvres, das vor allem aus Polaroids und aus mit winziger Schrift gefüllten Taschenkalendern besteht. In seinen sogenannten Observationsbildern hat der Künstler immer wieder sich selbst und seine unmittelbare Umgebung aufgenommen: Teile des Körpers, Spinnen im Badezimmer, im Hausflur abgelegter Müll, stehen gelassene Fahrräder und ausgebrannte Papiercontainer. Auch vor dem Blick in die heimische Kloschüssel wird der Betrachter nicht verschont. Auf den Rändern der Polaroids, die in acht Vitrinen unter Glas liegen, befindet sich eine mikroskopisch kleine Schrift, mit der Ademeit Daten und Bemerkungen zu dem Gesehenen hinzufügte. Am 2.10.2001 etwa notierte er: „Rücken bis Wirbelsäule Entzündungen seit einer Woche“. Das Ausstellen von Krankenprotokollen bezieht sich nicht nur auf seine Person, sondern auch auf die verwahrloste Umgebung in Düsseldorf-Flingern. Schmutz, Bauschutt und klaffende Löcher vergegenwärtigen eine desolate Welt, die sich im Um- und Abbruch befindet. Einem feinen Gespür für die Bildkomposition folgend, beschwören die noch dazu altertumsbedingt farblich ausgeblichenen Polaroids die Klaustrophobie einer zivilisatorischen Wüste, in der der Mensch selbst nicht mehr vorkommt.
Eine weitere Abteilung der Ausstellung ist Ademeits Tagesfotos gewidmet. Zu drei großen Wand-Tableaus arrangiert, zeigt der Hamburger Bahnhof chronologisch einen beträchtlichen Teil der 6006 bezifferten Polaroids, die zu dieser Serie gehören. Die meisten Aufnahmen variieren folgendes Grundmuster: Auf dem Titelblatt einer Tageszeitung (zumeist die Bild-Zeitung) sind Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln und Äpfel sowie Uhren und Feuchtigkeits-Messgeräte angeordnet. Die Gegenstände umrahmen Schlagzeilen wie: „AIDS-Razzia bei Plasma-Firma“ oder „Miß Germany nackt, tot“. Polaroids mit unbelichteten, schwarzen und teils goldfarbenen Flächen, die in die Serie eingefügt sind, verstärken nur den Effekt einer ewigen Wiederkehr des Gleichen.
Ademeits kuriose Versuche, mittels Kreativität seinem isolierten Dasein Sinn zu verleihen, symbolisieren auch die Objekte, die in einer quadratischen Vitrine in der Mitte des Raumes platziert sind: Antiquierte Messgeräte, die Stromfluss oder Feuchtigkeit feststellen und eingestaubte Wecker in vergilbten Plastikgehäusen. Dazu kommt ein aus kleinen, selbstgedrechselten Kugeln und zersägten Holzstäben gebildetes „Feld“, das zur Abwehr von Strahlenbelastungen gedacht war.
Inwieweit Ademeit unter Isolation, Zwangsneurosen und Verfolgungswahn gelitten hat, bleibt in der Ausstellung weniger eindeutig als der historische Horizont seines Werkes. Das ist nämlich an einem Modell von Konzeptkunst hängengeblieben, das Mitte bis Ende der 1970er-Jahre bereits obsolet, oder besser: durch unmittelbarere Ausdrucksformen (etwa die expressive und erzählerische Malerei) in Frage gestellt worden war: Das distanzierte Dokumentieren der Umwelt und der bildlichen Repräsentation des vermeintlichen Selbst im Rahmen der verrinnenden Zeit durch Fotografie und Text. Ademeit wird so zu einem verspäteten
Roman Opalka oder einem
On Kawara für Arme, der die Banalität des Lebens gestaltet und dadurch aufzuwerten versucht. Beinahe hat man Mitleid mit Ademeit, der wohl alles andere als Reichtümer besaß. Welche Investitionen er unter anderem für seine Beschäftigungen auf sich nahm, zeigt eine Notiz auf einem Polaroid: „160 Quittungen hauptsächlich von Karstadt zu 43,95 DM“.