26. Juli 2010
„Hors D‘Œuvre II“, mit Victor Burgin, Ryan Gander, Friederike Hamann, Anna Leader und Uriel Orlow – Campagne Première, Berlin. Vom 9. Juli bis 18. September 2010
Lange verkannt, inzwischen liebgewonnen: der Gaumenkitzler. Ob Vollkornbrottaler mit Griebenschmalz oder Kapuzinerkresseblüten an Seespinnen-Gratin, ein gustatorischer Vorschmaus gehört heute zum Standard eines jeden gehobenen Hauses und beeindruckt auch im Repertoire der Gastgeber daheim. So ein appetitanregendes, mundgerechtes Häppchen sollte man nicht unterschätzen. Es verkürzt die Wartezeit auf die nachfolgenden Gänge und bildet die geschmackliche Grundlage des Menüs. Wenn nun die Berliner Galerie Campagne Première auch in diesem Jahr wieder ihre Sommerausstellung unter den Titel „Hors D’Œuvre“ stellt, will wohl auch sie den Hunger auf Hauptspeisen wecken. Vor allem übersetzt sie den Begriff wörtlich und will Werke außerhalb der Zwänge des Werkzusammenhangs zeigen. Das Degustationsangebot stellt aber das Verhältnis von Haupt- und Nebensache auf den Kopf und will mit theoretischem Anspruch die Rolle zentraler Werkbestandteile und künstlerischer Nebenbeschäftigungen zueinander in Beziehung setzen. Doch wie will man Vergleiche anstellen, wenn es nur Nebenwerke, aber kein Hauptwerk zu sehen gibt?
Und was wird nun serviert? Hausmannskost von Victor Burgin, Haute Cuisine von Ryan Gander, Amuse-Gueules von Friederike Hamann, Kanapees von Anna Leader und zwei Reiscracker mit Kompendium von Uriel Orlow. Dabei erfüllt Orlow als Einziger nachvollziehbar den Anspruch der Schau, da er zwei Fotos (What Cannot Be Seen1-2, 2009) beigesteuert hat, die den Anfang einer unvollendeten Recherche über den Wissenschaftler und Expeditionsforscher Pierre-Louis Moreau de Maupertuis markieren. Eine zum Blättern ausgelegte Zeitung enthält Gespräche mit Kollegen und Kuratoren über Anfang und Ende künstlerischen Arbeitens an einer Werkidee.
Anna Leader zeigt mit The Transformation Series: Making of a Warrior (2010) Fotos einer fortlaufenden Serie, auf denen eine Frau hinter sperrigen Phantasie-Masken posiert, etwa aus Tannenzweigen, Pelz und Trockenblumen. In instabilen Zeiten muss man aufrüsten. Doch wie Kriegerinnen wirken Leaders Protagonistinnen wahrlich nicht. Victor Burgin bleibt mit Tempelhof Suite 1-2, (2009) seiner schon in den späten 1960er-Jahren begonnenen Untersuchung der Bild/Text-Beziehung treu. Beinahe identisch sind die beiden Fotos desselben Hotelflurs, das eine taglichthell, das andere halbdunkel. Auf beiden steht ein Text, eine Art Mini-Krimi. Der Betrachter ist zur Selbsterkenntnis aufgerufen, er soll erkennen, wie manipulierbar er ist, gerade durch visuelle Informationen.
Auf dieses solide Butterbrot mit Schnittlauch und einer Prise Salz folgt Friederike Hamanns japanischer Nashibirnenschaum. Der Siebdruck 36 Aufnahmen des FUJI (nach Hokusai) (2009) zeigt anstelle der 36 Bergansichten des japanischen Malers lediglich eine naiv hingetuschte 36er-Filmrolle des gleichnamigen Fotozubehörherstellers. Das macht natürlich nicht satt, prickelt aber wie Brausepulver. Hamann selbst posiert im Stile der jungen Cindy Sherman in einer digitalen Collage, während es Ryan Gander vorbehalten bleibt, das Publikum mit Gleichmut zu nähren. Er zeigt zwar auch nur eine Idee davon, was es heißen könnte, Kunst zu machen. Aber das gelingt ihm so absichtsvoll lakonisch, dass die Idee von Kunst wieder erinnerlich wird. Seine Errata Tossed Back to the Horizon (2008) ist nämlich ein an die Wand gelehntes Foto von einem an die Wand gelehnten Foto von einem Spiegel, das im Subtitel auf eine Arbeit von einem Banjo spielenden Tim Lee über einen seitenverkehrt Banjo spielenden Steve Martin hindeutet. Oder andersherum, wenn das überhaupt wichtig ist. Das, was Gander zitiert, aber gerade nicht zeigt, ist das, was Tim Lee noch in der Performanz der Performance übertüncht: die luftige Leere der Pose im Pop.
Wird man nun satt in dieser Schau? Doch, ja. Das liegt an den Werken und an ihrer Zusammenschau. Was diese Ausstellung aber nicht einlöst, ist ihr eigener Anspruch. Vielleicht ist die Ausgangslage von vornherein falsch, weil die klassische Scheidung zwischen ausgeführtem Werk und Vorstudie vielerorts gar keine Rolle mehr spielt. Gehören denn nicht gerade die Zurschaustellung und der Nachvollzug des künstlerischen Prozesses zu den unverkennbaren Eigenheiten zeitgenössischer Kunst? Will Campagne Première hier etwa um den Preis einer diskursiv klingenden These zurück in konservative Kategorisierungen - und ein traditionelles Verhältnis von Studie und Meisterwerk rekonstruieren? Die große Frage nach Hierarchie und Gewichtung der Werke in einer Werkbiografie bleibt jedenfalls unbeantwortet. Eine weniger ambitionierte Rezeptur hätte dem Gast immerhin die Konzentration auf die Zutaten erleichtert.