Historismus im Designgeschäft

Pornografie am Objekt

Nora Sobich
21. Januar 2011
Bis vor wenigen Tagen waren die Schaufenster der Designgalerie von Clemens Tissi in der Potsdamer Straße in Berlin noch wie zur Renovierung mit Zeitungsseiten verklebt. In dicker schwarzer Blockschrift war dort zu lesen: „Vintage ist mutlos“ oder „Vintage is over“. Der Schaufenster-Protest galt dem Historismus im Designgeschäft. Marketingstrategisch seien die vielen modernen Re-Editionen, mit denen Möbelfirmen den Markt überschütten, zwar höchst interessant, so der Galerist. Doch wenn Schalensessel von Charles Eames, deren wunderschöne Formen einst dem Herstellungsprozess entsprachen, nun beliebig in Farben wie Toilettengrün mit neuem Kunststoff nachgegossen werden, hat das für ihn mit dem Originalentwurf nicht mehr viel zu tun. „Pornografie am Objekt“ sei das. Der Galerist und Designer Tissi will sich in Zukunft jedenfalls mehr der Gegenwart und eigenen Entwürfen widmen.Nun ist gegen den Erhalt und die Bewahrung klassischer Entwürfe eigentlich ja nichts einzuwenden. Eher würde es einen Aufschrei wegen Kulturbanausentums geben, sollten die Entwürfe von Gio Ponti, Isamo Noguchi, Jean Prouvé, Carlo Mollino oder Hans J. Wegner, die oft in verlegerischer Zusammenarbeit mit Produzenten wie Vitra, Knoll, Zanotta oder Thonet entstanden sind, nicht mehr zu haben sein. Dass die Klassiker weiterhin produziert oder neu aufgelegt werden, ist auch Ausweis eines Designverständnisses, das auf gewachsene Tradition setzt. Es gehört ein gutes Stück Kulturleistung und Schönheitswille dazu, die Ikonen der Vergangenheit nicht einfach untergehen zu lassen. Andererseits ist diese Klassikermode mittlerweile zur inhaltlosen Manie geworden, ganz so, als seien die bewährten Entwürfe per se interessanter und bedeutsamer als die Gegenwart.


Für den Ikonen-Hype sind in den Neunzigern die Begriffe Retro und Vintage erfunden worden. Bis dahin waren Klassiker im Grunde Randphänomene und wurden in den Schatten vom Gegenwartsdesign gestellt - vom schrillen Pop-Design der Siebziger, von Memphis und den rebellischen Antidesignströmungen der Achtziger. Die Marcel Breuers, Ludwig Mies van der Rohes und Gio Pontis, einst mit dem Anspruch des billigen, für jeden erschwinglichen Massendesigns entworfen, dann aber doch nie massentauglich günstig geworden, waren kostspieliges Ausnahme-Mobiliar in Anwaltskanzleien, Arztpraxen, Konferenzräumen und bei all jenen, die es sich leisten wollten. Wer Thonet richtig aussprechen und für US-Mid-Century-Entwürfe sogar die Entwerfer benennen konnte, galt schon als absoluter Insider.


Inzwischen sind Designklassiker nicht nur bei einer nächsten Generation als moderne Antiquitäten angekommen, sie sind auch als Marke und Schaustück populärer geworden. Berühmte Entwürfe wie der Tulip Chair von Eero Saarinen oder die Stahlgitterstühle von Harry Bertoia werden heute wie Sonntagsbraten platziert und Wohnungen als privates Bilbao-Museum ausstaffiert, das mehr auf Effekt aus ist als auf persönlichen Bezug. Ein Bildungsbürgertum, wie der Galerist Clemens Tissi meint, übertünche hier mit museal abgesicherten Werten eine Stilunsicherheit. Schließlich ist mit einem Klassiker nichts falsch zu machen.


Dieser oft kontextlose, dekorative Einsatz von Ikonenware hat schon den einprägsamen Penetranzgrad alter Coca-Cola-Werbeschilder erreicht. Überall steht inzwischen der gleiche Designstandard herum, immer wieder ein Eames, Le Corbusier, Noguchi, Alvar Aalto oder etwas Sagenumwobenes der Stahlrohrmoderne. Selbst Kataloge gängiger Einrichtungshäuser müssen inzwischen ihre Neuheiten mit Klassikerinventar unterstützen, als sei anders schon gar nicht mehr Interesse zu wecken. Bei Wohnungsführungen kann es einem passieren, dass promovierte Kunsthistoriker auf eine Stehleuchte mit der stolzen Bemerkung zeigen: „Auch ein Klassiker“, als reiche der Verweis bei solchen Paradestücken schon aus. Mehr als Symbolkraft wird nicht erwartet.


Der geschwollene Umgang mit den Designklassikern hätte Charles Eames, dessen Entwürfe heute zu den Lieblingen des guten Geschmacks zählen, selbst wohl weniger gefallen: Für den amerikanischen Designer waren Wohnungen – man schaue sich nur Aufnahmen seines Case Study House in Kalifornien an - immer auch gelebt, also das genaue Gegenteil von steriler Einheitsware. Wie das abgenutzte Leder eines Baseball-Handschuhs sollte der Bezug seines Lounge Chairs aussehen. Heute erinnern die prall gefüllten Sitzpolster der Designikone eher an das anonyme Innenleben einer Mercedes-S-Klasse. Der Lounge Chair wird inzwischen sogar für die erweiterten Körpermaße des 21. Jahrhunderts angeboten. Der Galerist Clemens Tissi sieht bereits den Lounge Chair für den Hund: „Auch der Mops sitzt gern klassisch.“


Um das Publikum von der Aktualität bewährtem Designs zu überzeugen, ist inzwischen alles genehm – Neuauflagen in limitierten Editionen oder Griffe in den frei interpretierten Farbtopf wie jetzt bei Le Corbusiers LC2 Sessel Grand Confort. Aktualitätssteigernd sind vor allem runde Geburtstage. In diesem Jahr steht das 75. Jubiläum von Marcel Breuers berühmten Stahlrohrschreibtisch an, der zur Feier des Tages mit bunten Schubladenfächern auf den Markt kommt. Wie geduldige Anziehpuppen werden Ikonen für solche „Happy Birthdays“ herausgeputzt. Da bekommt der berühmte Egg Chair von Arne Jacobsen mal etwas Geblümtes an, da werden junge Designer dazu eingeladen, über Thonets Bistro-Stuhl neu nachzudenken. Die Abarbeitung an den Ikonen ist für zeitgenössische Designer zum klassischen Repertoire geworden, allerdings immer vor laufender Kamera und bezahlfreudigem Publikum. Es ist mehr Verkaufsgag als inhaltliche Auseinandersetzung.


Den Möbelproduzenten, die diese Schätze bei ihren Konsumenten so erfolgreich als Statussymbole verankern, ist im Grunde für ihr Marktgespür nur zu gratulieren. Die Zahl der historischen Design-Must-Haves wächst, und immer länger wird die aktuelle Designparade, denn immer neue Klassiker werden wieder entdeckt und neu aufgelegt. Ligne Roset füttert den Markt mit Pierre Paulins, Zanotta katapultiert die rasanten Entwürfe von Carlo Mollini in die Wohnungen. Und im Sommer sitzen wir wieder glücklich auf den Nachbauten des Butterfly Chair im Garten, 1938 von Jorge Ferrari-Hardoy, Juan Kurchan & Antonio Bonet entworfen. Selbst Hermès hat sich dem Entstauben angeschlossen und gibt nun Arbeiten des französischen Art Déco-Künstlers Jean-Michel Frank heraus.


Als Gegenwartsdesigner heute einen prägenden Entwurf zu platzieren, scheint hingegen immer schwieriger zu werden. Zum einen wegen der Flüchtigkeit des Geschäfts, das immer schneller und modischer wird. Zum anderen steht Neuentwürfen eben dieses Riesengebirge an Vergangenheit gegenüber: „Es gibt sie schon, die guten Dinge“ ließe sich im Manufactum-Jargon sagen. Dass der Impact eines neuen Entwurfs bahnbrechend ist, gelingt vielleicht mal Philippe Starck mit seinen Klassenclown-Verspieltheiten oder dem kunstaffinen Münchener Konstantin Grcic. Doch im Grunde verschwinden Neuentwürfe so schnell wieder, wie sie in Design- und Wohnzeitschriften vorgestellt wurden.


Es bleibt zu hoffen, dass die Begeisterung der designaffinen Gesellschaft irgendwann schlichtweg an Übersättigung erstickt, über den ihren Klassikern so blind verehrend aufgesetzten Heiligenschein wieder hinauswächst und ein Verhältnis zu den Dingen beginnt. Denn das war es ja, was die Moderne schließlich beabsichtigte: Schluss mit der Guten Stube und dem Biedermeiersekretär! Befreit die Gegenstände des Alltags von ihrer hierarchischen Gespreiztheit! Wenn man mit Fans, Verehrern und Sammlern modernen Designs spricht - etwa über Eames‘ berühmten Lounge Chair - wird für diesen Griff zum Altbekannten erstaunlicherweise immer die gleiche Entschuldigungsgeschichte erzählt: Es gebe außer dem Lounge Chair keinen anderen bequemen modernen Ruhe- und Lesesessel! Das gleiche gilt für Leuchten, weswegen der Design-Fan entweder zur Tizio von Richard Sapper oder zur Tolomeo von Michele de Lucchi greift. Der verdächtige Rückzug auf Bewährtes kann allerdings nicht verdecken, dass es bloß um imagegeprägte Traditionsfeste geht. Wie der Berliner Feuilletonist Karl Scheffler schon 1904 anlässlich der Eröffnung des Berliner Doms, der „Reichsrenommierkirche“, schrieb: Erst wenn Künstler „mit der Pflege ihrer berüchtigten ‚Traditionen’ aufhören“, so Scheffler, erst dann „beginnt die wahre, anregende und schöpferische Pietät.“


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