Herbstauktionen in London 2011

Rekord für Richter

Ute Strimmer
18. Oktober 2011

Als am 13. Oktober die Ergebnisse der „Contemporary Art“-Auktionen bei Phillips de Pury & Company vorlagen, gab es auf der Frieze Art Fair zunächst lange Gesichter. Bei einem Gesamtvolumen von 13,6 Millionen Euro (inkl. Aufgeld) half es auch nicht, dass das für seinen Glamournimbus berühmte Auktionshaus erklärte, Blue Chips seien nach wie vor gefragt: Zwar brachte Jeff Koons‘ Plastik Seal Walrus Trahscans 2,4 Millionen Euro (inkl. Aufgeld), und Damien Hirsts Werke erreichten jeweils eine knappe Million Euro (inkl. Aufgeld) – doch im Vergleich zu 2007 sind das bescheidene Zahlen, und dass weder rosa Herzen noch Diamantenschädel eingereicht wurden, spricht für sich. Um die Stimmung nicht ganz einbrechen zu lassen, freute sich Peter Sumner, Head of Contemporary Sales, über neue Rekorde von jungen Künstlern: „Wir sind mit unseren starken Ergebnissen für junge aufstrebende Künstler zufrieden, bei denen wir zwei neue Weltrekorde aufgestellt haben.“ Es geht um Arbeiten der „emerging artists“ Walead Beshty und Tauba Auerbach, die auf über 50.000 Euro (inkl. Aufgeld) kletterten.

Ein Aufatmen ging dagegen nach der Abendauktion von Christie's „Post War & Contemporary Art“ (14. Oktober) durch die Reihen des Kunstmarkts: Im Zentrum stand hier der Investitionsgarant Gerhard Richter – mit seinen Rekordergebnissen hat er seinen merkantilen Zenit zwar schon lange erreicht; vor drei Jahren spielte seine brennende Kerze (1982) 10,57 Millionen Euro bei Sotheby’s ein. Doch jetzt toppte eine Version des Bildes aus dem Jahr 1982, das symbolisch für den Protest der DDR-Bürger gegen das sozialistische Regime steht, diesen Höchstzuschlag mit 11,9 Millionen Euro. Zudem brachte ein abstraktes Bild von 1992 ganze 4,1 Millionen Euro ein. Kurz vor seinem 80. Geburtstag im nächsten Jahr ist Richter ohnehin in aller Munde: Abgesehen von dem Kinofilm „Gerhard Richter – Painting“ der Regisseurin Corinna Belz, die dem Maler ein Jahr lang über die Schulter schaute, widmet ihm die Londoner Tate Modern gerade eine großartige Retrospektive, die anschließend nach Berlin und Paris wandert.

Doch nicht nur für Richter konnte Christie’s in diesem Herbst einen neuen Rekord verzeichnen; auch für den britischen Bildhauer Antony Gormley setzte der britische Multi eine neue Marke: Ein lebensgroßes Modell der bekannten Plastik Angel of the North landete schließlich bei 3,9 Millionen Euro, dem dreifachen Wert der Schätzung. Und auch Martin Kippenberger, seit Jahren ein heißer Tipp in Sachen Kunstinvestition, erzielte mit 1,5 Millionen Euro das Fünffache der Taxe für seine rote Laterne von 1990. Beim „Italian Sale“, ebenfalls am 14. Oktober, bei dem fast alle Höchstzuschläge nach Italien gingen, waren Alighiero Boetti (Tutto, 1988, Zuschlag 1,5 Millionen Euro), Giorgio Morandi (Natura morta, 1954, 1 Millionen Euro) und Lucio Fontana (drei perforierte Leinwände, Zuschläge von 686.000 Euro bis 1 Millionen Euro) die Zugpferde. Am nächsten Tag (15. Oktober) zählten zu den Top-Zuschlägen Ugo Rondinone (If there were anywhere but desert. Thursday, Zuschlag 576.490 Euro), Robert Indiana (Love, Zuschlag 453.262 Euro) und Roy Lichtenstein (Water Lily Pond With Reflections, 330.034 Euro). Mit dem Verlauf des zweiten Auktionstages zeigten sich die Experten Carolyn Hodler und Edward Tang ebenfalls sehr zufrieden: „Die Auktion brachte solide Ergebnisse und starke Preise für lebende Künstler. Ähnlich wie bei der Abendauktion war ein globales Interesse – 28 Ländern aus vier verschiedenen Kontinenten – vorhanden. Vor allem private Sammler konkurrierten miteinander.“

Ähnlich positiv war schon am Vortag die Resonanz bei Sotheby’s „20th Italian Art Sale“ (13. Oktober) ausgefallen. Hier erzielte eine Sammlung marktfrischer Arte-Povera-Klassiker mit Werken von Pino Pascali und Michelangelo Pistoletto Spitzenpreise. Eine Combustione Legno von Alberto Burri ging bei 3,6 Millionen Euro weg, dem Dreifachen der Schätzung. Marino Marinis Bronzeskultpur Cavaliere (1/4) aus dem Jahr 1951 steigerte sich von 912.000 Euro auf 2,9 Millionen Euro. Heißbegehrt waren auch drei Bilder von Lucio Fontana, die alle mit Zuschlägen von rund einer Million Euro glänzten. Und Gino Severinis Pastell Train Arrivant à Paris von 1915 erreichte gar den Weltrekordpreis mit 735.650 Britische Pfund für eine Papierarbeit des Künstlers. Insgesamt spielte die Auktion eine Gesamtsumme von 24,7 Millionen Euro ein, das bislang höchste Ergebnis in dieser Kategorie, wie Cheyenne Westphal, Sotheby’s Chairman of Contemporary Art, gleich nach der Auktion kommentierte. Highlight des „Contemporary Art Evening Sale“ war Lucian Freuds Portrait Boy’s Head (1952), das 3,6 Millionen Britische Pfund brachte. Im Vergleich zum Vorjahr erzielten damit die diesjährigen „Contemporary Art“–Auktionen mit 45 Millionen Euro deutlich mehr als im Vorjahr. Trotz der Rezession fielen also die „Post War“ und „Contemporary Art“-Auktionen der Traditionshäuser in London besser aus als erwartet – und überdeckten die Enttäuschung der ersten Stunde.


Weitere Artikel von Ute Strimmer


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken