6. Oktober 2011
Helen Mirra: „gehend (Field Recordings 1-3)“ – Bonner Kunstverein. Vom 20. September bis 20. November 2011
Wenn Künstler auf Wanderschaft gehen, muss das nicht zwingend als Flucht vor der Enge des Ateliers gewertet werden. Im Fall von Helen Mirra verbirgt sich hinter dem Drang nach Bewegung der Wille, die unentdeckten Schätze am Wegesrand aufzuspüren. Die Methode dazu hat sie sich von der Ethnografie abgeschaut, nur dass ihre „Field Recordings“ nicht etwa Töne im Urwald dokumentieren. Die 1970 in Rochester geborene US-Amerikanerin fertigt an Ort und Stelle einen physischen Abdruck an. Im Sommer 2010 durchstreifte sie dreißig Tage lang die Umgebung von Berlin, Bonn und Zürich. Unterwegs übernahm der Zufall die Regie und ließ sie über Äste oder Steine stolpern. Damit war das Schicksal dieser unscheinbaren Naturabfälle besiegelt. Ihr zweites Leben verbringen sie nun als Objekte eines Archivs, das es im Bonner Kunstverein zu erforschen gilt. Geduld und Bereitschaft zur Meditation vorausgesetzt, entfalten diese Grüße aus dem biomorphen Jenseits durchaus einen Sog. Entstanden ist die Arbeit in Zusammenarbeit mit dem Berliner KW – Institute for Contemporary Art und dem Haus Konstruktiv aus Zürich, den nächsten Stationen der Schau.
Mirras minimalistische Strategie steht in der Tradition der Arte Povera oder der Land Art und oszilliert zwischen Bild und Skulptur. Wie beiläufig entsteht aus der im Freien vorhandenen Zufälligkeit ein numerisches Ordnungssystem. Jeder der auf einem zugeschnittenen Leinenstoff mit Tinte oder Ölpastell gepinselten 33 Drucke verfügt über ein eigenständiges abstraktes Muster. Die vielen verhuschten Strohhalme wirken in dem Weiß des Ausstellungsraums wie Eindringlinge aus einer geologisch fernen Zeit. Zwischen der zerbrechlichen Einzigartigkeit und der Endlosigkeit ihrer Erscheinung beherrschen sie den Blick des Betrachters erstaunlich selbstbewusst. Der Gang wird langsamer, die Erfahrung der Landstriche trotz der gewollten Abstraktion immer konkreter. Das mag auch daran liegen, dass sich Mirra als eine Meisterin der Vermessung entpuppt, die für ihre Kartografie der jeweiligen Städte unterschiedliche Maßeinheiten wählt. Die elf Arbeiten aus Zürich sind in sieben Teile zerlegt und repräsentieren eine Stunde der Tageswanderung. Die Stofflänge entspricht der Körpergröße der Künstlerin, Werkzeuge oder ein Maßband kommen vor Ort nicht zum Einsatz. Im rheinischen Gebirge strukturiert die Entfernung das Vorgefundene, in Berlin ist es die Anzahl der Schritte.
In ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in Deutschland verordnet sich Mirra ein strenges Korsett. Frühere Ausdrucksformen wie Film, Text und Soundcollagen fehlen gänzlich. Weder idealisiert noch interpretiert sie die durchschrittene Umgebung und ist dem vergänglichen Wesen der Landschaft doch so nah, dass sich sogleich eine Fülle an naturphilosophischen Assoziationen aufdrängt. Einzelheiten über den Verlauf ihres Gehmarathons gibt sie nicht preis, genauso wie sie die eigenen profanen Empfindungen in der Schwebe belässt. Subversion ist ihre Sache nicht, die entpersönlichte Klarheit ihrer Recherche sitzt wie angegossen. Die in mildes Licht getauchten Abdrücke verfügen über keine Abweichungen. Die Form bleibt mechanisch stabil, nur die Linien der schemenhaften Oberflächen wechseln geisterhaft die Spur. Mirra ließ sich für ihr Verfahren von Gyotaku inspirieren, der japanischen Kunst, Fischdrucke auf dem mit Tinte bemalten Körper frischer Meerestiere herzustellen. Bei der demonstrativen Entrücktheit ihrer Naturnachbildungen stellt sich beim Hinausgehen eine gewisse Mattigkeit ein. Eine unbestimmte Sehnsucht nach prallem Leben kommt auf, nach dem Fischgeruch etwa, der den traditionellen Gyotakudrucken entströmt. Aber auch der verliert mit der Zeit an Intensität. Übrig bleibt die starrende Leere einer Materie in Auflösung, leider verdichtet zu einem Relief ohne Eigenschaften.