Zeitgenossen wieder auf Rekordkurs

Heiße Ware Pop Art

Stefan Kobel
12. November 2010

Ist es wieder soweit? Läuft der Kunstmarkt heiß? In den New Yorker Auktionen dieser Woche wurden wieder Preise wie vor zwei, drei Jahren erzielt, begleitet von einem derartig schrillen Geschrei, dass dieser Schluss naheliegt.

Den Anfang machte dabei Phillips de Pury & Company mit einer tatsächlich ziemlich spektakulären Auktion, bei der das Haus endlich wieder einmal richtig Geld verdiente: Leicht über 137 Millionen US-Dollar spielten die beiden Abendveranstaltungen zusammen ein.
Die hochkarätigere der beiden hatte man „Carte Blanche“ genannt und als Erfindung des schillernden Chairman Simon de Pury sowie „masterminded by Philippe Ségalot“ ausgegeben. Ségalot war bis vor einigen Jahren fest beim Auktionshaus Christie's angestellt und bedient nun das obere Ende des Marktes in Eigenverantwortung. Die vermeintliche Neuerfindung des Rades wurde als „kuratierte Auktion“ verkauft. Eine blödsinnigere Idee hat sich auf dem Kunstmarkt wohl schon lange niemand mehr einfallen lassen. Was an der Offerte kuratiert war, will sich beim besten Willen nicht erschließen – ein thematischer oder in anderer Form inhaltlicher Zusammenhang bestand jedenfalls nicht. Die Inanspruchnahme des institutionellen Kunstbetriebs wäre nur noch durch einen direkten Abverkauf von der Museumswand zu toppen gewesen.

Offensichtlich ist jedoch, dass der Art Consultant Ségalot hervorragend akquiriert hat. Die aus 33 Losen bestehende Strecke bestand fast ausschließlich aus wichtigen oder zumindest typischen Werken angesagter Künstler – den Markt testende Experimente waren nicht darunter. Das zog, vielleicht sogar unabhängig vom Marketing-Gag. Mehr als die Hälfte des „Carte Blanche“-Erlöses von rund 117 Millionen US-Dollar inklusive Aufgeld, bei einer unteren Schätzpreissumme von 80 Millionen US-Dollar ohne Aufgeld, besorgte Andy Warhols Men in her Life. Das Bild von 1962, dem Jahr von Warhols Durchbruch, brachte rund 63,4 Millionen US-Dollar inklusive Aufgeld bei einer Schätzung von 40 bis 50 Millionen US-Dollar ein. Neue Auktionsrekorde wurden auch für Arbeiten von Felix Gonzalez-Torres, Lee Lozano, Cindy Sherman, Rudolf Stingel und Thomas Schütte erzielt. Bezeichnenderweise fehlten in der Künstlerliste Namen wie Damien Hirst oder Anselm Reyle. Eine Arbeit von Jeff Koons fiel durch.

Dass im Moment vor allem mit unstrittig etablierten Künstlern Geld zu verdienen ist, bestätigten die folgenden Auktionen bei Sotheby's. Hier wurde ein Gesamtumsatz von rund 223 Millionen US-Dollar erzielt und die Taxensumme von 152 bis 215 Millionen US-Dollar netto gut überschritten. Auch Christie's Ergebnis von rund 273 Millionen US-Dollar überschritt zumindest die untere Schätzsumme von 239 bis 349 Millionen US-Dollar netto.

Bei beiden Häusern bildete die Pop Art ebenfalls das Zugpferd: Rund 35,4 Millionen US-Dollar spielte Sotheby's mit Warhols Coca-Cola (4) [Large Coca-Cola]-Flasche (Taxe 20 bis 25 Millionen US-Dollar), ebenfalls aus dem Jahr 1962, ein, während Big Campbell Soup Can with Can Opener (Vegetable) aus dem gleichen Jahr mit rund 23,8 Millionen US-Dollar deutlich unter den Erwartungen von 30 bis 40 Millionen US-Dollar blieb. Glimpflich – wenn man in diesen Preisregionen denn davon sprechen möchte – lief für Christie's der Verkauf von Roy Lichtensteins Ohhh...Alright... ab. Das Gemälde war nicht ganz marktfrisch und brachte daher „lediglich“ 42,6 Millionen US-Dollar brutto ein. Die nicht veröffentlichte Netto-Schätzung hatte bei 40 Millionen US-Dollar gelegen. Der Verkauf war dem Einlieferer jedoch im Voraus garantiert worden, ebenso wie man für vier weitere Positionen Garantien abgegeben hatte.

Erfreulich gestaltete sich die Woche für die Aktionären Gerhard Richter. Mit zwei Zuschlägen im zweistelligen Millionenbereich, einer davon für die Matrosen aus dem Bremer Weserburg-Museum (Zuschlag 13,2 Millionen US-Dollar brutto, Taxe 6-8 Millionen US-Dollar), knüpfen die Preise an die Rekordjagd der Boomjahre an.

Jenseits der genannten Bluechips, nach denen ein unersättlicher Hunger zu bestehen scheint, wird die Luft jedoch dünn. In der Tagesauktion bei Phillips de Pury & Company etwa fiel die Zuschlagsquote nach Losen auf magere 63 Prozent. Offensichtlich setzt sich der neuerliche Aufschwung nicht nach unten fort. Das dürfte nicht ohne Folgen für die jüngere Künstlergeneration und deren Vermarktung bleiben.


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