29. September 2010
Ein arg schnelllebiges Geschäft ist die Kunst geworden. Ein Symptom dafür ist der Ausstellungskatalog. Er ist oft nur noch eine rettende Planke, an der sich Ausstellungen festklammern müssen, um nicht im Strudel der Ereignisse zu versinken. Doch erscheint das Büchlein dann nicht passgenau zum Vernissagentermin, ist es im Prinzip keinen Pfifferling mehr wert. Wie viele Kataloge werden unter Zeit-, Geld- und Ideennotstand eher schlecht als recht, Hauptsache rechtzeitig, aus dem Boden gestampft! Dies gilt besonders für Institutionen, wo einmal bewilligte Gelder ausgegeben und nützlich investiert sein wollen. „Heute denken, morgen fertig“ – Martin Kippenbergers berühmte Hauruck-Parole erfreut sich in diesem Geschäft allergrößter Beliebtheit. Auf dem Ramschtisch sehen wir uns wieder.
Umso seltener treffen wir auf den umgekehrten Fall. Geradezu unwahrscheinlich viel Zeit hat sich etwa der österreichische Künstler Heinrich Dunst gelassen: Ganze vier Jahre nach seinem kuratorischen Projekt in der Wiener Galerie nächst St. Stephan folgt endlich eine dokumentierend kommentierende Publikation. Geradezu lasziv spät kommt dieses Buch und macht uns erst einmal bewusst, welch Unding es ist, ästhetisch und theoretisch komplexe Sachverhalte – also das, woher die Kunst im Idealfall ihren Wert bezieht – auf kurzatmige Trends und schnelle Markterfolge zu reduzieren. Jetzt also ist es da, das Buch zu einer Ausstellung, die ihrerseits schon ziemlich unwahrscheinlich war und sich laut Selbstbeschreibung dem kunstimmanenten Antagonismus des „Sichtbaren und Sagbaren“ widmen wollte. Das klingt hermetisch und darf wohl allenfalls auf verhaltenes Interesse hoffen, doch was Heinrich Dunst für „Riss/Lücke/Scharnier A“ auswählte und arrangierte, sah als Ausstellung schlüssig und wunderschön hintersinnig aus.
Im Zentrum stand, wie es bis heute oft bei Gegenüberstellungen historischer und jüngerer Positionen zu Fragen des Konzeptuellen der Fall ist, Übervater Marcel Broodthaers. Und es war sensationell, wie Dunst mit Broodthaers eine zentrale Arbeit der historischen Konzeptkunst an der Schwelle zwischen Kunst und Kino auf ihre aktuelle Wirkmacht testen konnte, nämlich Tableau Écran I (1972/1973) – eine mit dem berüchtigten Indexsystem der „Figuren“ beschrieben Projektionskarte samt darauf projizierter Kurzfilme. Es war kuratorisch brillant, wie er sehr spezifisch ausgewählte Werke u. a. von Ernst Caramelle, Clegg & Guttman, Rainer Ganahl, Christian Marclay oder Michael S. Riedel thematisch in Beschlag nahm, ihnen aber zugleich ihr künstlerisches Eigenleben beließ. Dunst gelang hier das seltene Kunststück, die Arbeiten aus sich selbst heraus und zugleich im Sinne des Arguments dieser Schau zum Sprechen zu bringen. Denn er zeigte gerade solche Arbeiten, die sich in starkem Maße selbst thematisieren und als Form, Zeichen, Struktur verhandeln, wie etwa Louise Lawlers fotografisches Still Life (Candle) (2003), wo sich ein Schnappschuss alltäglich sozialen Lebens zum Sinnbild von Zeit und Vergänglichkeit aber auch zur kunsthistorischen Reflexion über das Genre Stillleben auswächst. Kunst, das wurde in der Ausstellung und wird nun im Buch deutlich, bildet ein hochkomplexes Formen- und Zeichensystem, eine historisch gewachsene Wissensordnung aus, an der sich – aus purem sinnlichen Vergnügen wie aus kritischem Interesse heraus – munter mitstricken lässt.
Sprach- und Erkenntniskritik haben in Wien bekanntlich eine große künstlerische und philosophische Tradition. Dass Dunsts Sinne und Denken fordernde Schau über Wochen lokal wie überregional diskutiert wurde, bestätigt die Virulenz seiner letztlich ganz und gar persönlichen, weil das eigene Werk motivierenden Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Theorie – eine zentrale Frage der 1980er-Jahre. Sie stellt sich aber auch heute noch, etwa, wenn wir genauer wissen wollen, warum wir der Kunst eine Sonderrolle als visuell ästhetisches System und Wissensordnung in Konkurrenz zu anderen kommerziellen Bild- und Informationsindustrien zubilligen. Insofern sollte es nicht überraschen, dass dieses Buch zur Schau auch vier Jahre später noch Sinn macht.
Rainer Bellenbaum und Sabeth Buchmann springen in ihrem Essay Dunsts Ausstellung legitimierend zur Seite. Sie folgen Jacques Rancière und verorten die Beziehung zwischen Sicht- und Sagbarem in der Funktion der (autonomen) Bilder selbst. So willkommen diese theoretische Perspektive ist, so informativ die zusätzlichen Kurztexte ausfallen, die die einzelnen Arbeiten gesondert erläutern und kommentieren – Theorie ist letztlich nur eines der Mittel, nicht höherer Zweck des Buches. Nein, in Zusammenarbeit mit dem Wiener Buchgestalter, Autor und Grafiker Walter Pamminger ist Dunst vielmehr ein weiteres kleines Kunststück geglückt. Dieses Buch läuft nämlich nicht Gefahr, seinen Gegenstand nur zu dokumentieren oder ihm die klugen Texte einfach überzustülpen. Stattdessen erzählt sich diese Publikation als visueller Essay, entwirft als bildgewordener Text die Ausstellung nochmals neu. Damit entwickelt das Buch ein zurückhaltendes und dringliches Modell dafür, wie Form und Aussage der Ausstellung im Druckmedium neu erstehen können. Ja, es ist geradezu eine Reflexion über dieses publizistische Dilemma, denn die Herausgeber sensibilisieren ihre Leser gleich am Beginn der Veröffentlichung für diese grundlegende Frage. So wird das Buch zum Sequel eigenen Rechts einer Schau, deren ferner Bestandteil es ebenso ist.
Heinrich Dunst, Walter Pamminger, Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder (Hg.): Riss/Lücke/Scharnier A, Scheidegger & Spiess AG, Zürich 2010, ISBN 978-3-85881-301-5, EUR 37,--